1.
Einführung
Die beiden Chroniken der Stadt
Laufenburg sind eine wahre Fundgrube für alle, die sich für die Geschichte
dieser deutsch-schweizerischen Doppelstadt interessieren. Mit außerordentlich
großer Sorgfalt und nach allen Regeln historischer Forschung haben die
Autoren ein reichhaltiges Material zusammengetragen und gut nachvollziehbar
in Wort und Bild dargestellt. Selbst bei einem so gewaltigen Vorhaben, die
dreibändige Stadtgeschichte erfasst die Zeiträume von den quellenmäßig nicht
eindeutig belegbaren Anfängen der Besiedlung bis in die Jahre 1980
(Deutsch-Laufenburg) und 1985 (Schweizerische Laufenburg), kann nicht auf
alle Ereignisse detailliert eingegangen werden.
So wird zum Beispiel die Periode der Salpetererunruhen in den der Stadt
unmittelbar benachbarten hauensteinischen Einungen
im achtzehnten Jahrhundert nur am Rande erwähnt. Es kann sogar der Eindruck
entstehen, als wären die Einwohner der kleinen Stadt am Rhein kaum davon
berührt worden. Wer sich dann die Mühe macht und im Stadtarchiv die
Ratsprotokolle durchsieht, der findet für diese Lücke zunächst eine plausible
Erklärung: In den Protokollen wird an keiner Stelle auf die Unruhen eingegangen.
Es wird zwar 1745 und in den Jahren zuvor immer wieder von den Abgaben
berichtet, die an die militärischen Besatzungen zu leisten waren - bis zum
Herbst 1744 waren das die Truppen der Kaiserin und später dann bis zum April
1745 hielt das Bataillon "Lorraines
Royal" mit 650 Mann die Stadt besetzt - von Unkosten, die die Salpeterer
verursacht hätten, war nicht die Rede. Sogar am 5. Mai 1745, die Sitzung von
Vogt und Rat fand turnusmäßig statt, wurde im Protokoll nichts über die
Salpeterer vermerkt, die doch an diesem Tag in die Stadt eingerückt waren.
Deswegen war sogar die Sitzung unterbrochen worden. Der Protokollant vermerkt
lediglich zwei Tagesordnungspunkten bei denen es um Erbstreitigkeiten und um
das Einbürgerungsersuchen eines bereits ansässigen Nagelschmieds ging.
Wir wissen heute nicht, warum
die Begebenheit damals keine Erwähnung fand. Vermutlich wurde nur das
festgehalten, was als Problem zur Entscheidung an den Rat herangetragen
wurde. Tatsächlich sind die Protokolle voll von derartigen
"Bescheiden", denen jeweils Anträge oder Beschwerden von
Bürgerinnen und Bürgern, die dort vorgetragen und sorgsam aufgezeichnet
wurden, vorangingen. Ereignisse der Stadtgeschichte, die für Chronisten
interessant sind, wurden in den Sitzungen kaum vermerkt. Man erfährt zwar,
dass eine militärische Besetzung da war, nicht aber wann und wie sie kam und
ging oder gar etwas darüber, welche Probleme sie verursachten.
Wir dürfen aber dessen gewiss sein, dass derartige Ereignisse sehr wohl
besprochen und kommentiert wurden. Sie waren vermutlich aber für ein
Ratsprotokoll nicht relevant.
Im Großen und Ganzen kann
darum bei den Leserinnen und Lesern der Chroniken der Eindruck entstehen, als
wären die Salpeterer eigentlich kein Thema gewesen in der kleinen Stadt am
Fuße des Schwarzwaldes in unmittelbarer Nähe der unruhigen Einungen. Gewiss:
Laufenburg war kein Teil der Einungen, ebenso wenig, wie die anderen
Waldstädte Rheinfelden oder Säckingen. Dennoch waren alle drei eng mit ihrem
rechtsrheinischen Hinterland, dem "Wald", oder, auf der linken
Rheinseite, mit dem Fricktal, verbunden. Waldshut
nahm eine Sonderstellung ein, da sich dort, also außerhalb des Territoriums
der Einungen der Grafschaft, der Sitz des Waldvogts befand, also die das
Kaiserhaus repräsentierende Instanz.
Gemeinsam mit dem Zwing und Bann des Klosters St. Blasien,
den Besitzungen des Stifts Säckingen und des Barons Zweyer
sowie mit den Freien im Wald bildeten sie den vorderösterreichischen
Verwaltungsbezirk "Grafschaft Hauenstein".
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2.
Laufenburg als "Wälderstadt"
Die auf Veranlassung des
Klosters (Stift) Säckingen schon früh errichteten Burgen auf dem
"Berg" links des Rheins (das "Schloss") und jene (längst
verschwundene) Burg "Ofteringen" auf der
gegenüberliegenden Seite des nur 12 Meter schmalen Rheindurchbruchs dienten
dem Schutz der Stift Säckingischen Besitzungen zu
beiden Seiten des Rheins und dem Schutz der Brücke hoch über den
Stromschnellen, den "Laufen". Dieser Übergang wurde, wie auch die
Stadt selbst, 1207 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Seit vielen
Generationen hatten Fischer an beiden Ufern gesiedelt, da sich unterhalb der
herabstürzenden Wassermassen Lachse in großer Zahl bei ihren alljährlichen
Wanderungen von der Nordsee in die Quellflüsse des Rheins sammelten und reiche
Fänge ermöglichten.
Das rechtsrheinische, zwischen Albbruck,
Laufenburg, Murg und Säckingen schroff in das Tal
abfallende waldreiche Felsengebirge des Südschwarzwaldes, bot durch seine
tief eingegrabenen Flusstäler die bis ins Mittelalter einzigen Zugänge zu den
höher gelegenen, nach Süden geneigten Gebirgsstufen, die von Laufenburg und Murg aus urbar gemacht und besiedelt werden konnten. Das
Frauenkloster in Säckingen, dem bereits von den Merowingern unter anderem
nicht nur Gebiete im Rhein- und Fricktal zu Lehen
gegeben worden war, sondern auch Königsgut auf den sich nördlich
anschließenden Gebieten des Schwarzwaldes, ließ Wälder roden und siedelten
Bauern an, die sie aus den Tälern anwarben.
Die Stiftsdamen auf der
Klosterinsel in Säckingen waren die Gründerinnen der Stadt Laufenburg.
Wie am Beispiel der Urkunde
aus dem Jahre 1207 deutlich wird, verwaltete keine Klostergemeinschaft ihre
Besitzungen, aus denen es seine Einkünfte bezog - aus denen es wiederum seine
Abgaben an den Lehensgeber (in diesem Falle also an den König und später den
Kaiser) abzuführen hatte, - selbst. Für diese Aufgaben, vor allem aber zu
seinem Schutz, erhielten Klöster einen Vogt. Diese Vögte ihrerseits wurden
für ihre Leistungen vom Kloster an dessen Einkünften beteiligt. Zu Vögten
wurden vom Kaiser in der Regel Vertreter von verdienten Adelsgeschlechtern
berufen. 1173 gab zum Beispiel Kaiser Friedrich Barbarossa, der zu dieser
Zeit unsere Gegend bereiste, die Vogtei über Säckingen und seine Besitzungen
an den Grafen Albrecht III. von Habsburg. Dieses Geschlecht stammte aus dem
Elsass, besaß aber bereits um das Jahr 1000 Land am Zusammenfluss von Aare
und Reuß. Dort auch hatten sie eine Burg, die Habsburg, errichtet, nach der
sie ihr Geschlecht fortan benannten.
Die Vogteigewalt über die Besitzungen des Stifts Säckingen und damit
entsprechende Pflichten und Rechte kamen also recht früh an das Haus
Habsburg, das, wie wir aus der Geschichte wissen, an dieser Macht festhielt
und sie ausbaute.
Laufenburg war noch einhundert
Jahre vor dem Auftreten der Salpeterer die wirtschaftlich bedeutendste der
Waldstädte. Wurzeln des Wohlstandes waren vor allem die reichen Fischgründe,
die Flößerei und der zunehmende Transport von Waren auf dem Rhein, die -
mitsamt der Schiffe - um den Laufen herumgetragen werden mussten, die
Einnahmen aus den Brückenzöllen und die Handwerke, hier vor allem die
Eisenproduktion und -Verarbeitung. Laufenburg hatte sich bis in das 15./16.
Jahrhundert hinein zu einem Zentrum der Einsenindustrie
am Hochrhein entwickelt. Dazu hatten die günstige Lage unterhalb der Kraft
spendenden Flüsse und Kanäle (Wuhren) des wasserreichen Waldes, sein
Holzreichtum und die Eisenbergwerke des nahe gelegenen Fricktals
beigetragen.
Dieser Wohlstand der Gemeinde, die sogar zeitweilig das Münzrecht erhalten
hatte, lässt sich allein daran messen, dass es ihr gelang, im Laufe der
Jahrhunderte alle Fischereirechte (die "Fischenzen") von deren
ursprünglichen Inhabern, wie zum Beispiel von dem Säckinger
Stift oder den Vögten) zu erwerben.
Es waren die Kriege des siebzehnten Jahrhunderts, hier vor allem der
Dreißigjährige Krieg und später die Kriege zwischen Habsburg-Österreich und
Frankreich unter Ludwig XIV., die den deutschen Landschaften am Rhein schwer
zusetzten. Laufenburg wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Gab es zum
Beispiel vor dem großen Krieg noch 18 Schmieden, so waren es rund einhundert
Jahre später nur noch vier in Laufenburg und Murg (Nawrath 1979,
S. 161). Die Einwohnerzahlen waren ebenfalls erheblich zurückgegangen.
Ging Karl Schib für das 15. Jahrhundert noch rd.
von 1250 Einwohnern aus, sank deren Zahl nach Pestjahren und Kriegen im 16,
Jahrhundert auf nur noch etwa 200 und stieg bis in die zweite Hälfte des 18.
Jahrhunderts wieder auf rd. 600.
In Laufenburg befand sich ein Magazin mit Proviantvorräten, aus denen in
Notzeiten Hungernde versorgt werden konnte und die auch geöffnet wurden, um
reguläre Truppenteile, die durch die Stadt kamen oder dort einquartiert
wurden, zu versorgen. Nicht zuletzt sorgten die drei „Backhäuser“ in
Laufenburg für Nachschub. (Müller-Ettikon, 1979, S. 88 u. 246ff). Brot wurde
ja in jenen Zeiten von Bauern und Bürgern selbst gebacken. Jedoch nur für den
Eigenbedarf. Als die Salpetererunruhen mit dem Protest des Salpeterersieders und Bauern Hans Fridolin Albietz aus Buch begannen, war die Grafschaft gerade
nicht mit Krieg überzogen.
.
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Hier
ein Bild von Laufenburg aus dem Jahre 1705

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3.
Einige Stichworte vorab zu den Salpetererunruhen.
Die Unruhen hatten Mitte der
zwanziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts mit der Verweigerung von
Huldigungsleistungen gegenüber den St. Blasianischen
Fürstäbten begonnen und zwar einer Formulierung wegen, die der Salpeterersieder Hans-Friedlin Albietz und seine Freunde nicht akzeptierten, weil sie
darin überkommene Rechte und Freiheiten verletzt sahen. Sie beriefen sich
dabei auf einen Laufenburger: Den Grafen Hans IV.,
der 1407 verstorben war und noch zu seinen Lebzeiten - und freilich nur für
diese Zeit - den Wälderbauern versichert hatte,
dass er ihre alten Rechte und Freiheiten garantiere. Und weil in der
Huldigungsformel St. Blasiens von
"Leibeigenen" die Rede sei, so beschränke das ihre Freiheiten und
könne nicht hingenommen werden.
Militär besetzte 1727 die Wälderorte und erzwang
die Huldigungsleistungen.
Einige Jahre später, der
Salpeterer war längst verstorben, weigerten sich die Salpeterer, einen von
der Mehrheit der Einwohnerschaft der Grafschaft selbst beschlossenen Freikauf
aus der St. Blasianischen Abhängigkeit zu
realisieren. Sie lehnten die Zahlungen ab, weil sie zu der Überzeugung
gekommen waren, ohnehin immer schon direkt dem Haus Habsburg angehört zu
haben und die Rechte St. Blasiens und des Stifts
Säckingen und damit das ganze Loskaufverfahren unrecht sei.
Militär besetzte die Wälderorte, und, weil die
Bauern bewaffnet aufmarschiert waren, einige Salpetereranführer
im April 1739 hingerichtet und so die Zahlungen erzwungen.
Im Herbst 1744 war in Folge
des Österreichischen Erbfolgekrieges, der schon zuvor allen Bewohnern der
Grafschaft viel zusätzliche Steuern und Abgaben für das vorderösterreichische
Militär abverlangt hatte, der Breisgau mit Freiburg von Bayern und Franzosen
besetzt worden. Nun ging es den Salpeterern darum,
für ihre Kaiserin (Maria Theresia) ihre Heimat zu verteidigen bzw. zu
schützen. Und in dieser Phase, genauer im Mai 1745, spielt auch Laufenburg
eine Rolle.
Eine gründliche Einführung in die Geschichte der Salpeterer und ihrer
Rezeption bis in die Gegenwart befindet sich auf dieser Homepage
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4.
Die Laufenburger und die Salpeterer
Wir dürfen heute als
selbstverständlich unterstellen, dass den Städtebürgern in Rheinfelden,
Säckingen, Laufenburg oder Waldshut, die "Auseinandersetzungen der
Hauensteiner mit ihren Obrigkeiten" (so der Titel einer Schrift von
Günther Haselier) nicht verborgen geblieben waren. Wurden doch die gegen ihre
Obrigkeiten aufmüpfigen Salpeterer immer wieder in den Waldstädten eingetürmt. Rheinfelden, Laufenburg und Waldshut hatten
hierfür offenbar besonders gut geeignete Gefängnisse anzubieten. Im Übrigen
aber sorgte zweifellos die enge Verflechtung von wirtschaftlichen und
familiären Interessen zwischen Städtebürgern und den Wäldern für eine rege
Kommunikation zwischen ihnen. Nicht immer nahmen die Bürger eine neutrale
Position ein. Dies gilt auch für Laufenburg, wie uns die Quellen verraten.
Hier einige aktenkundig gewordene Beispiele:
1.
Zu den friedlichen Formen von Widerstand und Protest gehörten in jenen Zeiten
die Appellation an höchster Stelle. In habsburgischen Landen war das der
Kaiser. Zu ihm zogen Menschen, die sich zu Unrecht verurteilt oder sonst wie
benachteiligt fühlten, an alle Instanzen vorbei und gegen geltende Gebote an
den kaiserlichen Hof in Wien. Der Heimatforscher Paul Eisenbeis hat Belege
dafür gesammelt, dass Bewohner aus dem vorderösterreichischen Herrschaftgebiet immer wieder nach Wien zogen, um dort
ihre Beschwerden vorzutragen.
So darf es uns nicht überraschen, wenn wir erfahren, dass auch Laufenburger Bürger, die sich mit ihrer Obrigkeit, dem
Bürgermeistern Schlichtig und dem Rat in einem
Rechtsstreit um den Rheinbrückenzoll befanden, in Wien versuchten, ihr Recht
zu bekommen. Einer von ihnen, Johann Baptist Wuhrmann,
war schon länger in Wien, kannte sich gut aus und half gern 1728 den
Abgesandten der Salpeterer, sich in Wien zurechtzufinden und die Wege zu
weisen, die sie zu gehen hatten. Dafür erhielt er von den Deputierten Mittel
zum Lebensunterhalt. Über ihn wurden erste Kontakte zu Bediensteten bei Hof
geknüpft und mit seiner Hilfe zum Beispiel ein günstiges Quartier gefunden.
Diese Verbindung zu einem Landsmann war sicher von unschätzbarem Wert für die
Bauern aus den Einungen, wo den meisten Menschen Wien und das Kaiserhaus
unerreichbar vorgekommen sein muss. Auch der Salpeterer-Hans hatte es gewagt,
die beschwerliche Reise in die Hauptstadt des Habsburger Reiches anzutreten.
Und nun waren der Eggbauer, Blasius Hottinger,
Josef Meier und Johannes Marder (der Preuß) und andere in seine Fußtapfen getreten.
Und noch ein Detail, das auf die Teilnahme von Laufenburger
Einwohnern an den Ereignisse von 1739 hinweist: Der Untervogt Hetzel von
Laufenburg war ein Mitglied des Gerichts, das über die Salpeterer urteilte.
Dieses Strafgericht blieb in der Bevölkerung nicht ohne Echo.
2.
Am 8. August 1739, die Hinrichtung der Salpetereranführer
auf der Richtstätte bei Albbruck lag über ein
viertel Jahr zurück, trug sich in der Spitalkirche zu Laufenburg ein
bemerkenswertes Ereignis zu. Pfarrer Schimpf hatte den Gottesdienst an diesem
Tage dazu ausersehen, eine Frau zu befragen, die vom "bösen Geist"
besessen gewesen sei. Gemeinsam mit ihrer zwanzigjährigen Tochter war sie in
die Kirche gekommen. Als die Heilige Messe zu Ende war, begann der Pfarrer
den Geist zu beschwören. Dazu musste der Frau das Messgewand übergezogen
werden. Dabei schrie die Frau ganz fürchterlich, sträubte sich mit Händen und
Füßen, Schaum stand vor ihrem Mund so dass man ihr das Messgewand nur mit
Hilfe von vier starken, in der Kirche anwesenden Männern, überstreifen
konnte.
Der Pfarrer forderte sie auf, die Namen der heiligen
Dreifaltigkeit auszusprechen. Das tat sie auch, setzte laut rufend aber
hinzu: "Wehe, wehe! Sie haben zu Unrecht den Jakob Leber auf dem Härpelfeld umgebracht. Sie haben zu Unrecht den Hans Fridle Gerspach zu Albbruck aufgehängt. Wehe, wehe! Sie haben zu Unrecht den
Sachs aufs Rad geflochten und die anderen ermordet. Das Strafgericht Gottes
wird kommen über die Sünder! Wehe uns armen Sündern!"
Die Frau sank zusammen und wimmerte: "Und das Geld, das sie uns
ausgesaugt, das nach St. Blasien geflossen, das
müssen sie uns auch wieder zurückgeben."
Als der Pfarrer den bösen Geist fragte, wer denn die Verursacher der Klagen
wären, da zeigte die Frau auf den Redmann Joseph
Tröndle aus Rotzel, der ganz vorn auf der Bank saß
und rief: "Do, der Dickbuchi und die alten
Einungsmeister und die Tröndlinschen!"
Und wer noch"
"Der gnädige Herr Waldsvogt!"
Dann schrie die Frau ganz schrecklich auf und fiel für eine halbe Stunde in
eine tiefe Ohnmacht.
Bürgermeister Schlichtig hatte daraufhin rasch den
Rat zusammengerufen und auf eine entsprechende Empfehlung des Redmanns Tröndle hin beschlossen sie, die besessene Frau
und ihre Tochter sofort aus der Stadt zu weisen.
Das geschah auch am gleichen Tage.
(vgl. dazu: Müller-Ettikon 1979, S. 279 - 281).
3.
Abgesehen von der schweren psychischen Erkrankung dieser Frau, über die die
Quellen nichts weiter aussagen, erfahren wir, dass es im Hauensteinischen
wie in Laufenburg Menschen gab, denen die Hinrichtung und ihre ganzen Begeleitumstände noch lange zu schaffen machten. Wer
aber, wie diese Frau, die zweifellos schon vorher mehrmals darüber offen
gesprochen hatte, sogar Schuldige bei Namen nannte, vertiefte die Spaltung
zwischen den Salpeterern und ihrer Sympathisanten
einerseits und ihren Gegnern andererseits und musste als Bedrohung des
städtischen Friedens betrachtet werden.
Endlich aber, und das scheint mir bemerkenswert, erfahren wir, dass der Redmann der Einungen (auch) in Laufenburg zur Kirche
geht. Damit ist belegt, dass die engen Verbindungen zwischen den Wäldern und
den Bürgern nicht allein wirtschaftlicher sondern auch persönlicher Natur
waren. Auch die Kirchenorganisation verband Stadt und Umland. Und damit ist ebenso
selbstverständlich, dass die Laufenburger
Bürgerinnen und Bürger den ganzen Salpetererhandel aufmerksam und mit mal
mehr oder weniger persönlicher Anteilnahme verfolgten. Und wenn nun offenbar
wird, dass ein Einungsmeister und Redmann auch
Einfluss auf Entscheidungen des Rats nimmt, dann spricht das für gute
persönliche Beziehungen zwischen ihm und zumindest Bürgermeister Schlichtig.
Von Laufenburgern selbst wurde dieser Bürgermeister
zu den "Ruhigen", den Gegnern der Salpeterer gerechnet
.
Im Generallandesarchiv in
Karlsruhe befindet sich die Kopie eines Laufenburger
Flugblattes aus dem Jahre 1745 mit Sympathieäußerungen für die Salpeterer und
es heißt darin: "Die Unschuldigen werden gehängt, die Schuldigen aber
ledig gelassen" (GLA 113:263)
Nun ist mit der Feststellung
von Verflechtungen zwischen Stadt und Landschaft keineswegs etwas Neues
gesagt. Denn seit vielen Generationen wird es, wie heute selbstverständlich,
eine Vermischung beider Bevölkerungsgruppen gegeben haben. Von Waldshut zum
Beispiel ist überliefert, dass man dort sogar dem Drängen der Bauern aus den
Einungen, sich in der Stadt ansässig zu machen, Einhalt gebieten musste.
Selbst wenn aus gegebenen Anlässen, die Waldstädte sich von den Waldgenossen
und den Talschaften sich deutlich abgrenzten und, wie 1612 im
"Rappenkrieg" geschehen, deren Aufstände sie nicht unterstützten,
so blieben die Beziehungen, allein schon der wegen beiderseitigen
ökonomischen Abhängigkeiten, recht dicht.
Und weil die Verflechtung mit dem hauensteinischen
und fricktalischen Umfeld so eng gewesen ist, wird
ebenso selbstverständlich gewesen sein, dass die Laufenburger
Bürgerinnen und Bürger den ganzen Salpetererhandel aufmerksam und mit mal
mehr oder weniger persönlicher Anteilnahme verfolgten. Quellen freilich, die
uns über Umfang und Auswirkungen dieser Betroffenheit Auskunft geben, sind
nicht sehr reichlich vorhanden.
4.
Zwischen Bürgermeister Schlichtig und den anderen
Ratsmitgliedern und verschiedenen Adressaten, u. a. mit Baron v. Stotzing von der vorderösterreichischen Regierung in
Freiburg oder mit dem Waldvogt wurden zwischen 1740
und 1745 mehrere Briefe gewechselt, in denen jeweils auch die Salpetererhändel zur Sprache kamen (GLA 113: 222). Damit
liegt ein weiterer Beleg dafür vor, dass die Stadt in engagierter Weise von
den Unruhen Kenntnis nahm, sich nicht allein betroffen zeigte, sondern auch
betroffen war.
In drei anderen Dokumenten befanden sich Aussagen über den Apotheker Hilarius Hartmann aus Laufenburg. Da machte in einem
Brief vom 17. Juni 1745 der Redmann und
Einungsmeister Joseph Tröndlin, aus seiner
Abneigung gegen diesen Apotheker keinen Hehl (GLA 113:263).
Hilarius Hartmann war ein Sohn des Laufenburger Schiffsmeisters und
"Ratsverwandten" Hartmann dessen Schwiegersohn Johann Christoph
Berger sogar 1745 zu den Salpetererführern gehörte.
Diese Familie stand eindeutig in Wort und Tat auf der Seite der Salpeterer.
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5
Über die Familie Hartmann:
Der Geschlechtername
"Hartmann" ist im Verlaufe des 16. Jahrhunderts in Laufenburg
anzutreffen, weiß der Chronist Karl Schib (1951, S.
219). Sonst ist die Familie Hartmann oder ein Vertreter von ihr in dieser
Chronik nicht erwähnt.
Der Apotheker Heinrich (Hilarius) Kilian Hartmann war 1745 siebenundzwanzig Jahre
alt und verheiratet. In seiner Jugend besuchte er, wie er in einer Vernehmung
am 11. August 1745 in Wien zu Protokoll gab (GLA 113: 259), vier Schulen in
Freiburg und lernte bei dem Freiburger Apotheker Siegel. 1739 hatte er in Delsberg als Apotheker gearbeitet. Dort auch hatte er
geheiratet. Seine Frau Maria Theresia, war die Tochter des Laufenburger Stadtleutnants Kaspar Bennot.
Der war nicht unvermögend, da er seinem Schwiegersohn die Laufenburger
Apotheke gekauft bzw. eingerichtet hatte.
1758 verkauft er "seine eigentümliche von der Jungfer Sibilla Stockerin
erkaufte Behausung samt der dazu gelegenen Hofstatt und hinter dem Haus
befindlichen Garten nebst seine in besagter Behausung wesentlichen Medicinen laut ausgestelltem Catalogi,
für welche Behausung und Apotheke der Herr Käufer Carl Brentano ihm ein Haus
in der Marktgasse für 1000 Gulden tauschweise überliess"
und ihm noch zusätzlich 2.800 Gulden zahlen musste. . Der Laufenburger
Apotheker und Archivar Dr. Hans - J. Köhler (1994, S. 51) nimmt an, dass Hilarius Hartmann aus Krankheitsgründen seine Apotheke
nicht mehr weiterführen konnte, da er bereits ein Jahr später gestorben ist.
In Wien hatte er Kontakt mit
den Hauensteiner Deputierten, zu denen auch der Eggbauer
gehörte. Doch nicht ihretwegen sei er dort gewesen. Vielmehr sei er nach Wien
gereist, um seine Schwägerin Elisabeth Bennot zu
begleiten, die, als geborene Puntruterin,
Französisch sprach und hoffte in Wien eine Gouvernantenstelle
zu erhalten. Auch Baussan sei mitgegangen, weil
dieser sich bei den Wiener großherzoglichen Hofbediensteten, von denen viele
seine Landsleute seien, um einen Dienst bemühen wollte.
Im August 1745 war er, wegen seiner Kontakte zu den Salpeterern
in Wien, vernommen worden (GLA 113: 259)
Johann
Caspar Berger, der 1745 mit an der Spitze der Salpeterer stand, war mit
Anna-Maria, einer der fünf Töchter des Laufenburger
Schiffsmeisters Hartmann verheiratet
Neben Anna Maria, ihren Schwestern, und Hilarius
hatte der Schiffsmeister Hartmann noch einen weiteren Sohn: Franz-Josef.
Franz Josef Hartmann, war in Neuershausen bei Freiburg Amtmann. Weil er aber im
öffentlichen Dienst zu wenig verdiente, ging er 1724 nach Engelberg in die
Schweiz, um dort als Musikant sein Brot zu verdienen. Offenbar waren bereits
im 18. Jahrhundert die Verdienstmöglichkeiten in der Schweiz hier und da so
günstig wie noch heute.
Zwanzig Jahre später wird er im Zusammenhang mit der Aufstellung einer
"Landesdefensivkommission" mehrfach als "Hauptmann"
genannt. Offenbar hatte er lange Zeit keinen Kontakt mehr zu seiner Familie
nach Laufenburg, da sein Bruder Hilarius in der o.
e. Anhörung angab, nicht zu wissen, wo sein Bruder abgeblieben gewesen sei.
Am 4. April 1745 jedenfalls traf dieser Hauptmann Hartmann mit einem
entsprechenden Beglaubigungsschreiben des Bregenzer Kommandanten Meinersperg in der Grafschaft ein (GLA 113:222).
Eine Schwester war mit dem Laufenburger Bürger Franz Josef Keller, eine andere war
mit dem Laufenburger Bürger und Bäckermeister Franz
Josef Bettschon verheiratet.
Die vierte Schwester, Franziska, war die Ehefrau des Laufenburger
Hufschmieds Franz Brogle. Die fünfte und jüngste,
Helena, war 1745 dem aus Lothringen stammenden Franzosen Baussan,
der aus der französischen Armee desertiert war, "versprochen".
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6
Laufenburg und die Landesdefensivkommission
Die Anwesenheit der
österreichischen Armee in der Grafschaft unter Prinz Carl von Lothringen im
Sommer 1743 brachte erhebliche Lasten mit sich, die die Einungsmeister den
von den Lasten des Freikaufs ohnehin gebeutelten Bauern abzufordern hatten.
Die Anführer der Unruhigen wehrten sich dagegen und hatten "zur Führung
des Kampfes wider die Einungsmeister im Juli einen Advokaten in Dienst
genommen, den Lizentiat beider Rechte und vorderösterreichischen
Fiskalamtssubstitut Johann Caspar Berger von Freiburg…" Bei der
Übernahme dieses Mandats begründete er diesen Schritt damit, dass es besser
für die Einungsmeister sei, wenn sie ihn beriefen, als sich einen Anwalt aus
Schaffhausen oder Basel nähmen, der mit den Verhältnissen nicht vertraut sei.
(Redmann Josef Tröndlin
in einem Bericht über die Landständetagung im August 1743 in Freiburg (GLA
113: 222).
Die französich-bayerische
Allianz im Österreichischen Erbfolgekrieg, hatte sich des Breisgaus
bemächtigen können und unter anderem in Laufenburg bis zum Frühjahr 1745 eine
militärische Besatzung, das bereits erwähnten Bataillon "Lorraines Royal" belassen.
Im Winterhalbjahr 1744/45 begann das Vorderösterreichische Militär in Bregenz
den Widerstand gegen die Besatzungstruppen vorzubereiten. In Vorarlberg
wurden "Landesdefensivkommissionen" zusammengestellt, die bei
entsprechenden Situationen den Widerstand gegen die Franzosen und Bayern
organisieren sollten. Als die französische Besatzungen die Winterquartiere in
der Grafschaft Hauenstein verließ und sich Richtung
Freiburg und Breisach in Marsch setzten, war eine derartige Situation
eingetreten. Hauptmann Franz Josef Hartmann war Anfang April 1745 von dem Obristleutnant von Meinersberg
in Bregenz damit beauftragt worden, den Widerstand gegen die französischen
Truppen zu organisieren. Er setzte sich für seinen Schwager Johann Caspar
Berger ein, der ebenfalls ein entsprechendes Mandat erhielt. Johann Caspar
Berger war auch sogleich darangegangen, gemeinsam mit seinen salpeterischen Freunden eine
"Landesdefensivkommission zusammenzustellen.
Wie in jedem Jahr waren im
April die Termine für die Einungsmeisterwahlen in den Einungen auf dem Wald
herangerückt. Eine Auswirkung der neuerlichen salpeterischen
Aktivitäten, bei denen die Salpeterer argumentierten, dass sie für ihre
Verteidigungsbereitschaft von der Kaiserin belohnt werden würden, führte zu
einem Sieg der salpererischen Partei. Alle
Einungsmeisterposten waren von Salpeterern besetzt
worden. In der Einung Rickenbach wurde der Stift Säckingische Eigenmann und Bauer Johann Thoma aus Egg,
der "Eggbauer", der erst im
Winterhalbjahr 1744/45 wieder in die Grafschaft zurückgekehrt war, zum
Einungsmeister gewählt. Dieser Eggbauer, der dann
zu einer besonders auffallenden Gestalt zur Zeit der "Salpetererregierung" werden sollte, war seit 1729
verbannt und seit 1741 als "Deputierter der Grafschaft" im Auftrage
der Salpeterer in Wien gewesen.
Von seinem Mandat hatte Johann
Caspar Berger in Freiburg eine Abschrift anfertigen und im Hauensteinischen verbreiten lassen. "Sein Sinn und
sein Gemüt sei niemals anders gewesen, als dass er sich als treuer Diener des
Erzhauses Österreich gezeigt habe, schrieb Frau Berger (GLA 113: 258). Und in
einer Eingabe von Johann Caspar Berger erklärte dieser - und offenbarte
weitere Motive:
Ihm sei seinerzeit versprochen worden, dass er vorderösterreichischer
Prokurator werde, wenn Vorderösterreich wieder ganz zum Erzhaus
gekommen sei. Jetzt werde er nicht etwa belohnt, sondern sitze schon 6 Monate
in harter Gefangenschaft, während andere, die der Krone Frankreichs von
Herzen zugetan gewesen - und damit spricht er die Führer der Ruhigen an und
meint auch den Bürgermeister Schlichtig -
"oben am Brett sitzen" (GLA 113: 258).
Am 30. April, Berger war aus
dem Basler Exil, in dem er sich während der französischen Besatzungszeit
befand, zurück nach Laufenburg gegangen, beruft er in einem kurzen Schreiben
die Einungsmeister zur Landsgemeinde nach Görwihl. Und zwar, wie üblich, die
neuen und die alten Einungsmeister. Der Alteinungsmeister Josef Tröndlin aus Unteralpfen und
der Alteinungsmeister und Redmann Joseph Tröndlin aus Rotzel hatten
sich, als erklärte Gegner der Salpeterer, daraufhin, nach Klingnau
abgesetzt In Klingnau - schon damals auf neutralem
Schweizer Territorium - hatte das Kloster St. Blasien
Besitz und eine Probstei. Dorthin flohen in Kriegs-
und Unruhezeiten die Notabeln aus der benachbarten Grafschaft und den
Waldstädten. Das geschah auch während der Salpetererunruhen.
Gemeinsam mit Johann Caspar
Berger hatten die neuen Einungsmeister einen militärisch erfahrenen Offizier
gesucht und in Basel in dem sächsischen Obristleutnant
von Lüttichau gefunden, der vom Grafen Choteck zum Kommandeur der Landesdefensivkommission
ernannt wurde.
Am Abend des 30. April 1745
überreichten der Leiter des Landesdefensivkommission der Obrist v. Lüttichau und Johann Caspar Berger von zahlreichen Salpeterern begleitet, dem Waldvogt
in Waldshut ihre Vollmacht und ließen sich die Waffen aushändigen, die dort,
seit deren Requirierung zur Zeit der
französisch-bayerischen Besetzung eingelagert waren (GLA 113: 263).
Zum 4. Mai wurde nach Görwihl der "Landfahnen", das sind alle kampffähigen
Männer der Einungen, aufgeboten, die Waffen ausgegeben, die Führer bestimmt
und in Richtung Rheintal in Marsch gesetzt (GLA 113: 221).
Von diesem Zeitpunkt an, hatte die Landesdefensivkommission unter dem
Kommando des Obristen von Lüttichau und Johann
Caspar Bergers - und damit die Salpeterer - die Macht übernommen.
Verstärkt wurde das Bauernaufgebot durch 50 Husaren, die der Bruder des
Hauptmanns Hartmann und vermutlich auf dessen Vermittlung hin, Hilarius Hartmann, von Spaichingen
geholt und am 13. Mai nach Waldshut gebracht hatte (GLA 113: 259).
|
7.
In Laufenburg fanden drei bemerkenswerten Ereignisse während der "Salpetereregierung" zwischen dem ersten Mai und dem
Pfingsttag am 6. Juni 1745 statt.
Es lässt sich, was Stadt und
Bürgerschaft von Laufenburg betrifft, noch einmal festhalten, dass sie mit
den Salpetererunruhen in vielfältiger Form in Berührung kamen und durch die
beiden Hartmann - Brüder und deren Schwager Johann Caspar Berger gleichsam hineinverwoben wurden. Immerhin hielt sich Johann Caspar
Berger, wenn er in der Grafschaft war, bei seiner Familie in Laufenburg aus.
Mehr noch:
wegen der Verwandtschaft zu Johann Caspar Berger und dessen Eintreten für die
Salperereranliegen war sein Schwiegervater vom
Bürgermeister Schlichtig schon seit langem immer
wieder gehänselt worden. Der alte Hartmann hatte im Familienkreis geäußert,
dass ihn der "Schlichtig wegen der täglichen
Stichelreden noch unter die Erde bringe" (GLA: 259). Der Schiffsmeister
Hartmann, der bis zum 8. Februar 1743 Ratsmitglied war, war bereits 1744
verstorben.
Diese "Verdrießlichkeiten" die der Vater
Hartmann durch den Bürgermeister Schlichtig erlitt,
führte der Apotheker Heinrich Kilian Hartmann auf den Hass zurück, den der
Bürgermeister Schlichtig gegen die ganze Familie
Hartmann wegen des Johann Caspar Berger hege. Heinrich Kilian Hartmann gab
darüber im 11. August 1745 ausführlich Auskunft (GLA 113: 259).
Noch aber befinden wir uns im
Mai 1745 und die Salpeterer hatten Oberwasser.
7.1.
Die Salpeterer fordern Verpflegung und Kontribution
Am fünften Mai 1745 vormittags
9,30 Uhr rückte das militärische Aufgebot unter der Führung von Johann Caspar
Berger, dem Eggbauern Johann Thoma und Obristleutnant
von Lüttichau vor die Tore Laufenburgs
und begehrte Einlass. Das Dokument mit dem Bericht über dieses Ereignis
beginnt: "… ½ zehn erschien ein Bauernsoldat in der ratsstuben
wo versammelt sind wg. Bürgerlen Geschäften Vogt,
Bürgermeister und Rat…" (GLA 113:263).
Das Kommando war auf dem Wege nach Rheinfelden. Dort wollte es an den Grafschaftsgrenzen Posten beziehen, um nötigenfalls die
Franzosen abzuwehren, falls diese zurückkommen wollten.
Da war die Aufregung in der
Stadt groß! War man doch gerade erst die Franzosen losgeworden. Eine neuerliche
Belastung, das Bauernaufgebot wollte verpflegt sein, wurde abgelehnt. An
fünfhundert Mann kamen unter Führung des Obristen von Lüttichau
in die Stadt und hatte sich zwischen der Brücke und dem Pfauen aufgestellt.
Johann Caspar Berger verlas vom Pferd aus das Mandat der Berufung der
Landesdefensivkommission.
Zwischen Johann Caspar Berger und dem Bürgermeister Schlichtig
entspann sich dann ein Disput, in dem Berger Schlichtig
vorwarf, der sich strikt weigerte, dem Aufgebot entgegen zu kommen, dass er
sich den Franzosen gegenüber sehr viel kooperativer gezeigt habe.
Nach einigen hin und her verständigte man sich darauf, dass die Soldaten das
Brot, was sie essen wollten, bezahlen müssten und den Wein für die salpeterischen Einungsmeister die Grafschaftskasse
übernehmen würde. Am Nachmittag rückte die Truppe
wieder ab und zog weiter.
"Berger aber hat aus Verdruss, dass man sie nicht verpflegen wollte
"über rath und Bürgerschaft geschmähet" "Es wohnten lauter Lumpen
darin…" (GLA 113: 263)
Bürgermeister Schlichtig, zog es anschließend vor,
erst einmal in Klingnau bei seinen Freunden, den
ruhigen Einungsmeistern, Schutz zu suchen. Dorthin hatte sich auch der
Kanzler des vorderösterreichischen Breisgaus Dr. Stapf, geflüchtet, da
Freiburg ja besetzt war.
"Heut um ein Uhr kommt
der Hirschenwirth von Murg
und der Gerber von Görwihl als abgesand des
Landesdefensiv Comendanten Se Baron von Lüttich
anfragen ob die stadt österreichisch gesinnt sei
oder nicht" Die Abgesandten sprachen mit dem "gewesten Bürgermeister
Zoller". Dieses Begehren hielt der Untervogt und Ratschreiber
Dr. Lindenmeyer am 6. Mai 1745 fest
Dr. Lindenmeyer hatte seinem in Klingnau weilenden
Bürgermeister zugesichert "…was aber hier passieret, das werde fleißig
notiert und berichtet"
Am neunten Mai schrieb er dem
Bürgermeister unter anderem: "gestern ist der Eckbauer allhier gewest hat aber nur etwa 20 Mann bey sich gehabt… es hat geheißen, er schreibe eine konferenz aus… auf den Abend wieder abgezogen".
Und am 7. Juni 1745 kann er
melden, dass "Berger, Lüttichau und Exkbauer arretiert und also gleich fortgeführt"
worden sind.
Die Kopie der oben erwähnten anonymen Schrift aus Laufenburg, in der es
heißt, dass die Unschuldigen gehängt, die Schuldigen aber ledig gelassen
werden, liegt einem der Briefe bei (alles GLA 113:263).
7.2.
Die Breisgauer Stände leiten von Laufenburg aus das
Ende der Landesdefensivkommission ein
In Laufenburg waren in der
zweiten Maihälfte die Breisgauischen Stände
zusammengetreten, die ja wegen der Besetzung Freiburgs ebenfalls einen
anderen Tagungsort brauchten. Dass Laufenburg für die Ständeversammlung kein
ungewöhnlicher Ort war, zeigt ein Dokument über die "Stände-Conferenz" zu Laufenburg vom 12. März 1740 (GLA:
113: 263) .
Die "Denkschrift der im oberen rheinviertel angesessenen österreichisch-breysgawischen Mitständ"
vom 23. Mai 1745 deutete darauf, dass die ständischen Vertreter höchstbesorgt
über die durch die Salpetererherrschaft in der
Grafschaft entstandene Situation waren. Es hatten entsprechende
Manifestationen von Salpetererführern erkennen
lassen, dass diese nichts weniger als grundlegende Veränderungen der
Machtverhältnisse anstrebten und zum Beispiel den Einfluss der Kirchen
zurückdrängen und feudalistische Strukturen aufheben wollten, wie uns ein
Schreiben von Johann Caspar Berger verrät (vgl. dazu: Haselier 1941, S. 105).
Außerdem häuften sich die Klagen von betroffenen ruhigen Hauensteinern,
die unter dem Eggbauern zu leiden hatten. Dieser hatte sich mit vier Salpeterern und begleitet von zwei Husaren aus dem
Militärkommando und auf Anweisung des Obristen von Lüttichau
hinauf in den Wald begeben offiziell, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Tatsächlich hatte er begonnen, dort auf eigene Faust zu requirieren und ihm
verhasste Geistliche und Ruhige zu bedrängen. Hierbei ging er nicht
zimperlich vor.
7.3.
In Laufenburg wird die Landesdefensivkommission aufgelöst und damit die Salpetereregierung beendet.
Drei Syndizi der Breisgauer Stände gingen nach Klingnau
und berieten sich dort mit dem Kanzler im Breisgau, Dr. Stapf, den Vertretern
des Klosters St. Blasien und den ruhigen
Einungsmeistern über das weitere Vorgehen. Auch der Laufenburger
Bürgermeister Schlichtig konferierte mit.
Das Ergebnis war ein Schreiben an die vorderösterreichische Regierung, dem
Grafen Choteck in Innsbruck. Der Graf sandte
daraufhin den mit den Verhältnissen der Grafschaft vertrauten Baron Zech nach
Waldshut, wo er am 27. Mai eintraf. Er setzte sich gleich mit dem Kanzler Dr.
Stapf in Klingnau in Verbindung. Es wurde
beschlossen, die Führer der Landesdefensivkommission festzunehmen.
Alle drei befanden sich in Laufenburg, wo sie, wie aus dem Brief von
Untervogt Dr. Lindenmeyer schon zu entnehmen war, am 6. Juni 1745 verhaftet
wurden.
Damit war der Versuch, den
einst so erfolgreichen und berühmten Hauensteinischen
Landfahnen unter salpeterischer Führung ein
weiteres Ruhmesblatt hinzuzufügen, kläglich gescheitert. Karl Friedrich Wernet hat in seiner Arbeit über die Grafschaft Hauenstein festgehalten, dass nach 1715 der Landfahnen
rasch verfallen und seine "Uhr … abgelaufen" war (1959, S. 424).
|
8.
Der Fricktaler Landfahnen wird gegen die Salpeterer
aufgeboten
Eine letzte Berührung mit den
Salpetererunruhen hatten die Laufenburger im
Zusammenhang mit der Bedrohung Waldshuts durch die salpeterischen
Bauernhaufen. Unmittelbar bevor diese sich im September 1745 anschickten, die
Waldstadt zu erstürmen, um ihre dort inhaftierten Gefährten zu befreien,
wandten sich Rat und Waldvogt in ihrer Not an das
Kloster St. Blasien und die Ämter Gutenburg und
Rheinfelden und baten um militärischen Beistand. Waldshut hatte nur rd. 100
Einwohner und hätte auf Dauer der zahlenmäßigen Übermacht der Salpeterer
nicht Stand halten können. Der Fricktaler
Landfahnen wurde aufgeboten und unter Führung des Untervogts nach Waldshut
geschickt. Dort wirkten das Fricktalische Aufgebot,
zu dem auch Laufenburg Männer zu stellen hatte, gemeinsam mit den von St. Blaisen aufgebotenen Soldaten an der erfolgreichen
Verteidigung Waldshuts mit. Am 27. September war die Gefahr für Waldshut
vorbei und die Fricktäler zogen wieder ab (vgl.
dazu u. a. Ruch 1966, S. 218).
Zum letzten Mal rückte Militär
in die Wälderorte ein und wieder einmal wurde eine
kaiserliche Kommission in die unruhige Grafschaft geschickt, um die Gemüter
zu besänftigen. Auch in Laufenburg konnten die Bürgerinnen und Bürger sich
wieder ungestört ihren Geschäften widmen. Für sie brauchten die Salpeterer
kein Thema mehr zu sein.
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Literatur:
Ebner, Jakob:
Die Geschichte der Salpeterer des 18. Jahrhunderts.
1. und 2. Teil, Wangen 1953 und 1954
Fricker, Heinz, Jehle,
Fridolin, Lüthi, Alfred, Nawrath, Theo:
Geschichte der Stadt Laufenburg. Laufenburg/Baden und Laufenburg / Schweiz.
Bd. 1 1979; Bd. 2 1981; Bd. 3 1986
Haselier, Günther
Die Streitigkeiten der Hauensteiner mit ihren Obrigkeiten. In: Quellen und
Forschungen zur
Siedlungs- und Volkstumsgeschichte der
Oberrheinlande. Hrsg.: Friedrich Metz u.a.. Hier:
Der Hotzenwald, Bd. 2, 2. Teil. Karlsruhe 1940/41
Köhler, Hans-Joachim:
Die Geschichte des Heilwesens der Stadt Laufenburg.
Fenner, Kurt Ärzte Bader Pillendreher. Medizinische Berufe im Wandel der
Zeit. S. 39 - 60
In: Museum Schiff (Hrsg.): Laufenburg CH 1994
Müller-Ettikon, Emil:
Die Salpeterer. Geschichte eines Freiheitskampfes auf
dem südlichen Schwarzwald. Freiburg 1979
Ruch, Joseph
Geschichte der Stadt Waldshut. Waldshut 1966
Rumpf, Joachim:
Die Salpetererunruhen im Hotzenwald. Wolpadingen
2 / 2003
Schib, Karl:
Geschichte der Stadt Laufenburg. Aarau 1951
Wernet, Karl Friedrich:
Die Grafschaft Hauenstein. In: Vorderösterreich. Hrsg: Friedrich Metz; 2 Bde., Freiburg 1959
Bd. 2, S. 404 - 436
Archive:
Generallandesarchiv Karlsruhe
Stadtarchiv Laufenburg
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© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
Stand der Bearbeitung: 23.05.2006
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