Über den Besuch
im Historischen Museum
Noch selten hat meine Frau
und mich ein Museumsbesuch so nachhaltig beeindruckt wie der im Historischen Museum
der Stadt Luzern. Der erste Eindruck war irritierend, wegen der Fülle des
im Erdgeschoss zunächst regellos erscheinenden Ausstellungsmaterials. Waren
wir vom eigenen Museum daran gewöhnt, gleichsam auf den ersten Blick hin,
das Grundthema eines Ausstellungsraums zu erkennen. Im Heimatmuseum Görwihl
zum Beispiel lässt sich ohne jede Erläuterung im Erdgeschoss gleich
sehen, dass hier Gerätschaften, ja ganze Handwerke aus der bäuerlichen
Arbeitswelt vergangener Generationen zusammengestellt worden sind.
Die Ausstellungssystematik
im Luzerner Museum erschliesst sich nicht so rasch - und schon gar nicht gleich
ohne jede Erläuterung. Wohl ist eine Buchstaben- und Zahlenkombination an
und vor Vitrinen und Raumelementen unübersehbar. Doch Beschreibungen oder
Benennungen sind nur wenige vorhanden. Stattdessen finden sich, zum Beispiel an
den Scheiben der Vitrinen oder bei Bildern und anderen frei stehenden oder in
Ausstellungskästen befindlichen Ausstellungsstücken Papierstreifen mit
einem Strichcode, wie sie uns von den Einkaufsmärkten her vertraut sind.
Die freundlichen Damen, die am Eingang Dienst tun und die Eintrittkarten verkaufen
händigen jeder Besucherin/jedem Besucher ein relativ grosses (im Vergleich
zu einem Handy) Lesegerät aus, mit dessen Hilfe man nun entweder der darauf
programmierten Führung durch das Museum folgt oder aber, je nach Interesse,
direkt zu den jeweils interessierenden Objekten geht. Dort richtet man das Lesegerät
auf den Strickcode, drückt eine Taste über die ein Infrarotabtaster
das Informationsdisplay zu diesem Ausstellungsstück aktiviert. Nun erhält
man auf dem kleinen Bildschirm des Geräts die Informationen, die zu dem angewählten
Ausstellungsgegenstand eingespeichert wurden. Mehr noch: auf der jeweils vorhandenen
zweiten Seite wird auch über die Quellen der Informationen Auskunft gegeben.
Da bleiben für den historisch interessierten Besucher keine Wünsche
offen.
In der obersten Etage wird mit vorzeitlichen Funden und interessanten
Modellen aus der Besiedlungsgeschichte Luzerns gleichsam die historische Chronologie
begonnen. Dort aber gelangten wir zuletzt hin, nachdem wir uns in die Zeiten unserer
Eltern und Grosseltern in den ersten beiden der vier Etagen versetzen konnten.
Doch diese Gangrichtung von der jüngsten bis in die älteste Vergangenheit
wird - dank der Lesegräte - unerheblich. Ausserdem konnten wir, wie zum Beispiel
in der benachbarten Galerie Rosengart - jederzeit zu jenen Exponaten zurückgehen,
die uns besonders interessierten oder die wir bisher noch nicht ausreichend betrachtet
hatten. Kurz: die Idee, Lesegeräte in dieser Weise anzubieten, ermöglicht
es alle Informationen abzurufen, die für das Verständnis eines Exponats
bedeutsam sind. Enorm, so stellten wir fest, muss der mit der Abfassung der informierenden
Texte verbundene Arbeitsaufwand gewesen sein.
Besonderes Interesse bei uns
und - wie wir Ohren- und Augenzeugen wurden - auch bei anderen Besuchern, fanden
die Gebrauchsgegenstände, wie sie im vergangenen Jahrhundert in Büros
und Haushalten zu finden waren. Elektrogeräte, Telefone oder Büromaschinen
weckten bei älteren Besuchern Erinnerungen, die sie sogleich ihren Kindern
und Enkeln mitteilten. Wir wissen natürlich nicht, ob immer so viele Familien
mit Kindern im Museum sind, wie an diesem Nachmittag. Es lockten die Fachkräfte
vermutlich mit einer Sonderausstellung "Schokolade" und mit künstlerischen
Aufführungen zusätzliche Besucher ins Haus, so dass sich in den räumlich
nicht sehr grossen Ausstellungsräumen, in die auch die Treppenaufgänge
einbezogen sind, eine grössere Anzahl grosser und kleiner Besucherinnen und
Besucher tummelten. Den zufälligen Besuchern - wie uns beiden - vermittelten
die beiden Stunden, in denen wir in diesem Hause waren den Eindruck, als würden
die Ausstellungen gern und zahlreich besucht.
Und noch ein bleibendes eindrückliches
Detail zum Schluss: Der Treppenaufgang führt um eine von Engeln gekrönten
gotischen Brunnenaufbau herum, die draussen, auf der Spitze des Weinmarktbrunnens,
den sie einst zierten, wohl kaum so detailliert konnten betrachtet werden. Hier
im Museum standen sie uns dicht vor Augen und reizten uns dazu, sie im Bild festzuhalten.