Über
die freiwillige und unfreiwillige Umsiedlung in die Habsburger Landschaften auf
dem Balkan im 18. Jahrhundert
1
Vorbemerkung
Die
Ursachen der dramatischen Ereignisse vom Oktober 1755, die die Deportation von
Hauensteiner Familien begründeten, sind gründlich untersucht und dargestellt.
Auf dieser Homepage ist die Arbeit von Krauss veröffentlicht. Eine neue Darstellung
ist von Baumgartner erarbeitet worden. Er sieht die Deportation im Zusammenhang
mit der Ansiedlungspolitik Maria Theresias als "bevölkerungspolitische
Maßnahme". (Baumgartner Stefan, 1977, S.91). Es sind im 18. Jahrhundert
tatsächlich zwei Wanderungsbewegungen Richtung Osten zu registrieren: Eine
- von ihrem Umfang her - eher kleinere; das waren Verbannte bzw. zwangsumgesiedelte
Familien aus den vorderösterreichischen Landen, von denen hier am Beispiel
der Salpeterer berichtet wird. Und das waren die angeworbenen Familien, die aus
den damals übervölkerten und verarmten Dörfern dazu verführt
wurden, in den von Habsburg-Österreich den Türken abgenommenen Ländereien
auf dem Balkan, eine neue Existenz aufzubauen. Etwa nach der Devise "schlimmer
kann es auch nicht werden" haben sich aus den gleichen Ländern Vorderösterreichs,
zu denken ist besonders an den Breisgau und die angrenzenden Regionen bis ins
Schwäbische hinein, viele Familien auf den Weg gemacht und sind in eine ungewisse
Zukunft gezogen.
Über beide Gruppierungen wird hier kurz berichtet.
2.
Die
betroffenen Salpetererfamilien und ein Blick auf ihr Schicksal
In
der Nacht vom 9. zum 10. Oktober 1755 wurden 27 Salpeterer und in den Tagen darauf
deren Frauen und Kinder aus ihren Häusern geholt und unter militärischer
Bedeckung nach Waldshut ins Gefängnis gebracht. Nach Einzelnen von ihnen,
die zu flüchten versuchten, musste regelrecht gejagt werden. Die Namen der
zu deportierenden Salpeterer, die als besonders gefährlich galten, sind überliefert:
Johannes
Marder von Eschbach (der Preuß), Georg Ebner von Birndorf; Nikolaus Gottstein
aus der Rütte, Adam Jehle von Dogern, Jakob Fridolin Albiez von Buch, Martin
Bär von Hierholz, Johann Strittmatter von Görwihl, Konrad Gamp von Dogern,
Johann und Josef Gäng von Hogschür, Jakob Albiez von Etzwihl, Fridolin
Eckert aus der Rütte, Sebastian Werni von Kiesenbach, Martin Berger, Johann
Ebi und Konrad Ebner von Unteralpfen, Fridolin Eckert von Buch, Gregor Kummer
von Buch, Jakob Huber und Jakob Zimmermann von Görwihl, Johann Georg Gerspach
von Oberwihl, Johann Baptist Kaiser von Katzenmoos, Josef Leber von der Glashütte,
Martin Arzner von Engelschwand, Johann Meier von Niederalpfen, der Bruder des
Tochtermännle."
Diese
Reihenfolge findet sich in den Urkunden. Jakob Ebner vermutet in seinem Buch (1984,
S. 128), dass sie der Rangfolge der Rolle entspricht, die die Salpeterer bei den
Unruhen nach der Einschätzung der Kommission gespielt haben.
Außerdem
wurden neun junge Burschen aus anderen Familien verhaftet und zwangsrekrutiert.
Zu diesen gehörten die Söhne jener Salpetererführer, die bereits
verbannt oder verstorben waren.
In
Waldshut wurde den Salpeterern am 10. Oktober das Urteil der Zwangsdeportation
nach Ungarn verlesen. Die Frauen und Kinder hätten so laut geschrieen, dass
man es in der ganzen Stadt hörte. Ohne Verzug wurden Sie und ihre Angehörigen
in Ketten gelegt und eine Woche später unter militärischer Begleitung
in Marsch gesetzt. 36 Soldaten eines Tiroler Regiments und zwei Offiziere waren
für den Transport abkommandiert worden. Der Weg führte sie, wie damals
üblich, über die Straßen bis an die Donau (bei Günzburg)
und von dort mit Schiffen hinab in die neue Heimat. 112 Personen waren von der
Zwangsumsiedlung betroffen. 105 von ihnen kamen in Temesvar in Ungarn an. Einige
von diesen aber lebten nicht mehr lange. Sie gingen an den hohen Anforderungen,
die mit der Urbarmachung der sumpfigen Niederungen verbunden waren, zugrunde.
Andere wiederum setzten sich durch und begannen, in der Fremde Wurzeln zu schlagen.
Die Landschaft war zwar eine ganz andere, die Verbannten aber waren in Habsburg-Österreich
geblieben. Das in Wien ansässige Habsburger Herrscherhaus war im Besitz der
ungarischen Königskrone und zugleich deutscher Kaiser. Und noch ein Umstand
erleichterte den Hauensteinern mehr und mehr das Leben fern von der Heimat. Immer
mehr Familien aus den vorderösterreichischen Gauen suchten in Ungarn Möglichkeiten,
um zu überleben. Der Strom der Umsiedler Richtung Osten schwoll mehr und
mehr an, weil es dort Land zu günstigen Bedingungen gab. Vgl. hierzu auch
im Internet die Seite: www.genalogy.net/privat/flacker/hotzen.htm
Die
Verbindungen zur alten Heimat rissen zunächst ab. Erst einhundert Jahre später
(1855) wurden die Alemannen in Ungarn wieder entdeckt, als ein Basler, der bei
einem ungarischen Grafen beschäftigt war, in dem Dorf Saderlach die Bauern
alemannisch sprechen hörte. Seither blieb der Kontakt erhalten. Als 1991
sogar Saderlacher nach Görwihl kamen, da wurde jedermann offenbar, dass zwischen
den freiwillig und unfreiwillig Ausgereisten aus dem achtzehnten und neunzehnten
Jahrhundert und unseren Hauensteiner Bäuerinnen und Bauern ein enger Zusammenhang
gesehen werden muss. Professor Emil Maenner aus Weinheim berichtet 1937 darüber
in seinem Saderlach-Buch "Chemmet ine!" und druckt einen Brief eines
Saderlacher Bürgers ab, den dieser ca. 1893 geschrieben hatte. Darin heißt
es:
"Bi uns chemmet vo dene Name, wo mer im Salpetererbüchli g'funde
hen, noch vor: Neff, Gantner, Binkert, Eckert, Strittmatter, Eisele und Märklin
..."
Bei
dem "Salpetererbüchli" handelt es sich vermutlich um die 1892 in
Waldshut erschienene Schrift von Franz August Stocker. Die Familien unserer Salpeterer,
die zu den ersten deutschen Siedlern im Banat gehörten, starben also nicht
aus; ihre Urenkel leben noch. Jakob Ebner hat über das Schicksal der Verbannten
im zweiten Teil seiner "Geschichte der Salpeterer des 18. Jahrhunderts"
berichtet. Und in der Gegenwart werden die zerrissenen Fäden von engagierten
Banater Schwaben wieder geknüpft, wie deren Jahrestreffen 2003 bewies, das
in Herrischried stattfand und ganz im Zeichen des Schicksals der verbannten Salpeterer
stand.
Dass
nur ein Teil der Verbannten überlebte mag nicht zuletzt damit begründet
sein, dass die Salpetererfamilien unter besonders diskriminierenden Bedingungen
zwangsweise angesiedelt wurden. Durften sich andere Siedlungswillige aus dem Schwarzwald
ihren zukünftigen Heimatort selbst auswählen, nicht wenige gingen nach
Saderlach, wo bereits eine alemannische Gemeinde bestand, wurde den verbannten
Salpetererfamilien dies verwehrt. Ich zitiere der Schrift von Emil Maenner:
"Die
alten Verschwörer… sind daher auf ‚Ansiedlungs-Oerther' zu verteilen…
und dies soll so durchgeführt werden, dass sie nicht in einem Ort aufgenommen
werden und wohnen, sondern ‚ihr Unterkommen in verschiedenen Districten,
wenigstens in verschiedenen Ortschaften' haben sollen. … (Sie wurde)n unter
scharfer militärischer Begleitung auf ‚Laiterwägen' bis Günzburg
und von dort aus zu Schiff über Linz, Nussdorf bei Wien und Ofen zur Mündung
der Theiß in die Donau befördert" (S. 25/26).
In
Neu-Bessenowa fand Maenner einige Einträge im Pfarrbuch, nach denen der Tod
von Deportierten schon bald nachweisbar war. Und wenn man sich vergegenwärtigt,
unter welchen harten Bedingungen alle Umsiedler in den Sümpfen des Banats
oder an Theiß und Donau Land urbar machten, "furchtbar wütet der
Tod in ihren Reihen" (Maenner, S. 22), dann darf es nicht überraschen,
dass die Verbannung als besonders hart erlebt worden war.
Als
im vergangenen Jahr von den Historikern aus dem "Haus der Heimat" die
Ausstellung "Vom deutschen Südwesten in das Banat und nach Siebenbürgen"
organisierten haben sie zugleich mit dem reichlich mit Bildern und Dokumenten
ausgestattetem Begleitbuch zur Ausstellung Ereignisse und Lebensschicksale ans
Licht geholt, die bis heute noch kaum erforscht waren
(Vom deutschen Südwesten
in das Banat und nach Siebenbürgen. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung
des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg. Hrsg: Annemarie Röder,
Stuttgart 2002).
Unter der Leitung von Frau Dr. Annemarie Röder erarbeitete
eine Gruppe kompetenter Historiker für das "Haus der Heimat Baden- Württemberg"
in Stuttgart diese wertvolle in zwei Sprachen verfasste Dokumentation. In ihr
finden wir den Aufsatz von Herrn Dr. Karl-Peter Krauss, dem Leiter des Hauses
der Heimat, über den ältesten Sohn des Salpeterer-Hans und seiner Frau
Maria Enderlin.
Jakob
Fridolin Albiez wurde am 27. Juli 1695 geboren und starb im Januar 1768 in Etzwihl.
Jakob Albietz, über den im Zusammenhang mit den Salpetererunruhen immer wieder
die Rede ist, gehörte, wie wir der oben stehenden Liste entnehmen können,
zu den von Haus und Heimat verbannten Salpeterern. Dennoch gelang es ihm, wieder
in die Heimat zurück zu kehren. Nachdem in der Verbannung seine Frau und
sein Sohn gestorben waren, kehrte er 1760 mit falschen Papieren nach Etzwihl zurück.
Er wurde verhaftet, eingesperrt und nach anderthalb Jahren auf das Urteil der
vorderösterreichischen Regierung in Freiburg hin, erneut des Landes verwiesen.
Wie es Jakob dennoch gelang, seinen Lebensabend im Heimatdorf zu beschließen,
ist nicht bekannt. Vielleicht wurde der alte, verarmte und zweifellos inzwischen
recht ungefährliche Mann begnadigt. Er starb am 9. Januar 1768 in Etzwihl
in seinem dreiundsiebzigsten Lebensjahr.
Karl-Peter
Krauss beschreibt unter Verwendung der vorhandenen Urkunden und anderer Dokumente
sehr anschaulich am Beispiel des Jakob Albiez das Schicksal der Verbannten, das
nicht selten in Krankheit und Verarmung mündete.
Wie aber lassen sich
die unterschiedlichen Haltungen jener, die aus unserer Landschaft unfreiwillig
und jenen erklären, die "mit aller Macht danach strebte(n), auszuwandern"
(S. 204). Und er findet eine überraschend überzeugende Begründung
am Beispiel von Siedlern aus Unteralpfen: Die 1737 aus Ober- und Unteralpfen freiwillig
ausgewanderten Familien gehörten zur landarmen dörflichen Unterschicht
und durften sich von der Auswanderung eine Verbesserung ihrer materiellen und
sozialen Situation versprechen. Die vier aus Oberalpfen verbannten Salpetererfamilien
hingegen gehörten der dörflichen Mittel- und Oberschicht an und hatten
keinerlei Veranlassung, ihre Situation aufzugeben und Hab und Gut im Stich zu
lassen. Gewiss wurden sie für die Verluste entschädigt und erhielten,
dem verlorenen Vermögen entsprechend im Banat eine anteilige Aufbauhilfe,
wie es Paul Eisenbeis (2005) in einem kleinen Aufsatz nachwies
Die
tatsächlichen Verluste aber, sowohl an Landbesitz, Haus und Hof und den sozialen
Beziehungen konnten nicht ausgeglichen werden. Und das Beispiel von Jakob Albiez,
der ebenfalls zu den vermögenden Bauern gehörte, zeigt, dass die Deportierten
Salpeterer nicht zu jenen gehörten, die in der Fremde (wieder) zu Wohlstand
kamen.
Interessant
wäre es zu erfahren, was aus dem zwangsenteigneten Besitz der Salpetererfamilien
wurde, wer ihn und zu welchen Bedingungen erwarb. Entschädigt wurden sie
ja von den vorderösterreichischen Behörden. Und die haben die Bauernwirtschaften
wahrscheinlich nicht selbst behalten beziehungsweise den Dorfgemeinschaften von
Oberalpfen oder Buch geschenkt.
Martin
Kerek aus March bei Freiburg sandte am 10. November 2006 den folgenden Vermerk:
"ich
beschäftige mich mit der Donauschwäbischen Geschichte.
Es ist zwar
richtig, es wurden "Rädelsführer" in das Banat verbannt, aber
es wurden auch andere wohlhabende Bauern wahllos ausgesucht und ebenfalls verbannt.
Quelle:
Donauschwäbische Geschichte von Oskar Feldtänzer. ISBN 3-926276-69X
Hier
steht auf Seite 258 folgendes:
"
Am besten sind wir über die Deportierung informiert, die der Revolte von
1755 folgte... Als Strafmaßnahme griff man willkürlich 27 Hausväter
heraus, verhaftete auch deren Frauen, Söhne und Töchter...und schickte
112 Personen nach Temeswar..."
Feldtänzer beschreibt, wie sich die
Verbannten im Banat zur Wehr setzten indem Sie den Gehorsam verweigerten, wie
viele starben und wie der Wille der Überlebenden gebrochen wurde."