Vorbemerkung
Ein Teil, den das Leben der evangelischen
Kirchgemeinde Görwihl in dem Jahrzehnt zwischen 1982
und 1989 ausmachte, war die zeitweilige Verzahnung der Gemeinde
mit dem "Friedenskreis Hotzenwald". Die Kirchengemeinde
war darin vertreten durch Frau Pfarrerin Holch, Frau Adams,
die damals im Gemeindebüro arbeitete und noch heute,
als freiberufliche Grafikerin die Jahreslosungen gestaltet
und mich, der ich 1989 in den Ältestenkreis nachrückte
und zuvor den alljährlich stattfindenden Gemeindeversammlungen
vorstand.
Da diese Episode in den Protokollen des Kirchengemeinderats
kaum Erwähnung gefunden haben dürfte, so ist sie
doch wert, nicht ganz der Vergessenheit anheim zu fallen.
In einer späteren erweiterten Chronik
der evangelischen Gemeinde sollte dieser Zeit gedacht werden.
Zugleich
aber stellt dieser Rückblick einen Beitrag dar, der
in einer Geschichte der politischen Gemeinde eine Erwähnung
verdient. Wie zu beschreiben ist, verlor der Friedenskreis
Görwihl / Hotzenwald eines Tages sein Domizil in den
Räumen der evangelischen Kirche und auch die Pfarrerin
nahm nur noch, gleichsam als Privatperson, an den Aktivitäten
der Gruppe teil. Damit wurde auch in der Öffentlichkeit
deutlicher, dass die Verbindung zur evangelischen Kirchengemeinde
primär ein organisatorischer gewesen war.
1.
Die Kirchengemeinden und die Friedensbewegung in den achtziger
Jahren
Angefangen
hatte die Arbeit der Friedensgruppe Görwihl, die später
mit "Friedenskreis Hotzenwald / Görwihl"
unterschrieb, am 7. Mai 1982 im Cafe Siebold. Die meisten
Personen, die an dieser Gründungsversammlung teilnahmen,
hatten zum Teil seit mehreren Jahren an widerständigen
Aktionen gegen Aufrüstung, Atomkraft und für die
Ergaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen in Wyhl
oder in Bonn teilgenommen.
Eingeladen
hatten zu einer ersten Begegnung interessierter Frauen und
Männer. Hierzu gehörten Herr Rieth, Lehrer für
Geschichte und Politik an einer Berufsschule und die Herren
Fritz Huber und Heinz Mutter, die zu dieser Zeit als Parteilose
für die Grünen im Gemeinderat Görwihl vertreten
waren. Es
war ein kleines Häuflein, die sich im Gasthof zusammenfand.
Obwohl die drei genannten Herren zur katholischen Gemeinde
gehörten, waren weder aus dem Pfarrgemeinderat noch
aus dem evangelischen Kirchengemeinderat Personen vertreten.
Dafür waren Frau Adams, die Organistin und Gemeindesekretärin
und Frau Pfarrerin Holch erschienen. In den folgenden Jahren
wurde die Arbeit des Friedenskreises dann auch maßgeblich
von der evangelischen Pfarrerin unterstützt. Sowohl
in Görwihl, wo der Friedenskreis zunächst in den
Räumen des Albert-Schweizer-Hauses ein Domizil für
seine Begegnungen fand, als auch in anderen Gemeinden unterstützten
Geistliche, hier ist u. a. an Herrn von Ascheraden aus Todtmoos,
an Frank Morlock aus Wieladingen, der inzwischen Dekan im
Württembergischen ist, und die Professoren Gollwitzer
und Schweitzer aus Dachsberg (und Berlin) zu denken, die
Anliegen der Friedensbewegung. Im Gottesdienst der evangelischen
Kirche am 18. August 1982 standen zum Beispiel die Hoffnungsvisionen
des Propheten Jesaja im Mittelpunkt der Predigt, dass dereinst
die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden würden.
Einen
unvergesslichen Höhepunkt erlebten die meisten Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter unseres Friedenskreises, als wir 1989 nach
Berlin zum Evangelischen Kirchentag fuhren. Dieses Ereignis
aber markierte gleichsam, und ohne dass die Beteiligten
dies wussten oder wollten, das nahende Ende unseres Engagements.
Mit dem beginnenden Prozess der Annäherung und schließlichen
Auflösung des Gegensatzes beider Machtblöcke,
verlor die Friedensbewegung an Schwung. Auch bei uns in
Görwihl fanden die letzten Mahnwachen für den
Frieden, an denen einige Frauen und Männer mit Kerzen
vor der Sparkasse am Marktplatz standen, Ende August 1991
statt.
Die
aktive Unterstützung der Friedensarbeit durch Frau
Pfarrerin Holch, die in jenen Jahren Kriegsdienstverweigerer
beriet, und von Frau Adams blieb nicht ohne positives
Echo. Es besuchten zum Beispiel mehr Personen die Gottesdienste,
die bis dahin der Kirche fern standen und wirkten bei
öffentlichen Veranstaltungen der Kirchengemeinde
mit.
Vor
allem die Unternehmungen, die Höhepunkte im Gemeindeleben
waren und bei den Beteiligten nicht so rasch in Vergessenheit
geraten sein dürften, sorgten für eine eigenwillige
Dynamik. Eigenwillig darum, da sie für eine kurze
historische Periode die beiden großen Kirchen zu
gemeinsamen Aktionen zusammenführte, die politisch
und zugleich kritisch akzentuiert waren. Besonders deutlich
wurde das im Herbst 1983, als wir aus Görwihl zu
unserem Abschnitt der "Menschenkette" nach Plochingen
fuhren. Die Menschen, die sich im Zug und dort vor Ort
trafen kamen aus sehr vielen gesellschaftlichen Gruppen
und Vereinigungen. Und wenn man die Liste der teilnehmenden
Gruppen aus unseren Landkreisen von Freiburg bis Konstanz
studiert, dann wird deutlich, dass es sich damals um eine
Bewegung aller handelte, die aktiv etwas für den
Frieden und gegen jede Aufrüstung tun wollte. Ähnlich
wie der Kirchentag in Berlin sechs Jahre später,
war das ein hoffnungsvolles Signal dafür, dass die
Kirchen und ein Teil ihrer Amtsträger aus den Gotteshäusern
heraustreten, in die gesellschaftliche Öffentlichkeit
hineinwirken und darüber hinaus mit gutem Beispiel
vorangehen.
Einmal
gestaltete der Friedenskreis den Gedenktag für die
Kriegstoten. Frau Pfarrerin Holch hielt die Gedenkrede.
Es entstanden die ökumenischen Gesprächskreise
der Frauen für den Frieden und von den Angehörigen
beider Kirchengemeinden wurden in der Gebetswoche für
die Einheit der Christen gemeinsame Gottesdienste gestaltet
und Gebete für den Frieden eingerichtet. In diesem
Bereich, also wenn es um die kirchliche Unterstützung
des Friedens in der Welt ging, hatten auch der katholische
Pfarrgemeinderat und Herr Pfarrer Frei ein ganz offenes
Ohr. Sobald Engagement und Argumentation in das politisch-gesellschaftliche
Feld hinüberglitten, wurden die Kirchengemeinderäte
beider Konfessionen schwerhörig.
Es
boten aber die Friedensdekaden der christlichen Kirchen,
die in der BRD und in der DDR begangen wurden, eine Möglichkeit
freidenspolitischen Engagements an. Auch wir beteiligten
uns mehrere Jahre an den ökumenischen Friedensgebeten
und den dem Frieden gewidmeten Gottesdiensten in beiden
Görwihler Kirchen. Hier ein Zeitungsbericht darüber:

2.
Die Aktivitäten des Friedenskreises Hotzenwald / Görwihl
In den Jahren
von 1982 bis 1989 - und hier ist vor allem an die "heißen"
Phasen des Widerstandes gegen die Raketen - Stationierungen
auf deutschem Boden zu denken - erhob der Friedenskreis in Görwihl
unüberhörbar seine Stimme. Während fünf
Jahren trat er mit einem eigenen Stand auf dem alljährlichen
Martinimarkt an die Öffentlichkeit.
Wie die Planung hierfür und die darauf folgende Woche aussah,
zeigt ein vom evangelischen Gemeindeamt verbreitetes Programm
der "Friedenswoche in Görwihl 1982"
":Samstag,
6.11.: Informationsstand des Friedenskreises auf dem Martinimarkt.
Sonntag, 7.11.: Gottesdienst für den Frieden 9.00 Uhr
ev. Kirche Görwihl
Fotoausstellung über Hiroshima und Nagasaki
10,30 - 12,00 Uhr und 14,00 - 16,00 Uhr in der Aula der Hauptschule
Mittwoch, 10.11. Podiumsdiskussion: "Der Nato-Doppelbeschluss"
20,00 Uhr Rebstocksaal Görwihl
Samstag, 13.11. Filmabend: "Wargames - Kriegspiele"
20,00 Uhr, Rebstocksaal, Görwihl
Der
Friedenskreis trifft sich wieder am 26.11. und am 10.12.
jeweils um 20,00 Uhr im evang. Gemeindesaal, Albert-Schweitzer-Str.
14. Herzlich eingeladen zur Teilnahme an diesen Treffen
ist jeder, der sich für unsere Arbeit und unsere Ziele
interessiert."
Die
Gruppe traf sich darüber hinaus mit den Professoren Gollwitzer
und Schweizer in Todtmoos bei Herrn Pfarrer v. Ascheraden
und hatte in Görwihl Herrn Professor Wittig von der PH
in Freiburg zu Gast.
Mit dem Erziehungswissenschaftler Wittig und dem evangelischen
Theologen Schweizer saßen auch der Jugendoffizier der
Bundeswehr, Oberleutnant Burkhardt aus Freiburg und der Görwihler
CDU-Gemeinderat und Bürgermeisterstellvertreter Karl
Kaiser, auf dem Podium im Gasthaus Rebstock in Görwihl.
Mit 65 Personen war die Podiumsdiskussion am 10. 11. 1982,
die über den NATO-Doppelbeschluss informierte gut besucht.
Die Gespräche wurden sachlich und engagiert geführt
und offenbarten, trotz unterschiedlicher Positionen, "viele
Gemeinsamkeiten auf beiden Seiten der Diskussionsrunde",
wie es im Protokoll heißt. Es wurden auch Filme im Rebstock
und im Albert-Schweitzer-Haus gezeigt. Die Filmvorführungen
mit anschließenden Aussprachen wurden von Mitbürgerinnen
und Mitbürgern gern angenommen.
Sowohl zu den überregional wirkenden Aktionen der Studierenden
und Lehrenden der PH Freiburg, zu denen in jenen Jahren Herr
Rumpf gehörte, gab es eine Verbindung als auch zu der
von den "Grünen" im Landkreis Waldshut initiierten
"Wälderakademie". An der PH in Freiburg fand
im Wintersemester 1982/83 ein friedenspolitischer Kongress
statt, auf dem auch die Friedensgruppe aus dem Hotzenwald
vertreten war. Seminare und Vorträge, wie zum Beispiel
der mit Dr. Geck, wurden von der "Wälderakademie"
organisiert. Anlässlich besonderer Ereignisse gab es
Begegnungen mit anderen Friedensgruppen. Die Begegnungen der
Friedensgruppe in Görwihl glichen bis 1989 immer wieder
einer Bildungsveranstaltung mit Statements zu ausgewählten
Themen, die jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer beisteuern
konnte und den sich anschließenden Diskussionen. Fanden
diese "Seminare" zuerst, wie geschildert, im evangelischen
Gemeinderaum des Albert-Schweitzer-Hauses statt, so traf sich
die Gruppe in den Jahren 1986 bis 1989 einmal im Monat im
Hause Rumpf in Görwihl.
Die
Friedensgruppe Görwihl zählte im Durchschnitt
fünfzehn ständige Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
die sich regelmäßig trafen und die aktuelle
politische Lage erörterten. Es wurden Buchbesprechungen
und gut vorbereitete Statements zu politischen, wirtschaftlichen
und kulturellen Fragen angeboten. Im Winterhalbjahr
1984/85 hielten Vorträge unter anderem:
Herr Hofer aus Görwihl (über die wirtschaftliche
Situation in Deutschland und der Welt),
Herr Busch aus Oberwihl (über den Ost-West Konflikt,
Herr Dr. Geck aus Hänner (Umdenken statt Umkommen).
Hier
zwei Beispiele von Plakatierungen für öffentliche
Veranstaltungen:

Auf
die "Menschenkette" 1983 als ein Höhepunkt
wurde bereits hingewiesen. Der Aufstellungsplan mit dem
Abschnitte der Menschenkette, für den die Gruppen unserer
Region aus Waldshut und Lörrach vorgesehen waren, ist
diesem Bericht beigefügt. Von frühen Morgen bis
zum späten Abend waren wir an diesem Tag unterwegs.
An den jeweiligen Treffpunkten herrschte Volksfeststimmung.
Wie stets bei derartigen Gelegenheiten war der Ernst des
Anliegens begleitet von unbekümmerter fröhlicher
Herzlichkeit und kräftiger Solidarität. Selten
nur fanden derartige Großveranstaltungen statt. Sie
waren gleichsam "Volksfeste" mit politischem Charakter,
eine neue gewaltige Demonstration gewaltfreien Widerstands,
wie sie dann wenige Jahre später vor der Friedens-
und Bürgerrechtsbewegung in der DDR aufgegriffen wurde.
Der Unterschied jedoch lag in den Rahmenbedingungen. Wenn
auch hier wie dort diese Gruppen von der Mehrheit der Bevölkerung
isoliert blieben und auch die Massenbewegung 1989 in der
DDR keineswegs die Bevölkerungsmehrheit ergriff, so
war in der DDR mit einer deutlich größeren Gewaltbereitschaft
von Seiten der staatlichen Organe zu rechnen als bei uns.
Eine
von Friedensgruppen und Gewerkschaften 1984 durchgeführte
Veranstaltung im Kursaal in Bad Säckingen mit Hoimar
von Ditfurth, Robert Jungk und anderen prominenten Wortführern
der Friedensbewegung ist wegen eines Diskussionsbeitrages
besonders erwähnenswert. Eine ältere Dame meldete
sich zu Wort und berichtete, dass sie mit anderen "Ältesten"
ihrer Gemeinde in Bonn waren. Dort hatten sie ihren Bundestagsabgeordneten
gesprochen. Als sie diesen auf das Gewissensgebot im Grundgesetz
angesprochen und ihn nach seiner Position dazu gefragt haben,
hat er geweint. Das erzählte diese Frau vor allen den
vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung.
Und nichts war über diesen ebenso erschütternden
wie bezeichnenden Beitrag in der Tageszeitung zu lesen.
Begegnungen,
die politischen Themen und Aktionen gewidmet waren, wurden
durch kleine Feste ergänzt. So fand im Hause des Pfarrers
Frank Morlock und seiner Frau Brigitte im Juni 1984 ein
"Schnakenfest" statt, bei Herrn Heinz Mutter und
seiner Frau Ingrid ein Sommerfest 1985 in ihrem Haus in
Strittmatt. In den Advendszeiten wurde gemeinsam musiziert,
gesungen und gegessen. Auch "runde" Geburtstage
wurden gemeinsam begangen.
Nach Außen
aber trat die Friedensgruppe nur in den sechs Jahren vom
Frühling 1982 bis zum Herbst 1987 regelmäßig
in Erscheinung. Sie machte auf ihre Anliegen vor allem durch
ihren Info-Stand auf dem Martini-Markt in Görwihl aufmerksam.
Die Organisation des Informationsstandes, bei dem wir Broschüren
und Informationsblätter an die Besucher des Martini-Markts
verteilten, Tee zubereiteten und kostenlos anboten und Musik
machten, war Im Grunde während dieser Jahre unsere
Hauptleistung, was die Agitation für Frieden, Abrüstung
und eine auf die Erhaltung der Schöpfung ausgerichtete
(ökologische) Politik betraf. Denn es erforderte viel
Einsatz der Beteiligten, um diesen Informationsstand alljährlich
zu gestalten. Zu denken ist unter anderem an Hauke, Michael
oder Thomas, die selbst bei nasser Kälte Musik machten.
Nun ja, das Interesse der Marktbesucher an den Informationen,
war eher verhalten als begeistert. Manche schlugen einen
verschämten Bogen um uns, wie man unangenehmen Themen
gern aus dem Wege geht. Andere wieder blieben stehen, um
mit uns zu sprechen - da wir ja alle hier daheim waren,
gingen uns die Nachbarn und Kollegen nicht aus dem Wege.
Doch die gelegentlichen Bemerkungen: wem hier die Politik
nicht passe, solle doch "nach drüben" gehen,
hörten wir auch. Gerade damit aber wurde deutlich,
dass öffentlich vorgetragene Überzeugungen oder
Meinungen und diesen entsprechenden Verhaltensweisen, wenn
sie nicht mit den Parolen von den jeweils herrschenden Mehrheiten
in den Parlamenten und einer diesen folgenden öffentlichen
Meinungsmache übereinstimmt, bei vielen Mitbürgerinnen
und Mitbürgern auf Ablehnung stößt. Diese
Ablehnung ist umso aggressiver, je stärker das schlechte
Gewissen darüber ist, nicht den Mut zu haben, ebenfalls
für eine bessere Politik öffentlich einzutreten
oder je größer die Identifikation mit der Politik
der Regierungen ist. Im Grunde beobachteten wir die gleichen
sozialen Phänomene wie sie gleichzeitig unsere Freunde
im Geiste in den Friedens- und Ökologiegruppen in der
DDR erlebten. Die Aktivsten dort wurden tatsächlich
"nach drüben" in die BRD geschickt, also
ausgebürgert wie zum Beispiel Rudolf Bahro oder von
der Stasi bespitzelt. Und in beiden Staaten wurden diese
Gruppen als "fünfte Kolonne" der jeweils
anderen Seite in Massenmedien und von Politikern diskriminiert.
Mit einem Inserat
trat die Gruppe am 1984 an die Öffentlichkeit. Der
Text offenbarte, dass wir schlichtweg den Politikern das
Recht absprachen, in unserem Namen - und auch wir gehören
ja zum deutschen Volk - Aufrüstungs- und Atomprogramme
zu veranlassen und zu finanzieren.
Wir
hatten mit unserem Inserat zugleich auf einen Pferdefuß
unserer Verfassung gewiesen, einer Verfassung, die zu beachten
wir alle verpflichtet sind. Unsere repräsentative Demokratie
ermöglicht es uns aber nicht, den Politikern, die im
Parlament eine Mehrheit vertreten, aus aktuellen Anlässen
eine andere politische Entscheidung aufzuzwingen, wie es
mit Hilfe von Volksabstimmungen (Referenden) in der benachbarten
Schweiz möglich ist. Einzelne oder Gruppen können
nicht einmal aus für von ihnen für verderblich
oder verwerflich gehaltenen aber gleichsam zum Gesetz erhobenen
Zwängen aussteigen und zum Beispiel Steueranteile für
die Rüstung verweigern. Nicht einmal auf Gemeindeebene
ist so etwas möglich. In unserer Gruppe machte damals
der von uns für die Verfassungsrealität als typisch
empfundene Ausspruch eines gewählten Abgeordneten die
Runde, der in einem Wirtshaus erklärt hatte: "Jetzt
sind wir gewählt. Nun können wir wieder machen
was wir wollen." Es bleibt allen, die eine andere Auffassung
von Politik haben, jedoch der friedliche Protest. Dass er
als Massenbewegung tatsächlich eine Staatsmacht zu
stürzen vermag, das hatte wohl auch von uns damals
niemand geglaubt.
Immerhin
versuchten unsere beiden Gemeinderäte Fritz Huber und
Heinz Mutter etwas "Basisdemokratie" umzusetzen.
Vergeblich, wie der folgende Zeitungsbericht zeigt, denn
nicht einmal zu einer symbolischen Geste, waren ihre Kollegen
bereit.
3.
Friedensgruppen waren bzw. sind sind ein belebendes Element
in einem Gemeinwesen.
"Gehorsamkeit,
Anstand und Fleiß", so hieß es in einem Leserbrief
in einer unserer Tageszeitungen am 23. November 2003, waren
"Werte von früher und gelten anscheinend nicht mehr".
Und es lässt sich hinzufügen, dass sich die übergroße
Mehrheit unseres Volkes und der Bürgerinnen und Bürger
auch anderer Staaten dadurch auszeichneten, dass sie ihren
Obrigkeiten stets folgten und nicht aufzumucken wagten. Die
schlimmsten Auswüchse des Untertanentyps kennen wir vom
Militärdienst alter Provenienz her. Auch im öffentlichen
Dienst haben sich zum Teil erhebliche Reste dessen erhalten,
was man ehedem als typisch deutsch oder als den preußischen
"Kadavergehorsam" genannt hatte. Im Volksmund heißt
es über Menschen in diesen Rollen, dass sie "nach
oben buckeln und nach unten treten". Wer aber nun "ungehorsam"
ist, sich nicht alles gefallen lässt, was von Oben kommt,
wer Widerstand zeigt oder gar Widerstand mit anderen organisiert,
der bekommt, je nach der Situation, in der das geschieht,
die Staatsmacht zu spüren. Gesetz und Recht sind insofern
Staatsdiener, als sie die jeweilige staatliche Ordnung zu
schützen haben.
Selbst
wenn in Deutschland nach 1945 niemand mehr in einen Krieg
ziehen will oder Atomwaffen befürwortete: allein, dass
es Frauen und Männer gab, die sich am Anfang des "Kalten
Krieges" bereits gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands
wendeten oder in den achtziger Jahren zum gewaltfreien Widerstand
aufriefen, mit Mahnwachen protestierten und Menschenketten
bildeten, löste bei vielen Bürgern Kopfschütteln
aus. Öffentlicher Widerstand ist bei uns verpönt.
Und alles, was es an Widerständen beziehungsweise Widerstandsbewegungen
in unserer Geschichte gab, wurde bis vor drei Jahrzehnten
entweder diskriminiert oder verschwiegen. Seit den siebziger
Jahren zwar nicht mehr alles und schon gar nicht von den Medien.
Doch für viele Mitbürgerinnen und Mitbürger
gelten widerständige Menschen als störend, unbequem,
ärgerlich und so überflüssig, dass man sie
am liebsten verbannen würde. "Geht doch nach drüben"
war bis 1989 die meistgehörte Reaktion gegenüber
Teilnehmern an Mahnwachen, wenn die mit ihrer Kerze in der
Hand und einem Plakat im Hintergrund gegen Krieg und Kriegsvorbereitungen
auf Straßen und Plätzen standen. Das immer wieder
von Kritikern der Friedeninitiativen vorgetragene Argument,
dass eine derartige Bewegung insofern ein "weißer
Schimmel" sei, weil es niemanden in unseren Gemeinden
gäbe, der etwas anderes wolle als den Frieden bewies,
dass gar nicht begriffen worden war, worum es ging: einen
Krieg abzulehnen ist eigentlich selbstverständlich. Die
Vorbereitungen für mögliche Kriege aber, die sowohl
durch eine aggressive Wirtschaftspolitik, durch Aufrüstung
und Rüstung überhaupt oder ideologische Wahnvorstellungen,
wie sie bis heute in fundamentalistischen religiösen
Gruppen und politischen Splitterparteien, wie der NPD u. ä.
anzutreffen sind, die verdienen es, öffentlich Widerstand
zu erfahren. Das haben in den vergangenen zwanzig Jahren immer
mehr Menschen erkannt und treten dem entgegen. Zum Beispiel
in den politischen Magazinen der Fernsehanstalten. Aber auch
eine Politik, die sich einer auch nur indirekten Unterstützung
eines von der Völkergemeinschaft nicht unterstützten
Krieges verweigert, ist ein Beitrag im Sinne der Friedensbewegung.
Die Friedensgruppen
in den achtziger Jahren, wie die Görwihler Gruppe, waren
autonome Inseln. Nur anlässlich der seltenen Großereignisse
trafen sich Vertreter der verschiedenen örtlichen Initiativen.
Es gab keine Vorstände, weil niemand daran dachte, Vertreter
zu wählen oder Sprecher zu benennen. Dennoch war jede
Gruppe gebeten, zum Beispiel den überregional irgendwo
bestehenden Organisationskomitees Ansprechpartner bzw. Postadressen
zu nennen. Bei uns war das zunächst das evangelische
Pfarramt, später wurde ich als "Sprecher" der
Friedensinitiative Hotzenwald angeschrieben.
Es gibt
schon lange keine Treffen derer mehr, die sich zur Friedensgruppe
in Görwihl zugehörig fühlten und sie durch
ihren Einsatz konstituierten. Die Frauen und Männer sind,
soweit sie nicht verstarben oder wegzogen, noch da und leben
in unseren Gemeinden und arbeiten an ihren Arbeitsplätzen.
Einige sind, wie ich selbst, inzwischen Rentner. Es blieben
jedoch besondere Beziehungen erhalten. Einmal entwickelten
sich vor nunmehr zwanzig Jahren nähere, freundschaftliche
Kontakte. Und dort, wo es nicht zu derartigen Beziehungen
mit häufigen Verabredungen im privaten Raum kam, da blieb
in der Begegnung - man trifft sich im Dorf und wechselt einige
Worte - jene Verstehensebene lebendig, die gemeinsames Erleben
schafft. Die Begegnungsformen auch haben sich verändert.
Die Friedensgruppen lösten sich zwar als solche auf,
ihre Initiatoren beziehungsweise "Mitglieder" organisierten
andere Formen des Beisammenseins. Heute nennt man sie verallgemeinernd
die "Alternativen" - aber auch im Umfeld der Partei
der "Grünen" und ihrer Aktivitäten finden
sich die "Friedensbewegten". Ich denke hier zum
Beispiel an das alljährliche "Hofmarktfest"
um das "Bienenhüsli" in Herrischried- Giersbach.
Allgemein
gilt: Alle Beteiligten sind sich in den Jahren, als die Friedengruppen
in unseren Gemeinden wirkten, näher gekommen und diese
Nähe ist, mal mehr mal weniger dicht, geblieben. Aus
aktuellen Anlässen kann sogar die alte Aktivität
wieder da sein. So zum Beispiel aus Anlass der Balkankriege.
Da standen auch in Görwihl trotz des kalten Winterwetters
wieder Vertreter dieser Gruppe mit Kerzen auf dem Dorfplatz
vor der Sparkasse um still und ohne agitatorischem Beiwerk
an alle zu erinnern, die unter dem Krieg leiden. Mehr noch:
es waren aktive Mitglieder der einstigen Friedensgruppe, die
Patenschaften für - von den Behörden nicht anerkannte
- bosnische Flüchtlinge übernahmen, ihren Familien
Unterkunft und Nahrung zur Verfügung stellte und damit
deren Überleben in Sicherheit ermöglichten.
Und als die US-Regierung unter ihrem Präsidenten Bush
den Krieg gegen den Irak vorbereitete, wurde ich eingeladen,
am 15. Februar 2003, dem weltweiten Antikriegstag, in Waldshut
das Wort zu ergreifen (vgl. die Seite: Widerstand als Tugend).
Insofern lässt sich festhalten:
Die Erinnerung an die einstige Friedensgruppe Hotzenwald /
Görwihl lebt noch hier und da und vor allem in jenen
Menschen, die an ihr teilhatten. Die Jahre gemeinsamen Austauschs
und Wirkens führten für jeder/jedem von uns zu neuen
zwischenmenschlichen Beziehungen, die, - wenn auch in ihrer
Qualität individuell unterschiedlich und mit veränderten
Begegnungsformen, nach wie vor bestehen. Über diesen
eher individuellen Gesichtspunkt hinaus sind Friedengruppen
ein Element historischer Prozesse im Leben einer Gemeinde.
Ein Chronist des Gemeindelebens sollte an ihr Engagement erinnern.
Sie waren
überall nur eine Minderheit, und hierin glichen sie jedem
Verein, in dem nicht die Mehrheit der Gemeindebürger
vertreten ist. Sie bildeten aber die "unruhige"
Hefe im Teig der Mehrheit der "ruhigen" Zeitgenossen.
Insofern ist der Vergleich mit den Salpeterern des achtzehnten
Jahrhunderts, wie er vor allem von Thomas Lehner vorgetragen
wurde, nicht von der Hand zu weisen.
Dr.
Joachim Rumpf im Januar 2005
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