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in das neunzehnte Jahrhundert und zu Stocker und Rolfus:
Den liberal und modern
denkenden Beamten und Priestern in Baden wie in allen deutschen Staaten, waren
also die Autonomie und die Macht der Kirchen suspekt. Auch im Großherzogtum
Baden, wurde versucht, die "ultramontanen" katholischen Priesterzurückzudrängen
und ihre Zuständigkeit zum Beispiel in Fragen zu Erziehung und Bildung (Schulwesen)
und Familienrecht (Eheschließung zu beschneiden.
Im
Großherzogtum Baden kamen beiden kulturpolitischen Strömungen, den
Reformern einerseits und den "Ultramontanen" andererseits, die Salpetererunruhen
auf dem Schwarzwald in den Amtsbezirken Säckingen und Waldshut gerade recht.
Sowohl in den Verfassungsorganen in Karlsruhe als auch vor Ort wiesen die Gegner
und die Verfechter von liberalen Positionen auf die Salpeterer, wenn sie ihre
Argumente vortrugen. Tobias Kies hat den Schlagabtausch mit den Salpetererargumenten
in seiner Arbeit nachgezeichnet (Kies, 2004, S, 418 ff).
"Der Kirche
soll keine andere Macht zukommen, als Anregung, Förderung, freier Austausch
der religiösen Meinung. Soll sie fruchtbringend wirken, so muss sie die Herzen
befriedigen, den innern Menschen ergreifen und die Besserung von Innen heraus
bewirken. Zu dieser segensreichen Stellung muss der Staat ihr verhelfen
.."
schrieb Franz August Stocker.
Er sieht die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts
als "Kämpfer für Glaubens- und Gewissensfreiheit" (aus seinem
Buch: Die Salpeterer. Waldshut 1892). Er zieht insofern eine Parallele dieses
Kampfes zu den Salpeterern des achtzehnten Jahrhunderts, als diese ebenso hartnäckig
für ihre politische Freiheit eintraten, wie die Salpeterer seiner Gegenwart
für "Glaubens- und Gewissensfreiheit" eintreten würden. Franz
August Stocker stellte sich damit in die Tradition der Reformen Wessenbergs und
knüpft an die Positionen Meyers und Heinrich Schreibers an.
Ganz anders deutete der Pfarrer Karl Rolfus in seiner Schrift "Die Salpetrer.
Geschichts- und Lebensbilder aus dem Hauensteinischen.." Mainz 1873 die Anliegen
der eigensinnigen Vertreter dieser Gruppe. Er sieht sie als Opfer. Für ihn
war es ein pflichtvergessener, von der katholischen Kirche und dem Papst abgefallener
Klerus, der gläubige Katholiken in eine derartige Widersetzlichkeit gegen
Amtskirche und Staat hineingetrieben hatte.
Karl Rolfus war ein entschiedener
Verfechter eines religiös geprägten Antiliberalismus und wird von Tobias
Kies als ein "fundamentalistischer Fanatiker" gesehen (bei Kies 2004,
S. 424, Anm. 82). Er verfocht energisch die Zuständigkeit des Papstes, über
alle kirchlichen Angelegenheiten absolute Autonomie zu besitzen und der Priester
und Laien die bedingungslose Gehorsam gegenüber dem Papst und der von ihm
berufenen Geistlichen.
In seinem Vorwort (Rolfus 1873, S. VI) schrieb er:
"Das Schriftchen ist und soll keine Tendenzschrift sein" und verkündet
am Ende seine "Moral
wir Katholiken (werden) nie in die Empörung
gegen die gesetzliche weltliche Regierung oder gar in die Trennung von unserem
Bischof unsere Rechte wahren oder erringen können. Verharren wir deshalb
stets auf dem gesetzlichen Wege
Seid der Obrigkeit gehorsam!" (Rolfus
1873, S, 159 f)
Karl Rolfus Büchlein war zwar im kulturpolitischen Dialog
kein Bestseller. Er legte aber mit seinem Gehorsamsgebot, das durchaus mit dem
Verständnis protestantischer Kirchenführung über die Rolle des
Gläubigen als Staatsbürger übereinstimmte, Zeugnis ab für
jene Gehorsamsidiologien, die mitverantwortlich, für die deutschen Katastrophen
im 20. Jahrhundert waren.
Auch
der Papst hielt an dem Gebot des bedingungslosen Gehorsams fest und exkommunizierte
im Verlaufe des Kulturkampfes alle jene Priester auf allen Hierarchie - Ebenen,
die seine Autorität leugneten.
Karl Rolfus war also in Baden einer der
herausragendsten Vertreter des ultramontanen Katholizismus. Bereits während
seines Vikariats in Niederwihl (Amt Säckingen), das er als Sechsundzwanzigjähriger
seit 1845 innehatte, praktizierte er traditionalistische Frömmigkeitsformen.
Seine reformerischen Amtsbrüder aus dem Priesterseminar in Meersburg meinten
sogar, dass er den Aberglauben fördere. Wenn Rolfus in dieser Beziehung eher
auf der Seite der Salpeterer stand und sie in seiner eigenen Praxis von Exorzismen,
Wallfahrten und Exerzitien sogar noch übertraf, vermochte er allerdings auf
die noch praktizierenden Salpeterer keinen Einfluss zu gewinnen. Der Höhepunkt
der Salpetererwiderstände lag zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre und
mehr zurück. Die Salpeterer hatten sich längst ganz von der Amtskirche
zurückgezogen. Sie glaubten keinem Priester mehr.
Immerhin erreichte
Karl Rolfus durch sein Wirken, dass sich die Anhänger der "Salpeterer-Sekte"
nicht weiter vermehrten, weil Rolfus und seine Gesinnungsgenossen genügend
Alternativen bereithielten (vgl. dazu: Irmtraud Götz von Olenhusen 1990 und
1995).
Niederwihl musste er verlassen und in die Schweiz nach Steinenberg
flüchten, schrieb der Verfasser einer biographischen Notiz über Karl
Rolfus (Heidelberg 1935, S. 152), "weil er sich "den Hass der Republikaner
zugezogen hatte". Dort gründete er eine klösterliche Niederlassung
von Schwestern, die aber schon nach wenigen Monaten nach Otmarsheim (Elsass) übersiedelte.
Karl
Rolfus gilt heute als ein Wohltäter. Er gründete 1879, also mit sechzig
Jahren, in Herten (Baden) das "St. Josephshaus", in der mehrfach behinderte
Menschen von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter betreut werden. Diese große
Behinderteneinrichtung betreibt heute eine eigene Schule, an der Heilerziehungspfleger
ausgebildet werden, einen großen ökologisch produzierenden landwirtschaftlichen
Betrieb und zahlreiche Werkstätten für Behinderte. Karl Rolfus wird
dort mit großer Verehrung gedacht.
In einem im Internet veröffentlichten
Vortrag von Professor Dr. Georg Kremer, dem Generalsekretär des Deutschen
Caritasverbandes heißt es u. a. über das Wirken des Pfarrer Rolfus
in Herten
"
Mutter Maria Theresia Scherer gab den Anstoß zur Gründung eines Heims
für behinderte Menschen bei einem Besuch beim Ortspfarrer von Herten, Karl
Rolfus, und sie fasste wenige Wochen später nochmals beherzt nach, nachdem
dieser noch keine Schritte unternommen hatte, die Gründung einer Anstalt
einzuleiten. Aber ab diesem Zeitpunkt widmete Pfarrer Rolfus dem Aufbau des St.
Josefshauses seine ganze Lebensenergie
"
Rolfus gab 1894 seine Pfarrstelle
auf, siedelte selbst in die Anstalt um, wo er am 7. März 1907 verstarb.