Widerstand
als Tugend
1.
Widerstand
- eine sehr menschliche Eigenschaft
In
meinem Buch über die Salpetererunruhen im Hotzenwald Freiburg 3/2010 (S. 163), finden
Sie folgenden Absatz:
"Ein
wichtiges menschliches Bedürfnis erweist sich in der Geschichte immer wieder
als Triebfeder des Handelns Einzelner oder von Gruppen: Das Streben nach Anerkennung
der menschlichen Würde. Wird diese Würde verletzt, setzen sich Menschen
zur Wehr. Armut und Entbehrungen sind leichter zu ertragen als Diskriminierungen.
Besonders von jenen, die Macht über andere Menschen haben oder denen Macht
durch Wahlen geliehen wurde, erwartet der Einzelne, menschenwürdig behandelt
zu werden. Dabei geht es nicht allein um materielle Lebensbedingungen, die ein
menschenwürdiges Dasein ermöglichen, sondern auch um die Art und Weise,
wie mächtige, beziehungsweise als mächtig empfundene Mitbürger
anderen begegnen. Gegenseitige Akzeptanz, Anerkennung und Achtung sind zwar Begriffe
aus unserer Zeit. Von Bedeutung für jeden einzelnen aber waren sie seit Menschengedenken.
Nichts kränkte unsere Vorfahren so sehr und trug zur Verschärfung von
Auseinandersetzungen bei, wie die offenkundige Missachtung, die Überheblichkeit
oder die Arroganz von weltlichen oder geistlichen Obrigkeiten."
Ein
Wort unserer Zeit, das die Erscheinungen von Überheblichkeit, Arroganz oder
Machtmissbrauch in sozialen, ökonomischen, kulturellen oder politischen Lebensbereichen
zu fassen sucht, ist das der "Fremdbestimmung". Gerade in alltäglichen
Zusammenhängen lassen sich zum Teil erhebliche Widerstände gegen die
vom Einzelnen erlebten Zwänge, also gegen die "Fremdbestimmung"
beobachten. Eltern erleben es bei ihren Kindern, die Erzieherinnen und Erzieher
in den Kindergärten oder die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen: immer
wieder setzen sich Kinder gegen Erwartungen oder Forderungen Erwachsener zur Wehr.
Sie zeigen "Widerstand". Diese widerständigen Haltungen haben in
der seelischen Entwicklung einen guten Zweck, da Kinder in den damit verbundenen
"Reibungsprozessen" reifen, die eigene Persönlichkeit entwickeln
und sich die Werte und Normen der Gesellschaft, in der sie heranwachsen, aneignen
können. Die Widerstände des Kinde, so ließe sich vereinfacht sagen,
dienen der Entwicklung seiner Persönlichkeit und sind darum konstruktiv.
2.
Widerstand
eine sehr alte Tugend
Konstruktiv
auch sind alle jene widerständigen Haltungen und Handlungen Erwachsener,
die in humanistischen, dem Menschenbild unserer Verfassung oder der Charta über
die Menschenrechte der Vereinten Nationen entsprechenden Wertvorstellungen verankert
sind und das Ziel verfolgen, sie zu bewahren und vor jenen zu schützen, die
sie aushöhlen oder gar beseitigen wollen. Bereits in der "Erklärung
der Menschenrechte" der französischen Nationalversammlung vom 26. August
1789 heißt es:
"Der Zweck aller politischen Vereinigung ist die
Erhaltung der natürlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen.
Diese Rechte sind die Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit und der Widerstand
gegen die Unterdrückung".
In den Forschungen des deutschen Philosophen Axel Honneth und
seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Frankfurter Institut für
Sozialforschung an der Universität Frankfurt sind die Bürgerrechtsbewegungen unserer Zeit ein Kampf
um die angemessene Anerkennung der Bedürfnisse ganzer Gruppen in einer
Gesellschaft.
Honneth spricht in
diesem Zusammenhang von der "Verletzung normativer Standards" wie zum
Beispiel dem "Prinzip der Gleichheit durch massive Ungerechtigkeiten",
die Widerstände bei den Betroffenen hervorrufen und Widerstand
legitimieren. Widerstandsbewegungen sind nicht zuletzt der Ausdruck
"verletzter Ehre", eines fehlenden "angemessenen Respekts" und der
"Anerkennung von Bedürfnissen", die ein menschenwürdiges Dasein
kannzeichnen. Als Beispiel nannte er die Frauenbewegung. (Axel Honneth
im Gespräch mit Barbara Bleisch in der Sendung von "3Sat" Sternstunden
der Philosophie" am 05. Februar 2012)
Vgl. dazu auch
seine Schriften: "Kampf um Anerkennung. zur moralischen Grammatik
sozialer Konflikte." (Frankfurt 1992). "Das Recht der Freiheit.
Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit" Frankfurt 2011 und die laufenden Forschungen .
In
der Menschheitsgeschichte finden wir viele Personen oder Gruppen, die sich dafür
einsetzten, diesen allgemein anerkannten Normen und Werten Geltung zu verschaffen,
sie zu verteidigen, wenn sie bedroht waren oder um sie zu ringen, wo und wann
sie missachtet wurden. Es lässt sich da weit ausholen und zum Beispiel an
die Sklavenaufstände in der Antike denken. Sklaverei galt schon damals zum
Beispiel für römische Juristen oder für das Christentum als menschenunwürdig,
nicht mit der Menschennatur im Einklang stehend bzw. als "unsittlich".
Im Mittelalter schuf Eike von Repkow mit der Kodifizierung überlieferter
Rechtsgüter den "Sachsenspiegel", in dem, orientiert am christlichen
Menschenbild, jede Form der Hörigkeit verworfen wurde.
Widerständige
Bewegungen, die die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit in neuen
Formen des Zusammenlebens umzusetzen suchten, wie zum Beispiel die
Waldenser, Hussiten oder Albigenser wurden grausam verfolgt. Martin
Luther im 16. und Martin Luther King im 20. Jahrhundert sind Beispiele
dafür, dass widerständige Bewegungen auf der Grundlage des christlichen
Menschenbildes bis in unsere Zeiten hinein wirkten. Nicht zuletzt
stehen uns Deutschen Widerstände gegen Hitler und seine
Schergen als Vorbilder für Mut und Heldenhaftigkeit vor Augen.
Interessant
ist gerade in diesem Zusammenhang, dem Widerstand gegen das NS-Regime,
dass der Begriff "Widerstand" Wissenschaftler zu einer Fülle an
Definitionsversuchen veranlasste (vgl. dazu
beonders die ausführliche Darstellung derartiger Bemühungen im Buch von
Ian Kershaw: Der NS-Staat. 4. Auflgage, Hamburg 2009. bes. das 9.
Kapitel "Normalität und Genozid". S. 329 - 355).
Diese Klärungsversuche seit der Geschichtschreibung über das "Dritte
Reich", die nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, scheinen noch
immer nicht zu Ende zu sein. Ich hoffe aber, dass die Darlegung meines
Verständnisses von "Widerstand" und "widerständigen Bewegungen" für
jede Besucherin/jeden Besucher dieser Seite deutlich genug ist. Mein
Interesse an dieser Thematik, um diese Zwischenbemerkung abzuschließen,
begründe ich mit meiner Sympathie für alle Menschen, die sich mit
Situationen und Prozessen, die ihrer Überzeugung nach den oben
genannten Grundwerten und Grundrechten entgegenwirken, nicht abfinden
sondern statt dessen Widerstand in Wort und Tat leisten.
Immer
wieder wurde für die Durchsetzung neuer Idealvorstellungen auch Gewalt
angewendet. Für die Werte "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit"
gingen Franzosen auf die Barrikaden und brachten Ihre Diktatoren um. In
Frankreich auch waren es Autoren wie Andre Gide, Jean-Paul Satre,
Michel Foucoult, Bernhard-Henri Levi oder Pierre Bourdieu, die -
gleichsam als geistige Erben von Emile Zola - die jeweils bestehenden
Machtverhältnisse zwar nicht abschaffen wollten aber Alternativen
entwarfen und Gegenmächte in ihrem Kampf unterstützten. "Sie
orientierten sich nicht an Staatsraison und an wirtschaftlichem
Gewinnstreben, sondern an Menschenrechten, an Werten wie Freiheit,
Gerechtigkeit, Solidarität" ( Sabine Günther in der Sendung "Wissen" des SWR 2 am 11. 04. 2002 und am 28.07.2011).
Widerstand
gegen Unfreiheit und Tyrannei verließ häufig die Formen demonstrativen
Protests oder gewaltfreien Widerstandes und schlug um in Bürgerkrieg
und Revolutionen. Aus der deutschen Geschichte ist hier besonders an
den badischen Revolutionär Friedrich Hecker zu denken, dem in der
Badischen Zeitung (v. 28. 09. 2011, S. 11)
unter dem Titel "Die Freiheit war sein Traum" aus Anlass seines 200.
Geburtstages ein Aufsatz von Heinz Sieold gewidmet ist. "Bis zu seinem
Lebensende" so weiß Siebold unter Berufung auf eine Arbeit von Kurt
Hochstuhl (Friedrich Hecker-Rvolutionär und Demokrat. Stuttgart 2011) zu berichten, kämpfte Hecker "unermüdlich für Demokratie und Freiheit".
Gegen
Ausbeutung und soziale Not - man kann auch sagen: für ausreichende materielle
Lebensbedingungen und eine menschwürdige Existenz - gab es ebenfalls immer
wieder Aufstände, bei denen die Betroffenen sich gegen die zur Wehr zu setzen
suchten, die ihnen diese Grundrechte beschnitten. In Russland, in Spanien aber auch in den
Südamerikanischen Staaten und vielen anderen Ländern der "Dritten
Welt" fanden und finden derartige Auseinandersetzungen statt. Sie richteten
und richten sich zugleich auch gegen die Regierungen in den betreffenden Ländern,
da diese dort stets auf der Seite der wirtschaftlich mächtigsten Personengruppen
standen, die jeweils die modernen Formen von Versklavungen auf die Spitze trieben.
In
diesem Zusammenhang lässt sich festhalten, dass gegen jene Staaten bzw. Regierungen
Widerstand organisiert werden müsste, die in eklatanter Weise und in aller
Öffentlichkeit gegen entsprechende Einsichten verstoßen und die Lebensgrundlagen
der Menschheit bewusst weiter gefährden. Dies hat, wie am 18. April 2008
die Nachrichtenagenturen verbreiteten, der us-amerikanische Präsident Bush
getan, als er in einer Rede bekannt gab, dass sich die USA den Abkommen über
den Schutz unseres Klimas erst in zehn Jahren (!) anzuschließen gedenken.
Dass gegen diese Missachtung von Allgemeininteressen, die von den meisten Staaten
der Welt unterstützt werden, nicht Widerstand, geleistet und mit Sanktionen
geantwortet wird, ist allein der ökonomischen Stärke und der militärischen
Überlegenheit der USA geschuldet, die der Präsident repräsentiert.
Der Widerstand ohnmächtiger Gruppen gegen diese Politik wird auch dann als
"Unterstützung des Terrorismus" diskriminiert, wenn diese auf Gewalt
verzichten. Im 18. Jahrhundert waren die Truppen der kaiserlichen Kommissionen,
die den Widerstand der salpeterischen Bauern brachen, in einer vergleichbar dominanten
Situation. Und die widerständigen Bauern wurden als Verbrecher bezeichnet
und entsprechend verfolgt
3.
Widerstand
nach 1945
Seit
den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts haben die Widerstände
gegen Ausbeutung, Aufrüstung, Krieg und Völkermord, oder positiv ausgedrückt,
die öffentliche und laute Forderung nach Frieden ohne Waffen zugenommen.
Die "Friedensbewegung", unter diesem Sammelbegriff kennt man die Personen
und Personengruppen, die seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von sich
reden machten, trat bzw. tritt ebenso konsequent wie ausnahmslos für die
friedliche Lösung von Konflikten in allen Lebensbereichen ein. Da diese pazifistische
Grundhaltung bisher nirgendwo politisch eine Mehrheit fand, lassen sich gegenwärtig
noch immer in allen Staaten Widerstände gegen die dort jeweils herrschenden
politischen Gruppen beobachten.
Nun
gibt es aber Unterschiede widerständigen Verhaltens und seiner Motive.
Ein
Widerstand oder eine Verweigerung um des Widerstands oder um der Verweigerung
willen, sozusagen ein querulantes Verhalten, wie wir es in unserem Alltag oft
antreffen, möchte ich als destruktiv bezeichnen. Auf den folgenden Seiten
werden uns sicher diese Unterschiede von destruktivem Widerstand auf der einen
und konstruktivem Widerstand auf der anderen Seite immer wieder beschäftigen.
Ihren unterschiedlichen Erscheinungen, ihren Bedeutungen und Funktionen sind die
Aufsätze unter dem Sammelbegriff "Salpeterisches" gewidmet.
Vielleicht lesen Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher zunächst die Seite
über die Kundgebung gegen den Irakkrieg. Dort
finden Sie an einem aktuellen Beispiel, der Friedenskundgebung am 15. Februar
2003 in Waldshut, bereits einige erste Hinweise auf das, was ich als konstruktive
Widerstände verstehe.
Im
Jahre 2003 jährte sich zum fünfzigsten Male der 17.
Juni 1953 an dem Bauarbeiter und viele andere Bürgerinnen und Bürger
in der ehemaligen DDR die Arbeit niederlegten und auf die Straße gingen,
um gegen veränderte Arbeitsbedingungen zu protestieren. Ich war damals, selbst
Arbeiter auf einer Baustelle, in Berlin dabei. Meine Erinnerungen wollte ich,
wenige Jahre später in der damaligen BRD veröffentlichen. Aber niemand
wollte sie haben. Meine Aufzeichnungen passten nicht in das Bild, das während
des "Kalten Krieges" in der BRD über unseren Widerstand gezeichnet
wurde. Nun aber ist bald ein Menschenalter darüber hinweg gegangen, und heute
ist eine unvoreingenommenere Darstellung möglich. Das Institut für Zeitgeschichte
in Potsdam hat meine Erinnerungen an meinen siebzehnten Juni ins Archiv genommen.
Ich stelle sie hier ein und schicke vorsorglich voraus, dass es sich um persönliche
Erinnerungen und nicht um Ergebnisse objektiver historischer Forschung handelt.
Auch damals richtete sich unser Protest nicht gegen die DDR als Staat, sondern
gegen die nach unserem Empfinden spürbare Verletzung der dort geltenden Verfassungsinhalte
durch die Staatsorgane. Darum ist es in der Bundesrepublik zu begrüßen,
dass Gesetze auf ihre Verfassungsgemäßheit hin geprüft werden
und darüber gewacht wird, dass der Interpretationsspielraum derartiger Prüfungen
nicht zu Lasten der Interessen der Bürgerinnen und Bürger geht.
In
diesem Zusammenhang ist auf einen hochbedeutsamen qualitativen Unterschied zwischen
Staatsformen zu verweisen: In totalitär geführten Staaten bzw. mehr
oder weniger gemäßigten Diktaturen, werden widerständige Verhalten,
ja sogar widerständige Einstellungen verfolgt und bestraft. Die Anzahl von
Künstlern oder Journalisten, die ihre Heimatländer verlassen müssen,
da sie dort nicht frei schaffen und unbehelligt leben können, sind lebende
Beispiele für die Existenz derartiger Diktaturen
Demokratien sind als
"freiheitlich" dann charakterisiert, wenn sie widerständige Bewegungen
tolerieren, sofern diese das Leben und die Freimütigkeit Anderer achten
Weil unsere "westlichen Demokratien" aber noch immer ein erhebliches
Stück von jenen Idealen entfernt sind, die einer "echten
wirtschaftlichen und sozialen Demokratie" entsprechen, wie sie einst in
der Erklärung der universellen Menschenrechte der Vereinten Nationen
gefordert wurden, ruft Stephane Hessel zu "friedlicher Auflehnung" auf.
Der (2010) dreiundneunzig jährige Hessel, der das KZ Buchenwald
überlebte und dem französischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung
während des Zweiten Weltkrieges angehörte, hatte an der Abfassung der
Menschenrechtserklärung mitgewirkt. Heute, nicht weit vom Ende seines
Lebens (wie er schreibt) hat er dazu aufgerufen, die weit verbreitete
Gleichgültigkeit abzuschütteln und überall dort und dann Widerstand zu
leisten, wo und wenn die betroffenen Bürgerinnen und Bürger
demokratische Werte gefährdet sehen.
Vgl. dazu u. a. einen Internetkommentar von Rudolf Balmer vom 04.01.2010:
http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/indignez-vous/
Vgl. weiter die Autobiographie von Stephane Hessel: Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen. Zürich-Hamburg 1998
4.
Widerstand
in der Bundesrepublik
In
der Bundesrepublik Deutschland war und ist ein derartiger konstruktiver Widerstand
möglich. Es gibt zwar Wissenschaftler, die meinen, dass es in einer Demokratie
keinen Widerstand gäbe (weil ja nicht diese Verfassung abgeschafft
werden soll), sondern "nur innere systemimmanente Rivalitäten und Konflikte" (Kershaw
zitiert Peter Hüttenberger auf S. 293 / Anm. 37. Ein bemerkenswertes
Beispiel eines Versuchs den Begriff zu klären). Für
mich entscheidend bleibt das Phänomen und das Selbstverständnis jener,
die den Konflikt austragen. Ich denke hierbei zum Beispiel an die
Zeiten, als während des "Kalten Krieges" mit Unterstützung
beziehungsweise Billigung der Bundesregierungen von den damaligen
Besatzungstruppen Raketen mit Atomsprengköpfen aufgestellt werden
sollten und wurden. Die internationale Friedensbewegung wuchs in jenen
Jahren zu einer unübersehbaren Kraft heran, die Leitgedanken fördern
wollte wie "Schwerter zu Pflugscharen" oder "Frieden schaffen ohne
Waffen". In Deutschland schlossen sich viele Menschen aus allen
Schichten und jung und alt der Friedensbewegung an und machten Gebrauch
von ihrem "Recht auf Widerstand", wie es Günther Grass am 30. Januar
1983 in der Frankfurter Paulskirche postulierte. Auch bei uns im
Hotzenwald trafen sich Bürgerinnen und Bürger in einer "Friedensgruppe"
und wirkten öffentlich für eine Friedenspolitik, und stellten sich den
offiziellen, von den Regierungen, der Rüstungsindustrie und anderen interessierten
Gruppen begangenen Wege, entgegen. Über die Geschichte dieser Gruppe, die sich eindeutig als Widerstandsgruppe erfuhr, wird
hier - stellvertretend für die vielen anderen in unserer Region - berichtet.
Selbstverständlich
gab es auch stets Gegenbewegungen. Die Widerstände gegen Widerständiges
wie lauten Protest oder stille Verweigerung kamen (und kommen) in der Regel von
den Regierungsvertretern, Parteien und Mächtegruppen, die ihre Interessen
gefährdet sahen. Nicht zuletzt aber können sich alle konservativ orientierte,
auf Ruhe und Ordnung bedachte Mehrheiten von Bürgerinnen und Bürgern
nicht mit widerständigen Gedanken oder mit entsprechenden Alternativen anfreunden.
In der Gegenwart haben die Friedens- und die Ökologiebewegung das recht deutlich
erfahren. Vor allem dann, wenn Darstellungen in Massenmedien Ängste vor Neuerungen
bzw. Veränderungen wecken, haben widerständige Gedanken und Initiativen
kaum eine Chance zur politischen oder wirtschaftlichen Verwirklichung. Denn auch
in unserem Rechtsstaat, in dem alles rechtlich geregelt ist und Juristen definieren,
was und wieweit Proteste bzw. Widerstände erlaubt sind, steht die Justiz
auf der Seite der Machthaber. "Recht ist, was den Waffen nützt."
heißt der Titel eines Buches von Helmut Kramer und Wolfram
Wette (Berlin 2004). Darin wird anschaulich belegt, wie die Justiz auf den
Pazifismus im 20. Jahrhundert reagierte.
Noch
längst ist nicht alles gesagt, was zum Thema "Widerstand" gesagt
werden müsste. In dem Beitrag über den Freiheitsbegriff
finden sich einige ergänzende Ausführungen. Wir haben in Deutschland
inzwischen ein umfangreiches, ganze Bibliotheken füllendes Schrifttum über
den Widerstand. Da gibt es zum Beispiel die vielbändige "Bibliothek
des Widerstandes" (über die Jahre 1933 bis 1945), die bereits seit Anfang
der siebziger Jahre vom Röderberg Verlag in Frankfurt herausgegeben wurde.
Da hat weiter der Historiker Wolfgang Kraushaar 1996 eine ebenso umfangreiche
wie ausführliche "illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und
Utopie" vorgelegt. Das vierbändige Werk (einschließlich Registerband)
dokumentiert "Die Protestchronik 1949 - 1959" (so der Titel) der Bundesrepublik
Deutschland.
Ob und inwieweit die Salpeterer als "Freiheitskämpfer"
bezeichnet werden können, gibt ein gesonderter Beitrag von mir Auskunft, der auch
in der Zeitschrift "Badische Heimat" (Nr. 2/2005) veröffentlicht
wurde.
5.
Widerstand
in Deutschland: Vorbilder für die Jugend
In
Deutschland gehören die Widerstände gegen die deutschen politischen,
militärischen und wirtschaftlichen Diktaturen zur nationalen Geschichte.
Es sind diese Widerstandsbewegungen, die in Aufstände und Revolutionen mündeten,
wie die aus dem Jahre 1989, die uns Deutschen heute die Chance anbieten, aus ihnen
ein Nationalgefühl abzuleiten, das frei ist von faschistoidem Gedankengut.
Der Stolz auf
jene Vorfahren, die sich als Teile von Widerstandsgruppen oder als Einzelpersonen
in offenem oder verstecktem Kampf oder als Verweigerer und Agitatoren in unserer
Geschichte - gerade und besonders in der Zeit des deutschen Faschismus - für
bürgerliche Freiheiten und die bedingungs- und ausnahmslose Achtung menschlichen
Lebens und der Menschenwürde einsetzten, ist ein wesenhafter Bestandteil
der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Ich darf in diesem Zusammenhang und als
Beispiel für viele auf jene Widerstandsgruppe deuten, über die in der
Sendung "Wissen" beim SWR II am 31. März 2006 so eindrucksvoll
berichtet wurde. Hier ein Ausschnitt aus dieser Sendung:
"Der
Arzt Georg Groscurth wurde am achten Mai 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden
hingerichtet. Nach ihm, jeweils im Abstand von fünf Minuten, wurden der Zahnarzt
Paul Rentsch und der Architekt Herbert Richter zur Hinrichtung geführt. Dort
mussten sie, nur noch mit einer Unterhose bekleidet, auch diese noch ausziehen
und dann ihren Kopf unter das Fallbeil legen.
Ihr Tod war auch das Ende der
Widerstandsgruppe "Europäische Union". Nur einer aus der von der
Geheimen Staatspolizei GESTAPO als "Viererbande" bezeichneten Gruppe
überlebte: Genau drei Jahre später, am achten Mai 1947, hält der
spätere DDR-Dissident Robert Havemann anlässlich einer Gedenkveranstaltung
für die Widerstandskämpfer, die im Zuchthaus Brandenburg-Görden
von den Nazis hingerichtet worden waren, eine Rede:
"Beinahe
acht Millionen Menschen starben insgesamt als Gegner und Kämpfer gegen den
Faschismus. Acht Millionen Menschen aus allen Nationen Europas, zu denen auch
diese 2000 gehörten, die wir hier betrauern. Diese Männer sind es, die
uns vielleicht einmal wirklich das Recht verschaffen werden, vor den Nationen
der Welt wieder in Ehren zu bestehen."
Seit
vielen Jahren ist es Wolfram Wette, der sich mit einer eigenen
Forschungsgruppe, für die Rehabilitierung nicht allein für während der
Nazizeit verurteilter Wehrdienstverweigerer und Deserteure sondern auch
für die damals so genannten "Kriegverräter" einsetzt. (Badische Zeitung
v. 25.08.2009). Für mich persönlich verdient dieser Personenkreis den
allergrößten Respekt. An den öffentlichen Gedenkstätten und Gedenkreden
finden bedauerlicher Weise diese mutigen Frauen und Männer keine
Erwähnung.
Auf
eine ganz andere Form des Widerstandes verweisen die Forschungen der jungen Freiburger
Historikerin Christina Eckert. Sie widmete ihre Forschungsarbeiten jenem Thema,
das uns allen spätestens seit den Veröffentlichungen um "Schindlers
Liste" sowie dem gleichnamigen Film vertraut ist: wer und warum und unter
welchen Bedingungen Juden in Deutschland während der Nazizeit half. Sie spricht
in diesem Zusammenhängen von "zivilem Widerstand", den jene Frauen
und Männer leisteten, die Juden retteten ( "Ziviler Widerstand - Hilfe
für verfolgte Juden in Freiburg 1940 - 1945". Magisterarbeit Universität
Freiburg, 2005).
Alle
die Persönlichkeiten, die den Mut aufbrachten, sich zu wehren und / oder
sich zu verweigern, von denen nicht wenige von den offiziellen Mächten diskriminiert
und sogar hingerichtet wurden sind die Vorbilder für heranwachsende Generationen.
6.
Widerstand
beginnt im Kopf
Ein
interessanter Hinweis:
Widerständiges Verhalten setzt die Fähigkeit
und die Bereitschaft voraus, über sich selbst, das soziale Umfeld, über
Gesellschaft und Politik und ihrer Exponenten nachzudenken. Hierzu bedarf es einer
Fülle an zutreffenden Informationen. Und wenn Bürger und Institutionen
eine Plattform zur Verfügung stellen, über die Informationen abgerufen
werden können, die bei der eigenen Meinungsbildung helfen und außerdem
noch den Anspruch erheben, kritisches Denken und die Bereitschaft zum "Einspruch"
- einer milden Form des Widerstandes - zu fördern, dann ist das zu begrüßen
und sollte kritisch genutzt werden.
Frau Julia Schönmuth berichtete in
einem Zeitungsaufsatz (Südkurier Konstanz am 19.04.2008) über die Initiative
der Herren Wolfgang Lieb und Albrecht Müller und die Homepage www.nachdenkseiten.de.
"Wir sind eines der wenigen Medien, die gegen den großen Strich bürsten"
hatte Herr Müller "nicht ohne Stolz" der Frau Schönmuth erklärt.
Und wenn man auf die Seiten seiner Plattform geht und nach deren Intentionen fragt,
dann heißt es dort unter anderem: "NachDenkSeiten sollen eine gebündelte
Informationsquelle für alle Bürgerinnnen und Bürger werden, die
am Mainstram der öffentlichen Meinungsmacher zweifeln und gegen die gängigen
Parolen Einspruch anmelden" (http://www.nachdenkseiten.de/?page_id=7)
7.
Regionaler
Widerstand
Widerständige
Bewegungen können durchaus "gezähmt" daher kommen. Sie äußern
sich dann in Leserbriefen, Informationsveranstaltungen, Protesten in Wort, Schrift
und in Lied und Musik. So zur Zeit bei uns auf dem Hotzenwald und auch unter Berufung
auf die widerborstigen Salpeterer, wie zum Beispiel auf den Seiten von und über
Roland Kroell nachgelesen werden kann.
Zur
Zeit sind "Einsprüche und Bedenken" gegen das von den
Schluchseewerken geplante Pumpspeicherbecken auf unserem Hotzenwald ein
Thema in unserer Region. In der Landeshauptstadt Baden-Württembergs
regte sich Widerstand gegen einen Umbau des Hauptbahnhofes. Im Verlaufe
relativ kurzer zeitlicher Perioden gab und gibt es in der
Bundesrepublik derartige Beispiele, die uns die Widerstandsbereitschaft
jeweils betroffener Bürgerinnen und Bürgernicht deutlich vor Augen
führen.
Dass
derartige Widerstandsaktivitäten Erfolg haben können, das haben uns vor
nunmehr vierzig Jahren Erhard Schulz, Günter Richter und viele
Bürgerinnen und Bürger der betroffenen Gemeinden und des Umlandes
gezeigt. Heute kässt sich ohne Übertreibung sagen, dass es die - bis
heute noch aktiven - badisch-elsässischen Bürgerinitiativen waren, die
mit ihrem Einsatz gegen den Bau eines Atomkraftwerkes zu der
Energiewende den Grund legten, die zur Zeit in Gang kommt.

©
Dr. Joachim Rumpf
im Februar 2005
im April 2006
im Juli 2008
im
Mai 2010
im Oktober 2011
im Februar 2012