Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald

 

Victor von Scheffel

 

 

 

 

"Die Geradheit, Unbeugsamkeit, der starre Rechtssinn, die Pflichttreue des Vaters, auch seine gerühmte Unterhaltungsgabe kehren in dem Dichter wieder."
Das schreibt Friedrich Panzer in seinem Lebensbericht über Philipp Jakob Scheffel und das Erbe, das von ihm im Sohn zu erkennen war. Bekannt wurde der am 16. 02. 1826 geborene Scheffel aber nicht, weil er der Sohn des Ingenieurs und Majors Scheffel in Karlsruhe war, sondern als Verfasser des "Trompeter von Säckingen", der zu Weihnachten 1853 veröffentlicht wurde, ein Versepos, das ihn weltberühmt machen sollte.

Es gibt, so meine ich, kaum etwas Neues, was über Victor von Scheffel mitzuteilen wäre. Es erschienen seit Scheffels Tod viele Schriften, in denen sein Leben und Schaffen aus unterschiedlichen Perspektiven gründlich durchleuchtet wurde. Allein in der Deutschen Bibliothek sind (im Mai 2007) 301 Bücher von und über Scheffel zu finden. Insofern kann und soll diese Seite auf der Salpetererhomepage lediglich darauf aufmerksam machen, dass der Dichter Scheffel, 1850/51, als er sich in der Ausbildung zum Juristen befand, in Säckingen mit Salpeterern in Berührung kam. Und so, wie alles, was Scheffel in seinem Leben wiederfuhr, in Poesie und Prosa seinen Niederschlag fand, so finden sich auch Schilderungen über unsere Landschaft und ihre Menschen. Sogar einen in sich geschlossenen und recht umfangreichen Aufsatz "Aus dem Hauensteiner Schwarzwald" verfasste er Anfang 1853. Wir finden diesen Bericht im vierten Band der von Friedrich Panzer herausgegebenen Ausgabe von Scheffels Werken im ersten Teil unter der Überschrift "Reisebilder" (im April 1853 abgedruckt im "Cottaischen Morgenblatt").

Allein dieser sehr anschauliche Rückblick Scheffels auf seinen Aufenthalt in Säckingen wo er als Rechtspraktikant im Amtsgericht Dienst tat, wie auch seine "Säckinger Episteln" - Briefe vom Januar 1850 bis Mai 1851- rechtfertigen eine Skizze über den Dichter auf der Salpetererhomepage.

 

 

Auf den ersten Seiten seines Reiseberichts "Aus dem Hauensteiner Schwarzwald", schildert Scheffel das Treiben in Säckingen anlässlich des Fridolinsfest. Und unter dem buntgemischten Volk aus dem Rheintal und dem frickgau "ragen noch andere Gestalten spezifisch hervor...das sind "Hotzen"...auch "Wälder" genannt... und dass sie von den Höhen des Eggbergs, der über Laukingen seinen finstern Rücken erhebt, bis hinter Waldshut an die Grenzen des Klettgaus hin, die Marken der alten Grafschaft Hauenstein bewohnen..." (In: Panzer, IV, S. 51 ff).

So abweisend und abgelegen die Bergwelt, so abgeschlossen erscheint ihm der Hauensteiner. Er "sitzt auf seinen Bergen fest; die Heimat mit ihrer Rauheit und Öde, mit ihrer winterlichen Schneelast und ihrem schwermütigen Tannendunkel ist ihm lieber als die ungewisse Fremde; höchstens fährt er einmal mit einem Wagen Holz nach Basel oder geht, wenn er seinen unvermeidlichen Prozess beim Amt verloren hat, über die Berge nach Freiburg zum Advokaten..." Und Scheffel beruft sich auf den aus Tiengen stammenden Historiker Joseph Bader, der im ersten Band seiner in Karlsruhe 1839 erschienenen Zeitschrift "Badenia" (S. 27) feststellt: "Unter den hauensteiner Sitten, deren Heimat freilich nur das Hochland ist, trägt noch manche ganz das Gepräge mittelalterlicher Symbolik". Und Scheffel fährt fort: "Zu dieser mittelalterlichen Symbolik gehören namentlich die bedeutenden Leistungen des Hauensteiners im Gebiet der Rauferei" (Panzer IV, S. 59)

 

 

"Jetzt hab' ichs wieder mit ein paar finsteren, trotzigen Gesellen vom Wald zu tun, bei denen jeder Blick und jedes Wort ein Protest gegen den Staat Baden im allgemeinen und die Polizeigewalt insbesondere ist. Das sind Salpeterer, die wie eine Erinnerung aus alter Zeit in die preußisch gefärbte Gegenwart hineinragen; - ein Stück fossil gewordener Bauernkrieg ..." (In: Panzer, Bd. IV, S. 261)

 

 

Wenn er mit diesen "waldursprünglichen Bewohnern des Hauensteiner Ländchens" umging, "so ist's ihm immer, als hätte er ein Stück realer Poesie, ein lebendig gewordens Volklied vor sich." (In: Panzer, Bd. I, S. 20).

Dieser, an romantische Vorstellungen erinnernden Verklärung des unverfälschtem altalemannischem Volksstamm, "den Freunden Hebels" , (Panzer, Bd. IV, S. 52) setzt Scheffel in seinen Reisebildern und den "Säckinger Episteln" mit seiner Darstellung der Salpetererunruhen ein im Grunde recht bedrückendes Bild entgegen. Scheffel hat seine Informationen freilich nicht aus den Quellen. Er beruft sich auf die Schrift von Lukas Meyer aus Gurtweil, die Heinrich Schreiber 1837 herausgab und auf die Erinnerungen des Rickenbacher Pfarrers, der, während der Salpetereregierung im Mai 1745 geflohen, kein gutes Haar an den Salpeterern und ihren Anliegen gelassen hatte. Dabei, und diesen Zusammenhang stellt Scheffel, wie andere nach ihm, die vor allem die Übergriffe des Eggbauern anprangerten, nicht her, gehörte der wüste Umgang der Bauern untereinander "zur mittelalterlichen Symbolik", wie oben zitiert. Scheffel widmeten einen beachtlichen Teil seines Berichts den damals wie heute gleichermaßen strafbaren Verhaltensweisen der Waldbewohner. Diebstähle, Betrügereien und Körperverletzungen schienen an der Tagesordnung zu sein. Und nimmt man die Aufzeichnungen des Pfarrers von Herrischried, Isidor Kaiser aus den Jahren 1882 bis 1898 zur Hand (bearbeitet von Alexander Wagner, hersg. von Günther Adolf, Herrischried im April 2007) dann scheinen Körperverletzungen bis hin zu Todesfolge zwischen den Dorfgenossen keine Seltenheit gewesen zu sein.
In dieser Beziehung, soviel sei hier vorsorglich eingeflochten, haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Hotzenwaldes inzwischen grundlegend verändert. So wie sich, vor allem nach dem zweiten Weltkrieg, die Lebensverhältnisse der "Wälder" und der Bewohner in den Tälern anglichen, so schwand auch die von Scheffel erlebte "Rauflust"
(vgl. dazu auch die Seite: Hotzenwald im Wandel).

Bezogen auf die Salpetererunruhen lässt sich schließen, dass des Eggbauern aggressives Verhalten und anderer dem Trunk ergebener Salpeterer (auch das gehörte nach Scheffels Beobachtungen zum Selbstverständnis der Wälder) im Grunde nichts Ungewöhnliches waren. Im Zusammenhang freilich mit Widerständen gegen die Obrigkeiten, erhielten die in den Klagen betroffener Salpeterergegner aktenkundig gewordenen Verhaltensweisen, ein besonderes Gewicht.

Dass sich in späteren Jahren aus gegebenen Anlässen die Wälder nicht um die um sie herum tobenden Ereignissen kümmerten, Scheffel denkt an die Befreiungskriege oder an die Kämpfe der badischen Revolutionäre, führt er darauf zurück, dass ihnen ihr Wunsch nach der Wiederherstellung ihrer alten Freiheiten und Rechte nach Hinrichtungen und Verbannungen ausgetrieben worden waren. Er unterstellt, dass die Bauern erkannten, dass es weder Napoleon noch der neue badische Staat und schon gar nicht die Demokraten waren, die ihre Sehnsucht nach der guten alten Zeit befriedigen wollten. Stattdessen hatten sie stets den "Geist des alten Grafen Hans" im Sinn. "Im gewöhnlichen Leben", so schließt er seine Darstellung über den Hauensteinischen Schwarzwald, "sind jetzt die Äußerungen des Salpetererwesens verschwunden, verständiges Ignorieren hat sie (die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts J.R.) sicherer in Schatten gestellt als strenge Bestrafungen. Nur bei außergewöhnlichen Ereignissen, an die der Bauern überhaupt einen ganz eigentümlichen Maßstab anlegt, streckt der eine oder andere wieder das Haupt in die Höhe und schaut, ob die Raben noch fliegen" (In: Panzer IV, S.94)

 

 

 

Zur Fern hinaus ragt hoch das Haus
des alten Thomas von Egg
die Wolken ziehn die Alpen glühn
herüber zum Thomas von Egg.

Im Kriegsruf hell stand als Rebell
der alte Thomas von Egg
Haus Österreich wie zwangst du gleich
den alten thomas von Egg.

Da brach in Flamm´das Haus zusamm
des alten Thomas von Egg
Weit ins Banat auf Spruch vom Rat
geführt ward Thomas von Egg.

Im Gartenraum noch steht der Baum
des alten Thomas von Egg
solang der blüht und Früchte zieht
der Baum des Thomas von Egg
blüht Hauensteins Glück. Wer bringt zurück
den alten Thomas von Egg?

 

(aus: Vermischte Gedichte. In: Scheffels Werke, Bd. I, Hrsg.: F. Panzer. Leipzig 1923 S. 293)

 

abgebildet ist der Hallwyler Hof, in dem der damalige Rechtspraktikant Dr. Joseph Victor Scheffel während seines Aufenthaltes in Säckingen vom Januar 1850 bis August 1851 wohnte.

aus: Badische Heimat Nr. 2/1986, S. 218
Bild: Stadtarchiv / Peter Christian Müller

 

 

Victor von Scheffel starb am 9. April 1886 im Elternhaus in der Karlsruher Spohienstraße, nach einem äußerlich von Erfolg verwöhnten Leben, an den einer ihn schon seit Jahren plagenden Arterienverkalkung. Seine letzten fünfzehn Lebensjahre waren, nach Panzer, ohne literarische Glanzlichter geblieben. Trotz allen äußeren Ruhmes und öffentlicher Verehrung, die ihm im neuen Deutschen Reich ebenso zu teil wurde, wie im Großherzogtum Baden, vereinsamte er mehr und mehr.

 

 

Meine Ausführungen fußen, wie bereits zum Ausdruck gebracht, auf der 1919 in Leipzig und Wien (Bibliographisches Institut) erschienen Ausgabe von Scheffels Werken, Band I bis IV, herausgegeben und mit zahlreichen Kommentaren versehen von Friedrich Panzer.
Informativ waren für mich auch Aufsätze, die anlässlich seines 100. Todestages in der "Badischen Heimat" (Karlsruhe, 66. Jahrgang, Heft 2, Juni 1986) veröffentlicht wurden. Vgl. bes.:
Müller, Peter Christian: Scheffel und Bad Säckingen, S. 218 - 229
Vögely, Ludwig: Die Familie Scheffel und ihre Freunde. S. 193 - 210

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl, 25.05.2007


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