Es
ist schon erstaunlich, dass fern in den USA an einer Universität über
die Salpeterer geforscht wurde. Nehmen wir noch hinzu, dass auch in der Bundesrepublik
gegenwärtig zwei junge Wissenschaftler, Tobias Kies in Bielefeld und Tilmann
Robbe in Freiburg, Arbeiten zu Themen über die Salpeterer anfertigen, dann
lässt das auf ein relativ großes wissenschaftliches Interesse an den
Ereignissen in unserer Landschaft vor nun fast zweihundert Jahren schließen.
Es bleibt zu wünschen, dass die vielen gründlichen Forschungen in den
Archiven, die ja auch seit langem schon von unseren einheimischen Historikern
betrieben wurden und zu entsprechenden Veröffentlichungen führten, da
ist vor allem an Paul Eisenbeis aus Görwihl und Konrad Sutter aus Waldshut
zu denken, die Chancen vergrößern, die Salpeterer und ihre Anliegen
objektiver wahrnehmen zu können. Jeder, der sich mit den Beweggründen
und Strategien derartiger Widerstandsgruppen befasst, interpretiert sie offenbar
auf dem Hintergrund eigener Wertvorstellungen. Gleiche historische Fakten können
auf diese Weise eine unterschiedliche Bewertung erfahren. Der Gegensatz zwischen
den Äußerungen von zum Beispiel Dr. Emil Müller aus Ettikon, der
seinem Buch über die Salpeterer 1979 den Untertitel "Geschichte eines
Freiheitskampfes..." gab oder Prof. Alois Eckerth aus Wien, der 1993 die
"Salpeterer-Krawalle ... als unrühmlichste, unwürdigste, ja blamabelste
Episode in der Abfolge bäuerlichen Aufbegehrens..." bezeichnete, kennzeichnet
das, was ich meine. Die Rezeption dieser Perioden unserer Heimatgeschichte ist
also noch längst nicht abgeschlossen.
Das Neue an Luebkes Arbeit besteht
nach meinem Eindruck gegenüber älterer historischer Forschung und Darstellung,
dass er die Salpetererunruhen in Beziehung u. a. zu verfassungsrechtlichen, sozialen
und kulturellen Phänomenen setzt. Auch Luebke recherchierte sehr gründlich
in den Archiven, wie es vor ihm schon andere Historiker wie Günther Haselier
oder Jakob Ebner taten. Luebke belegt zum Beispiel im vierten Kapitel ("Big
shorts versus Little People? Social Dimensions of Factional Conflict" S.
117 ff) die verwandtschaftlichen Verbindungen, die unter den beiderseitigen Führungseliten
bestanden und dass aus diesen untereinander verwandten und verschwägerten
Eliten stets zugleich - und schon immer - die gewählten Achtmannen kamen.
Der Eggbauer war ein Schwager von Hans Fridle Gerspach und dass die Söhne
und Enkel des Salperer-Hans selbst in seine Fußtapfen traten, wissen wir
aus Ebners und Haseliers Untersuchungen. Im Grunde heißt das nichts anderes,
als dass die führenden Familien auch politisch den Ton in der Grafschaft
angaben.
Zu diesen Besonderheiten, die Luebke darstellt, gehört aber
auch der Nachweis, dass die führenden Vertreter beider Seiten zu den wirtschaftlich
stärksten Einungsgenossen zählten. Am Beispiel von Blasius Hottinger
aus Niedergebisbach oder Johannes Marders aus Eschbach (der Preuß) belegt
Luebke nicht nur ihre gute Vermögenslage sondern auch deren dramatischen
Verluste in der Folge ihrer Aktivitäten. Die Familien der Salpetererführer
verarmten.
Interessant auch sind die Berufe, die die Salpeterer ausübten.
So wird deutlich, dass ihre Hauptvertreter die verschiedenen handwerklichen Berufe
ausübten, die es damals in unseren Dörfern gab. Luebke arbeitete an
Beispielen u. a. heraus, dass die ökonomischen Interessen der Führungseliten
beider Seiten aus gegebenem Anlass die "Parteiengrenzen" durchbrachen
und zum Beispiel betroffene Müller sich gemeinsam gegen einen Konkurrenten
zur Wehr setzten - ganz gleich aus welchem Lager er kam.
Mit Hilfe dieser
und anderer Analysen weist Luebke nach, dass die sozialen Ähnlichkeiten der
Vertreter beider Parteien sehr groß waren. Beide Gruppierungen waren in
gleicher Weise in das wirtschaftliche und das Verfassungsleben der Grafschaft
integriert und verfolgten, in Bezug auf das Gemeinwohl der Grafschaft im Sinne
der Erklärung von 1433, die gleichen Interessen. Die Wege zu diesem Gemeinwohl
und deren Interpretationen durch die führenden Persönlichkeiten führten
zur Spaltung. Luebke führt diesen Teil der Untersuchung in die Aussage zusammen:
"Aus den konkurrierenden Artikulationen der konkurrierenden Auslesen floss
die Zwietracht" ("Discord flowed from the competing articulations of
competing elites within the peasantry." S.146). Das ließe sich auch
anders sagen und festhalten, dass die gleichen Ereignisse und Gegebenheiten von
den verschiedenen Gruppen unterschiedlich ausgelegt wurden.
Während David
Luebke in seinem ersten Kapitel ("Power in the County. Lords and Subjects
in Hauenstein") die bis zum achtzehnten Jahrhundert so gewachsene historische
Situation der Grafschaft Hauenstein darstellt und in Beziehung zu anderen Teilen
Süddeutschlands setzt, schildert er, sehr verkürzt, im zweiten Kapitel
("Uncivil War. A Chronicle of the Revolt") die Ereignisse und Höhepunkte
in ihrem chronologischen Verlauf. Im dritten Kapitel ("A House Divided. Dissention
and the Geography of Fear", S. 90 ff) stellt er die beiden Parteiungen dar
- hier die Salpeterer (die Unruhigen, die Rebellen) dort die "Müllerschen"
(die Ruhigen, die Tröndlinschen) - und arbeitet die Unterschiede heraus.
Es sei, so Luebke, selbst damals für die Landbevölkerung nicht leicht
gewesen, zu erkennen, worin die Unterschiede bestehen. Es ist ja nicht daran zu
zweifeln, dass die Meinungsführer beider Gruppierungen, das Gesamtwohl der
Grafschaft im Auge hatten und keiner deren politische Verfassung in Frage stellte.
Innerhalb der Dorfgemeinschaften freilich waren "Zwietracht nicht Übereinstimmung"
die Norm. Dennoch gab es Dörfer in denen das salpeterische Element überwog
und andere, die stärker die Ruhigen unterstützten und wieder andere,
die unentschlossen waren.
Für Luebke entscheidend ist die Erkenntnis,
dass sich die Unruhen - weder von ihren Motiven und Zielen her, noch, von geringfügigen
verbalen Entgleisungen abgesehen, in ihrem praktischen Verlauf als Aufstände
mit sogar womöglich revolutionären Zielen bezeichnen lassen. Weder kämpften
die Salpeterer gegen die römisch-katholische Kirche, noch gab es eine Aktion
gegen das Kloster St. Blasien oder gar gegen die Stiftsdamen von Säckingen.
Auch der Waldvogt oder die kaiserlichen Kommissare, die ins Land kamen, waren
nicht gefährdet. Und der Kaiser beziehungsweise später die Kaiserin
waren und blieben für die Salpeterer die obersten Schiedsrichter, an deren
Rechtlichkeit und Redlichkeit sie lange Zeit nicht zweifelten.
Diese Erkenntnisse
erstaunen angesichts der gerade zwei bis drei Menschenalter zurückliegenden
Reformationszeit, die sich in Waldshut besonders heftig bemerkbar machte und der
Bauernkriege, in denen St. Blasien von den Hauensteinern in Brand gesteckt wurde.
Die Schäden an Leib und Leben und an Hab und Gut während der Salpetererunruhen
wurden - der Aktenlage nach - denen zugefügt, die auf Augenhöhe waren:
den Nachbarn, oder den Bauern aus anderen Dörfern. Es kam zu Prügeleien,
im Ausnahmefalle mit Todesfolge und zu verbalen Ausfällen gegeneinander.
Insofern widerspricht die wiederholte Kennzeichnung der Unruhen in Luebkes Text
als "Salpetererkrieg", dem tatsächlichen historischen Verlauf;
da stimmt dann doch der Buchtitel mit diesem mehr überein.
Die Höhepunkte,
das Zusammentreffen mit Soldaten auf dem Etzwihler Feld, das alles andere als
eine "Schlacht" war, oder im Herbst 1745 die Versuche, die in Waldshut
gefangen gehaltenen Salpeterer zu befreien und die damit verbundenen heftigen
Prügeleien zwischen Ruhigen und Unruhigen bei Waldkirch beziehungsweise im
Schmitzinger Tal, können mit militärischen Kategorien nicht gefasst
werden. Zumindest waren die Unternehmungen der Salpeterer dilettantisch, ohne
Planung und Koordination. Luebke leitet sein Buch mit dem Zwischenfall bei Schmitzingen
ein. Etwa siebzig Parteigänger der Tröndlinschen befanden sich in der
Nacht vom 12. zum 13. November 1745 auf dem Weg nach Waldshut, um dort die Einwohner
in der Verteidigung der Stadt gegen den angekündigten Angriff der Salpeterer
zu unterstützen. Zufällig trafen sie auf etwa zweihundert Salpeterer,
die am Tage zuvor von den Waldshutern erfolgreich abgewehrt, dort noch lagerten.
Die ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe, stürzten sich auf ihre Gegner
und schlugen so derb auf sie ein, dass zwei von ihnen später an den Folgen
der Schläge starben und mehrere erheblich verletzt wurden. Dieser blutige
Zwischenfall steht nicht grundlos am Anfang der Forschungsarbeit. Luebke erhellt
damit, und im Verlaufe seiner Darstellungen wird das gründlich belegt, dass
die Salpetererunruhen zu einem Bauernkrieg im wahrsten Wortsinne geworden waren:
es bekämpften sich Bauern bzw. Einungsgenossen gegenseitig.
Dass auch
die Obrigkeiten dies erkannt hatten, zeigten die Bestrafungen in der Folge dieser
letzten Phasen im Zusammenhang mit der Belagerung von Waldshut. Es wurden keine
Todesurteile mehr verhängt, denn es waren die Obrigkeiten beziehungsweise
die staatliche Gewalt, vertreten durch den Waldvogt oder das Militär nicht
mehr betroffen. Selbstverständlich war den Obrigkeiten daran gelegen, Ruhe
in der Grafschaft zu haben. Bauern und bäuerliche Gewerbe sollten sich wieder
ausschließlich ihren eigentlichen Aufgaben widmen und die unproduktiven
Händel lassen. Darum die erneute Besetzung der Salpetererorte, neue Strafgelder
und Verbannungen.
Im fünften Kapitel, dem er die Überschrift gab:
"Into the Devil´s Jaws" (In des Teufels Klaue bzw. Rachen S. 147
ff) stellt Luebke die Entwicklung der Rhetorik der Salpetererführer dar und
weist anhand dessen nach, wie weit sie zur Verschärfung der Auseinandersetzungen
zwischen den beiden Parteien beitrugen. Zugleich spiegeln die Rhetorik beziehungsweise
die Argumentationsstränge die Entwicklung wider, die die Ideologie von der
Freiheit der Grafschaft im Verlaufe der Unruhen erfuhr. Standen am Anfang noch
der gute Graf Hans von Habsburg-Laufenburg und die auf ihn zurückgeführten
Rechte und Gewohnheiten im Zentrum der Auseinandersetzungen (wobei den Salpeterern
die ungeschriebenen Gewohnheiten, "die von alters her" kamen wichtiger
waren als das geschriebene Recht - was wiederum bei den Ruhigen im Vordergrund
stand) so rückte die direkte Verbindung zwischen Kaiser (Karl VI.) und seinen
Hauensteinern mehr und mehr in den Vordergrund. Luebke überschrieb diesen
Abschnitt dann auch mit "His Majestis Rebels" (S. 165 - so, wie auch
das Gesamtwerk betitelt ist), das zu übersetzen wäre mit "Des Kaisers
Rebellen". Luebke berichtet, dass die Salpetererführer jede Instanz,
die es zwischen den Einungen und dem Kaiser gab, als Unrecht empfanden und die
direkte Verbindung zwischen sich und dem Kaiser wünschten und damit, den
ihrer Überzeugung nach ursprünglichen und einzig rechtmäßigen
Zustand wieder herstellen wollten. Insofern waren sie "Rebellen" für
des Kaisers unmittelbare Rechte an ihrer Grafschaft.
Diese Ideologie ging
soweit, das beschreibt Luebke an Beispielen, dass einige Salpeterer kurzzeitig
die Auffassung vertraten, dass sie sich nach des Kaisers Ableben einen anderen
Schirmherren wählen dürften, da dieser Kaiser keine männlichen
Thronerben habe. Und in diesen Zusammenhängen wurde von ihnen auch gern auf
das Schweizer Beispiel gewiesen.
Wenn ich hier vereinfache und von einigen
Salpetererführern spreche, dann tut das Luebke so nicht. Er belegt entsprechende
Äußerungen und nennt Situationen und Namen. So zum Beispiel die dritte
Argumentationsschiene der Salpeterer, die sich christlich-religiöser Metaphern
bediente und für die zum Beispiel der "Gaudihans" steht. Er erklärte,
dass Kampf für die salpeterischen Vorstellungen der "kürzere Weg
zur Seligkeit" sei und die Müllerschen im "Rachen des Teufels"
enden würden. Wir wissen heute, dass die entschiedene, am katholischen Erzhaus
- vor allem von Maria-Theresia in ihren Landen geförderte - Frömmigkeit
besonders in den Salpetererfamilien gelebt wurde und bis in das neunzehnte Jahrhundert
hinein erhalten blieb, um dann erneut als widerständige Bewegung aufzuleben.
Das sechste Kapitel gehört den Unruhen und ihrer praktischen Durchführung
(The Practice of Rebellion" S. 180 ff). Luebke verweist auf die Schwierigkeiten,
in jener Zeit überhaupt einen Widerstand zu organisieren, der über die
Grenzen der jeweiligen Dorfgemarkung hinausging. Es waren die Einungsverfassung
und die damit zusammenhängenden Versammlungsgewohnheiten die einmal - als
ideologische Voraussetzungen - den Gedanken an und die Verantwortung für
das Ganze, gemeint sind hier alle Einwohner der Grafschaft - und zum anderen die
organisatorischen Voraussetzungen schufen. Luebke meint, dass es nicht ohne Ironie
gewesen wäre, dass es "selbstgewählte Beamte" gewesen seien,
die die Unruhen argumentativ begründeten und organisatorisch förderten.
Als interessante Details breitet Luebke vor uns die vielen Geldsammlungen aus,
die den Salpeterern ihre Auftritte, vor allem aber ihre Reisen in die weit entfernte
Hauptstadt und zu anderen Orten ermöglichten. Massenversammlungen waren ebenso
wie Geldsammlungen ganz zentrale Äußerungsformen der Unruhen. Zwischen
1726 und 1745 zählte Luebke 96 Versammlungen, die von den Unruhigen einberufen
wurden. Von Anfang an, mustergültig vorgelebt vom Salpeterhans vollzogen
sich Argumentationen, Versammlungen, Sammlungen kurz: alle Aktivitäten in
völliger Offenheit. Da gab es keine Geheimbündelei - im Gegenteil: Öffentlichkeit
war ein durchgehendes salpeterisches Prinzip. Erst nach der ersten Besetzung von
Salpetererorten durch das Militär versuchten Salpeterer es mit geheimeren
Zusammenkünften, die aber, so Luebke, dann auch keine den offenen Versammlungen
vergleichbaren Erfolge hatten und später zu voller Öffentlichkeit zurückgekehrt
wurde.
Neben diesen Versammlungen, die all jenen, die sie besuchten, die Möglichkeit
gab, zu hören und zu entscheiden (Abstimmen durch Hand erheben) waren Geldsammlungen
die Voraussetzung für die Deputationen von Salpeterern. Zwischen 1727 und
1738 registriert Luebke fünf derartiger Reisen an den Wiener Hof. Am Beispiel
des Leontius Brutschi von Dogern, der Aufzeichnungen darüber anfertigte,
wissen wir, dass für eine Person wenigstens 200 Gulden Reisekosten zu veranschlagen
waren. 1738 machten sich mit 20 beziehungsweise 23 Deputierte gleich zwei und
zugleich die an Teilnehmern größten Deputationen an das Kaiserhaus
auf den Weg. Allerdings konnten nicht alle Abordnungen über Sammlungen finanziert
werden. Die Kosten für die vier Missionen zwischen 1730 und 1737 mussten
darum von den Deputierten selbst aufgebracht werden. Am Beispiel der Sammlungen
beziehungsweise Erhebungen konnte Luebke nachweisen, an welchen Orten wie viel
Bauern die Anliegen der Unruhigen wenigstens zeitweise unterstützten.
Diese Deputationen als Elemente der Unruhen unterstreichen nach Luebke die Überzeugung
der Salpetererführer, dass es zwischen ihnen und dem Kaiser keine Instanz
geben dürfe und sich beide, der Kaiser auf der einen und die Hauensteiner
in ihrer Gesamtheit auf der anderen, gegenseitig Treue schuldig sind. Nur wenige
freilich hatten tatsächlich Gelegenheit, den Kaiser zu sehen oder gar mit
ihm zu sprechen. Häufig standen mit diesen Reisen Wallfahrten (vor allem
nach Einsiedeln) in Verbindung, die einmal der Fürbitte um den Erfolg zum
anderen aber auch (wiederholt) dem religiös-katholischen Charakter der Bewegung
dienten.
Als recht nützlich erweisen sich die Übersichten im Anhang
der Arbeit. Dort kann man sich kurz über die Einungsmeister aus dem achtzehnten
Jahrhundert und über Anzahl und Teilnehmer an den verschiedenen Deputationen
und Wallfahrten informieren. Beim Literaturverzeichnis fiel mir auf, dass keine
der Arbeiten von Emil Müller - Ettikon berücksichtigt wurde. Luebke
bezieht sich, wenn es um die Salpeterer selbst geht, vorwiegend auf die in den
Archiven befindlichen Dokumente und weniger auf bereits vorliegende Darstellungen.
Insofern lässt sich annehmen, dass sich allen an der Heimatgeschichte Interessierten,
wenn sie die in den Arbeiten von Haselier, Ebner und Luebke abgedruckten Dokumente
und Verweise zur Kenntnis nehmen, ein nahezu vollständiges Bild der unterschiedlichen
Dimensionen dieser Ereignisse zeigt. Dies erleichtert den Leserinnen und Lesern,
sich zum Beispiel von den Ereignissen und den beteiligten Personen, ihren Motiven
und ihren Einstellungen, selbst ein Urteil zu bilden.
Für mich ergänzt
also die Arbeit Luebkes dank ihrer ausführlichen Quellensammlung die vorliegenden
Forschungsarbeiten über die Salpeterer von Günther Haselier und Jakob
Ebner, deren Darstellungen und Interpretationen in einigen Punkten bestätigt
werden. Die Interpretationen Luebkes und die Verbindungen, die er vor allem in
seinem letzten Teil "Conclusion. Peasant Factions in the Holy Roman Empire",
S. 212 ff), herstellt, eröffnen neue Perspektiven, wenn die Salpeterunruhen
im Zusammenhang mit anderen, vergleichbaren Anliegen und Begebenheiten gesehen
werden.
Es kann diese kurze Einführung nicht das Studium der Arbeit von
David Luebke ersetzen und schon gar nicht die kritische Prüfung der, von
den Erkenntnissen anderer Historiker abweichenden, Interpretationen der Ereignisse.
Hier denke ich zum Beispiel daran, dass er Haseliers Argumentation über die
Ursachen, die zum Widerstand gegen den Loskauf aus der Leibeigenschaft eines Teils
der Einungsgenossen führte, als irreführend ("misleading"
S. 75) betrachtet. Ich dagegen kann, wenn ich bei Haselier über die Seite
88 seiner Schrift hinaus (auf die Luebke sich bezieht) weiterlese, keinen Unterschied
der Ursachendeutung zwischen Luebke und Haselier erkennen. Hierüber ließe
sich also trefflich streiten.
Kritisch zu Luebkes Arbeit wäre auch anzumerken,
dass seine Bemerkung einfach nicht stimmt, dass die kurze Phase der "Salpetererherrschaft"
im Mai 1745, als von Lüttichau, Dr. Berger und der Eggbauer, gefördert
von Rudolf Graf v. Chotek die Grafschaft gegen Franzosen schützen wollten,
die "blutigste Phase der Salpeterer-Kriege" gewesen sei. (Luebke: "This
... inaugurated the bloodiest phase of the "Salpeter Wars". S. 81).
Einzig der Eggbauer prügelte während dieser zwei Wochen - vermutlich
nicht zuletzt, weil er häufig betrunken war - auf einige seiner vermeintlichen
Widersacher ein und musste immer wieder von Dr. Berger gebremst werden. "Krankenhausreif"
wie wir heute sagen würden, hat er offenbar aber niemanden geschlagen.
Bei beiden Gruppierungen gab es statt dessen im Herbst 1745 im Zusammenhang mit
der Bedrohung Waldshuts durch die Salpeterer mehr Tote und Verletzte als bei anderen
Zusammenstößen. Das war tatsächlich die blutigste (und zugleich
letzte) Phase der Salpetererunruhen, auf die, wie oben dargestellt, Luebke am
Anfang seiner Schrift eingeht.
Zum Schluss meiner
Darstellung möchte ich den Historiker Tobias Kies von der Universität
Bielefeld zu Worte kommen lassen. Ihm verdanken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
des Görwihler Heimatmuseums den Hinweis auf die Arbeit von David M. Luebke.
Tobias Kies verfasst zurzeit selbst eine Dissertation über die Salpeterer
des neunzehnten Jahrhunderts. Er schrieb mir am 16. August 2001 zu Luebkes Arbeit:
"Sein Verdienst besteht meines Erachtens
darin, dass er die Ereignisse in der Grafschaft Hauenstein zu den historischen
Prozessen des 18. Jahrhunderts deutlich in Bezug setzt. So kommen Phänomene
wie der "Kommunalismus" ins Blickfeld, die ja vor allem für die
Schweiz gut erforscht sind. Luebke demonstriert eindrücklich, dass gerade
der Blick weg von den Salpeterern viel zum Verständnis der Vorgänge
beiträgt - erst die Analyse struktureller Gemeinsamkeiten der hauensteiner
Konflikte mit jenen in anderen Regionen hat mir richtig verdeutlicht, worum es
den Hauensteinern eigentlich ging...
Wollte man dessen Arbeit in gängige
Muster einordnen, könnte man von einer kulturgeschichtlich inspirierten Sozialgeschichte
des Konflikts im Hauenstein sprechen... Luebke (hat) eine moderne historische
Arbeit geschrieben ..."
Dr.
Joachim Rumpf
Görwihl, d. 01.08.2002
David Luebke hat sich über diese Veröffentlichung auf der Salpeterer-Homepage
gefreut. Er sendete mir die folgende Botschaft und beantwortete unter anderem
zugleich meine Fragen nach seinen Motiven, sich dieser Thematik zu widmen. Ich
stelle diese Mail-Nachricht hier ein:
Von: David M. Luebke [dluebke@darkwing.uoregon.edu]
Gesendet:
Montag, 9. Juni 2003 21:03
An: j.rumpf@gmx.de
Betreff:
Re: Salpeterer
Dear Joachim Rumpf,
I
hope that you will forgive me for writing to you in English, which I do in the
interest of time and, frankly, out of embarrassment over my ability to write well
in German. Your summary of my book is excellent and I'm delighted that you found
it useful! In addition to the book, I have published a number of articles on "Salpeterer,"
including a recent essay that was translated into German. Here is the citation:
"Erfahrungen
von Leibeigenschaft: Konturen eines Diskurses im Südschwarzwald, 1660-1740,"
in Jan Klußmann (Hrsg.), Leibeigenschaft: Bäuerliche Unfreiheit in
der Frühen Neuzeit (Potsdamer Studien zur Geschichte der ländlichen
Gesellschaft) (Cologne: Böhlau, 2002), 175-197.
Perhaps you'll find
it useful, too. You asked how I got interested in the Salpeterer. Part of the
answer is purely "wissenschaftlich": I had developed an interest in
peasant rebellions long before I chose to write on the Salpeterer. Then in 1985
or so I read a scholarly review article by Klaus Gerteis on the historical pattern
of peasant rebellions after 1525, which had been published a few years earlier
in the Zeitschrift für historische Forschung. Gerteis noted how certain aspects
of the "Salpeterer-Unruhen" illustrated certain broader developments,
so I decided to investigate the matter further. What I had not anticipated was
the depth of factional division in Hauenstein, and that as you know became the
focus of my research.
But I also have a deeper, personal
interest in Germany. Obviously, my ancestry is German. I also lived in Stuttgart
as a fourteen-year-old boy and then again in Bonn before I started university
studies. And of course my research took me to Karlsruhe for a year as well. So
my connection to Germany is strong.
Regarding your
discussion of my book, I have only one correction to offer: the dissertation was
written at Yale University. The publisher of my book is Cornell University Press
(Cornell is located in Ithaca, New York).
Mit freundlichen
Gruessen,
David M. Luebke