Schriften über die Salpeterer

Dichtungen /Spiele

 

Hans Mies und Andreas Ch. Weiß

Über das Ende eines Salpeterers

 

 


In diesem Jahr sind es das Kulturamt der Stadt Waldshut und die Waldshuter Vereine
, die ein Stück auf die Festspielbühne des "Chilbisonntags" bringen, in dem auch der Salpeterer gedacht wird. Anlässlich des großen Heimatabends werden einige historische Begebenheiten aus unserer Region dargestellt, die durch die Begegnungen und die Zukunftsvisionen eines Wanderers im Jahre 1525 auf dem Wege von St. Blasien über Waldshut nach Süden miteinander verbunden werden.

 

 

 

Welche verschlungenen, sehr eigenwilligeWege gegangen werden müssen oder können, um Fremdmittel aus einem Budget zu erhalten, das nur unter den größten intellektuellen Verrenkungen mit den Salpeterern in Verbindung gebracht werden können, zeigt der Zeitungsartikel (Badische Zeitung vom 18.08.2006) über das Heimatgeschichtliche Spiel anlässlich der diesjährigen Chilbi in Waldshut:

 


Text und Bild von Herbst in der Badischen Zeitung vom 23. August 2006

 

 

Hier zunächst Bilder und Selbstauskünfte der beiden Autoren und Bearbeiter des Stücks.
Zum ersten Mal wird auf diesen Seiten darüber berichtet, dass zwei engagierte und an der Heimatgeschichte interessierte Persönlichkeiten gemeinsam - gleichsam im Dialog - ein derartiges Vorhaben zum Erfolg führten.

Gewiss waren auch die anderen auf diesen Seiten vorgestellten Volksschauspiele nicht das Werk des Dichters allein. Es brauchte Regisseure und vor allem die vielen ehrenamtlichen Darsteller und Helfer, ohne deren Leistungen nichts ginge.

Dennoch sei in diesem Falle der "Teamarbeit" Beachtung geschenkt und Hochachtung ausgesprochen.

Bisher hat noch keiner unserer Heimatdichter sein Werk als gleichsam eine Gemeinschaftsleistung dargestellt.
Weil das hier so ist, werden beide - Hans Mies und Andreas Weiß - hier zu Worte kommen.

 

 


Andreas Ch. Weiß
geboren 1971 in Singen / Hohentwiel. Nach dem Abitur (1992) am Hochrhein-Gymnasium Waldshut Studium von 1992 bis 1998 der Geschichte und Volkskunde in Eichstätt / Bayern und in Freiburg i. Br. 1998 Magisterarbeit zum Thema "Die Revolution von 1848 / 49 und ihre Beteiligten in den Nachbarstädten Waldshut und Tiengen".

Autor des Kapitels über Vormärz und Revolution 1948 / 49 in der "Stadtgeschichte Waldshut im 19. Jahrhundert".
Seit 1996 freier Mitarbeiter am Ritterhaus-Museum Offenburg.

Quelle: Heimat am Hochrhein 24/1999, S. 131
Veröffentlichungen: Grenzüberschreitungen und Abgrenzungen - Der Hochrhein als Grenzregin in der Revolution von 1848 / 49. In: Heimat am Hochrhein 23/ 1998 und 24/1999
"Die ernste Zeit gebietet uns ein ernstes Wort an euch zu sprechen" Waldshut und seine Bürger vom Übergang an Baden bis zur Revolution von 1848/49
In: Waldshut im 19. Jahrhundert: Lebensbilder aus einer großherzoglichen Amtsstadt. Geschichte der Stadt Waldshut Bd. 2, Waldshut 1999, S. 31-49
"Ein guter Vertreter der gedrückten Klasse" - "Ein Hauptwühler im Bezierk Waldshut" Konrad Hollinger.
Daselbst, S. 50 - 54

Hans Mies teilte mir freundlicher Weise für diese Seite das Folgende mit:

Bis zur Pensionierung vor 4 Jahren war ich beim Kulturamt der Stadt Waldshut-Tiengen angestellt. Danach habe ich die wichtigsten der von mir früher bearbeiteten Projekte ehrenamtlich weiterbetreut.
Das tue ich bis heute. Dazu gehört in erster Linie die Redaktion der neuen Waldshuter Stadtgeschichte in 3 Bänden, von der die Bände 2 und 3 bereits vorliegen. Zur Zeit wird der Band 1 vorbereitet (Von den Anfängen bis 1806).
Da
Herr Weiß einer der Autoren ist, kommen wir auch auf dieser Ebene wieder zusammen. Neben der Betreuung der Abo-Konzerte und des Chilbi-Heimatabends, der Zusammenarbeit mit dem Stadtarchivar, der Mitarbeit im Vorstand des
Fördervereins Museum 'Alte Metzig', gibt es noch hundert Dinge, zu denen ich
gefragt werde. Ersparen Sie mir die Aufzählung. Auf diese Weise verbringe ich viele Nachmittage in meinem Büro, das die Stadt mir erhalten hat...

Waldshut am 01.09.2006

 

 

 

Veröffentlichungen (Auswahl):

Waldshut im 20. Jahrhundert. Konstanten und Umbrüche seit dem Ersten Weltkrieg. Waldshut 2004

 

 

 

 

Literatursommer 2006 : Im Spiegel der Romantik
Veranstaltung
19.08.2006, Waldshut-Tiengen
20.00 Uhr

 

Franz Sternbalds Wanderungen von St. Blasien nach Waldshut

Freilichtheater:

Als Ausgangspunkt der literarischen romantischen Bewegung in Deutschland gelten Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796) und Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen (1798).
In diesem Künstlerroman wandert der romantische Held, ein Schüler Dürers, von Nürnberg über die Niederlande und das
Elsass nach Florenz und Rom. Zwischen Elsass und Florenz machen wir einen fiktiven Einschub: wir lassen Sternbald auf dem sog. Klosterweg von St. Blasien nach Waldshut wandern. Der Klosterweg ist eine alte Verkehrsverbindung zwischen dem Kloster, der vorderösterreichischen Waldstadt Waldshut und den klösterlichen Besitzungen auf der schweizer Rheinseite.

Mitwirkende:
Rund 200 Laiendarsteller in Zusammenarbeit mit der Theaterwerkstatt
Heidelberg

Veranstaltungsort:
Kaiserstraße Waldshut (bei Regen in der Stadthalle Waldshut)


Veranstalter:
Kulturamt der Stadt Waldshut-Tiengen

Quelle: Landesstiftung Baden Württemberg

 

 

 

Die Autoren haben nun, wie der Zeitungsbericht und die Ankündigung auf der Homepage der Landesstiftung Baden Württemberg mit dem "Kultursommer 2006" wissen, Sternbald träumen, phantasieren, berichten lassen. Der Erzähler, der bei der Aufführung die Zwischentexte sprach, verlas Sternbalds Gedanken und Erinnerungen und verband so die Szenen mit jeweils unterschiedlichen historischen Episoden.

Die dritte Szene, die sich die Autoren ausgewählt haben, ist die Geschichte des Dorfmeiers Jakob Leber aus Brunnadern.

Jakob Leber gehörte zu jenen Bauern, die der Einberufung des durch die Salpeterer am Montag, d. 16. März 1739 aufgebotenen "Landfahnens" trotz eigener Bedenken gefolgt waren und sich, eigentlich nur aus Solidarität mit seinen Standesgenossen, an den Ort des Treffens bei Etzwihl begeben hatte. Während sich die Bauern mit ihren Waffen, nur wenige hatten Gewehre dabei, noch sammelten und zu einer Art "Heerschau" aufstellten, rückte eine Kompanie Soldaten von Buch her auf die Bauern zu. Von den Anführern der Salpeterer waren die Hauptpersonen noch gar nicht alle erschienen. So ergriff der Dorfmeier, gleichsam von Amts wegen, die Initiative, gab sein Gewehr, das er mitgebracht hatte dem nächststehenden Bauern und ging mit zwei seiner Gefährten, den Soldaten entgegen. Er wollte ihnen versichern, dass sie nichts gegen die Truppe unternehmen wollten. Der kommandierende Offizier aber nahm ihn in Haft, ließ ihn abführen und schon wenig später wurde er, in einer Art Kriegsgerichtsverfahren abgeurteilt. Weil er mit einer geladenen Waffe zu dem Treffen gekommen sei, habe er sein Leben verwirkt.
Jakob Leber war der erste Bauer, der im Zusammenhang mit den Salpetererunruhen hingerichtet wurde. Auf dem Härpelfeld bei Tiefenhäusern wurde er am 24. März 1739 in Gegenwart vielen zur Hinrichtung befohlenen Volks enthauptet. Der Waldvogt Anton Freiherr von und zu Schönau berichtete persönlich darüber an die kaiserliche Kommission und schrieb unter anderem, daß er nach kurzer "von ihme Malefikanten getaner Erinnerung an alle Umstehende, dass sie sich recht an dieser seiner wohlverdienten Strafe einen Abscheu und ein Exempel nehmen sollen, hingerichtet worden und sein Körper von dem Scharfrichter unter dem gleich dabei stehenden Hochgerichte ist begraben worden..." (im GLA: 41:252).

Von Jakob Leber selbst, seinem Verhalten und den Reaktionen seiner Angehörigen und Freunde steht nichts in den überlieferten Akten. Wohl aber, dass viele der Salpeterer und ihrer Anführer von da an in großer Angst lebten und versuchten, bei der kaiserlichen Kommission, dem Waldvogt und den "ruhigen" Einungsmeistern, um "gut Wetter" zu bitten.

Doch vier Wochen später wurden fünf der Salpetererführer, allen voran der Hauptagitator Fridolin Gerspach von Bergalingen, auf der Hinrichtungsstätte der Grafschaft bei Albbruck ebenfalls öffentlich getötet. Viele andere erhielten Haftstrafen oder wurden zu Zwangsarbeiten herangezogen.
(Literatur hierzu: Günther Haselier 1940, S. 92ff; Jakob Ebner 1953 S. 132 ff; Müller-Ettikon 1979, S. 270 ff).
Weitere Literaturangaben vergleiche dort!


 

Über die Gründe, warum die hier geschilderte Episode aus den Salpetererunruhen in das Heimatspiel aufgenommen wurde, gibt der Autor Andreas Weiß aus Tiengen in einem Brief an mich vom 29. August 2006 ergänzend Auskunft:

"... Grundsätzlich darf ich nochmals anmerken, dass es in diesem Stück bzw. in der von Herrn Mies und mir für das Drehbuch verfassten Prosafassung nicht darum ging, krampfhaft Romantik mit der Salpetererthematik, sondern - wenn Sie so wollen - "krampfhaft" Romantik mit Waldshut zu verbinden und dabei noch einen Rahmen, ein "Gefäß" zu schaffen für neue Themen der Heimat- und Stadtgeschichte für ein breites, historisch "unaufgeklärtes" Chilbi-Publikum.

Dass dann die eingefügten Szenen - u.a. auch die Szene auf den Herpelfeld - schon zeitlich nichts mehr mit der Romantik zu tun hatten, ist dann eben genau dieser Zielsetzung des historischen Bürgertheaters geschuldet, einer breiten Schar Beteiligter die Auseinandersetzung mit Geschichte zu ermöglichen. Da mir als (wie Herr Mies) langjähriger Mitarbeiter am neuen Chilbi-Heimatabend es immer schon ein Anliegen gewesen war, die Waldshuter bei dieser Gelegenheit mal etwas über den eigenen Tellerrand der engeren Stadtgeschichte blicken zu lassen, nützte ich diesmal die Idee von Herrn Mies, "Sternbalds Wanderungen" zum Thema des diesjährigen Heimatabends zu machen (Hintergrund: Der Literatursommer und die Möglichkeit der Förderung), dazu, mit Sternbald gleichzeitig zahlreiche Episoden der Regionalgeschichte nacherleben zu lassen. Und da ich vor drei Jahren zusammen mit Herrn Hilger mit der Erstellung der Klosterwegbroschüre (kürzlich erschienen) befasst gewesen war, wählte ich die historischen Begebenheiten aus diesem kulturhistorischen Kontext für die Einzelszenen aus - u.a. eben auch die Ereignisse von 1739, die teilweise entlang dieses Wegs stattfanden..."

 

 

Damit ist klar: Das verbindende Glied zwischen den dargestellten Szenen aus unterschiedlichen historischen Epochen, ist eine alte Verbindungsstraße zwischen dem Kloster St. Blasien und Waldshut, dem Sitz des Waldvogteiamtes und Kreuzungsbereich anderer Wege bzw. Straßen. Über den "Klosterweg", "der damals am besten ausgebaute Weg auf der heutigen Gemarkung Waldshut-Tiengen ... von Waldkirch nach Waldshut" (Konrad Sutter in der Badischen Zeitung v. 25.08.06) gibt es noch weitere interessante Informationen auf der Homepage zu der dieser Link führt.

 

 

 

Den beiden Autoren möchte ich zu ihren Einfällen gratulieren, weil sie den Heimatabend nutzten, wieder einmal an die Salpeterer zu erinnern. Mit den Jahren mehren sich die Anlässe, Salpeterer und ihre Geschichte einzufügen in Jubiläen und eben, wie am Beispiel der Chilbi 2006 in Waldshut, in wenigstens einer Episode eines der Heimatgeschichte gewidmeten Abends, ihrer zu gedenken.

Und ganz soweit hergeholt ist ja auch die Verbindung zur deutschen Romantik und der Salpetererbewegung auch nicht. Allerdings ist dann eher an die der Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts zu denken, deren Widerstand als Teil der katholischen Romantik in unserer Region bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein andauerte und sicher auch bei Waldshuter Gläubigen Sympatisanten fand.
Ich nahm diesen Impuls von den Autoren des Heimatspiels auf und schaute nach, was die Anliegen der Salpeterer mit der romantische Geistesbewegung verband.



 

 

 

 

 

Und zur Aufführung selbst?

Der Chilbi-Heimatabend war ein voller Erfolg für die Darstellerinnen und Darsteller. Sowohl den Profis von der Heidelberger Theaterwerkstatt als auch den Laiendarstellern aus Waldshut und dem schweizerischen Leuggern zollten die Rezensenten in unseren Tageszeitungen hohes Lob für ihre Leistungen.
In der Badischen Zeitung hieß es zusammenfassend:
"Der Chilbi-Heimatabend ist und bleibt ein geglücktes Beispiel integrativen bürgerlichen Engagements". Es wird an gleicher Stelle der Präsident des Landesverbands Amateurtheater Baden-Württemberg, Rolf Wenhardt aus Neckarteilfingen zitiert, der gesagt habe:
"Diese Kombination von Brauchtum und Geschichte, transportiert durch das Medium Theater in einer zeitgemäßen Form, - dazu noch grenzüberschreitend - das ist in ganz Baden-Württemberg einmalig".

Ergänzend ist aber an das Salpetererspiel von Buch und die Herrischrieder Klausenhoffestspiele zu erinnern, die allein in unserer Region, im vergangenen Jahr mit vielbeachteten Aufführungen eine große Zahl Zuschauer anlockten, die, hier den Waldshuter Bürgerinnen und Bürgern und ihren Gästen am Heimatabend 2006 vergleichbar, den Darstellern, Autoren, Regisseuren und Technikern begeistert Beifall zollten...


 

Dr. Joachim Rumpf
30. August 2006

 
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