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Die Salpetererunruhen im Hotzenwald


Was über die Salpeterer und ihr Eintreten für alte
"Rechte und Freiheiten" berichtet werden kann.
  Einführung

 


Alljährlich kommen viele Menschen zu uns nach Görwihl auf den Hotzenwald und besuchen bei dieser Gelegenheit das Heimatmuseum. Im Erdgeschoss des Museums ist unter der Anleitung des Volkskundlers Professors Dr. Gustav Oberholzer aus München eine außergewöhnliche Werkstatt aufgebaut worden: eine Salpetersiederei. Salpeter, der aus Ausblühungen in Ställen und Dunggruben auf Bauernhöfen gewonnen wurde, war in früheren Jahrhunderten zur Herstellung von Schießpulver unentbehrlich und ein für die Landesherren kriegswichtiger Rohstoff. Darum erhielten zuverlässige Bauern das Privileg in einem ihnen zugewiesenen Gebiet, die salpeterhaltigen Ausblühungen zu sammeln beziehungsweise von den Wänden abzukratzen und in eigenen Werkstätten so zu bearbeiten, dass am Ende der Siedeprozesse viele Körnchen reines auskristallisiertes Salpeter vorhanden war. Das Salpeterhandwerk starb aus, als in den zwanziger Jahren der neunzehnten Jahrhunderts aus Chile dort im Tagebau gewonnener Kali-Salpeter in großen Mengen eingeführt wurde.

Auch in unserer Landschaft gab es solche Salpetersammler und Sieder. Einer von ihnen war Hans Fridolin Albietz, ein Bauer in Buch. Albiez, der "Salpeterer-Hans" wurde er im Wald genannt, war ein gebildeter Mann, nicht nur, weil er lesen und schreiben konnte, sondern auch weil ihn sein Gewerbe in alle Walddörfer geführt und er sich um Gott und die Welt viel Gedanken gemacht hatte. Dass jemand, der die notvolle Lebenssituation und deren Ursachen der meisten seiner Mitbürger aus einer kritischen Distanz heraus betrachtete, zu der Überzeugung kommen musste, dass es nicht gerecht auf dieser Welt zugehe, war, wie uns die Geschichte lehrt, nichts Ungewöhnliches. Hans Albiez war auch ein zutieftst religiöser Mann. Die Mischung aus sozialkritischer Haltung und Religiosität hatte in den Jahrhunderten zuvor immer wieder zu der Überzeugung geführt, dass es die weltlichen Herren und die verweltlichten Kirchenoberen waren, die den Boden der Bibel, oder, wie es bei den Salpeterern später hieß, den "wahren katholischen Glauben" verlassen hatten.
Dieser Hans Fridolin Albietz wurde, als er sich 1726 mit 72 Jahren entschloss, nach Wien zum Kaiser zu gehen, um dort für alte Rechte und Freiheiten einzutreten, die er und seine Freunde durch die Ausdehnungsbestrebungen der Mönche des Klosters St. Blasien eingeschränkt und bedroht sahen, zur Symbolfigur des Widerstandes gegen das Kloster. Nach ihm nannten sich seine Anhänger die "Salpeterer". Und als solche sind sie auch in allen Urkunden und Dokumenten jener Zeit benannt.

Über die alten Rechte und Freiheiten, um die es dem Salpeterer-Hans und seinen Anhängern ging, hier kurz das Folgende:

 

In der "Grafschaft Hauenstein", einem Verwaltungsbezirk des ehemaligen Vorderösterreich, gab es damals noch, also im Jahre 1725, als die Unruhen begannen, eine Besonderheit in den absolutistisch regierten deutschen Staaten. Hier hatte sich eine Schicht "freier" Bauern erhalten, die sich direkt und ausschließlich dem habsburgischen Kaiserhaus zugehörig wussten. Und es gab seit dem Mittelalter eine bäuerliche Selbstverwaltung auf dem "Wald", wie damals der südliche Schwarzwald kurz genannt wurde. In acht "Einungen", hatten zum Beispiel alle männlichen Einwohner das Recht, ihre Vertreter, die "Einungsmeister", selbst zu wählen und diese wiederum besaßen eigene Rechte und Pflichten. Ihr "Redmann", das war der jeweils gewählte Sprecher der Einungsmeister, saß sogar als Vertreter der Hauensteiner Einungen bzw. der "Landschaft" neben den Städten und dem Adel mit Sitz und Stimme bei den Breisgauer Ständen in Freiburg. Die direkte Unterstellung unter das Kaiserhaus, das im Verwaltungsbezirk "Grafschaft Hauenstein" durch den in Walshut ansässigen Waldvogt vor Ort vertreten war und die Einungsverfassung waren die zentralen Inhalte der Freiheit, für deren ungeschmälerten Erhalt sich die Bauern einsetzten. Sowohl die Herausbildung dieser Freiheiten als auch deren Ausgestaltung hatte mit jenen Freiheiten, die die Stedinger an der Unterweser (im dreizehnten Jahrhundert), die Friesen oder die Dithmarschen (im sechszehnten Jahrhundert) in harten Kämpfen verteidigten und dabei ganz oder teilweise verloren, wenig zu tun. Dennoch sind die Freiheiten von niedersächsischen, bayerischen und der schwäbisch-alemannischen Bauern im Südschwarzwald und in den Alpenregionen vergleichbar, wenn daran erinnert wird, dass sie sie von den jeweiligen Landesherren für besondere Leistungen erhielten: für Land, das dem Meer oder dem Wald abgerungen wurde, oder Freiheiten, die sie sich bewahrten, weil sie in den unwirtlichen Alpentälern siedelten und Alpenübergänge ermöglichen halfen.
Auch für die freien Bauern und die bäuerliche Selbstverwaltung in unserer südwestlichen Schwarzwaldregion sind die Freiheiten, die sie sich bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein bewahrten, als Dank für Rodungsleistungen aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert zu betrachten.
Alle Einwohner waren auf diese Einungsverfassung stolz und wollten sie verteidigen.

Zum Freiheitsverständnis der Salpeterer und dem Begriff "Freiheit" sind in der Homepage Texte von mir eingestellt worden.

Vgl. auch den Exkurs über die Freiheiten der Freien auf der Seite über den "Eggbauern"!.

Die aktiven Phasen der Unruhen lagen in den Jahren von 1726 bis Ende 1745 und erlebten eine Neuauflage im neunzehnten Jahrhundert. Waren die Unruhen im achtzehnten Jahrhundert eher politisch motiviert, so überwogen im neunzehnten Jahrhundert ab 1806 religiöse Motive. Im achtzehnten Jahrhundert waren die Salpeterer bereit, aktiv und kämpferisch ihre Interessen zu vertreten bis hin zu dem Versuch, Waldshut zu stürmen.

Im neunzehnten Jahrhundert dagegen beschränkten sich die Salpeterer darauf, passiven Widerstand zu leisten und zum Beispiel ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken oder die Gottesdienste zu boykottieren. Die Höhepunkte dieser Verweigerungen mit den ersten Schulstreiks in Deutschland lagen in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, erreichten aber weder das Ausmaß noch die Popularität der Salpeterer-Unruhen von einhundert Jahren zuvor. Die Anhänger bildeten schließlich eine zahlenmäßig kleine und auf wenige Orte begrenzte Sekte, die aber bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein bestand.

Diesen Salpetererunruhen also sind diese Seiten gewidmet. Die recht eigentümliche Bewegung in zwei verschiedenen historischen Perioden war und ist es Historikern, Heimatforschern und Schriftsstellern Wert, sich ihr immer wieder zu widmen. Auch an der Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert interessiert sich die historische Forschung für die Salpeterer. Das zeigen uns Dissertationen, die jüngst erarbeitet wurden. Nach sorgfältigen Recherchen - auch vor Ort - bearbeitete, wie bereits angemerkt, an der Yale Universität in den USA David Martin Luebke eine Salpeterer-Darstellung. In Deutschland widmete sich an der Universität in Bielefeld Tobias Kies den Salpeterern des neunzehnten Jahrhunderts und an der Universität Basel arbeitete Manfred Kistler über die Einungsverfassung in der Grafschaft Hauenstein.Und nun können Sie sich, liebe Besucherin, lieber Besucher, hier kundig machen, sei es, dass Sie wissen wollen, was es mit den Salpeterern auf sich hatte oder weil Sie sich etwas ausführlicher informieren wollen und zum Beispiel danach schauen, was es Neues gibt über die Salpeterer.
Hierbei sind Sie angewiesen auf meinen eigenen Wissensstand und das, was ich auf diese Seiten einstelle. Ich bemühe mich um größtmögliche Vollständigkeit und werde zum Beispiel alle Schriften zu dieser Thematik in das Literaturverzeichnis aufnehmen und die bemerkenwertesten Arbeiten und ihre Autoren hier vorstellen. Die Seiten werden laufend überarbeitet und ergänzt.

Ich kann aber nicht alles wissen. Daher wiederhole ich meine Bitte: wenn immer jemand Hinweise auf Ereignisse oder auf Texte über die Salpeterer vermisst, ist sie/er herzlich gebeten, mir Nachricht zukommen zu lassen!

Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl im Mai 2011

 

Die Darstellungen der Salpetererunruhen sind in drei Teile gegliedert.

Im ersten Teil befinden sich die auf der Begrüßungsseite bereits erwähnten
Gastbeiträge von Herrn Werner Fasolin aus dem Fricktal über einen Salpeterer in Oeschgen, Herrn Lothar Lüber aus Bernau über die Salpetererfamilie Hottinger und Herrn Christian Ruch über Sekten im Schwarzwald,

Im zweiten Teil werden die
Forschungsarbeiten von Jakob Ebner, Günther Haselier, Tobias Kies, Manfred Kistler und David Luebke vorgestellt.
Ein Blick auf die Persönlichkeiten selbst, die sich mit den Salpetererunruhen und ihrer Rahmenbedingungen befassten, ergänzen diesen Teil.

Zum dritten Teil finden Sie
in der nachfolgenden Tabelle
die Links zu eigenen Texten über die Salpeterer, ihrer Rezeptionsgeschichte und einige Auskünfte über den Hotzenwald.

Zur Zeit finden Sie in diesem dritten Teil Aufsätze zu folgende Themen:
Höhepunkte und führende Vertreter der Salpeterer.
Eine tabellarische Übersicht.


Über die Einungen
in der ehemaligen Grafschaft Hauenstein

Einige Auskünfte
über den Hotzenwald und die Hotzenwälder


  Das Buch über die Salpetererunruhen im Hotzenwald

Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen die, die etwas für die Verbreitung der Salpeterergeschichte tun.
Zu diesen rechne ich
vor allem die beiden Verleger Axel Dietrich vom Dachsberg im Hotzenwald und Wolfgang Schillinger aus Freiburg,
die den Mut hatten, dafür zu sorgen, dass die Ereignisse aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein Beachtung fanden.

 

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Dr. Joachim Rumpf, Diplompädagoge

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