"Salpeterisches" oder "Widerstand als Tugend"

 

Widerstand gegen den Irak-Krieg

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Der folgende Text wurde von mir auf einer öffentlichen Kundgebung vor dem Rathaus der südbadischen Kreisstadt Waldshut am Samstag, d. 15. Februar 2003 vorgetragen. Die darin enthaltenen Kernaussagen sollen zunächst vorausgestellt werden:

1.
In unserer Gesellschaft gilt der Wert: aggressives und gewalttätiges Verhalten ist schandbar.

2.
Die
führenden Personen aus Politik, Wirtschaft oder Militär, die Kriege Politiker, Wirtschaftsführer oder Militär, die Gewalt in der Durchsetzung ihrer Ziele einsetzen wollen, handeln, folgt man der von allen Weltreligionen gleichermaßen vertretenen Normen, verwerflich. Ihre Persönlichkeiten werden von mir als psychisch verstört betrachtet. Sie brauchten im Interesse des Weltfriedens dringend eine für sie geeigneten Therapie.

3.
Es sind vor allem erwachsene Männer die mit "absonderlichen fundamentalistischen Ideologien" die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen nach Frieden missachten.

4.
Dagegen verkörpern die Frauenbewegung und andere soziale Bewegungen mit gewaltfreiem und konstruktivem Widerstand die Gegenwelten.

5.
Auf die herausragenden Persönlichkeiten dieser Gegenwelten in der Geschichte dürfen wir stolz sein. Sie vor allen anderen sollten die sinnstiftenden Vorbilder für unsere Jugend werden.

 

Frieden und Krieg
Einige Worte aus Anlass des drohenden Irak-Krieges


Ich danke den Veranstaltern dieser Kundgebung, dass sie einem Berufspädagogen die Gelegenheit geben, einige Worte über Frieden und Krieg zu sagen. Da sicher niemand von mir eine sozialwissenschaftlich fundierte Analyse erwartet, darf ich persönliche berufliche Erfahrungen mit ebensolchen persönlichen politischen Einsichten verbinden. Als Ausgangs- und Bezugspunkt wähle ich ein alltägliches Ereignis und bitte um Verständnis, dass ich die angesprochenen meist sehr komplexen Probleme hier sehr verkürzt darstelle:
Da gibt es den Heinz aus der sechsten Klasse. Er ist schon in der Grundschule aufgefallen, weil er so unruhig und aggressiv war. Jeder wusste auch, warum er so aggressiv war. Kam er doch aus einer Familie, die der Vater verlassen hatte und in der die Mutter nicht wusste, wie sie mit dem wilden Buben umgehen sollte. Auch die Psychologen der Beratungsstellen konnten an den unglücklichen Familienverhältnissen nichts ändern. Heinz versuchte nun auf dem Schulhof seinen aus der Not heraus verstärkten Minderwertigkeitskomplex durch besonders aggressives und gewalttätiges Verhalten auszugleichen. Heinz fand auch Freunde. Es waren meist Buben, die unter ähnlichen schwierigen Familienverhältnissen litten.
Was tat die Gruppe um Heinz? Sie erpresste andere Kinder - jene Mehrheit, die friedfertiger oder schwächer waren. Und wer nicht hergab, was Heinz und seine Freunde begehrten, dem wurde gedroht und Angst gemacht, der erhielt Knüffe und Püffe. Niemand von den Kindern, die der Gewalt ausgesetzt waren, wagte, sich zu beschweren oder zu wehren. Bis es eines Tages dem kleinen Klaus aus einer anderen Klasse zu viel wurde. Er hob auf dem Nachhauseweg einen Stein auf und warf ihn nach Heinz und traf ihn auch so, dass es wirklich wehtat. Nun aber hatte Heinz Oberwasser: gemeinsam mit der Mutter erschien er beim Schulleiter und forderte die Bestrafung von Klaus. Zeugen für diese Verzweiflungstat gab es genug.

Auf allen Schulhöfen finden wir jene, von besonders gewaltbereiten Jungen angeführten Minderheiten, die andere Kinder unterdrücken und auszubeuten suchen. Sei es aus einer inneren Freude an aggressivem Verhalten, sei es, weil sie selbst so viel Leid erfahren oder Gewalt im Fernsehen gesehen haben, dass sie sich keine anderen sozialen Verhaltensweisen vorstellen können. Gelegentlich machen sie aus der Not eine Tugend: wer sich von der Gewalt fernhält, wird verlacht, verachtet oder gar bestraft.
Allein, dass wir dies hier öffentlich so feststellen können, ist für mich der Beweis dafür, dass sich in unserer Gesellschaft im Vergleich zu früheren Zeiten die Wertvorstellungen enorm gewandelt haben! In dieser Beziehung beklagt man zu Unrecht einen Werteverlust! Aggressives und gewalttätiges Verhalten, die Unterdrückung und Ausnutzung schwächerer, hilfloser Menschen, seien das Kinder, Behinderte, Kranke oder Alte gilt als schandbares Verhalten und es wird alles getan, um Opfern und Tätern zu helfen. In meinen Augen ist das ein "Wertegewinn"! Oder denken wir an einen weiteren neuen Wert: Die Hilfsangebote kommen vor oder an Stelle einer Bestrafung, weil jeder von uns erlebt hat, dass es bei den wenigsten aggressiven und gewalttätigen Kindern um charakterlich verfestigte bösartige Persönlichkeiten handelt und rechtzeitige Hilfen eine Veränderung bewirken können. So tun u. a. die Schulen und die Jugendhilfe im Landkreis Waldshut sehr viel, um diesen gewalttätigen Kindern aus ihrer seelischen Not und Verstrickung herauszuhelfen und die Familien, in denen sie leben, zu unterstützen. Insofern wird für den Frieden auf den Schulhöfen bei uns etwas getan!

Und doch: es bleiben immer und überall einige übrig, deren Lebensverhältnisse verbunden mit entsprechenden seelischen Dispositionen es nicht erlauben, von ihrer Gewaltbereitschaft zu lassen.
Aus diesen Kindern und Jugendlichen entwickeln sich die gewaltbereiten Erwachsenen. Fast täglich können wir in einer Zeitung lesen, dass wieder einer seine Frau oder seine Kinder so misshandelte, dass er in Polizeigewahrsam genommen oder einer psychiatrischen Behandlung zugeführt werden musste.
Und nun stellen Sie sich vor, derartig seelisch verkorkste Menschen kommen in Politik, Wirtschaft oder beim Militär zu Macht und Einfluss!
- Sei es, weil in deren Kindheit und Jugend diese Veranlagungen übersehen oder nicht ernst genommen wurden,
- sei es, weil sie in einer Gesellschaft heranwuchsen, in denen aggressive Verhaltensweisen im Alltag sozial belohnt und friedfertige, defensive Verhaltensweisen bestraft wurden oder gar,
- weil sie aus gesellschaftlich angesehenen, sehr reichen und mächtigen Familien kommen, an die kein Sozialarbeiter und kein Psychologe herankommt.
Wir Deutschen waren bereits zweimal derartig Wahnverhafteten Männern ausgeliefert:
Der eine hieß Wilhelm und war ein deutscher Kaiser - also in einer Position, die damals als unantastbar galt. Der andere kam aus dissozialen Verhältnissen und hieß Adolf Hitler. Und beide waren mit ihren Gesinnungsgenossen maßgeblich für je einen Weltkrieg verantwortlich.
Im Grunde verhielten sich beide nicht anders, als Heinz auf dem Schulhof. Nur waren die Folgen für die Menschheit und ganz besonders für unser deutsches Volk so verheerend, dass wir für lange Zeit aller kriegerischen Gewalt abschworen und nicht mehr bereit sein wollten - und von den anderen Nationen aus gesehen, auch gar nicht mehr sollten - einen Angriffskrieg zu führen. Sogar die Menschen, die das Völkerrecht im Rahmen der UN neu fassten und die Menschen, die unsere Verfassung schrieben, zogen ihre Lehren aus der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und erlaubten Kriege nur noch dann, wenn ein Volk sich verteidigen muss.
Nun sehen wir auf dem Schulhof der Geschichte wieder zwei Gruppen einander gegenüberstehen, jeweils vertreten von einem großen Heinz und einem kleinen Klaus. Heinz ist für mich gleichsam ein Symbol der wirtschaftlich und politisch Mächtigen in der so genannten ersten und Klaus für die Menschen in der dritten Welt. Und an die Stelle der Schulleitung als oberste Instanz ist der Weltsicherheitsrat getreten.
Stets sind es, wie wir erleben, die Mächtigen, die Regierenden oder die, die es werden wollen, die Kriege vorbereiten und entfesseln.Es sind nicht die Bevölkerungen.
Und es sind erwachsene Männer, die mit ihren absonderlichen fundamentalistischen Ideologien, ihrem spätpubertären Geltungsstreben und die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen verachtenden Machgelüsten die Messer wetzen - so, wie wir es im Kleinen auf unseren Schulhöfen erleben.
Dagegen aber lässt sich etwas tun! Seit mehr als einhundert Jahren sind es die Frauen und die alternativen sozialen Bewegungen, unter ihnen vor allem die Friedensbewegung, die die Gegenwelten verkörpern:
Einst war es die erste Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, die 1889 schrieb: "Die Waffen nieder" und viele folgten ihren Spuren wie Helene Stöcker oder - stellvertretend für die Frauen in unseren Tagen - die Frauen in der Gesangsgruppe "Gegenstrom" aus Waldshut. Heute gibt es ungezählte Frauen mit mehr oder weniger öffentlichem Einfluss und Geltung, die sich den gewaltbereiten Anführern und ihren Freunden in den Weg stellen. Es gibt aber auch seit Beginn der Friedensbewegung vor dem ersten Weltkrieg immer mehr Männer, die ihren Geschlechtsgenossen, die jeweils gerade an der Macht sind, ihre Gefolgschaft versagen, wenn diese eine aggressive Politik machen oder gewaltbereite Regime unterstützen. Denken wir zum Beispiel nur an Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer oder August Graf von Galen.

Und wenn es Menschen gibt, die meinen, es habe das alles keinen Zweck, denn ohne Gegengewalt würde sich nichts ändern, dann halte ich fest:

Eine wichtige Aufgabe derer, die der Aggression und Gewalt abgeschworen haben, ist, konstruktiven gewaltlosen Widerstand zu leisten, sich Kriegsvorbereitungen und kriegerischen Aktionen, die nach ihrer Überzeugung der Aggression, der Unterdrückung und wirtschaftlichen Ausbeutung dienen, zu verweigern und öffentlich zu protestieren. Jeder Krieg ist ein Krieg gegen alle Menschen, die in Frieden leben wollen. Also protestieren wir, solange wir es noch können und sind stolz darauf, dass es in unserer Geschichte Frauen und Männer gegeben hat, die sich dem Krieg als Mittel zur Durchsetzung ideologischer, politischer oder wirtschaftlicher Interessen widersetzten. Sie sind unser Vorbild. Junge Menschen brauchen sinnstiftende Vorbilder. Hier finden wir sie.

Unserer Kulturpolitik empfehle ich, neben die in einigen Schulen bereits geübten Modelle von Konfliktlösungen, die reiche Geschichte der deutschen und internationalen Friedensbewegung im Schulunterricht so in den Vordergrund zu stellen, dass auf diese Weise Heinz und Klaus und alle anderen Kinder und Jugendliche frühzeitig lernen, dass allein eine friedfertige Einstellung und Strategie im Leben eines jeden Einzelnen dazu beitragen kann, den kleinen und den großen Frieden zu fördern.

Dr. Joachim Rumpf verliest am 15.02.2003 seine oben wiedergegebene Position zum von der US-Administration angedrohten Krieg gegen den Irak.
An diesem Tag herrschte eine grimmige Kälte auf der Kaiserstraße in Waldshut.

 

Der Bundestagsabgeordnete der CDU unseres Wahlkreises äußerte in einem am gleichen Tag veröffentlichten Beitrag in unserer Tageszeitung, dass er die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten unterstütze, gegen den Irak in den Krieg zu ziehen.
Auch Angela Merkel war nach Amerika geflogen, "um ... dem Präsidenten Bush den Segen für diesen Krieg zu geben" (Cheniti Ismail in Badische Zeitung v. 24.06.2005).

 

 

 

2.
Unmittelbar vor Beginn der US-amerikanischen Intervention im Irak fand eine von Herrn Schulz moderierte Diskussion in der Sendung "Forum Pariser Platz" statt, auf die ich mit folgender Botschaft reagierte:


Sehr geehrter Herr Schulz,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihnen gegenüber meinen Verdruss über Ihre Auswahl von "Gesprächsteilnehmern" an dem Forum Pariser Platz zum Ausdruck bringen!
Ich meine, dass es in diesen Tagen, in denen sich ein amerikanischer Präsident in seiner Rolle als Lobbyist und Vollstrecker von Ölkonzernen und der Rüstungsindustrie anschickt, einen Krieg vorzubereiten, dessen Folgen für alle Betroffenen schrecklich sein werden, in öffentlichen Diskussionen nur darum gehen kann, sich gegen eine derartige Politik zu wenden. Sowohl die Goppels als auch die Kornblums tragen auf ihre Weise Mitverantwortung, wenn sie, die es eigentlich besser wissen müssten, die Kriegspläne einer auf zweifelhafte Weise zur Macht gekommenen US - Administration unterstützen. Schauen Sie, Herr Schulz, in die neue Ausgabe von "Greenpeace", auf deren Deckblatt die Frage steht: "Verändert sich Amerika unter Präsident Bush in ein "Reich des Bösen?" Überzeugen Sie sich über die geopolitischen Motive, die die USA dazu zwingen, die Kontrolle über die Ölquellen im Irak zu erreichen (z. B. im ATTAC-Rundbrief 1/03). Oder lesen Sie mein Statement, das ich am 15. Februar auf der Kundgebung vor dem Rathaus unserer Kreisstadt verlas und das inzwischen eine pikante Ergänzung erfuhr: Ich deutete in meinem Vortrag darauf hin, dass wir Deutsche im vergangenen Jahrhundert zwei Psychopaten als Führer hatten, die die Welt in je einen Weltkrieg stürzten. Und am achtzehnten Februar in der Sendung "Zehn vor Zehn" im Fernsehen DRS bezeichnete eine US-amerikanische Sängerin ihren Präsidenten als "Idioten". Wird diesmal die Welt von einem Menschen mit einem oligrophenen Krankheitsbild mit Krieg überzogen?
Gern hätte ich diese Botschaft online über ihren Link "Kontakte" übermittelt. Aber als ich all die Einschränkungen las und die darin enthaltenen Drohungen, wurde mir klar, dass ich hätte erst einen Anwalt zur Prüfung meines Textes gebraucht. Mit unserer Meinungs- und Redefreiheit ist es offenbar nicht mehr weit her. Und dennoch lebe ich (noch) in einem liberaleren Staat, als es die USA inzwischen sind.
Mit einer Reaktion kann ich vermutlich nicht rechnen.
In Ihren Rollen als Privatpersonen wünsche ich Ihnen alles Gute!

Dr. Joachim Rumpf
Es hatte in der Tat niemand auf den Brief reagiert

 

 

Inzwischen, der Einmarsch der US-Truppen und ihrer Verbündeten liegt über ein Jahr zurück, haben sich die Prognosen aller kritischen Stimmen bestätigt. Es ist die alte Erfahrung bekräftigt worden, dass der Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, alles noch viel schlimmer macht und völlig untauglich ist, um tatsächliche oder vermeintliche Probleme zu bearbeiten.

Und was wird die Geschichtsschreibung eines Tages zu alledem sagen? Sie wird registrieren, dass die US-amerikanische Administration, genauso, wie einst der deutsche Faschismus, einen Krieg mit Lug und Trug begründete. Und was sagte Bush junior sinngemäß in diesen Tagen selbst dazu? Er meint, dass ihn das historische Urteil nicht interessiere, denn dann "leben wir alle nicht mehr". "Nach mir die Sintflut" ließe sich das interpretieren.

Es bleibt die Hoffnung, dass es der Gemeinschaft friedfertiger demokratischer Staaten und Staatenbünden eines Tages gelingt, gemeinsam und auf Augenhöhe mit den Irakern und ihren Glaubensbrüdern in den arabischen Staaten eine demokratische Staatsform im Irak zu etablieren, die den Bürgerinnen und Bürgern dort jene Lebensbedingungen und Lebensformen ermöglicht, die diese selbst wünschen.

21.04.2004

 

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Interessante Zeugnisse zu den Geschehnissen im Zusammenhang mit dem Irakkrieg

 

 

Am 10. September 2005 lasen wir in unseren Tageszeitungen, dass sich der ehemalige Außenminister der USA Colin Powell vor der Weltöffentlichkeit dafür entschuldigte, dass er den Täuschungen und Lügen der eigenen Administration aufgesessen sei, wonach der Irak die Welt mit Chemiewaffen bedrohe und Atomwaffen bauen wolle.

"Ich bin derjenige, der das stellvertretend für die USA der Welt dargelegt hat. Es wird immer Teil meines Lebenslaufs sein. Es war schmerzvoll. Es ist immer noch schmerzvoll. Ich wurde enorm enttäuscht".

(Badische Zeitung v. 10.09.05., S. 6)

 

 

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