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Alle, die über die Salpeterer schrieben und forschten, verwendeten die gleichen
Quellen und Darstellungen, wie sie jeder Interessierte in den Archiven oder Bibliotheken
vorfindet. Doch Auswahl und Interpretation von historischen Quellen und den in
ihnen dargestellten Ereignissen und Prozessen verändern sich.
Diese Veränderungen
lassen sich verallgemeinernd mit „Zeitgeist“ umschreiben. Etwas zugespitzt formuliert
kann man sagen, dass gleiche historische Ereignisse von „Meinungsführern“ in anderen
Zeitepochen instrumentalisiert werden. So wurden, in meinem Buch ist das bereits
erwähnt, in der Nazizeit von Heimatdichtern die Salpeterer als Helden für eine
„Blut und Boden“ – Ideologie dargestellt. Und die Ende der sechziger Jahre des
20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik aufkommenden sozialen Bewegungen hielten
ebenfalls Ausschau nach Vorläufern in der Geschichte.
An
dieser Stelle werden alle die, die sich, wie ich mich selbst, zu den Kritikern
der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnung unserer Gesellschaft zählen
und den Widerstand
als Tugend pflegen, empört Widerspruch einlegen. Denn man kann doch die deutsch-faschistische
Heimattümelei nicht vergleichen mit dem Widerstand gegen
die Gefährdungen von Mensch und Umwelt, die von Atomkraftwerken, militärischen
Einrichtungen oder international operierenden Konzernen in Landwirtschaft und
Industrie ausgehen. Wer wertend beide Erscheinungen darstellt, also vor dem Hintergrund
in der betreffenden Zeit oder Kultur allgemein gültiger oder auch eigener Wertvorstellungen,
wird sie sicher nicht auf eine Stufe stellen. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.
Eine
Atombombe zum Beispiel bleibt eine Atombombe oder ein Atomkraftwerk ein Atomkraftwerk
und damit für alle Menschen eine Gefahr. Und es kommt nicht darauf an, wer sie
besitzt oder wo sie sich befinden, wie es zum Beispiel die Schüler in der DDR
noch vor zwanzig Jahren lernten. Und wenn ich, zurück zu den Salpetererunruhen,
Widerstand beschreibe, dann bleibt das Phänomen „Widerstand“ ein widerständiges
Verhalten – ganz gleich zunächst, wer gegen wen und warum diesen Widerstand leistet.
Dann stehen zum Beispiel Albert Leo Schlageter
neben Graf Staufenberg, denn beide Männer begingen eine
widerständige Tat und beide wurden deswegen hingerichtet.
Erst wenn ich eine
wertende Position einnehme und durch die Brille meiner eigenen Überzeugungen oder
von einer bestimmten weltanschaulichen Position oder politisch-historischen Situation
heraus widerständische Bewegungen oder Personen betrachte und gar wertend gefiltert
darstelle, verlasse ich den Boden wissenschaftlich-neutraler Betrachtungsweise.
Dies tun wir alle und selbstverständlich täglich.
Heute
können und wollen und dürfen wir – zum Beispiel als Wissenschaftler an einer
deutschen Hochschule – gar nicht den Boden des Grundgesetzes (zu dem übrigens
das Recht auf Widerstand gehört) und sein Menschenbild verlassen. Diese Wertmaßstäbe
aber gehören als ein Basiselement wissenschaftlicher Redlichkeit, offen gelegt.
Ob ein Forscher
überhaupt „objektiv“ sein kann und seine Arbeiten frei sind von subjektiven Einflüssen,
muss allerdings bezweifelt werden. Wer ein (selbst-) kritisches Wissenschaftsverständnis
vertritt, sollte darum die eigenen Werthorizonte, Forschungsinteressen oder Arbeitsziele
offen legen, damit jedermann in der Lage ist, die jeweiligen Texte vor diesem
Hintergrund zu lesen und zu verstehen. Oft helfen die Kenntnis zeitgeschichtlicher
Zusammenhänge oder kulturtypischer Strömungen, Menschen und ihre Werke einzuordnen.
Dies gilt für die Musik, die bildenden Künste, die Dichtung, Erfindungen und Entdeckungen
ebenso wie für die Geschichtsschreibung.