Mein
siebzehnter Juni 1953
Vorbemerkung
Mit dem folgenden
Beitrag über meine (ganz subjektiven) Erlebnisse um den siebzehnten Juni
1953 in Berlin, dem sich einige auswertende Bemerkungen anschließen, fasse
ich die seit vielen Jahren in der Schublade aufbewahrten Aufzeichnungen zusammen
und verknüpfe sie mit den noch immer lebendigen, wenn auch auswählenden
Erinnerungen. Zu den Erinnerungen gehören nicht nur Geschehnisse in einer
bestimmten zeitlichen Abfolge. Mich erstaunt vielmehr, dass es besonders die gefühlsmäßigen
Anteile sind, die mich noch immer stark bewegen und jene Stunden in mir so lebendig
werden lassen, dass ich beim Schreiben zum Fenster hinaus und hinüber auf
den Schweizer Jura schauen muss, damit ich, mich wieder beruhigend, sagen kann:
Es ist alles längst vorbei und Geschichte...
1,.
Seit Oktober 1952
lebte und arbeitete ich mit mehreren hundert anderen Frauen und Männern auf
der Baustelle Mühlenbeck im Norden Berlins bei der Reichsbahn-Bau-Union Naumburg.
Viele Menschen waren in jenen Jahren auf gleichen Baustellen rund um Berlin damit
beschäftigt, einen Eisenbahnring zu bauen. Dass dieser Ring eine verkehrstechnische
Voraussetzung für den späteren Mauerbau war, ahnte von uns niemand.
Ein bunt gemischtes Völkchen lebte in den Baubaracken oder wohnte in einem
der vielen Einfamilienhäuser in Schildow und Mühlenbeck zur Untermiete.
Nicht wenige hatten Krieg und Nachkriegszeit in den Heimatgemeinden arbeitslos
werden lassen. Der eine oder andere, den ich dort kennen lernte, hatte sich in
das relativ unstete Leben geflüchtet, da er am Heimatort wegen seiner Vergangenheit
vor 1945 oder eines politischen Engagements nach dem Kriege wenig Chancen sah.
Auf Großbaustellen dieser und ähnlicher Art, bei denen neben Unterkunft
und Kantinenverpflegung auch Gemeinschaft in der "Kulturbaracke" angeboten
wurde, fanden viele ein an die Militärzeit erinnerndes Zuhause. Obwohl auch
einige Frauen dort arbeiteten, befand ich mich doch in einer Männergesellschaft,
einer Subkultur, die an den ehemaligen Arbeitsdienst erinnerte und zugleich stark
bestimmt war vom individuellen Gewinnstreben. Es wurde sehr hart und zum Teil
unter schweren Bedingungen gearbeitet - aber auch gut verdient.
Dieser, im
Vergleich mit Einkünften in anderen Berufen, damals überdurchschnittliche
gute Verdienst war vor allem auf eine hohe Auslösung zurückzuführen.
Jeder von uns hatte (zumindest pro forma) anderswo irgendeine Adresse: eine eigene
Familie oder Eltern. Heimatadressen waren über das ganze Gebiet der DDR verstreut.
Wir kamen aus Dresden, Leipzig, Magdeburg, Dessau, Halle, Saalfeld, Naumburg und
aus vielen anderen Städten und Dörfern. Wir erhielten nicht nur Freifahrtscheine
für die Bahn zur Wochenendheimfahrt, sondern noch zusätzlich zum Lohn,
eine Art Trennungsentschädigung für jeden Arbeitstag. Dieses Trennungsgeld
war so hoch, dass man, wenn auch ohne große Sprünge machen zu können,
damit auskam. Der eigentliche Lohn wurde an die Familien geschickt, auf die hohe
Kante gelegt oder aber verjubelt. Ein Arbeiter erträgt manchen Druck. Nur
wenn es um seine Lohntüte geht, so war es jedenfalls damals, reagiert er
sehr heftig.
Und genau hier, an diesem empfindlichen Punkt, hatten Partei-
und Staatsführung unter Walter Ulbricht angesetzt: Sie erhöhten nicht
nur die Normen und forderten damit für das gleiche Geld mehr Leistung, sondern
sie kürzten auch noch die Auslösung um zum Teil bis zu fünfzig
Prozent. Normerhöhungen hatte es zum allgemeinen Ärger schon vorher
immer wieder gegeben. Diesmal aber fielen sie zusammen mit dem Versuch, einige
Lebensmittel frei zu verkaufen (also Lebensmittelmarken hierfür abzuschaffen)
und sie trafen eine Arbeiter-Elite, die Bauarbeiter, besonders empfindlich. Neben
den Stahlwerkern und den Bergarbeitern waren es in der Trümmerlandschaft
Nachkriegsdeutschlands vor allem die Bauarbeiter, die in der DDR ein hohes Ansehen
und manche Privilegien genossen. Und denen reichte es jetzt. Es war bekanntlich
ein Bautrupp in der Stalin-Allee, der als erster die Arbeit niederlegte und die
Rücknahme jener Beschlüsse verlangte. So etwas sprach sich schnell herum.
Außerdem hörten wir damals bereits RIAS Berlin so, wie man später
in der DDR westdeutsche Fernsehstationen einschaltete.
2.
Auf unserer
Baustelle verließen wir am Nachmittag des sechzehnten Juni unsere Arbeitsplätze
und versammelten uns im Kantinensaal. Dort diskutierten wir mit dem Vorsitzenden
der Betriebsgewerkschaftsleitung, mit dem Parteisekretär und mit dem Baukaufmann
(der Bauleiter war in Urlaub) darüber, wie wir es halten wollen: Gehen wir
morgen arbeiten oder beteiligen wir uns am Streik. Mitentscheidend für den
Beschluss, sich den streikenden Bauarbeitern in Berlin anzuschließen, war
die Nachricht, dass auch die Kolleginnen und Kollegen von der Großbaustelle
Velten die Arbeit niederlegen und in die Stadt zum Haus der Ministerien marschieren
werden.
Ich selbst fuhr an diesem sonnigen und milden Abend, wie ich es auch
sonst tat, ins Zentrum. Am Alexanderplatz war mehr Betrieb als an anderen Tagen
um diese Zeit. Überall standen Gruppen und Grüppchen miteinander redender
Menschen herum. Meistens hatten sie sich um eine Person gesammelt, die das Wort
führte: Von Partei, FDJ und Gewerkschaft waren Funktionäre ausgesandt
worden, um zu agitieren, abzuwiegeln, zu beruhigen aber auch um zu warnen. Einer
der Gruppen gesellte ich mich zu. Wenn ich mich recht erinnere, war an diesem
Abend auf dem Alex bereits vom so genannten "neuen Kurs" die Rede. Doch
die Stimmung war so geladen, dass der Funktionär sich vergeblich bemühte,
gegen den ebenso offen wie lautstark artikulierten Unmut anzukommen. Eine Arbeiter-
und Bauernmacht, die den Arbeitern immer mehr Lasten aufbürdete - so der
Grundtenor unserer Kritik, muss umkehren, wenn sie glaubwürdig sein will.
3.
Am siebzehnten Juni zu Arbeitsbeginn versammelten sich die
meisten Arbeiterinnen und Arbeiter der Baustelle in der Hauptstraße von
Schildow vor dem kleinen Gebäude mit dem ehemaligen Ladengeschäft, in
dem jetzt die Bauleitung untergebracht war. Einige Kollegen hatten ein Transparent
vom Maifeiertag übermalt und unsere Forderungen nach Rücknahme der Regierungsbeschlüsse
draufgeschrieben. Als sich unser Demonstrationszug in Bewegung setzte, gingen
die Mitglieder der Bauleitung, die Frauen und Männer aus dem Baubüro
und der BGL-Vorsitzende voraus. Der Parteisekretär war nicht erschienen.
Der lange Marsch ins Zentrum durch Niederschönhausen und Pankow und ab U-Bahnhof
Vinetastraße die ganze Schönhauser-Allee entlang begann.
Auch an
diesem Tag schien die Sonne. Es war warm und alle befanden sich in einer Art Festtagsstimmung.
Vermutlich ging es den anderen ähnlich wie mir: in mir war eine erwartungsvolle
Erregung, wie ich sie als Kind verspürte, wenn die Eltern mit uns in den
Zirkus oder auf den Jahrmarkt gingen. Je näher wir dem Ereignis kamen, umso
deutlicher waren Musik und Lärm zu hören, umso größer wurde
unsere Spannung. Versetze ich mich in die Vormittagsstunden des siebzehnten Juni
1953 zurück, dann empfinde ich aber außerdem noch immer unser aller
Euphorie, die lachende Zuversicht, die allgemein frohe Aufbruchstimmung und ein
so nicht gekanntes Gefühl der Zusammengehörigkeit und Solidarität.
Eine Episode, die diesen persönlichen Eindruck bestätigt, blieb mir
als für diesen Vormittag typisch in Erinnerung: Ich wollte mich noch rasch
mit etwas "Marschverpflegung" versorgen, verließ die Kolonne und
sprang in eine Fleischerei. Der Laden war voll mit Frauen, die ebenfalls einkaufen
wollten. Etwas für mich völlig Ungewöhnliches geschah, als die
Frauen spontan eine Gasse bildeten und die Verkäuferin aufforderten, "den
jungen Mann" zuerst zu bedienen: "der geht für uns nach Berlin".
Die aufmunternden Worte, die mir die Frauen nachriefen, wiederholten sich. Vom
Straßenrand, von den Balkonen herunter und aus den Fenstern begleiteten
uns viele gute Wünsche und fröhliche Zurufe.
Längst war unser
Zug nicht mehr allein. Mit uns waren entlang unserer Strecke auch andere Betriebe
auf die Straße gegangen. So vergrößerte sich der Demonstrationszug
von Kilometer zu Kilometer. In der Schönhauser Allee war kein Anfang und
kein Ende mehr sichtbar: nach vorn in Richtung Innenstadt und nach hinten in Richtung
Pankow bewegte sich ein im wahrsten Wortsinne "endloser" Zug.
Wenn
gegen Ende der Schönhauser Allee, dort, wo sie in der Nähe vom U-Bahnhof
Weinmeisterstraße in die Alte Schönhauserstraße einmündet,
das große Chaos begann, dann darf das angesichts der völlig fehlenden
Organisation an diesem Tage nicht wundern. Deutlicher als an dieser Tatsache lässt
sich die Spontaneität dieses Streiks gar nicht beweisen: uns war während
des ca. dreistündigen Marschs nirgendwo ein Ordner begegnet. Niemand hat
uns irgendeinen Hinweis darauf gegeben, was uns möglicherweise im Stadtzentrum
erwartet. - Heute wissen wir, dass die Belegschaften der zentrumsnäheren
Bezirke schon längst in Aktion waren. - Es gab keine Spitze des Demonstrationszuges
mehr. Einer lief dem anderen hinterher und niemand war da, der uns hätte
sagen können, wohin wir gehen sollten. Da die Straßen in die Innenstadt
inzwischen verstopft waren, ging es auch bei uns nicht mehr voran. Eine Orientierung
an irgendwelche Leiter war nicht möglich, da es sie nicht gab. Selbst unsere
Baustellenkolonne hatte inzwischen ihre Geschlossenheit verloren, da mehr und
mehr Frauen und Männer aus anderen Betrieben in unsere Reihen gekommen waren.
Meine gespannte Erwartung ließ aber kein Warten im Stau zu. Ich kannte
mich gut aus, setzte mich kurzerhand ab, drängte mich in stillere Seitenstraßen
machte einen Bogen Richtung Weidendamm, ging vor zum Reichstagsufer und näherte
mich der Straße Unter den Linden. Bereits auf diesem Weg erlebte ich, wie
sich die Atmosphäre verändert hatte. Viele Menschen liefen hin und her.
Zwischen Streikteilnehmern beziehungsweise Demonstranten und Zuschauern oder anderen
Passanten konnte ich keinen Unterschied feststellen. Ich erfuhr, dass die Russen
mit Panzern aufgefahren wären und dass bereits "dort vorne" geschossen
würde. Es war hoher Mittag, als ich von den Museen her kommend die Menschen
Unter den Linden herumlaufen sah. Ich hörte das Rasseln der Panzerwagen und
hörte Schüsse knallen, noch ehe ich dort war. Dennoch lief ich rasch
weiter vor zur Allee. Staubig und heiß war es geworden. Die Luft war angefüllt
von einem Geräuschgemisch aus Menschenrufen, einzeln und im Chor, dem Getrappel
vieler Füße, dem Motorenlärm der scheinbar ziellos und schnell
hin und herfahrenden gepanzerten Fahrzeuge, dem Geschrei der vor den Fahrzeugen
fliehenden Menschen. Und alles beleuchtete hell die Sonne. Ich schmecke den Staub,
den die Panzerfahrzeuge aufwirbelten und rieche deren Abgase, wenn ich zurückdenke
und ich sehe mich die Stufen zum (damals noch zerstörten) Ehrenmal Unter
den Linden hinaufspringen und mich hinter einer der Säulen verbergen, als
die Schüsse allzu sehr in meiner Nähe aufpeitschten. Ich habe keinen
russischen Soldaten gesehen. Offenbar wurde aus den geschlossenen Panzerwagen
geschossen. Auch ob gezielt auf Menschen oder in die Luft geschossen wurde, konnte
ich nicht feststellen. Wohl aber sah ich vor bis zum Brandenburger Tor und über
die ganze Länge und Breite der Straße viele Menschen vor den Panzern
zur Seite springen und wieder, gleichsam ziellos und rasch herumlaufen oder, gleich
mir, irgendwo kurz zuschauend, stehen bleiben. Einige warfen Steine nach den Panzern,
brüllten und schrien.
Ich wollte noch immer hinüber in die Wilhelm-Straße
und glaubte, dort sei das Zentrum des Geschehens. Ich rannte auf die andere Straßenseite
und versuchte, die Straßen hinter der Oper zu erreichen. Vergebens: Militär
und Polizei, so erfuhr ich, hätten die Zugangsstraßen zu allen Regierungsgebäuden
abgeriegelt. Sogar nach Osten hin, Richtung Friedrichstraße, dort wo damals
Unter den Linden der Sitz des Zentralrats der FDJ war, gab es nur schwer ein Durchkommen.
Endlich erreichte ich die Schlossruine und gelangte von dort über die Kurfürstenbrücke
in die Rathausstraße. Das war alles andere, als ein angenehmer Spaziergang.
Vor dem Roten Rathaus stieß ich noch einmal auf eine größere
geschlossene Menschenmenge, die sich Richtung Alexanderplatz schob. Und dort,
unweit von der Stelle, an dem am Vorabend die Funktionäre mit uns diskutiert
hatten, glaubte ich, meinen Ohren nicht zu trauen: da wurde doch tatsächlich
das Deutschlandlied gesungen! Doch nicht genug damit: Es klangen auch Lieder auf,
die mir von vor 1945 noch in Erinnerung waren, wie das Lied vom Riesengebirge
und andere, die die Volksdeutschen aus dem Sudetenland gesungen hatten. Offenbar
hatte sich hier eine Gruppe von Vertriebenen zusammengetan. Ich spüre den
Schreck heute noch, der mich durchfuhr. Erst in dieser Situation wurde mir klar,
dass es Menschen gab, die diesem Tag des Streiks und der Demonstration gegen eine
von meinen Kollegen und mir als ungerechtfertigt und zynisch erlebte wirtschaftliche
Ausbeutung, den Charakter einer Art politischen Revolution geben wollten. Und
das konnte nicht gut gehen! Und das schon darum nicht, indem man an das anknüpft,
was alljährlich am achten Mai als endgültig überwunden begangen
wurde. Dergleichen Ziele aber verfolgten meine Kolleginnen und Kollegen ebenso
wenig wie ich.
Ich sah zu, möglichst rasch an diesen Gruppen vorbei zu
kommen. Das war gar nicht so einfach, da sich bereits unter der S-Bahn-Brücke
die Menschen stauten. Ich nahm noch wahr, dass die Volkspolizei das Gebiet auf
der anderen Seite, dort wo sich die die sowjetische Handelsvertretung von "MESHDUNARODNAJA
KNIGA" und das Polizeipräsidium befanden, verbarrikadiert und mit Bewaffneten
und Schützenpanzerwagen gesichert hatte. Durch Seitenstraßen lief ich
hinüber zur Stalinallee, in deren Nähe in der Koppenstraße Bekannte
von mir wohnten. Auf dem Weg dorthin hörte ich über Lautsprecherwagen
zum ersten Mal, dass der Ausnahmezustand verhängt worden war und die Besatzungstruppen
sich in dieser ihrer Eigenschaft wieder zu Worte meldeten. Und noch etwas bekam
ich mit: In der Nähe vom Strausberger Platz traf ich auf eine Gruppe, die
irgendetwas umstanden. Als ich hinzutrat, sah ich im Innern des Kreises einen
Mann am Boden liegen. Er war von jemand als Funktionär (die Umstehenden sagten
mir "das ist ein Spitzel") erkannt und zu Boden geschlagen worden. Abgesehen
von den russischen Panzern war das die einzige Szene offener Gewalttätigkeit,
die ich erlebte.
Bei meinem Bekannten, ebenfalls einem Bauarbeiter, traf ich
die ganze Familie am Radio an. RIAS Berlin berichtete zwar pausenlos über
die Ereignisse im Osten der Stadt, es kamen auch Betroffene zu Wort, die von den
russischen Panzern gleichsam nach Westberlin hineingetrieben worden waren. Doch
auf Hinweise oder gar Anweisungen, wie sich die streikenden Ostberliner denn nun
weiter verhalten sollten, warteten wir vergebens. Wenn ich auch Einzelheiten längst
vergessen habe (hierzu kann man sicher unschwer die Aufzeichnungen der entsprechenden
Sendungen abhören), so weiß ich noch gut, dass allgemein eine Instanz
vermisst wurde, die den Aufstand geleitet und koordiniert hätte. Da das von
Ostberlin aus nicht möglich war, warteten wir auf die Meldungen vom RIAS.
Was meine Kollegen und mich betrifft und die allgemeine Stimmung an diesem Nachmittag,
so hätten wir uns eine Art zentraler Streikleitung gewünscht, zumindest
aber Hilfe bei der Organisation weiterer gewaltfreier Aktionen.
Wie eng aber
der Handlungs- und Bewegungsraum geworden war, sollte ich noch in der gleichen
Nacht erfahren. Als ich vor zum Ostbahnhof ging - und zwar rechtzeitig, denn es
gab ja eine Sperrstunde - patrouillierten bereits Doppelstreifen von Rotarmisten
mit Maschinenpistole im Anschlag durch die leer gewordenen Straßen. Am Bahnhof
angekommen, erfuhr ich, dass auch keine Züge mehr fahren würden. Die
Nacht vom siebzehnten auf den achtzehnten Juni verbrachte ich im Wartesaal und
konnte froh sein, einen Dienstausweis der Deutschen Reichsbahn in der Tasche zu
haben. Sonst wäre ich von einer der Militär- und Polizeistreifen doch
noch mitgenommen worden.
4.
So ein Ereignis lässt sich aber
nicht einfach beenden, wie irgendein Wochenderlebnis. Dazu war auch die Unsicherheit
zu groß bei der Frage, was würde denen passieren, die mitgemacht haben?
Zunächst geschah gar nichts. Wir nahmen mit mehr oder weniger Verspätung
am nächsten Tag die Arbeit wieder auf und tauschten unsere Erfahrungen aus.
Die Normerhöhungen und die Kürzung der Auslösungen waren zurückgenommen
worden und die Zeitungen schrieben über den "Neuen Kurs". Die Stimmung
aber war sehr gedrückt und manch einer wird überlegt haben, wie er irgendwie
aus der ganzen Geschichte wieder rauskommt, ohne den Arbeitsplatz oder den erreichten
Posten zu verlieren. Mir war jedenfalls nicht wohl in meiner Haut, und ich wäre
damals froh gewesen, wenn schon Gras über die Geschichte gewachsen wäre.
Am zwanzigsten Juni erhielt ich von der zentralen Bauleitung die Versetzungsmeldung
hin zu einer anderen Baustelle. Einige Wochen später wurde mir gekündigt.
5.
Die Stunden des sechzehnten und siebzehnten Juni 1953 erlebte
ich mit unterschiedlicher Stimmungsqualität: Der Vorabend war bestimmt von
Ärger, Zorn und Entschlossenheit. Hoffnung, Spannung und Euphorie trugen
mich in den ersten Stunden des siebzehnten Juni. Mittags überwogen Erstaunen,
Angst und Erschrecken, am späten Nachmittag vergebliches Warten auf Zeichen
oder Wunder und am Abend begann die Sorge um die eigene Zukunft und das Schicksal
all derer, die sich "zu weit aus dem Fenster gelehnt" hatten. Das Gefühl
des Triumphs konnte sich nicht einstellen, da die Teilnahme an Streik und Demonstration
in der DDR keineswegs als Heldentat galt. Im Gegenteil: Noch Jahre später
entschied die Prüfung der Frage: "Wo waren Sie am siebzehnten. Juni?"
über Aufstieg und Fall in beruflichen Karrieren.
6.
Beweggründe
und Verlauf des siebzehnten Juni 1953, so wie ich ihn erlebte, erlauben nicht,
von einem Volksaufstand gegen das herrschende Regime zu sprechen etwa mit dem
Ziel, die DDR abzuschaffen. Dieses Ziel bestand ja nicht einmal im Sommer und
Herbst 1989. Gewiss mögen jene singenden Menschen am Alexanderplatz andere
Motive gehabt haben, sich an den Protesten gegen die als ungerechtfertigt empfundenen
wirtschaftlichen Veränderungen zu beteiligen. Auch bei denen, die unmittelbar
die Bedrohung der russischen Panzer erlebten, dabei vielleicht sogar verletzt
wurden oder gesehen hatten, wie andere Menschen verletzt oder gar getötet
wurden, mögen aus dieser Situation heraus einen Motivwechsel erfahren haben.
Verallgemeinernd lässt sich in diesem Zusammenhang festhalten, dass
wir in allen Protestaktionen, an denen sich viele Menschen beteiligen, stets Einzelne
oder Gruppen finden können, die eigene Ziele verfolgen. Es sind nicht selten
jene, de die radikalen Außenflügel besetzen und damit unter Umständen
die ganze Bewegung diskriminieren und den Kritikern oder der Staatsgewalt Angriffsflächen
anbieten. Gerade auch aus dieser Erkenntnis heraus hat ja die Friedensbewegung
seit den siebziger Jahren, nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse der Friedensforschung,
den konsequent friedfertigen Protest und Widerstand kultiviert.
In einem weiten
Verständnis sind selbstverständlich die Ereignisse dieser Junitage 1953
von politischer Bedeutung gewesen und hatten erhebliche Auswirkungen auf die Gestaltung
des wirtschaftlichen und politischen Lebens in der DDR der fünfziger Jahre.
Die Motive jedoch, die meine Kolleginnen und Kollegen und mich bewogen, an dem
Streik teilzunehmen und in die Stadt zu ziehen, waren eindeutig wirtschaftlicher
Natur und hatten nicht die Änderung der politischen Machtverhältnisse
zum Ziel. Insofern reagierten die deutschen Machthaber einschließlich der
Besatzungstruppen nach meiner Meinung unnötig scharf und verkannten völlig
den Charakter dieser spontanen Bewegung, die eigentlich nur der "Besitzstandwahrung"
galt. Doch an den (Über-) Reaktionen der Staatsgewalt aus derartigen Anlässen
hat sich nichts geändert, da können wir hinschauen, wo wir wollen. Doch
das ist ein neues Thema und soll hier nicht weiter verfolgt werden....
Dass
in der Bundesrepublik dieser Tag zum "Tag der deutschen Einheit" und
zu einem Feiertag gemacht wurde, ist vor den Hintergrund des Kalten Krieges erklärlich
und hatte vermutlich nur einen symbolischen Charakter. Der Kalte Krieg
ist zu Ende und mit ihm entfiel die Legitimation für einen Feiertag am siebzehnten
Juni.
7.
Für mich tut sich abschließend und vergleichend
noch eine interessante Frage auf: sollen wir Deutsche nun jenen neunten November
(ausgerechnet dieses makabre Datum!) von 1989 zum neuen Feiertag küren? Setzte
nicht jene gewaltfreie Revolution, die von Leipzig ausging, einen neuen Akzent
in die Geschichte unseres Volkes, das bisher noch nie eine Revolution erfolgreich
zu Ende beziehungsweise an das beabsichtigte Ziel gebracht hat. Ich denke, man
sollte zu dieser Frage zuerst einmal die hören - und zwar nur diejenigen,
- die diese Revolution unter Inkaufnahme aller Nachteile und Risiken vorbereiteten
und anführten. Die Namen der einzelnen Persönlichkeiten, der Gruppen
und Institutionen sind ja hinreichend bekannt: seit Jahr und Tag berichteten unsere
Medien eingehend über deren Aktivitäten und Nöte. Diese Menschen
müssen gefragt werden: ist jetzt erreicht, was Ihr wolltet? Ihr habt die
Massen in Bewegung gesetzt - wohin? Seht ihr Gründe zum Feiern und Erinnern?
Nun ja, die Bürgerinnen und Bürger des vereinigten Deutschland sind
nicht gefragt worden. Die politischen Gremien haben sich entschieden ein Datum
als Feiertag zu nehmen, an dessen Zustandekommen zwar das Deutsche Volk beteiligt
war, als es sich für die Vereinigung entschied, das aber nicht unmittelbar
an die revolutionären Prozesse erinnerte, die zum Fall der Mauer führten.
Revolutionen will man lieber nicht feiern, die bleiben den Mächtigen aller
Couleur in Deutschland offenbar suspekt.
© Dr. Joachim
Rumpf
17. Juni 2003
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