Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald

Dichtungen
Gerhard Jung

 

 

Auf dieser Seite wird berichtet über Gerhard Jung und seine Dichtungen
"Die Herrischrieder Hochzeit"
aufgeführt vor dem Klausenhof in Herrischried im Jahre 1985
"Der Schmied von Dogern"
aufgeführt im Freilicht-Theater Dogern im Jahre 1998

 


Die Herrischrieder Hochzeit
von Gerhard Jung
Eine Einführung


Ein mit der Schreibmaschine geschriebenes Exemplar der "Herrischrieder Hochzeit" befindet sich in der Wissenschaftlichen Regionalbibliothek in Lörrach, dem das hier kopierte Deckblatt entnommen ist. Gerhard Jund verweist bereits in der Überschrift, dass "die Handlung frei gestaltetet" ist. Mit diesem Hinweis machte er deutlich, dass wir es nicht mit einem Dokumentarspiel zu tun haben, sondern mit einer Dichtung, die sich an "erwähnten historischen Umständen" anlehnt und außerdem den Akteuren Namen gibt, die "historisch belegt" sind.
Dem Leser erschließt sich bald, dass der Titel doppelsinnig ist und auf zwei Ereignisse verweist, die dann, wechselseitig verwoben, in diesem Drama gestaltet werden:
Da gibt es einmal die Geschichte um die Herrischrieder Bauernmagd Magdalena Frommherz, die auf dem Hof des Bauern Biber dient.
Und dann gibt es zum anderen ein Losungswort "Herrischrieder Hochzeit", das von den aufständischen Salpeterern im Zusammenhang mit der Vorbereitung und Durchführung des Treffens auf dem Etzwihler Feld im April 1739 verwendet wird.

Drei Akte hat das Stück:
Der Hochzeitslader
Der Brautwagen
Abschied und Anfang

 

Der Hochzeitslader

Im ersten Auftritt des ersten Aktes führt uns Gerhard Jung vor das Haus des Bauern Johann Biber in Herrischried wo uns das Gespräch zwischen Magdalena und dem blinden Michel Gerteis, dem Schwiegervater des Bauern, einführt in die Zeit der Handlung "mehr zehn Jahre nach des Salpetererhans Tod" und wir erfahren, dass der Hoferbe Bläsi "heut über drei Monat" die Ev-Marie,Tochter des reichen Bauern Marder heiraten soll. Magdalena liebt Bläsi, der ihr ebenfalls gewogen ist, sie aber nicht heiraten kann, da sie eine Unfreie ist, "die dem Kloster gehört in St. Blasien" und Bläsi, sollte er sie heiraten, selbst unfrei werden würde genau so, wie gemeinsame Kinder. Und "ein freier Bauer ist mehr wert, als die Lieb von einer dummen Magd".

Im zweiten Auftritt lässt uns Jung Zeugen einer "Schlacht" zwischen Kindern werden, die die Parteiungen unter den Bauern symbolisieren mit den Salpetereranhängern auf der einen und den "Halunken" bzw. Tröndlinschen auf der anderen Seite..

Später tritt uns der Bauer Johann Biber selbst entgegen und wir erfahren, dass er ein Mann des Ausgleichs und des Friedens sein will. Er hält darum nichts von der Salpeterei, denn "wer seine Hand ins Wespennest steckt, kommt nicht ungeschoren davon…" Er will nichts zu schaffen haben mit den Unruhestiftern und nichts "gemein haben mit den geldgierigen Pfaffen von St. Bläsi und denen, die vor sellen ihre Knie durchrutschen!"
Ein freier Bauer auf freiem Grund will er sein und bleiben.

Während der Mittagsmahlzeit, die von der ganzen Familie im Hof eingenommen wird betritt die "Bettelberte" die Szene. Es ist eine arme ältere Frau, die an das erinnert, denn auch Berte raucht gern einen starken Tabak, kommt überall herum, sieht und hört viel und nimmt in dem Stück die Rolle des Narren ein, der seinen eigenen Mund nicht zu hüten braucht. Folglich spricht sie aus, was alle wissen, dass sich Bläsi und Magdalene lieben, der Hoferbe aber die reiche heiraten soll. Unter anderem sagt sie: "Das gäb eine bessere Herrischrieder Hochzeit als die vom Glasmann!"
Und mit dieser Bemerkung wird angedeutet, was sich gleichzeitig auf dem Wald tut, weil nämlich der Glasmann Josef Mayer von Au die Salpetereranhänger für weitere Aktionen zu gewinnen sucht. Und im Gespräch zwischen Vater und Sohn erfahren wir nicht nur, dass sich Bläsi gegen eine Ehe mit der Tochter des Johann Marder sträubt, sondern -im Unterschied zu seinem Vater - für die Anliegen der Salpeterer viel übrig hat. Und in dieses Gespräch zwischen Vater und Sohn kommt die Ankündigung, dass der "Hochzeitslader" kommt. Es ist der Glasmann, der "Josef Mayer aus Unteralpfen, das Tochtermännle vom Schlageter in der Au", also ein Salpeterer. Jung lässt, nach dem das Glasmännle vergebens versucht hatte, den Bauernsohn Blasius Biber zum Mitmachen zu bewegen, eine bewaffnete Salpeterergruppe auftreten, die nach Etzwihl ziehen wollen, weil dorthin der Landfahnen aufgeboten wurde, um aus Waldshut die Landeslade mit den Freiheitsbriefen zu holen. Empört zeigen sich die Salpeterer auch, weil "der Tröndle, der Halunk von Alpfen, hat Soldaten kommen lassen mit einem Kommissär. Sie wollen euch fangen und die Salpeterer klein machen…"

 


Der Brautwagen

Im zweiten Akt ist es die Berte, die der Magdale erzählt, wie es ausgegangen ist auf dem Etzwihler Feld und wie es war, als Salpetererführer hingerichtet und andere nach Ungarn abgeführt wurden. Und alle warten auf den Brautwagen, der zum Auftakt einer Hochzeit nach altem Brauch von der Familie der Braut in ihr künftiges Zuhause gebracht wurde.
Mari, die Bäuerin und Magdale empfangen die Musiker und wenig später kommen der Brautwagen hoch beladen mit der Braut Ev-Marie, ihren Eltern dem Pfarrer, den Ehrgesellen und Brautjungfern und vielen anderen Und Jung lässt das Proceder ablaufen, wie es damals auf dem Wald aus einem solchen Anlass üblich gewesen sein muss.
Die Zeremonie wird begleitet durch die skeptischen Reden der Berte, die der Bauer vergebens zu vertreiben sucht und endlich auch durch den Salzmann Martin Eckert, einem Salpeterer, der "mit den Händen fuchtelnd durch das Tor" kommt und das Salpetererlied schreit:

"Herrischried, oh Herrischried
war vor Gott en gerechte Ort…"

Sein Auftreten löst Ängste aus und Tumult. Am Ende gelingt es, den offenbar verstörten Sohn des verbannten Salzmanns wegzuführen und die Hochzeit kann ihren Verlauf nehmen. Die Musikanten beginnen zu spielen,
da werden die Feierlichkeiten erneut gestört.
Diesmal sind es die Husaren, die unter der Führung des Hauptmann Pommer heranreiten. Offenbar waren sie von der Berte, die den Pfarrer vom Salzmann-Sohn bedrängt wähnte, alarmiert. Doch statt sich in die Feier einzubringen, da sich ja der Anlass längst erledigt hatte, erleben wir, dass der Hauptmann übereifrig alle Anwesenden über einen Kamm schert und als Salpeterer behandelt. Jakob Marder löst sich und Frau und Tochter mit Goldstücken aus und darf samt Brautwagen von dannen ziehen. Als der Hauptmann befiehlt das Haus nach dem Salzmannsohn zu durchsuchen treten ihnen Magdale und Bläsi entgegen und versuchen, ihnen den Eintritt zu verwehren. Bläsi wir abgeführt und soll Soldat werden. Der Korporal, der mit zwei Soldaten das Haus durchsuchen sollte, hat statt dessen versucht die Tochter Agatha zu vergewaltigen und als die Mutter Mari dazwischen ging, diese erschossen. Und als Bauer Johann Wider sich auf den Korporal stürzen will, wird er von ihm niedergeschlagen.
Der Auftritt endet mit Berte:
"He, hast jetzt deine Herrischrieder Hochzeit auch noch gefeiert, Johann Biber? Hast sie bekommen, deine Herrischrieder Hochzeit, wie ich dir prophezeit hab?"


Abschied und Anfang

Der dritte Akt beginnt erneut am gleichen Ort - nur sind inzwischen sieben Jahre vergangen. Das heißt, die Ereignisse des letzten Aktes spielen im Jahre 1746, nach dem Ende der Salpetererunruhen im Herbst 1745. Wir erfahren aus einem Gespräch zwischen zwei Bäuerinnen, dass der Hof zu verwahrlosen droht, seit die Bäuerin an der Gewehrkugel verblutete, Der Sohn Fridli nach einem Schlag auf dem Kopf, den ihm ein Soldat versetzte, "nicht wieder richtig im Kopf" wurde, den dritten Sohn Johann hatten sie lahm geschlagen und die Tochter Agath war mit einem der Musiker verheiratet, mit dem und ihren Kinder sie auswandern will. Die Bäuerinnen legen einige der damals neu eingeführten Erdäpfel auf die Schwelle für Johann, den arm gewordenen Bauern.

Dann tritt er selber auf mit Fridli, dem behinderten Sohn und Magdale, die sich um den alt gewordenen, von Gram gebeugten Bauern und seine beiden Söhne kümmert. Sie ist voller Zuversicht, dass der Bläsi, von dem niemand in den vergangenen sieben Jahren etwas gehört hatte, wiederkommen wird.
Von der Tochter Agath hört er, dass sie noch heute ins Ungarland auswandern will denn "Heimat ist dort, wo man leben kann als Mensch". Nicht nur dieser Familie ging es schlecht, wegen der hohen Schadenssummen, die die Bauern als Folgen der Unruhen haben und für den Loskauf haben zahlen müssen.
Auch die Bettelberte tritt wieder auf. Diesmal darf sie mit am Tisch essen und sie ist es, die dem Bauern Tabak für eine Pfeife spendiert. Sie auch bringt der Magdale die Botschaft, dass Bläsi noch am Leben und auf dem Weg in die Heimat ist. Einen ring hat sie von ihm für Magdale mitgebracht.
Und dann tritt er selbst hinzu, der währenddessen bereits im Hintergrund Zeuge der Gespräche war.. Noch in Uniform - aber er war entlassen, hatte sich freigekauft, denn sie hatten ihn eingesperrt, weil er flüchten wollte.
Am Schluss lässt Jung uns miterleben, wie die Tochter mit ihrer Familie Abschied nimmt von Vater und Brüdern, um nach Ungarn zu ziehen und dass Bläsi und Magdale gemeinsam mit dem Vater neu beginnen wollen.

 

Die letzten gesprochenen Worte im Stück sind das Vaterunser. Immer wieder wird die Religiosität der beteiligten Bauern, vor allem der Salpeterer deutlich. Gebete, Glockenklang und Geistlichkeit begleiten das Leben der Menschen auf dem Wald. Auch der Pfarrer, der im zweiten Akt auftrat und unschuldiger Anlass für das böse Eingreifen der Soldaten wurde, stand auf ihrer Seite, setzte sich für sie ein und hatte deren Angebot, ihn zu schützen, scharf zurückgewiesen.
Die Arroganz der Mächtigen den Bauern gegenüber symbolisierte die Person des Hauptmanns Pommer, dessen historisches Vorbild tatsächlich dafür bekannt war, dass er vom Landvolk nichts hielt.

Insofern lehnte sich das Stück an historisch gesicherte Begebenheiten, Bräuche und Verhaltensweisen von Menschen an. Und die Ereignisse und Dialoge sind geeignet, die Herzen der Zuschauer anzurühren. Versöhnlich ist das Ende, in dem noch einmal verwiesen auf die Freiheit der Hotzen und ihren Hotzenstolz verwiesen wird.


 

"Dem Menschen eine Heimat schaffen"
dieses Vorhaben stand bei Gergahrd jung stets im Vordergrund seines dichterischen Strebens.

Elmar Vogt


Anlässlich des Hebeltages 1974 wurde Gerhard Jung der Hebelpreis verliehen. Im Ekkhart - Jahrbuch 1975 wurde aus diesem Anlass eine Würdigung des Dichters veröffentlicht, aus der hier einige Zeilen wiedergegeben werden:

Mit Gerhard Jung aus Lörrach "wurde ein Mann geehrte, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und d,essen Werk weit über den alemannischen Sprachraum hinaus die Menschen anspricht und aufhorchen lässt. Gerhard Jung ist nicht nur Heimatdichter, er versucht in seinen lyrischen Mundartgeschichten mit den Problemen unserer Zeit fertig zu werden, er will "Brucke" schlage, "Brucke vo Mensch zue Mensch"....

"Gerhard Jung war bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 13 Jahre alt. Er wurde am 10.08.1926 in Zell im Wiesental geboren. Trotz seiner Jugend blieb es ihm aber nicht erspart, die Schrecken des Krieges zu erleben. 1946 kehrte er als Schwerkriegsbeschädigter aus der Gefangenschaft in die Heimat zurück."

Soweit aus dem Ekkhart-Jahrbuch 1975, S. 66/67

 

Gerhard Jung verstarb 1998. Elmar Vogt aus Hausen würdigte in Heft 2/1998 der Zeitschrift "Das Markräflerland" noch einmal Leben und Werk dieses Dichters alemannischer Zunge, der bereits 1947 mit seinem ersten Mundartspiel "De Gizchrage" Erfolg hatte..

 


Die Strophen überschrieb Gerhard Jung mit
"Lebenslauf"
Sie sind ebenfalls abgedruckt im Ekkhart-Jahrbuch 1975

 


Gebore bin i in de Chinderklinik
als zwölfe, z nacht um halber drei.
Ufgwachsen in de Mietskaserne
im fünfte Stock un in de zehnte Stroß.
Als Putzfrau hät mi Mueter gschafft
bi noble Lüt.
Mi hät sie nie mitgno.
I han als Chind bloß Mieter gchennt
un wenig Müetere.
Sie hän bloß gschumpfe mit mr,
wenn i gspilt ha uf de Stege.
Un wenn de Vater heimch isch, no hät er gluecht,
un hät mr Chopfnüss geh, wenn i im Weg gsi bi.

Dört ha mi mänkmol hinter d Türe gschliche
un g´lost am Obe, wenn die Große glacht hän un verzellt.
I ha nit viil verstande.
Doch eimol isch e Wort mir hängke blibe,
wo si mit stille Stimme gsait hän,
anderst als die andre, di schnelle, lute Wörter,
wo dur d Gosche schieße, wie Wasser, we mr an de Legi zieht.
Jo andersch is es gsi, sell Wörtli "Heimet";
die Große hän so ruuichi Stimme kriegt devo,
wie wenn si heiser wäre,
vo Lieder, wo si gar nie gsunge hän.

Mi sibzehn hän si mr e Gwehr verpasst
un gsait, i müeßt uf andri Mensche schieße.
Für d "Heimet" hän si gsait,
für d Heimet z schütze.
Un ha doch garnit gwüsst, was Heimet isch.
Erst wo de Stacheldroht mir d Händ verrisse hät,
wo mer de Cholbe isch in Buckel gfahre,
un wo de Kamerad krepiert isch nebe a mr,
am Typhus oder auch am Heimweh,
weiß i s denn?
Dört isch mr cho, was "Heimet" heiße chönnt:
E Welt, wo menschlich sin zuenander,
e Welt, wo ein sich selber werden darf,
wo Guetes guet isch, Schlechtis schlecht,
de Bode unte un de Himmel drüber, weisch.
Wo Chriesbäum Chriesi trage
un am Wald
im früsche Farn
zwei Menschen sich einander s Lebe gän
un nit der Tod.



 

 

 

 

 

 


Der Schmied von Dogern.
Historisches Schauspiel in drei Akten mit über 100 Darstellern aus Dogern und Umgebung.
Regie führte Elfi Lamm
 

 

Zwei Szenenfotos aufgenommen von Gerhard Lamm, der auch in einen Videofilm das Schauspiel festgehalten hat. Dieser Film kann beim Kreismedienzentrum Waldshut, Kaiserstraße 110 (Landratsamt) ausgeliehen werden.

 

Vorab sind einige Hinweise angebracht.
Gerhard Jung hat dieses Stück für die Bürgerinnen und Bürger von Dogern und ihr Freilichttheater geschrieben. In jedem Jahr werden in dieser Gemeinde am Hochrhein vor den Toren Waldshuts von einer theaterbegeisterten Gruppe Stücke eingeübt, die sich erheblicher Aufmerksamkeit in Nah und Fern erfreuen dürfen. Das ist auch kein Wunder, da die Leienspielerschar mit Engagement und hohem Können die Spiele gestaltet. Wer sich zum Beispiel dieses Video über die Geschichte um die Person des Dogerner Schmieds Kinrad Binkert anschaut, wird durch die Kraft der Darstellung derartig fasziniert, dass das Geschehen im Film reale Züge bekommt. Währen auf dem Tribünen vor den Kulissen unten in der Nähe des Rheinunfers stets bewusst bleibt, einem Schauspiel beizuwohnen, rückt der Film die Aufführung in die Nähe einer Dokumentation. Und das ist der überragenden Darstellungskunst der Akteure, der Regie und sicher auch der Aufnahme zu verdanken.

Das Stück ist eine Auftragsarbeit. Es wurde wenige Wochen nach dem Tode des Autors zum ersten Mal aufgeführt. Gerhard Jung hat in drei Akten eine eigentümlich und sehr bewegende Liebesgeschichte geschrieben, bei der die Salpetererunruhen, obwohl alle ihre Anliegen und die Konflikte, die sie mit sich brachten, hinreichend zum Ausdruck gebracht wurden, in den Hintergrund treten. Was den Zuschauer emotional anzurühren vermag, sind darum nicht die politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftskritischen Probleme, sonderndie Zuneigung zweier Frauen zu einem Mann, der seinerseits nicht in der Lage ist, seine Gefühle zu zeigen. Statt dessen tritt diese Unfähigkeit als Trunksucht und gewalttätigem Verhalten nach Außen. Ebenso sprechen die recht dramatisch überhöht demonstrierten menschlichen Schwächen, wie die Neigung zu übler Nachrede, Abneigung und Misstrauen gegen Fremde, Missgunst untereinander mit den Begleiterscheinungen von Rivalität und Verrat, für Gerhard Jungs Fähigkeit, menschliche Psyche eindrucksvoll in Szene zu setzen. Und den Darstellerinnen und Darstellern ist das in kongenialer Weise ebenfalls gelungen.

Auffallend sind die vielen Frauen, die hier tragende Rollen spielen. Wir wissen, dass die Frauen in allen Zeiten diejenigen sind, die die Folgen männlichüberzogener Vorstellungen von Kampf und Ehre, von Überzeugungen und Einbildungen zu tragen und an ihnen zu leiden haben. Diese historische Realität, die als Begleiterscheinungen von Kriegen und gewalttätigen Unruhen bis zum Überdruss bekannt sind, wird auch in diesem Stück von Gerhard Jung unüberhörbar an den Pranger gestellt. Es sind Frauen, die den Mut haben und die Kraft und Einsichtsfähigkeit, alles dies zum Ausdruck zu bringen. Hier ergriff Gerhard Jung eindeutig Partei, die in der Botschaft zum Ausdruck kommt: Hört auf die Frauen! Und in der Tat sind sie es, die in dem Stück am Schluss Einsicht zeigen, Schuld erkennen und Worte der Versöhnung finden.

 

 

Im Mittelpunkt dieser Dichtung steht die historische Person Konrad Binkert, der zur Zeit der Salpetererunruhen Schmied in Dogern war. Gerhard Jung wählte die erste Periode der Unruhen aus, in der der Schmied als Freund des Salpererers Hans-Fridolin Albietz 1727 gemeinsam mit vier anderen Salpeterern nach Wien zog, um beim Kaiser für die alten Rechte und Freiheiten einzutreten, die sie - vor allem durch die Erwartungen des Klosters St. Blasien, dem sie zinspflichtig waren, - bedroht sahen. Hans Fridolin Albietz konnte nicht selbst nach Wien gehen, da er wegen seiner Wienreise 1726 in Freiburg in Haft war. Konkrete Aktion war in dieser Phase die Verweigerung der Huldigungsleistung gegenüber dem neuen Abt Franziskus, weil in der Huldigungsformen Begriffe wie "leibeigen" und "hörig" vorkamen. Die salpeterisch gesonnenen Einungsgenossen aber begriffen sich in erster Linie als getreue Untertanen des Habsburger Kaiserhauses.

Ihre Gegner unter den Einungsgenossen, die, die die Huldigung leisten wollten, wurden von den Salpetern die "Ruhigen", die "Halunken" oder die "Tröndlinschen" genannt, weil ihr Wortführer der Müller und Einungsmeister Joseph Tröndlin von Unteralpfen war. Zu dessen Fraktion gehörten auch Männer wie der Remann Georg Flum aus Dietlingen und Georg Baumgartner von Dogern.

Und damit saind einige der Hauptakteure des Stücks bereits genannt. Hinzu kommen Leontius Brutschi - ebenfalls ein Salpeterer der ersten Stunde, der Hirschenwirt und natürlich die Dogerner Frauen. Die bis jetzt genannten Personen waren tatsächlich aktive Salpeterer, Neurale, wie der Hirschenwirt Brutsche oder "Ruhige" in den Jahren zwischen 1727 und 1730. Doch damit endet die Verwandtschaft mit der Geschichte. Die Handlung und andere Personen des Stücks sind Gerhard Jungs Dichtung.

 

 

Das ganze Stück spielt vor der Schmiede in Dogern und dem dieser benachbarten Hirschenwirtshaus.
Es sind die Großmutter von Konrad Binkert mit einer Enkelin, der Schmied, der Hirschenwirt Nepomuk Brutsche mit seiner Frau und Tochter Käthe. Ein Flötenspieler bläst zu Tanz und Konrad Binkert schwenkt seine Großmutter herum. Wir lernen also den Schmied als einen nicht allzu ernsten aber recht geselligen Mann kennen, um den die Großmutter sich ernstlich sorgt.
Vielleicht hilft ihm aber Mechthild, die Schwester des Fischers, mit der Konrad verlobt und die ihm herzlich zugetan ist. Doch Konrad kann nur unsanft mit ihr umgehen, tanzt mit ihr, wehrt aber jede zärtliche Zuwendung grob zurück. Gegen Ende des ersten Aktes hat er sie soweit verärgert, dass sie ihm den Ring vor die Füße wirft.
Zuvor aber treten der Einungsmeister und Müller Tröndlin mit seinem Sohn Johannes
und Freunden auf. Der Müller von Unteralpfen kommt als Brautwerber für seinen Sohn Johannes, der Käthe heiraten möchte. Sie haben einander ganz offensichtlich schon vorher versprochen. Gerhard Jung lässt uns aber keine freudigige Verlobungsfeier erleben, sondern die Auseinandersetzungen zwischen Salpeterern und den Anhängern des ruhigen Tröndlin. Es sind neben Binkert selbst vor allem der Bruder des Hirschenwirts, Leotius Brutsche, der lauthals der Verbindung zwischen dem Sohn des "Halunken" Tröndlin und seiner Nichte widerspricht. Im Zuge des verbalen und später auch handgreiflichen Schlagabtauschs hören wir alle Argumente, die seinerzeit von den Salpeterern und ihrer Gegner eine Rolle spielten. In diesen ebenso heftigen wie aggressiven Dialogen werden in stark verdichteter Form vorgetragen beziehungsweise herausgeschrien.
Konrad Binkert wird persönlich angegriffen und beschuldigt, "auf zwei Schultern zu tragen", wenn er dem Kloster St. Blasien Gewehrschlösser liefert und für die Salpeterer Hieb- und Stichwaffen anfertigt. Die Streitigkeiten werden beendet, als der Wirt alle einlädt, auf die Brautwerbung im Wirtshaus anzustoßen.

Zurück bleiben Leontius Brutsche und vier Salpeterer, die die Köpfe zusammenstecken. Brutsche überredet sie, Binkert an die Stelle vom Salpetererhans, der gerade vor vier Tagen in Freiburg verstorben war, nach Wien zu entsenden. Dann würde er wahrscheinlich genau so wie dieser eingekerkert und würde umkommen. Dann wäre er, Brutsche, Anführer der Salpeterer.

Zu Beginn des zweiten Aktes treten die meisten Frauen wieder auf. Sie "kränzeln", d. h. sie schmücken den Hauseingang des Wirtshaues mit Girlanden. Nicht aber, um die Hochzeit von Käthe zu feiern, sondern die Rückkehr des Binkert aus Wien, der dort also nicht eingesperrt worden war.
Als er endlich kommt, hat er seinen großen Auftritt. Mit stolz geschwellter Brust hört er sich ein von allen gesungenes Willkommenslied an und erklärt, als Ruhe eintritt. dass alle Hauensteiner frei und von klösterlichen Abgabenzwängen befreit seien. Gerhard Jung aber, ein geschickter dramaturgischer Schachzug, weder Binkert noch seine zweifelnde Gegner zu einem ruhigen Dialog kommen. Da fällt ihnen zum Beispiel die Großmutter Kreszenz ins Wort, die gern wissen möchte, wen ihr Enkel aus Wien mitgebracht hat.
Konrad Binkert zieht eine Frau, eine "Zigeunerin" hatte eine der Frauen gemeint, mit zwei Buben herbei. Sie habe ihn, als er auf einem Ritt nach Ungarn war und von Räubern überfallen, beraubt und verwundet worden war, gepflegt und hänge nun an ihm wie eine Sklavin. Und so behandelte er sie auch, wie er sogleich vor aller Augen und zu aller Entsetzen auch demonstrierte. Vielleicht hätte er sie in seinem Überlegenheitswahn sogar erschlagen, wenn nicht in diesem Momant zwei Berittene hinzugekommen wären. Der Offizier ließ ein Mandat des Kommissionspräsidenten Brrieux verlesen, nach dem den Hauensteinern wegen ihrer Aufsässigkeit unter anderem die freie Einungsmeisterwahl und das Tragen von Waffen verboten und bei Zuwiderhandlung die Todesstrafe angedroht wurde. Als auch noch die beiden Soldaten den Binkert mitnahmen wollten, wurden sie von der Übermacht der Dogerner verjagt.
Das Auftreten des Militärs und die durch den Offizier und anderen erhaltenen Informationen erkennt der Schmied den Verrat des Leontius Brutsche. Seinen Zorn darüber lässt er an der Ungarin Ilonka aus, die er mit den Füßen traktiert. Er geht ab und sie beklagt ihr Schicksal.

Der dritte Akt spielt einige Monate später. Die Großmutter und die kleine Schwester des Schmieds sind verstorben. Wie böse Zungen vermuten, habe die ungarische Hexe ihre Hände im Spiel gehabt. Konrad Binkert selbst würde mehr saufen als arbeiten und die Schmiede käme immer mehr herunter. Es sind besonders der Hirschenwirt, seine Freu sowie Johannes, der Sohn Tröndlins und dessen Verlobte Käthe, die das traurige Schicksal Konrad Binkerts schildern. Freilich fehlt es auch nicht an Häme und Lästerzunge, wenn die ledige, ganz in Grau gekleidete "Dorftratsche" böse über den Binkert und seine ungarische "Hure" lästert. Der Schmied tritt auf, mit der Flasche in der Hand und die von schweren Misshandlungen gezeichnete Ungarin mit ihren Buben. Plötzlich und unvermutet kommen viele Soldaten ins Dorf und treiben vor sich alle Frauen, Kinder und Männer her, die sie haben finden können. Sie ergreifen zunächst den Hirschenwirt, da sie den Brutsche in Haft nehmen sollen. Diesen Haftbefehl verliest einer der Soldaten und man erkennt den Irrtum, da ja der Wirt nicht der Leontius Brutsche ist. Der Leontius aber ist verschwunden. Einer der Bauern tritt vor, deutet auf Binkert und ruft, dass man den mitnehmen solle, der Schmied von Dogern sei der Salpetereranführer. Der Offizier lässt Binkert festnehmen und befragt ihn vor allem Volk nach dem Aufenthaltsort von Leontius Brutsche und allen anderen Salpeterern. Weil sich Binkert aber trotz mehrmaliger Aufforderung und der Drohung ihn sofort zu erschießen, wird der Schmied tatsächlich vor der versammelten Dorfbevölkerung vor dem Wirtshaus erschossen. Und weil in dem Augenblick, als der Schießbefehl ertönt, sich die ebenfalls anwesende Mechthild, die den ehemaligen Verlobten noch immer liebt, schützend vor Konrad stellt, wird auch sie von einer Kugel tödlich getroffen. Anschließend ziehen die Soldaten wieder ab.
Statt ihrer ist plötzlich ein Priester da und segnet die Toten.

Es sind die Frauen, die nun kritisch und selbstkritisch Bilanz ziehen, die eigene Untätigkeit und Feigheit beklagen und die Schuld an den Ereignissen hin und her schieben. Endlich mischt sich fie Ungarin, die viele davonjagen wollen, ein. Sie spricht viele deutliche und unbequeme Sätze aus wie zum Beispiel "Was sind eure Rechte und Freiheiten wert, wenn Mord und Totschlag dabei herauskommen?" "Ihr seid alle Mörder", klagt sie und: "Vor Gott sind alle Menschen gleich". "Ihr seid alle blind" - das ist das Schlüsselwort, dass etliche Frauen dazu bewegt, ihr dafür zu danken, dass sie ihnen die Augen geöffnet haben. "Bleibe da mit deinen Kindern" fordern sie, allen voran die Tochter des Hirschenwirts. Mit den Worten: "Ich werde in Dogern bleiben" lässt Jung die Tragödie enden.

 

"Überraschend die Wende in der Meinung der Bevölkerung", schreibt Alfred Lins in einer Rezension. "Hatte man Konrad zuletzt hart kritisiert, so wird er nun zum Märtyrer gekürt. Es bleibt Ilonla überlassen, diese Scheinheiligkeit zu entlarven und auf die echten Werte der Menschlichkeit zu verweisen."

Und ein Historiker?
Der muss feststellen, dass Gerhard Jung recht eigenwillig mit den tatsächlichen Begebenheiten umgegangen ist und sie gleichsam nur als "Aufhänger" benutzt hat. Ein Dokumentarspiel war auch nicht beabsichtigt, sondern eine Dichtung. Und wenn bedacht wird, dass es darum ging, bestimmte Charaktere und die zeitlosen Defizite sozialen Verhaltens dramatisch zu veranschaulichen, dann ist das dem Autor, der Regisseurin und den Frauen, Männern und Kindern aus Dogern sehr gut gelungen.

 

 

 

Eine Auswahl der Schriften Gerhard Jungs:

D Heimet uf em Wald - alemannische Mundartgedichte, Lahr 1960

Schmecksch de Brägel - heiters Alemannisch,. Lahr 1965

Wurzle un Blatt - Mundartgedichte. Olten 1967

Bettmümpfeli - heiters Alemannisch. Lahr 1972

Wo ahne gohsch? Alemannische Gedichte. Lahr 1973

Proscht Gürgeli!
Gedichte, Sprüche, Erzählungen und Lieder in Wiesentäler Mundart. Lahr 1983

 

 

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