Frieden
und Krieg Einige Worte aus Anlass des drohenden Irak-Krieges
Ich danke den Veranstaltern dieser Kundgebung, dass sie einem Berufspädagogen
die Gelegenheit geben, einige Worte über Frieden und Krieg zu sagen. Da sicher
niemand von mir eine sozialwissenschaftlich fundierte Analyse erwartet, darf ich
persönliche berufliche Erfahrungen mit ebensolchen persönlichen politischen
Einsichten verbinden. Als Ausgangs- und Bezugspunkt wähle ich ein alltägliches
Ereignis und bitte um Verständnis, dass ich die angesprochenen meist sehr
komplexen Probleme hier sehr verkürzt darstelle: Da gibt es den Heinz
aus der sechsten Klasse. Er ist schon in der Grundschule aufgefallen, weil er
so unruhig und aggressiv war. Jeder wusste auch, warum er so aggressiv war. Kam
er doch aus einer Familie, die der Vater verlassen hatte und in der die Mutter
nicht wusste, wie sie mit dem wilden Buben umgehen sollte. Auch die Psychologen
der Beratungsstellen konnten an den unglücklichen Familienverhältnissen
nichts ändern. Heinz versuchte nun auf dem Schulhof seinen aus der Not heraus
verstärkten Minderwertigkeitskomplex durch besonders aggressives und gewalttätiges
Verhalten auszugleichen. Heinz fand auch Freunde. Es waren meist Buben, die unter
ähnlichen schwierigen Familienverhältnissen litten. Was tat die
Gruppe um Heinz? Sie erpresste andere Kinder - jene Mehrheit, die friedfertiger
oder schwächer waren. Und wer nicht hergab, was Heinz und seine Freunde begehrten,
dem wurde gedroht und Angst gemacht, der erhielt Knüffe und Püffe. Niemand
von den Kindern, die der Gewalt ausgesetzt waren, wagte, sich zu beschweren oder
zu wehren. Bis es eines Tages dem kleinen Klaus aus einer anderen Klasse zu viel
wurde. Er hob auf dem Nachhauseweg einen Stein auf und warf ihn nach Heinz und
traf ihn auch so, dass es wirklich wehtat. Nun aber hatte Heinz Oberwasser: gemeinsam
mit der Mutter erschien er beim Schulleiter und forderte die Bestrafung von Klaus.
Zeugen für diese Verzweiflungstat gab es genug. Auf allen Schulhöfen
finden wir jene, von besonders gewaltbereiten Jungen angeführten Minderheiten,
die andere Kinder unterdrücken und auszubeuten suchen. Sei es aus einer inneren
Freude an aggressivem Verhalten, sei es, weil sie selbst so viel Leid erfahren
oder Gewalt im Fernsehen gesehen haben, dass sie sich keine anderen sozialen Verhaltensweisen
vorstellen können. Gelegentlich machen sie aus der Not eine Tugend: wer sich
von der Gewalt fernhält, wird verlacht, verachtet oder gar bestraft.
Allein, dass wir dies hier öffentlich so feststellen können, ist für
mich der Beweis dafür, dass sich in unserer Gesellschaft im Vergleich zu
früheren Zeiten die Wertvorstellungen enorm gewandelt haben! In dieser Beziehung
beklagt man zu Unrecht einen Werteverlust! Aggressives und gewalttätiges
Verhalten, die Unterdrückung und Ausnutzung schwächerer, hilfloser Menschen,
seien das Kinder, Behinderte, Kranke oder Alte gilt als schandbares Verhalten
und es wird alles getan, um Opfern und Tätern zu helfen. In meinen Augen
ist das ein "Wertegewinn"! Oder denken wir an einen weiteren neuen Wert:
Die Hilfsangebote kommen vor oder an Stelle einer Bestrafung, weil jeder von uns
erlebt hat, dass es bei den wenigsten aggressiven und gewalttätigen Kindern
um charakterlich verfestigte bösartige Persönlichkeiten handelt und
rechtzeitige Hilfen eine Veränderung bewirken können. So tun u. a. die
Schulen und die Jugendhilfe im Landkreis Waldshut sehr viel, um diesen gewalttätigen
Kindern aus ihrer seelischen Not und Verstrickung herauszuhelfen und die Familien,
in denen sie leben, zu unterstützen. Insofern wird für den Frieden auf
den Schulhöfen bei uns etwas getan! Und doch: es bleiben immer und
überall einige übrig, deren Lebensverhältnisse verbunden mit entsprechenden
seelischen Dispositionen es nicht erlauben, von ihrer Gewaltbereitschaft zu lassen.
Aus diesen Kindern und Jugendlichen entwickeln sich die gewaltbereiten Erwachsenen.
Fast täglich können wir in einer Zeitung lesen, dass wieder einer seine
Frau oder seine Kinder so misshandelte, dass er in Polizeigewahrsam genommen oder
einer psychiatrischen Behandlung zugeführt werden musste. Und nun stellen
Sie sich vor, derartig seelisch verkorkste Menschen kommen in Politik, Wirtschaft
oder beim Militär zu Macht und Einfluss! - Sei es, weil in deren Kindheit
und Jugend diese Veranlagungen übersehen oder nicht ernst genommen wurden,
- sei es, weil sie in einer Gesellschaft heranwuchsen, in denen aggressive
Verhaltensweisen im Alltag sozial belohnt und friedfertige, defensive Verhaltensweisen
bestraft wurden oder gar, - weil sie aus gesellschaftlich angesehenen, sehr
reichen und mächtigen Familien kommen, an die kein Sozialarbeiter und kein
Psychologe herankommt. Wir Deutschen waren bereits zweimal derartig Wahnverhafteten
Männern ausgeliefert: Der eine hieß Wilhelm und war ein deutscher
Kaiser - also in einer Position, die damals als unantastbar galt. Der andere kam
aus dissozialen Verhältnissen und hieß Adolf Hitler. Und beide waren
mit ihren Gesinnungsgenossen maßgeblich für je einen Weltkrieg verantwortlich.
Im Grunde verhielten sich beide nicht anders, als Heinz auf dem Schulhof. Nur
waren die Folgen für die Menschheit und ganz besonders für unser deutsches
Volk so verheerend, dass wir für lange Zeit aller kriegerischen Gewalt abschworen
und nicht mehr bereit sein wollten - und von den anderen Nationen aus gesehen,
auch gar nicht mehr sollten - einen Angriffskrieg zu führen. Sogar die Menschen,
die das Völkerrecht im Rahmen der UN neu fassten und die Menschen, die unsere
Verfassung schrieben, zogen ihre Lehren aus der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts
und erlaubten Kriege nur noch dann, wenn ein Volk sich verteidigen muss.
Nun sehen wir auf dem Schulhof der Geschichte wieder zwei Gruppen einander gegenüberstehen,
jeweils vertreten von einem großen Heinz und einem kleinen Klaus. Heinz
ist für mich gleichsam ein Symbol der wirtschaftlich und politisch Mächtigen
in der so genannten ersten und Klaus für die Menschen in der dritten Welt.
Und an die Stelle der Schulleitung als oberste Instanz ist der Weltsicherheitsrat
getreten. Stets sind es, wie wir erleben, die Mächtigen, die Regierenden
oder die, die es werden wollen, die Kriege vorbereiten und entfesseln.Es sind
nicht die Bevölkerungen. Und es sind erwachsene Männer, die mit
ihren absonderlichen fundamentalistischen Ideologien, ihrem spätpubertären
Geltungsstreben und die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen verachtenden Machgelüsten
die Messer wetzen - so, wie wir es im Kleinen auf unseren Schulhöfen erleben.
Dagegen aber lässt sich etwas tun! Seit mehr als einhundert Jahren sind
es die Frauen und die alternativen sozialen Bewegungen, unter ihnen vor allem
die Friedensbewegung, die die Gegenwelten verkörpern: Einst war es die
erste Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, die 1889 schrieb: "Die
Waffen nieder" und viele folgten ihren Spuren wie Helene Stöcker oder
- stellvertretend für die Frauen in unseren Tagen - die Frauen in der Gesangsgruppe
"Gegenstrom" aus Waldshut. Heute gibt es ungezählte Frauen mit
mehr oder weniger öffentlichem Einfluss und Geltung, die sich den gewaltbereiten
Anführern und ihren Freunden in den Weg stellen. Es gibt aber auch seit Beginn
der Friedensbewegung vor dem ersten Weltkrieg immer mehr Männer, die ihren
Geschlechtsgenossen, die jeweils gerade an der Macht sind, ihre Gefolgschaft versagen,
wenn diese eine aggressive Politik machen oder gewaltbereite Regime unterstützen.
Denken wir zum Beispiel nur an Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer oder
August Graf von Galen. Und wenn es Menschen gibt, die meinen, es habe
das alles keinen Zweck, denn ohne Gegengewalt würde sich nichts ändern,
dann halte ich fest: Eine
wichtige Aufgabe derer, die der Aggression und Gewalt abgeschworen haben, ist,
konstruktiven gewaltlosen Widerstand zu leisten, sich Kriegsvorbereitungen und
kriegerischen Aktionen, die nach ihrer Überzeugung der Aggression, der Unterdrückung
und wirtschaftlichen Ausbeutung dienen, zu verweigern und öffentlich zu protestieren.
Jeder Krieg ist ein Krieg gegen alle Menschen, die in Frieden leben wollen. Also
protestieren wir, solange wir es noch können und sind stolz darauf, dass
es in unserer Geschichte Frauen und Männer gegeben hat, die sich dem Krieg
als Mittel zur Durchsetzung ideologischer, politischer oder wirtschaftlicher Interessen
widersetzten. Sie sind unser Vorbild. Junge Menschen brauchen sinnstiftende Vorbilder.
Hier finden wir sie. Unserer Kulturpolitik empfehle ich, neben die in
einigen Schulen bereits geübten Modelle von Konfliktlösungen, die reiche
Geschichte der deutschen und internationalen Friedensbewegung im Schulunterricht
so in den Vordergrund zu stellen, dass auf diese Weise Heinz und Klaus und alle
anderen Kinder und Jugendliche frühzeitig lernen, dass allein eine friedfertige
Einstellung und Strategie im Leben eines jeden Einzelnen dazu beitragen kann,
den kleinen und den großen Frieden zu fördern. |
2.
Unmittelbar vor Beginn der US-amerikanischen
Intervention im Irak fand eine von Herrn Schulz moderierte Diskussion in der Sendung
"Forum Pariser Platz" statt, auf die ich mit folgender Botschaft reagierte:
Sehr
geehrter Herr Schulz, sehr geehrte Damen und Herren,
ich
möchte Ihnen gegenüber meinen Verdruss über Ihre Auswahl von "Gesprächsteilnehmern"
an dem Forum Pariser Platz zum Ausdruck bringen! Ich meine, dass es in diesen
Tagen, in denen sich ein amerikanischer Präsident in seiner Rolle als Lobbyist
und Vollstrecker von Ölkonzernen und der Rüstungsindustrie anschickt,
einen Krieg vorzubereiten, dessen Folgen für alle Betroffenen schrecklich
sein werden, in öffentlichen Diskussionen nur darum gehen kann, sich gegen
eine derartige Politik zu wenden. Sowohl die Goppels als auch die Kornblums tragen
auf ihre Weise Mitverantwortung, wenn sie, die es eigentlich besser wissen müssten,
die Kriegspläne einer auf zweifelhafte Weise zur Macht gekommenen US - Administration
unterstützen. Schauen Sie, Herr Schulz, in die neue Ausgabe von "Greenpeace",
auf deren Deckblatt die Frage steht: "Verändert sich Amerika unter Präsident
Bush in ein "Reich des Bösen?" Überzeugen Sie sich über
die geopolitischen Motive, die die USA dazu zwingen, die Kontrolle über die
Ölquellen im Irak zu erreichen (z. B. im ATTAC-Rundbrief 1/03). Oder lesen
Sie mein Statement, das ich am 15. Februar auf der Kundgebung vor dem Rathaus
unserer Kreisstadt verlas und das inzwischen eine pikante Ergänzung erfuhr:
Ich deutete in meinem Vortrag darauf hin, dass wir Deutsche im vergangenen Jahrhundert
zwei Psychopaten als Führer hatten, die die Welt in je einen Weltkrieg stürzten.
Und am achtzehnten Februar in der Sendung "Zehn vor Zehn" im Fernsehen
DRS bezeichnete eine US-amerikanische Sängerin ihren Präsidenten als
"Idioten". Wird diesmal die Welt von einem Menschen mit einem oligrophenen
Krankheitsbild mit Krieg überzogen? Gern hätte ich diese Botschaft
online über ihren Link "Kontakte" übermittelt. Aber als ich
all die Einschränkungen las und die darin enthaltenen Drohungen, wurde mir
klar, dass ich hätte erst einen Anwalt zur Prüfung meines Textes gebraucht.
Mit unserer Meinungs- und Redefreiheit ist es offenbar nicht mehr weit her. Und
dennoch lebe ich (noch) in einem liberaleren Staat, als es die USA inzwischen
sind. Mit einer Reaktion kann ich vermutlich nicht rechnen. In Ihren
Rollen als Privatpersonen wünsche ich Ihnen alles Gute! Dr.
Joachim Rumpf Es
hatte in der Tat niemand auf den Brief reagiert |
Inzwischen,
der Einmarsch der US-Truppen und ihrer Verbündeten liegt über ein Jahr
zurück, haben sich die Prognosen aller kritischen Stimmen bestätigt.
Es ist die alte Erfahrung bekräftigt worden, dass der Versuch, den Teufel
mit dem Beelzebub auszutreiben, alles noch viel schlimmer macht und völlig
untauglich ist, um tatsächliche oder vermeintliche Probleme zu bearbeiten.
Und was
wird die Geschichtsschreibung eines Tages zu alledem sagen? Sie wird registrieren,
dass die US-amerikanische Administration, genauso, wie einst der deutsche Faschismus,
einen Krieg mit Lug und Trug begründete. Und was sagte Bush junior sinngemäß
in diesen Tagen selbst dazu? Er meint, dass ihn das historische Urteil nicht interessiere,
denn dann "leben wir alle nicht mehr". "Nach mir die Sintflut"
ließe sich das interpretieren. Es
bleibt die Hoffnung, dass es der Gemeinschaft friedfertiger demokratischer Staaten
und Staatenbünden eines Tages gelingt, gemeinsam und auf Augenhöhe mit
den Irakern und ihren Glaubensbrüdern in den arabischen Staaten eine demokratische
Staatsform im Irak zu etablieren, die den Bürgerinnen und Bürgern dort
jene Lebensbedingungen und Lebensformen ermöglicht, die diese selbst wünschen. 21.04.2004
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