1. Ungereimtheiten
Der Untertitel,
in dem vom "Freiheitskampf deutscher Bauern" die Rede ist,
weckt sicher bei vielen Leserinnen und Lesern positive Reaktionen.
Man erinnert sich unwillkürlich an die Bauernaufstände des
sechzehnten Jahrhunderts, an die Freiheitskriege zur Zeit der napoleonischen
Besetzung u. ä. In der Tat spielt Möller in seinem Text
auch auf diese Traditionen an. Die Assoziation ist also gewollt. Doch
dann muss man beim Lesen überrascht feststellen, dass die Freiheitskämpfer
selbst, also die Salpeterer, recht schlecht wegkommen und alles andere
als "Freiheitshelden" sind. Da werden die Salpetereranführer
vom Autor als "grinsend, höhnend, aufputschend" (S.89)
geschildert, des alten Albietz Witwe sagt sogar selbst: "habt's
verstanden den Wald aufzustacheln", im Übrigen aber seien
sie nicht in der Lage einen fähigen "Führer" (wie
ihr Mann es war) zu stellen. Der Bergalinger, der Hans Fridolin Gerpach,
wird nicht allein wegen seines kurzen Halses gehänselt, sondern
von Möller als "pfauenstolz" und "hochmütig"
charakterisiert. Es ist dies der gleiche Gerspach, den Haselier in
seiner 1941 veröffentlichten Dissertation als "einzigen
Agitator von Format" bezeichnete. Bei Möller gehörte
er zu jenen, die sich "zusammenrotteten
und das Hotzengemüt
mit Dummheiten betörten".
Das alles hätte auch der Unteralpfener Müller Joseph Tröndlin,
der Gegner der Salpeterei so sagen können. Von ihm spricht Möller
als vom "redlichen Tröndlin" (S. 54), wie dieser Vertreter
der Ruhigen überhaupt als ein rechtschaffener und aufrechter
Vertreter des Hotzenvolks dargestellt wird.
Für mich stecken, allein an diesen Beispielen wird es deutlich,
im Text einige Undeutlichkeiten, um nicht zu sagen Ungereimtheiten.
Sie rühren nicht zuletzt daher, dass sich Möller von der
historischen Wahrheit entfernt. Das tut er zum Beispiel, wenn er den
Verlauf der Unruhen im Jahre 1745 in einer kurzen Rückschau schildern
lässt (S. 164/165) oder das Urteil der Verbannung im Jahre 1754
mit einen bevorstehenden "vierten Salpetererkrieg" (S. 166)
begründet. Dass Möller ständig von den Hotzen und dem
Hotzenwald spricht, sie sich selbst als Hotzen bezeichnen lässt
oder die Hinrichtungen im Jahre 1739 in Albbruck stattfinden, zeigt,
dass er es mit der historischen Wahrheit nicht so genau nahm. Es gab
im achtzehnten Jahrhundert weder die Bezeichnung "Hotzen"
für die "Wälder" (wie die Schwarzwälder allgemein
genant wurden), noch eine Gemeinde mit dem Namen Albbruck. Dass er
Schönau ins Wehratal verlegt (S.35) deutet aber darauf hin, dass
Möller in dieser Region selbst nicht zu Hause war.
Leider fehlen mir bisher biographische Daten dieses Autors. Und über
seine Motive, dieses Buch zu schreiben, kann ich auch noch keine Auskünfte
geben.
Obwohl einige Begebenheiten und alle auftretenden Personen historisch
bezeugt sind und wegen ihrer Detailbeschreibungen den Schluss erlauben,
dass Möller über einige zutreffende Informationen verfügt
haben muss, ist die ganze Arbeit eher eine romanhafte als eine historische
Schrift
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2. Aufbau und
Fabel
Das Buch hat drei
Teile. Im ersten, überschrieben mit "Dogern" geht es
um die Huldigungsstreit mit dem Kloster St. Blasien. Möller lässt
nach und nach alle Protagonisten seiner Geschichte auftreten, soweit
sie im Jahre 1728 bereits aktive Salpeterer waren. Eine zentrale Rolle
weist er der Witwe des Salpeterer-Hans zu, die in den ersten beiden
Teilen als ständig treibende Kraft geschildert wird (z.B. S.
117).
Es rührte mich immer wieder mal an, eher im Sinne von "rührselig",
wie Karl von Möller die Schicksale der Witwe des Salpeterer-Hans,
seines älteren Sohnes Jakob-Fridolin und dessen Sohn Joseph vor
den Lesern ausbreitet. Deren Lebensgeschichte, die Schilderung beginnt
mit dem Jahre 1728 in der Grafschaft Hauenstein und endet 1758 in
Wien, bildet gleichsam den roten Faden, der durch die drei Teile des
Buches leitet.
Im zweiten Teil,
den Möller mit "Blutgericht" überschreibt, geht
es um den Widerstand der Salpeterer gegen den "Loskauf".
Die Salpeterer argumentierten, dass man sich von den aus der Hörigkeit
und Leibeigenschaft des Klosters St. Blasien nicht freikaufen brauchte,
da die Abgabe- und andere Verpflichtungen von den Benediktinermönchen
schon immer zu unrecht eingefordert worden waren. Auf Seiten des Klosters
tritt als treibende Kraft und Hauptgegner der Salpeterer Pater Marquart
Hergott auf. In Wien bei Hof und im Kloster wirkt er und spinnt seine
Fäden. Doch die Äbte und hohe Regierungsbeamte werden als
verständnisvoll und, soweit sie selbst den Benediktinern einen
Nasenstüber gönnten, den Salpeterern freundlich gesonnen
geschildert. Auf entsprechende Dialoge legte Möller viel Wert.
Der zweite Teil endet mit der militärischen Besetzung der Wälderorte
und der Bestrafung der Anführer. Unter dem Galgen lässt
er den Gerspach sagen: "Der Tag der Freiheit muss kommen, wenn
ihr euch bewährt! Nieder mit Bläsi!"
Der dritte Teil,
überschrieben mit "Banat" ist der umfangreichste. Er
nimmt von den 278 Seiten des Buches 118 in Anspruch. Und wenn man
an das Ende des ersten Teils zurückdenkt, an die Vision von Eugen
von Savoyen, dann wird deutlich, dass es Möller um die Besiedlung
des Banats und anderer Regionen an der unteren Donau durch die Deutschen
geht. Im dritten Teil nun, der mit den Ereignissen um die Deportation
von 1757 beginnt, werden den Lesern die Verhältnisse um Temeswar,
Neubeschenowa und anderen Orten des Banat vor Augen gestellt. Besonders
deutlich wird der Gegensatz zwischen den Salpetererfamilien, die sich
in den folgenden Jahren beharrlich weigern, das ihnen zugewiesene
Land zu bebauen und jenen Pfälzern, Hessen und anderen Landsleuten
geschildert, die durch ihren Einsatz zu dem dort möglichen Wohlstand
gekommen sind. Die meisten Salpeterer verkommen im Elend. Die Botschaft
Möllers ist eindeutig: Wer mitschafft wird wohlhabend und frei.
Und die Chance, frei und reich zu werden, bietet sich nur in den Donauländern
im Osten.
Mit dieser Vision endet dann auch das Buch. Es ist der Enkel des Salpetererhans,
der Albietz-Joleli, der sich bekehren lässt und auf die Weigerung,
sein Land zu bebauen, verzichtet. Auf diese Weise tritt er das "Vatererbe,
das Führererbe" an und gewinnt Land "fürs große
deutsche Volk (S. 199). Die Salpererei wird gleichsam sublimiert und
mündet in die Bereitschaft im Banat "eine große Feldwache
gegen den Teufel" zu errichten (S. 278).
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3. Gesamteindrücke
Möller ordnet
sein Buch keiner literarischen Gattung zu. Er gab seinem Buch, das
im Jahre 1939 im Parteiverlag der NSDAP, dem Verlag Franz Eher Nachf.
in München erschien, den Untertitel: "Ein Freiheitskampf
deutscher Bauern". Dieser Kampf richtet sich ausschließlich
gegen die Benediktiner des Klosters St. Blasien, "gegen ihre
Spießgesellen, die sich andere Masken vorbinden und an der Unordnung
in der Welt die Hauptschuld tragen" (S. 276). Die Darstellung
der Salpeterer lässt nicht erkennen, dass Möller Sympathien
für die Salpeterer als Personen und/oder in ihrer Eigenschaft
als widerständige Menschen beziehungsweise als "Freiheitskämpfer"
hatte. Dann eher schon mit ihren Anliegen, weil diese dem Autor die
Argumente anbieten, die in Deutschland nicht möglichen Freiheiten
im zu kolonisierenden Osten an der unteren Donau zu suchen.Vermutlich
war das auch der Hauptzweck dieser Schrift.
Möller nutzt in diesem Buch die propagandistischen Möglichkeiten
und Anliegen seiner Zeit also überwiegend in dieser Beziehung
aus. Im Übrigen betont er die Religiosität katholischer
Prägung der Salpeterer, da sich entscheidende Szenen in der Kirche,
im Gottesdienst und unter Mitwirkung von Geistlichen (und Gegnern
der Benediktiner) abspielen.
Andere Bemerkungen spiegeln noch deutlicher den nationalistischen
Zeitgeist, wenn Möller vom "Erzfeind Frankreich (S. 93)
spricht und Franzosen generell diskriminiert (S. 131) oder wenn er
den "ewigen Wert eines deutschen Heeres" erwähnt (S.
143).
Tobias Kies ordnet dieses Buch dem Typus "völkisch- nationalistisch"
zu, in dem das Banat als Paradies für deutsche Kolonisten dargestellt
wird. Diesen Zuschreibungen ist hinzuzufügen, dass es sich damit
um eine "Tendenzschrift" handelt, die den Deutschen, die
kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges standen, eine Zukunft
im Osten als erstrebenswert erscheinen zu lassen.
"Am Rhein muss allemal heilige Wacht gestanden werden im ewigen
Panzer. Im Osten dagegen hat der Deutsche sich wie seine Donau zu
gehaben: sie fließt und fließt, ist wunderstark und einmal
Wohin soll der Deutsche auch sonst seine schönen und sehnigen
Kinder trage, wo sie sonst zur Ehre Gottes wurzeln?" Das lässt
Möller den Prinzen Eugen gegen Ende des ersten Teils sagen (S.99)
und beendet diesen Teil wie den letzten mit einer Art Gloriole auf
das Banat, auf den Osten, wo die Freiheit ruft (S. 101; 277).
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Dr. Joachim Rumpf
Görwihl, im Februar 2005
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