Die
Salpeterer
Das kleine Heftchen
mit dem Titel "Die Salpeterer", das Joseph Ruch als "Erstlingsprobe
seiner Schriftstellerei" kennzeichnete (Ruch 1956/66, S. 103) hat
nur 32 Seiten.
Ich beginne mit diesen Hinweisen, da angesichts dieses Umfangs und noch
geringer Erfahrung als schreibender Volkskundler verständlich ist,
dass Heinrich Hansjakobs Darstellungen der Salpeterergeschichte Lücken
haben muss. Das um so mehr, als er die Salpetererunruhen, die er als
"Aufstände" und "Kriege" bezeichnet, auf nur
13 Seiten zusammenrafft. Den größeren Anteil widmet er den
"religiösen Salpeterern", mit denen er selbst in seiner
Eigenschaft als Seelsorger zu tun hatte. Dies sei, so schreibt er im
Vorwort, der "Hauptzweck des Schriftchens". Hans Jakobs Darstellungen
der Ereignisse aus dem achtzehnten Jahrhundert waren aber auch geeignet,
den interessierten Leserinnen und Lesern eine knappe Information über
die Anliegen, einige wenige Hauptakteure und den Verlauf der Salpetererunruhen
zu geben. Hansjakobs Quelle war das Buch von Lucas Meyer, hrsg. Von
Heinrich Schreiber aus dem Jahre 1837. Insofern hatte er nichts Neues
mitzuteilen.
Ein neuer, bis heute auch nicht weiter verfolgter Hintergrund von Bewegungen
gegen Hörigkeiten und für "unveräußerliche,
rein menschliche Freiheitsbedürfnisse gegen alle und jede Hörigkeit"
(S. 3) deckt Hansjakob mit dem Verweis auf den "Sachsenspiegel"
auf. "Immerhin" folgert Hansjakob, "mag dieser natürliche
Protest, wie wir ihn im Sachsenspiegel finden, im konkreten Falle den
Salpeterern zu einer Entschuldigung dienen" (S.3).
Ich halte diesen
Bezug für bemerkenswert. Es hat sich zwar meines Wissens keiner
der Salpetereranführer auf dieses älteste deutsche Rechtsbuch
berufen, auch nicht auf den "Schwabenspiegel", der im Mittelalter
als Übertragung des Sachsenspiegels im oberdeutschen Raum Geltung
erhielt. Doch der ständige Verweis auf die "alten Rechte",
deren Quellen nicht genannt wurden (oder werden konnten, weil das Wissen
bei den Bauern verloren gegangen war), lässt vermuten, dass jenes
"unveräußerliche, rein menschliche Freiheitsbedürfnis
gegen alle und jede Hörigkeit" im kollektiven Bewusstsein
verankert war und sich
in dem Ausmaß neu bzw. wieder artikulierte, in dem sich
1. einmal jüngere
Rechtsverhältnisse wie Lehenspflichten, Abgaben u. ä. durch
die vorangegangenen und Jahrzehnte währenden Kriegswirren gelockert
hatten und nicht fortgeschrieben worden waren und
2. in dem zum anderen der politische und ökonomische Druck von
"oben", hier von Seiten des Klosters St. Blasien zunahm,
als im Dogerner Rezess eben die gelockerten Rechts- bzw. Abhängigkeitsverhältnisse
erneut kodifiziert wurden.
Immerhin lag der
Bauernkrieg erst zweihundert Jahre zurück. Und der Sachsenspiegel
hatte noch immer Geltung. In Thüringen und Anhalt immerhin bis
in das Jahr 1900.
Die Salpeterer des achtzehnten Jahrhunderts stellt Heinrich Hansjakob
keineswegs als "positive Helden" dar. Obwohl er selbst in
seinem späteren Leben einen sehr eigenen und harten Kopf besaß,
auf persönliche Unabhängigkeit sehr viel Wert legte und in
seinen Rollen als Priester, Lehrer und Landtagsabgeordneter so offen,
bissig und derb sein konnte, dass er deswegen hat sogar eine Gefängnisstrafe
verbüßt, schien er zum Zeitpunkt dieser Niederschrift noch
nicht bereit zu sein, bäuerlichen Widerstand zu tolerieren. Hansjakob
verfasste seine Salpeterergeschichte in den Waldshuter Jahren. Als er
"Präceptor" am dortigen Gymnasium wurde, war er erst
29 Jahre alt und stand noch ganz am Anfang seiner Laufbahn. Dennoch
blieb er auch späterhin merkwürdig gespalten: für sich
selbst beziehungsweise seine Überzeugungen als Priester, der für
eine von äußeren (staatlichen) Einflüssen unabhängige
Kirche eintrat und außergewöhnlich heftig für diese
Überzeugung gegen alle stritt, die nach seiner Überzeugung
die Unabhängigkeit der Kirchen einschränken wollten. Und andererseits
bestritt er im Falle der Salpeterer diesen das Recht, innerhalb des
Katholizismus eine eigene und gegen die Amtskkirche gerichtete einge
Interpretation von gelebtem Glauben.
Seine Gegner fand
er nicht nur in Justiz und Politik sondern auch bei seinen Kirchenoberen.
Da wundert es uns nicht, dass er heute als"Rebell im Priesterrock"
bezeichnet wird (Hermann Althaus in der "Badischen
Heimat", Nr 1 2004, S. 136). Er stand mit seiner Widerständigkeit,
wie ich meine, in näherer geistiger Verwandschaft mit den Motiven
der politischen und religiösen Salpeterer, als er selbst es in
seiner Waldshuter Zeit erkannte. Sein oppositionelles Verhalten bildete
sich auch erst in seinen Lahrer Jahren voll aus.