Der
folgende Beitrag erzählt von einer Jungenklasse, die sich nach der Wende wiedertraf
und gibt einen skizzenhaften Einblick in deren Schicksale
1.
Anlässlich des Feiertages „Tag der Einheit“ 1990 schrieb
ich damals:
„Ohne den neunten November 1989 kein dritter Oktober 1990“
Wenn in diesem Jahre zum zehnten Mal der Tag der
Vereinigung von DDR und BRD gewürdigt wird, dann soll noch einmal an die Frage
erinnert werden, welcher Tag aus dem Prozess, der zur Einheit führte, Feiertag
sein soll. Die damalige Bundespräsidentin hat öffentlich darüber nachgedacht
und viele Bürgerinnen und Bürger haben ihre Meinung dazu geschrieben und
gesagt. Es waren nicht wenige in West und Ost, die überhaupt keinen Anlass zum
Feiern sahen. Einige meinten, man solle erste einmal einige Jahre abwarten, ob
die Vereinigung und ihre Folgen, überhaupt Grund für Freude und gutem Gedenken
werden würden. Nun, nur wenig Anlass zum Jubel haben zum Jubiläum die meisten
derer, denen wir den Fall von Mauer und Stacheldraht an den Grenzen verdanken. Gewiss
gibt es einzelne Persönlichkeiten wie zum Beispiel die Herren Eppelmann oder
Gauck, die Damen oder Herren, deren Namen für die Bewegung stehen, die dazu
beitrugen, das politische System in der DDR zum Abdanken zu zwingen. Doch diese
Bewegung von unten, die sich in dem friedlichen Manifest von vier Worten „Wir sind das Volk“ zu Wort meldete, ist
der eigentliche Held in der historischen Periode, die den in Ost und West
gewählten Politikern die Tore zu Währungsunion und staatlicher Einheit aufstießen.
Erinnern wir uns kurz an die Initiativen, die in
gleicher konsequent-friedlichen Weise in den Jahren zuvor in Ost und West
Verhältnisse und Entwicklungen zu verändern oder zu verhindern suchten, die
viele Menschen als unzumutbar und unerträglich erlebten.
Da haben wir einmal die Gewerkschaft Solidarnosc in
Polen, die mit den Mitteln des friedlichen Massenprotests und von Streiks
politische Kursänderungen in ihrem Staat erzwangen.
Da fanden zum anderen in der Sowjetunion selbst in den
achtziger Jahren Prozesse der Umorientierung statt, dessen Repräsentanten – vor
allem Nikolai Gorbatschow (aus welchen
Gründen heraus auch immer) - nicht mehr bereit waren, Betonköpfe in ihren
Satellitenstaaten zu unterstützen.
Da denken wir an die Friedensbewegung in der BRD, die
unter dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ gegen eine Politik der Hochrüstung
und für den Dialog zwischen West und Ost eintrat. Diese Friedensbewegung, die
mit ihren unterschiedlichen Gruppierungen und in enger Verflechtung mit
ökologischen Vereinigungen mehr und mehr in offenem Gegensatz zur Politik der
in der BRD regierenden Parteien und tonangebenden Mächte geriet, blieb nicht
auf das westdeutsche Territorium beschränkt.
Die Friedensgruppen in der DDR bildeten die Keimzellen,
aus denen heraus sich der Mut zum Massenprotest entwickelte. Von großer Bedeutung
war in diesem Prozess das Engagement von Geistlichen der evangelischen Kirche.
So wie in den Friedensgruppen in der Bundesrepublik nicht selten Pfarrerinnen
und Pfarrer eine maßgebliche Rolle spielten und zum Beispiel der evangelische
Kirchentag 1989 in Berlin zu einer Demonstration der westdeutschen Friedensbewegung
geriet, so war es auch in der DDR. In den Kirchen und bei den Pfarrerinnen und
Pfarrern, die Politik und Kirche nicht länger mehr trennen wollten und konnten,
fanden die Friedensgruppen Schutz und Schirm. So konnte die Nicolaikirche in
Leipzig zu einem Symbol der großen Volksbewegung werden. Selbst wenn, sowohl in
der DDR als auch in der BRD – gemessen an der gesamten Bevölkerung – nur eine
Minderheit an den Protestbewegungen teilnahmen, so erreichten die Friedens- und
Ökologiegruppen eine Sensibilisierung der von ihnen aufgegriffenen Themen. In
ihrem Minderheitenstatus unterschieden sich die Friedens- und Ökologiegruppen im
Osten wie im Westen keineswegs.
In Bund und Ländern repräsentieren die Machtausübenden
Politiker allerdings ebenfalls nur eine Minderheit der Stimmbürger. Je weniger
Menschen an Wahlen teilnehmen, umso geringer ist die Basis, von der eine
Regierung vom Volk getragen wird. Es regieren zwar die Parteien auf Grund einer
verfassungsgemäß korrekten politischen Mehrheit. Real freilich vertreten sie nur
eine Minderheit aller Wahlberechtigten. Kein Wunder, dass sie nicht selten an
den Interessen ihrer Bürger vorbei regieren und damit Widersprüche erst auslösen. In West und Ost
gibt es eine umfangreiche und sehr differenzierte Geschichte von politischem Protest
und Widerstand Einzelner und kleiner Gruppen. Ohne sie wären die Organe des
Staatsschutzes hüben und drüben auch arbeitslos gewesen. Doch erst die Friedensgruppen
in beiden deutschen Teilstaaten, deren zentralen Ziele im Abbau der politischen
Spannungen und der Waffenarsenale der „Blöcke“ bestanden, gewannen immer mehr
Öffentlichkeit und Einfluss auf die Haltungen und Einstellungen der
Bevölkerung. In der DDR ebneten sie den Weg, der mehr und mehr Menschen zu großem
Mut und auf die Straßen führte.
Die herrschenden politischen Parteien hatten daran
keinen Anteil. Im Gegenteil: In der DDR wurden Regimekritiker verfolgt und
eingesperrt. In der Bundesrepublik wurden engagierte und führende Mitglieder
der Friedensbewegung, wenn auch nicht eingesperrt, so doch diskriminiert. Der
Fall des Katholiken und Fernsehpublizisten Franz Alt ist der Bekannteste.
Beamte, vor allem Lehrer und Hochschullehrer erhielten unmissverständliche
Winke ihrer Vorgesetzten, sich zurückzuhalten. Jede/r, der sich bei uns an
öffentlichen Demonstrationen beteiligte, sei es, dass er auf dem Marktplatz bei
Mahnwachen mitmachte oder in der Kreisstadt an Kundgebungen teilnahm, musste
sich von Mitbürgern anhören: „Geh doch nach drüben ...“. Nicht wenige von ihnen
vermieden es, sich dort in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zu äußern, wo ihre
Nachbarn und Kollegen, die Vorgesetzten aus Betrieben und Verwaltungen davon
etwas erfahren könnten. Man braucht keine Verbote und Gefängnisse, wenn sich
nur Politiker und Meinungsmachende Medien
in ihrer Arroganz, ihrem Unverständnis und ihrem Entsetzen darüber einig
sind, dass ein Volksteil, der kritisch und alternativ denkt und handelt,
diskriminiert werden muss.
In Ost und West wurde den kritischen, friedensbewegten
Bürgerinnen und Bürgern unterstellt, sie würden die Agenten des jeweils anderen
Staates sein und deren „Sache“ vertreten. Mit einem Unterschied freilich: Im
Osten wurden sie eingesperrt und in ihrer beruflichen und sogar physischen
Existenz bedroht – im Westen drohte ihnen wenigstens keine Haft.
Dennoch: Im Bauch der alten DDR rumorte es und es waren
Entwicklungen möglich, die weit entfernt lagen von den Klischees, die die
Selbstdarstellung dieses Staates oder der Partei in den Köpfen der Zuschauer
herausbildeten. Tatsächlich, so sehe ich das heute, waren dergleichen Prozesse
in Hochschulen, Betrieben und privaten Zirkeln, eine Voraussetzung für die
Bürgerbewegungen, die sich in dem Ausmaß zu Wort meldeten, in dem die jenseits
der Grenzen alles beherrschende Sowjet-Union die Zügel lockerte und am Ende auf
die Macht verzichtete. Als dann den reformfreudigen Kräften "die Stunde
schlug", zeigte es sich, dass das (Fernseh-) Bild vom Westen stärker war,
als alle Vernunft und sich im realen Sozialismus kein Bild vom realen Kapitalismus
hatte vermitteln lassen. So ließ sich ein Volk stürzen, wie Hans-Joachim Maaz
eine Analyse der gegenwärtigen Situation in der ehemaligen DDR überschrieb:
"Die anfängliche Euphorie war schnell der Angst vor
Veränderung gewichen (in Ost und West; J.R.) ...
„Freiheit will genutzt sein, sie fordert Entscheidung
und Verantwortung. Bereits die Wahlfreiheit zwischen vielen Möglichkeiten ist
vielen Menschen hier eine unerträgliche Last und Grund genug, noch lange Zeit
im ausgefuchsten System des konkurrierenden Scheins übertölpelt zu
werden..." (Aus: Das gestürzte Volk. München 1991, S. 31).“
2.
Was ich heute, zweiundzwanzig Jahre später, zu ergänzen habe.
Am Sonntag, d. 02.08.
2009 blickt Professor Klaus Michael Kodalle auf die Wende zurück. Er gibt
seinem Beitrag in der Sendung „Aula“ des SWR 2 den Titel: „Wie mit Schuld
umgehen?“ Damit meint er keineswegs die Schuld der Verantwortlichen in Politik,
Wirtschaft und Kultur des vereinigten Deutschland an den Miseren ehemaliger
DDR-Bürger, sondern die Schuld ehemaliger Verantwortlicher bzw. Mitwirkender
des Staatssicherheitsapparats in der ehemaligen DDR. Auch die Badische Zeitung
hatte im Juli in zwei ganzseitigen Beiträgen (jeweils an herausragender Stelle
auf Seite 3) über die Dramen an der Mauer in Berlin und die Haft in einer
Strafanstalt der DDR geschrieben bzw. berichten lassen. So muss bei uns heute
der bereits bis 1989 sorgsam gepflegte Eindruck entstehen, dass jenes „gestürzte
Volk“ vierzig Jahre lang gleichsam ausnahmslos in Angst und Schrecken lebte. Da
eine von diesen Bildern freie, und nach meiner Überzeugung vorurteilsfreie und differenzierte Darstellung des DDR-Alltags, in
den Massenmedien vermieden wird, erhalten die „Opfer der Wiedervereinigung“
keine Stimme.
Zugegeben: der
Ausdruck „Opfer der Wiedervereinigung“ ist mehr provozierend gemeint als real.
Denn die Frauen und Männer, an die ich denke, sehen sich keineswegs als „Opfer“
und würden sich vermutlich gegen diese Zuschreibung wehren. Es sind meine
ehemaligen Klassenkameraden, alle Jahrgang 1930 bis 1932 und deren Familien,
mit denen ich mich alljährlich treffe. Und über die, die von ihnen in der
ehemaligen DDR geblieben sind, möchte ich berichten.
Einundzwanzig Jungen besuchten
1949 die 11. Klasse eines Gymnasiums in einer mitteldeutschen Stadt (Abiturientenjahrgang
1950 - auf dem Foto fehlen einige Mitschüler). Von diesen blieben sechzehn in der DDR. Fünf gingen in den fünfziger
Jahren in den Westen; darunter auch ich. Hier einige Auskünfte:
2.1
Fast
alle in der DDR verbliebenen
Klassenkameraden schlossen ein akademisches Studium ab. Einer freilich
hatte sich bereits als Student an der Uni Halle das Leben genommen. Er
sei während dieser Zeit - also etwa 1953 - mehrmals in Westberlin
gewesen. Eines Tages wurde er wegen Spionageverdachts verhaftet und
blieb einige Wochen weg. Bald nach seiner Entlassung habe er sich, so
berichten die Klassenkameraden heute, von einer Brücke in den Tod
gestützt.
Drei lehrten später an
Universitäten. Von diesen waren zwei politisch engagiert: Einer lehrte an der
Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam Philosophie (Tod nach
schwerer Krankheit: 1976); der andere, ein Dr. rer. oec. habil., Wirtschaftswissenschaften
in Dresden. Diese beiden waren SED-Mitglieder geworden und
bereits während des letzten Schuljahres in der FDJ aktiv. Alle anderen waren
und blieben ohne ein politisches Engagement (z. B. Mitglied einer Partei oder
Funktionen in „Massenorganisationen“ der DDR). Mehr noch: ihre kritische bis
reservierte Haltung gegenüber der Besatzungsmacht und den politischen
Repräsentanten in der DDR war genau so ausgeprägt wie meine gegenüber jenen in
der DDR und BRD. Durch Krieg und Nachkriegszeit waren wir „gebrannte Kinder“.
Der dritte, ebenfalls
habilitiert und Universitätsprofessor hatte einen Lehrstuhl für Kinderheilkunde
in Greifswald inne.
Unter den ehemaligen
Klassenkameraden befinden sich noch weitere Mediziner: Ein Allgemeinmediziner
(Tod 1994), ein Tierarzt (Tod 1995), ein Röntgenfacharzt, ein Facharzt für
Psychiatrie. Dieser leitete eine psychiatrische Klinik in Sachsen und ist, wie
der Medizinprofessor in Greifswald und ein evangelischer Geistlicher, 1997 –
also mit Erreichen der Altersgrenze, in den Ruhestand gegangen.
Die anderen
ehemaligen Klassenkameraden, die im Osten geblieben waren, wurden, soweit sie
noch lebten, mit ihren jeweiligen Betrieben „abgewickelt“ und zwischen 1989 und
1991 in Rente geschickt. Unter ihnen zum Beispiel ein promovierter Chemiker
(mit den Auszeichnungen „Verdienter Erfinder“ und „Nationalpreis“) oder vier
Diplomingenieure verschiedener Fachrichtungen (einer von ihnen lebt nach einem
Schlaganfall in einer Pflegeeinrichtung). Nur ein Klassenkamerad wurde, wie
ich, Pädagoge. Als Lehrer für Geographie und Biologie unterrichtete er bis zur
Wende an einer Oberschule. Er erzählte mir, dass er, um studieren zu können
(sein Vater war Rechtsanwalt) erst zwei Jahre bei der „Wismuth“ (ein sowjetischer
Betrieb für Urangewinnung) hat arbeiten müssen. Seine Erkrankungen, an denen er
dann auch 1996 starb, führte er auf diese „Bewährung in der Produktion“ zurück.
Auch auf diesem Foto aus der Zeit nach der Wiedervereinigung sind nicht mehr alle vertreten, die 1989 noch erlebt hatten
ch hatte bereits
bald nach der Wiedervereinigung mit jenem, mit dem ich seit dem ersten
Schuljahr zur Schule ging und der als „Abgewickelter“ 1991 in sein Elternhaus
zurückgekehrt war, Kontakt aufgenommen. Durch ihn stellte sich die Verbindungen
zu den anderen her, von denen uns einige später auch hier in Baden besuchten.
Seit 2003 treffen sich alle Klassenkameraden aus Ost und West mit ihren Partnerinnen
nacheinander in den jeweiligen Wohnorten, lernen die Landschaften, kulturelle
und ökonomische Besonderheiten in der jeweiligen Stadt und Region kennen und
haben
hinreichend Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Gesprächsinhalte sind
überwiegend die Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit und hier
wieder die
gemeinsame verbrachten Monate, in denen wir in Lagern evakuiert waren,
an das
Kriegsende und die schweren Jahre danach. Bei uns im Südschwarzwald
waren die, die noch eine so weite Reise unternehmen konnten, erst
kürzlich im Sommer 2011.
2.2
War für uns das
Kriegsende die erste große Zäsur in unserem Leben (wir fühlten uns 1945 noch
ausnahmslos als besiegte, entrechtete oder gar geknechtete Deutsche und
keineswegs als befreite), so wurde mit 1989 erneut von heute auf morgen eine
weitere Veränderung unserem Leben hinzugefügt. Und wieder war niemand von den
Klassenkameraden, weder von denen im Westen, noch von jenen, die drüben
geblieben waren, irgendwie aktiv daran beteiligt. Vertreter der Opposition in
der DDR waren keine unter uns. Auch jener Diplomingenieur, der in Leipzig
ansässig wurde, blieb während der Montagsdemonstrationen in seiner Plattenbauwohnung.
In den Augen meiner Klassenkameraden war die Regelung der Zukunft Deutschlands
nicht zuletzt eine Angelegenheit jener, die die Trennung zu verantworten
hatten. Und das waren nun einmal die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands. Und
die waren ja dann auch maßgeblich an der Korrektur ihrer Besatzungspolitik
beteiligt.
Im November 1989
verstand wohl keiner von uns dieses Ereignis als eine „Befreiung“. Gewiss,
objektiv war ein ungeliebtes Regime auf deutschem Boden liquidiert. Endlich,
und das genossen alle Klassenkameraden gleichermaßen, konnte man in das westliche
Ausland reisen, Dinge kaufen, die es bis dahin nicht oder nur schwer gab (sogar
Autos).
Und noch etwas erscheint
mir wichtig, erwähnt zu werden: Keiner litt von ihnen mit ihren Familien nach
der Wende materielle Not, denn alle bekamen die Rente in jener Höhe, die ihren
Einkommensverhältnissen aus ihrer aktiven Zeit entsprach. Und da ausnahmslos
auch die Frauen berufstätig gewesen waren, hat offenbar jede Familie ein
ausreichendes Einkommen, kann reisen – vor allem ins Ausland und nach
Westdeutschland. Dort leben und arbeiten ihre Kinder, gleichfalls zumeist hochqualifiziert.
Der Wirtschaftsprofessor aus Dresden zum Beispiel verbringt mit seiner Frau, die
ebenfalls berufstätig war, mehrere Wochen im Jahr bei der Familie der Tochter
in Nordrhein-Westfalen und betreut dort die Enkel.
2.3
Es hat vieler
Gespräche bedurft, um über die Lebenssituation vor und nach der Wende
Informationen zu erhalten. Nicht einer von ihnen hat mir gegenüber die
vorzeitige Verrentung beklagt, über den Westen und seine Politik geschimpft
oder sonst wie Beschwerde geführt. Der Allgemeinmediziner zum Beispiel, er war
Betriebsarzt in einem Braunkohlekraftwerk und schaute von seinem mit grauschwarzer
Erde bedeckten Garten aus auf vier gewaltige Schornsteine, bekam vom Betrieb
nach der Wende das Haus, das ihm als Dienstwohnung zugewiesen worden war, zum
Kauf angeboten. Für Frau und Sohn, ebenfalls Allgemeinmediziner, griff er zu.
Da er aber an Leukämie litt, hatte er selbst nicht mehr lange etwas von seinem
neuen Besitz.
Es ging und geht –
soweit sie noch leben, - allen nach landläufigen Vorstellungen recht gut. Die
jeweiligen Lebenswege und Befindlichkeiten in Ost und West bis 1989 sind bisher
nicht thematisiert worden. Doch wenn man nachbohrt und genau hinhört, dann wird
offenbar, dass alle gelitten haben. Und zwar keineswegs unter den
DDR-Verhältnissen. Mit denen hatten sie sich offenbar irgendwie arrangiert und
jeder hatte seine Nische gefunden. Nach der Wende aber waren zwölf von sechzehn
(zu einem Klassenkamerad in der ehemaligen DDR konnte bisher noch kein Kontakt
hergestellt werden) innerhalb kurzer Zeit als überflüssig beiseite gestellt worden,
verloren ihr Tätigkeitsfeld, über das sie sich definierten und – genau wie
alle, die ihren Beruf gern ausüben – einen guten Teil ihres Selbstwertgefühls bezogen.
Auch die Ehefrauen!
Ich denke da zum Beispiel an die Bibliothekarin, Leiterin einer großen
Betriebsbibliothek, die ihren Beruf liebte und, wie ihr Mann, 1990 vor dem
beruflichen Aus stand. Ein Neuanfang in einem Alter von einundfünfzig Jahren
war ihr nur schwer möglich. Sie ließ nicht locker. Weiterbildung und Initiative
verhalfen ihr zu einer Nebentätigkeit als Stadtführerin und Kulturexpertin.
Freilich nur freiberuflich und jämmerlich gering vergütet. Gerade kürzlich, mit
siebzig Jahren, zog sie sich aus diesen Aufgabenfeldern zurück. Doch der
Stachel, vor zwanzig Jahren aus dem Beruf katapultiert zu werden, der tut noch
heute weh.
Doch niemand spricht
das offen aus! Und niemand äußerte sich mir gegenüber bisher dazu kritisch oder
gar vorwurfsvoll. Und wenn ausnahmslos alle diese ehemaligen DDR-Bürger seither
Herzinfarkte erlitten und an anderen Kreislauferkrankungen leiden – auch die
jeweiligen Gebrechen sind ein Gesprächsthema bei unseren Begegnungen, - wird das
dem Alter zugeordnet. Ein Zusammenhang mit den seelischen Verstörungen der
Nachwendezeit ließe sich auch kaum belegen. Auch von uns fünf, die im Westen
lebten, sind schließlich in den letzten Jahren zwei erkrankt.
Soweit der gegenwärtige Stand meiner Informationen. Um
über das Schicksal ausnahmslos aller meiner Klassenkameraden schreiben zu
können, bedarf es noch weiterer Begegnungen. Insofern ist mein Beitrag zur
Stunde noch unvollständig. Es fehlen zum Beispiel noch Bemerkungen über uns fünf,
die wir die DDR vor über fünfzig Jahren verlassen hatten.
2.4
Noch ein anderer
Aspekt beschäftigte die, mit denen ich über diese Thematik sprach: der, der
Repräsentativität unserer Schicksale. Weder bezogen auf die Nachkriegszeit,
noch unsere Erfahrungen aus der Nachwendezeit dürfen wir als repräsentativ für
die Bevölkerung betrachten. Wir sehen uns rückblickend als privilegiert, weil
wir vor sechzig Jahren aus Familien kamen, die uns den Oberschulbesuch, der
immerhin bis zum Schluss achtzehn Mark Schulgeld im Monat kostete (zum
Vergleich: Amortisation und Zinsen für ein Siedlungshaus – Neupreis 1936:
12.000 RM - betrugen 40 RM monatlich; unsere Mütter oder Väter verdienten kaum
200 Mark monatlich).
Außerdem hatten wir 1989 mit unseren Hochschulabschlüssen alle gute Positionen
inne.
Günstigenfalls können
wir uns als typische Vertreter der „weißen Jahrgänge“ (die hüben und drüben vor
und nach 1945 keinen Militärdienst zu leisten brauchten) und unter diesen jene
mit Hochschulabschlüssen betrachten. Doch fehlen uns Vergleichsdaten.
Wir waren – vor allem
nach dem Kriege - zufällig zusammen gekommen. Etwa die Hälfte waren Flüchtlinge
(Vertriebene) aus den deutschen Ostgebieten. Vier von zweiundzwanzig hatten
ihre Väter im Krieg verloren – das war damals nicht Besonderes.
Wir hatten alle aktiv
(und täglich mehr als acht Stunden) am Wiederaufbau unserer zerstörten Heimat
mitgewirkt und waren nach unseren Ausbildungen ununterbrochen in unseren
Berufen tätig geblieben. Jeder von uns hatte geheiratet und jeder war Vater geworden.
Dies zur Frage der
Vergleichbarkeit mit den Schicksalen aller anderen Bürger nach dem Kriege in
Deutschland.
3.
Eine Bilanz.
3.1
Für mich
repräsentieren meine ehemaligen Klassenkameraden, die in der DDR geblieben
waren, die DDR-Bürger. Und zwar einmal jene Minderheit, die sich in pointierter
Weise mit dem politischen System identifizierte (zwei von sechzehn) und jene
Mehrheit, die sich, ohne sich groß um die offiziell gültigen Ideologien zu scheren,
ihrem Beruf und in ihrer Freizeit ihren Steckenpferden und ihren Familien
widmeten. Soweit sie blieben, wo sie geboren und aufgewachsen waren oder mit
den Jahren Wurzeln schlugen, sind sie noch heute so von ihrer Heimat angetan,
wie die Alemannen im Breisgau oder Hotzenwald, unter denen ich seit mehr als
fünfzig Jahren lebe.
3.2
Dass den meisten von ihnen
im vereinigten Deutschland die berufliche Tätigkeit im Alter von 58 bis 60 Jahren
entzogen und sie unfreiwillig verrentet wurden, fassten sie nicht als Gewinn
auf. Dass sie die damit verbundenen Kränkungen gleichsam achselzuckend und
widerstandslos hinnahmen, führe ich auf vierzig Jahre Leben in totalitären
Strukturen zurück. Nicht einmal über ihre persönlichen Erfolge im Beruf bis
1989 mögen sie sprechen. Vielleicht ist es eine Mischung von Scham und Stolz,
die die betroffenen ehemaligen DDR-Bürger daran hinderten, ihr Nachwendezeit-Schicksal
öffentlich zu beklagen. Dieses Verhalten erinnert mich an das eines
fünfundvierzigjährigen Freundes aus einer südbadischen Stadt, der vor wenigen
Tagen nach fünfundzwanzig Jahren
Tätigkeit im Alter von 58 bis 60 Jahren
entzogen und sie unfreiwillig verrentet wurden, fassten sie nicht als Gewinn
auf. Dass sie die damit verbundenen Kränkungen gleichsam achselzuckend und
widerstandslos hinnahmen, führe ich auf vierzig Jahre Leben in totalitären
Strukturen zurück. Nicht einmal über ihre persönlichen Erfolge im Beruf bis
1989 mögen sie sprechen. Vielleicht ist es eine Mischung von Scham und Stolz,
die die betroffenen ehemaligen DDR-Bürger daran hinderten, ihr Nachwendezeit-Schicksal
öffentlich zu beklagen. Dieses Verhalten erinnert mich an das eines
fünfundvierzigjährigen Freundes aus einer südbadischen Stadt, der vor wenigen
Tagen nach fünfundzwanzig Jahren erfolgreicher Tätigkeit in seinem Betrieb
„freigestellt“ wurde. Niemand in seinem sozialen Umfeld soll etwas erfahren! Verzweifelt
versucht er, der wegen Familie und Haus nicht nach China oder Indien ziehen
kann, wohin die Firma „verlagert“ wurde, nun eine neue Existenz zu schaffen. Er
geniert sich für ein Schicksal, an dem er ohne Schuld ist.
3.3
Dass in der Öffentlichkeit
– sogar in relativ unabhängigen Medien - heute in Deutschland so getan wird,
als seien nur die negativen Erscheinungen in der ehemaligen DDR einer
Betrachtung wert und verdienen es nur ihre politischen Gegner, sich äußern zu
dürfen, halte ich für Einäugigkeit.
Die Begegnungen mit
meinen ehemaligen Klassenkameraden sind für mich der Nachweis dafür, dass
einmal drüben genau so wie hier in ihren Berufen tüchtige Menschen lebten,
denen in ihrem Alltag die Politik und ihre Repräsentanten im höchsten Grade
egal waren; übrigens genau so wie hier bei uns einer bedeutenden Minderheit wie
die Nichtwähler z. B..
Ich denke eine
differenziertere Betrachtungsweise haben unsere Mitbürger in den neuen
Bundesländern verdient. Und wenn von „Schuld“ die Rede ist, dann sollte auch
die der Sowjetunion und des Westens und seiner Repräsentanten in Politik,
Wirtschaft, Justiz und Kultur thematisiert werden. Hitlerdeutschland, also
viele unserer Mütter und Väter, haben zwar mit ihrer Verantwortung für
Kriegsausbruch und Kriegsfolgen die Besatzungszonen der Nachkriegszeit
begründet. Der „kalte Krieg“ aber schuf und begleitete propagandistisch das
Feindbild zwischen Ost und West, dessen politische, ökonomische und kulturelle
Folgen uns Deutsche, ohne unser Zutun, in Bürger der BRD oder der DDR spaltete.
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