Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald


Forschungsarbeiten
Einführung in die Arbeit von David M. Luebke

 

Eine Einführung in das Buch von David M. Luebke:
"His majesty´s Rebels. Communities, Factions and Rural Revolt
in the Black Forrest, 1725 - 1745."
1997 veröffentlichte Dissertationsschrift an der Yale University

 

Es ist schon erstaunlich, dass fern in den USA an einer Universität über die Salpeterer geforscht wurde. Nehmen wir noch hinzu, dass auch in der Bundesrepublik gegenwärtig zwei junge Wissenschaftler, Tobias Kies in Bielefeld und Tilmann Robbe in Freiburg, Arbeiten zu Themen über die Salpeterer anfertigen, dann lässt das auf ein relativ großes wissenschaftliches Interesse an den Ereignissen in unserer Landschaft vor nun fast zweihundert Jahren schließen. Es bleibt zu wünschen, dass die vielen gründlichen Forschungen in den Archiven, die ja auch seit langem schon von unseren einheimischen Historikern betrieben wurden und zu entsprechenden Veröffentlichungen führten, da ist vor allem an Paul Eisenbeis aus Görwihl und Konrad Sutter aus Waldshut zu denken, die Chancen vergrößern, die Salpeterer und ihre Anliegen objektiver wahrnehmen zu können. Jeder, der sich mit den Beweggründen und Strategien derartiger Widerstandsgruppen befasst, interpretiert sie offenbar auf dem Hintergrund eigener Wertvorstellungen. Gleiche historische Fakten können auf diese Weise eine unterschiedliche Bewertung erfahren. Der Gegensatz zwischen den Äußerungen von zum Beispiel Dr. Emil Müller aus Ettikon, der seinem Buch über die Salpeterer 1979 den Untertitel "Geschichte eines Freiheitskampfes..." gab oder Prof. Alois Eckerth aus Wien, der 1993 die "Salpeterer-Krawalle ... als unrühmlichste, unwürdigste, ja blamabelste Episode in der Abfolge bäuerlichen Aufbegehrens..." bezeichnete, kennzeichnet das, was ich meine. Die Rezeption dieser Perioden unserer Heimatgeschichte ist also noch längst nicht abgeschlossen.
Das Neue an Luebkes Arbeit besteht nach meinem Eindruck gegenüber älterer historischer Forschung und Darstellung, dass er die Salpetererunruhen in Beziehung u. a. zu verfassungsrechtlichen, sozialen und kulturellen Phänomenen setzt. Auch Luebke recherchierte sehr gründlich in den Archiven, wie es vor ihm schon andere Historiker wie Günther Haselier oder Jakob Ebner taten. Luebke belegt zum Beispiel im vierten Kapitel ("Big shorts versus Little People? Social Dimensions of Factional Conflict" S. 117 ff) die verwandtschaftlichen Verbindungen, die unter den beiderseitigen Führungseliten bestanden und dass aus diesen untereinander verwandten und verschwägerten Eliten stets zugleich - und schon immer - die gewählten Achtmannen kamen.
Der Eggbauer war ein Schwager von Hans Fridle Gerspach und dass die Söhne und Enkel des Salperer-Hans selbst in seine Fußtapfen traten, wissen wir aus Ebners und Haseliers Untersuchungen. Im Grunde heißt das nichts anderes, als dass die führenden Familien auch politisch den Ton in der Grafschaft angaben.
Zu diesen Besonderheiten, die Luebke darstellt, gehört aber auch der Nachweis, dass die führenden Vertreter beider Seiten zu den wirtschaftlich stärksten Einungsgenossen zählten. Am Beispiel von Blasius Hottinger aus Niedergebisbach oder Johannes Marders aus Eschbach (der Preuß) belegt Luebke nicht nur ihre gute Vermögenslage sondern auch deren dramatischen Verluste in der Folge ihrer Aktivitäten. Die Familien der Salpetererführer verarmten.
Interessant auch sind die Berufe, die die Salpeterer ausübten. So wird deutlich, dass ihre Hauptvertreter die verschiedenen handwerklichen Berufe ausübten, die es damals in unseren Dörfern gab. Luebke arbeitete an Beispielen u. a. heraus, dass die ökonomischen Interessen der Führungseliten beider Seiten aus gegebenem Anlass die "Parteiengrenzen" durchbrachen und zum Beispiel betroffene Müller sich gemeinsam gegen einen Konkurrenten zur Wehr setzten - ganz gleich aus welchem Lager er kam.
Mit Hilfe dieser und anderer Analysen weist Luebke nach, dass die sozialen Ähnlichkeiten der Vertreter beider Parteien sehr groß waren. Beide Gruppierungen waren in gleicher Weise in das wirtschaftliche und das Verfassungsleben der Grafschaft integriert und verfolgten, in Bezug auf das Gemeinwohl der Grafschaft im Sinne der Erklärung von 1433, die gleichen Interessen. Die Wege zu diesem Gemeinwohl und deren Interpretationen durch die führenden Persönlichkeiten führten zur Spaltung. Luebke führt diesen Teil der Untersuchung in die Aussage zusammen: "Aus den konkurrierenden Artikulationen der konkurrierenden Auslesen floss die Zwietracht" ("Discord flowed from the competing articulations of competing elites within the peasantry." S.146). Das ließe sich auch anders sagen und festhalten, dass die gleichen Ereignisse und Gegebenheiten von den verschiedenen Gruppen unterschiedlich ausgelegt wurden.
Während David Luebke in seinem ersten Kapitel ("Power in the County. Lords and Subjects in Hauenstein") die bis zum achtzehnten Jahrhundert so gewachsene historische Situation der Grafschaft Hauenstein darstellt und in Beziehung zu anderen Teilen Süddeutschlands setzt, schildert er, sehr verkürzt, im zweiten Kapitel ("Uncivil War. A Chronicle of the Revolt") die Ereignisse und Höhepunkte in ihrem chronologischen Verlauf. Im dritten Kapitel ("A House Divided. Dissention and the Geography of Fear", S. 90 ff) stellt er die beiden Parteiungen dar - hier die Salpeterer (die Unruhigen, die Rebellen) dort die "Müllerschen" (die Ruhigen, die Tröndlinschen) - und arbeitet die Unterschiede heraus. Es sei, so Luebke, selbst damals für die Landbevölkerung nicht leicht gewesen, zu erkennen, worin die Unterschiede bestehen. Es ist ja nicht daran zu zweifeln, dass die Meinungsführer beider Gruppierungen, das Gesamtwohl der Grafschaft im Auge hatten und keiner deren politische Verfassung in Frage stellte. Innerhalb der Dorfgemeinschaften freilich waren "Zwietracht nicht Übereinstimmung" die Norm. Dennoch gab es Dörfer in denen das salpeterische Element überwog und andere, die stärker die Ruhigen unterstützten und wieder andere, die unentschlossen waren.
Für Luebke entscheidend ist die Erkenntnis, dass sich die Unruhen - weder von ihren Motiven und Zielen her, noch, von geringfügigen verbalen Entgleisungen abgesehen, in ihrem praktischen Verlauf als Aufstände mit sogar womöglich revolutionären Zielen bezeichnen lassen. Weder kämpften die Salpeterer gegen die römisch-katholische Kirche, noch gab es eine Aktion gegen das Kloster St. Blasien oder gar gegen die Stiftsdamen von Säckingen. Auch der Waldvogt oder die kaiserlichen Kommissare, die ins Land kamen, waren nicht gefährdet. Und der Kaiser beziehungsweise später die Kaiserin waren und blieben für die Salpeterer die obersten Schiedsrichter, an deren Rechtlichkeit und Redlichkeit sie lange Zeit nicht zweifelten.
Diese Erkenntnisse erstaunen angesichts der gerade zwei bis drei Menschenalter zurückliegenden Reformationszeit, die sich in Waldshut besonders heftig bemerkbar machte und der Bauernkriege, in denen St. Blasien von den Hauensteinern in Brand gesteckt wurde. Die Schäden an Leib und Leben und an Hab und Gut während der Salpetererunruhen wurden - der Aktenlage nach - denen zugefügt, die auf Augenhöhe waren: den Nachbarn, oder den Bauern aus anderen Dörfern. Es kam zu Prügeleien, im Ausnahmefalle mit Todesfolge und zu verbalen Ausfällen gegeneinander. Insofern widerspricht die wiederholte Kennzeichnung der Unruhen in Luebkes Text als "Salpetererkrieg", dem tatsächlichen historischen Verlauf; da stimmt dann doch der Buchtitel mit diesem mehr überein.
Die Höhepunkte, das Zusammentreffen mit Soldaten auf dem Etzwihler Feld, das alles andere als eine "Schlacht" war, oder im Herbst 1745 die Versuche, die in Waldshut gefangen gehaltenen Salpeterer zu befreien und die damit verbundenen heftigen Prügeleien zwischen Ruhigen und Unruhigen bei Waldkirch beziehungsweise im Schmitzinger Tal, können mit militärischen Kategorien nicht gefasst werden. Zumindest waren die Unternehmungen der Salpeterer dilettantisch, ohne Planung und Koordination. Luebke leitet sein Buch mit dem Zwischenfall bei Schmitzingen ein. Etwa siebzig Parteigänger der Tröndlinschen befanden sich in der Nacht vom 12. zum 13. November 1745 auf dem Weg nach Waldshut, um dort die Einwohner in der Verteidigung der Stadt gegen den angekündigten Angriff der Salpeterer zu unterstützen. Zufällig trafen sie auf etwa zweihundert Salpeterer, die am Tage zuvor von den Waldshutern erfolgreich abgewehrt, dort noch lagerten. Die ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe, stürzten sich auf ihre Gegner und schlugen so derb auf sie ein, dass zwei von ihnen später an den Folgen der Schläge starben und mehrere erheblich verletzt wurden. Dieser blutige Zwischenfall steht nicht grundlos am Anfang der Forschungsarbeit. Luebke erhellt damit, und im Verlaufe seiner Darstellungen wird das gründlich belegt, dass die Salpetererunruhen zu einem Bauernkrieg im wahrsten Wortsinne geworden waren: es bekämpften sich Bauern bzw. Einungsgenossen gegenseitig.
Dass auch die Obrigkeiten dies erkannt hatten, zeigten die Bestrafungen in der Folge dieser letzten Phasen im Zusammenhang mit der Belagerung von Waldshut. Es wurden keine Todesurteile mehr verhängt, denn es waren die Obrigkeiten beziehungsweise die staatliche Gewalt, vertreten durch den Waldvogt oder das Militär nicht mehr betroffen. Selbstverständlich war den Obrigkeiten daran gelegen, Ruhe in der Grafschaft zu haben. Bauern und bäuerliche Gewerbe sollten sich wieder ausschließlich ihren eigentlichen Aufgaben widmen und die unproduktiven Händel lassen. Darum die erneute Besetzung der Salpetererorte, neue Strafgelder und Verbannungen.
Im fünften Kapitel, dem er die Überschrift gab: "Into the Devil´s Jaws" (In des Teufels Klaue bzw. Rachen S. 147 ff) stellt Luebke die Entwicklung der Rhetorik der Salpetererführer dar und weist anhand dessen nach, wie weit sie zur Verschärfung der Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien beitrugen. Zugleich spiegeln die Rhetorik beziehungsweise die Argumentationsstränge die Entwicklung wider, die die Ideologie von der Freiheit der Grafschaft im Verlaufe der Unruhen erfuhr. Standen am Anfang noch der gute Graf Hans von Habsburg-Laufenburg und die auf ihn zurückgeführten Rechte und Gewohnheiten im Zentrum der Auseinandersetzungen (wobei den Salpeterern die ungeschriebenen Gewohnheiten, "die von alters her" kamen wichtiger waren als das geschriebene Recht - was wiederum bei den Ruhigen im Vordergrund stand) so rückte die direkte Verbindung zwischen Kaiser (Karl VI.) und seinen Hauensteinern mehr und mehr in den Vordergrund. Luebke überschrieb diesen Abschnitt dann auch mit "His Majestis Rebels" (S. 165 - so, wie auch das Gesamtwerk betitelt ist), das zu übersetzen wäre mit "Des Kaisers Rebellen". Luebke berichtet, dass die Salpetererführer jede Instanz, die es zwischen den Einungen und dem Kaiser gab, als Unrecht empfanden und die direkte Verbindung zwischen sich und dem Kaiser wünschten und damit, den ihrer Überzeugung nach ursprünglichen und einzig rechtmäßigen Zustand wieder herstellen wollten. Insofern waren sie "Rebellen" für des Kaisers unmittelbare Rechte an ihrer Grafschaft.
Diese Ideologie ging soweit, das beschreibt Luebke an Beispielen, dass einige Salpeterer kurzzeitig die Auffassung vertraten, dass sie sich nach des Kaisers Ableben einen anderen Schirmherren wählen dürften, da dieser Kaiser keine männlichen Thronerben habe. Und in diesen Zusammenhängen wurde von ihnen auch gern auf das Schweizer Beispiel gewiesen.
Wenn ich hier vereinfache und von einigen Salpetererführern spreche, dann tut das Luebke so nicht. Er belegt entsprechende Äußerungen und nennt Situationen und Namen. So zum Beispiel die dritte Argumentationsschiene der Salpeterer, die sich christlich-religiöser Metaphern bediente und für die zum Beispiel der "Gaudihans" steht. Er erklärte, dass Kampf für die salpeterischen Vorstellungen der "kürzere Weg zur Seligkeit" sei und die Müllerschen im "Rachen des Teufels" enden würden. Wir wissen heute, dass die entschiedene, am katholischen Erzhaus - vor allem von Maria-Theresia in ihren Landen geförderte - Frömmigkeit besonders in den Salpetererfamilien gelebt wurde und bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein erhalten blieb, um dann erneut als widerständige Bewegung aufzuleben.
Das sechste Kapitel gehört den Unruhen und ihrer praktischen Durchführung (The Practice of Rebellion" S. 180 ff). Luebke verweist auf die Schwierigkeiten, in jener Zeit überhaupt einen Widerstand zu organisieren, der über die Grenzen der jeweiligen Dorfgemarkung hinausging. Es waren die Einungsverfassung und die damit zusammenhängenden Versammlungsgewohnheiten die einmal - als ideologische Voraussetzungen - den Gedanken an und die Verantwortung für das Ganze, gemeint sind hier alle Einwohner der Grafschaft - und zum anderen die organisatorischen Voraussetzungen schufen. Luebke meint, dass es nicht ohne Ironie gewesen wäre, dass es "selbstgewählte Beamte" gewesen seien, die die Unruhen argumentativ begründeten und organisatorisch förderten. Als interessante Details breitet Luebke vor uns die vielen Geldsammlungen aus, die den Salpeterern ihre Auftritte, vor allem aber ihre Reisen in die weit entfernte Hauptstadt und zu anderen Orten ermöglichten. Massenversammlungen waren ebenso wie Geldsammlungen ganz zentrale Äußerungsformen der Unruhen. Zwischen 1726 und 1745 zählte Luebke 96 Versammlungen, die von den Unruhigen einberufen wurden. Von Anfang an, mustergültig vorgelebt vom Salpeterhans vollzogen sich Argumentationen, Versammlungen, Sammlungen kurz: alle Aktivitäten in völliger Offenheit. Da gab es keine Geheimbündelei - im Gegenteil: Öffentlichkeit war ein durchgehendes salpeterisches Prinzip. Erst nach der ersten Besetzung von Salpetererorten durch das Militär versuchten Salpeterer es mit geheimeren Zusammenkünften, die aber, so Luebke, dann auch keine den offenen Versammlungen vergleichbaren Erfolge hatten und später zu voller Öffentlichkeit zurückgekehrt wurde.
Neben diesen Versammlungen, die all jenen, die sie besuchten, die Möglichkeit gab, zu hören und zu entscheiden (Abstimmen durch Hand erheben) waren Geldsammlungen die Voraussetzung für die Deputationen von Salpeterern. Zwischen 1727 und 1738 registriert Luebke fünf derartiger Reisen an den Wiener Hof. Am Beispiel des Leontius Brutschi von Dogern, der Aufzeichnungen darüber anfertigte, wissen wir, dass für eine Person wenigstens 200 Gulden Reisekosten zu veranschlagen waren. 1738 machten sich mit 20 beziehungsweise 23 Deputierte gleich zwei und zugleich die an Teilnehmern größten Deputationen an das Kaiserhaus auf den Weg. Allerdings konnten nicht alle Abordnungen über Sammlungen finanziert werden. Die Kosten für die vier Missionen zwischen 1730 und 1737 mussten darum von den Deputierten selbst aufgebracht werden. Am Beispiel der Sammlungen beziehungsweise Erhebungen konnte Luebke nachweisen, an welchen Orten wie viel Bauern die Anliegen der Unruhigen wenigstens zeitweise unterstützten.
Diese Deputationen als Elemente der Unruhen unterstreichen nach Luebke die Überzeugung der Salpetererführer, dass es zwischen ihnen und dem Kaiser keine Instanz geben dürfe und sich beide, der Kaiser auf der einen und die Hauensteiner in ihrer Gesamtheit auf der anderen, gegenseitig Treue schuldig sind. Nur wenige freilich hatten tatsächlich Gelegenheit, den Kaiser zu sehen oder gar mit ihm zu sprechen. Häufig standen mit diesen Reisen Wallfahrten (vor allem nach Einsiedeln) in Verbindung, die einmal der Fürbitte um den Erfolg zum anderen aber auch (wiederholt) dem religiös-katholischen Charakter der Bewegung dienten.
Als recht nützlich erweisen sich die Übersichten im Anhang der Arbeit. Dort kann man sich kurz über die Einungsmeister aus dem achtzehnten Jahrhundert und über Anzahl und Teilnehmer an den verschiedenen Deputationen und Wallfahrten informieren. Beim Literaturverzeichnis fiel mir auf, dass keine der Arbeiten von Emil Müller - Ettikon berücksichtigt wurde. Luebke bezieht sich, wenn es um die Salpeterer selbst geht, vorwiegend auf die in den Archiven befindlichen Dokumente und weniger auf bereits vorliegende Darstellungen. Insofern lässt sich annehmen, dass sich allen an der Heimatgeschichte Interessierten, wenn sie die in den Arbeiten von Haselier, Ebner und Luebke abgedruckten Dokumente und Verweise zur Kenntnis nehmen, ein nahezu vollständiges Bild der unterschiedlichen Dimensionen dieser Ereignisse zeigt. Dies erleichtert den Leserinnen und Lesern, sich zum Beispiel von den Ereignissen und den beteiligten Personen, ihren Motiven und ihren Einstellungen, selbst ein Urteil zu bilden.
Für mich ergänzt also die Arbeit Luebkes dank ihrer ausführlichen Quellensammlung die vorliegenden Forschungsarbeiten über die Salpeterer von Günther Haselier und Jakob Ebner, deren Darstellungen und Interpretationen in einigen Punkten bestätigt werden. Die Interpretationen Luebkes und die Verbindungen, die er vor allem in seinem letzten Teil "Conclusion. Peasant Factions in the Holy Roman Empire", S. 212 ff), herstellt, eröffnen neue Perspektiven, wenn die Salpeterunruhen im Zusammenhang mit anderen, vergleichbaren Anliegen und Begebenheiten gesehen werden.
Es kann diese kurze Einführung nicht das Studium der Arbeit von David Luebke ersetzen und schon gar nicht die kritische Prüfung der, von den Erkenntnissen anderer Historiker abweichenden, Interpretationen der Ereignisse. Hier denke ich zum Beispiel daran, dass er Haseliers Argumentation über die Ursachen, die zum Widerstand gegen den Loskauf aus der Leibeigenschaft eines Teils der Einungsgenossen führte, als irreführend ("misleading" S. 75) betrachtet. Ich dagegen kann, wenn ich bei Haselier über die Seite 88 seiner Schrift hinaus (auf die Luebke sich bezieht) weiterlese, keinen Unterschied der Ursachendeutung zwischen Luebke und Haselier erkennen. Hierüber ließe sich also trefflich streiten.
Kritisch zu Luebkes Arbeit wäre auch anzumerken, dass seine Bemerkung einfach nicht stimmt, dass die kurze Phase der "Salpetererherrschaft" im Mai 1745, als von Lüttichau, Dr. Berger und der Eggbauer, gefördert von Rudolf Graf v. Chotek die Grafschaft gegen Franzosen schützen wollten, die "blutigste Phase der Salpeterer-Kriege" gewesen sei. (Luebke: "This ... inaugurated the bloodiest phase of the "Salpeter Wars". S. 81). Einzig der Eggbauer prügelte während dieser zwei Wochen - vermutlich nicht zuletzt, weil er häufig betrunken war - auf einige seiner vermeintlichen Widersacher ein und musste immer wieder von Dr. Berger gebremst werden. "Krankenhausreif" wie wir heute sagen würden, hat er offenbar aber niemanden geschlagen.
Bei beiden Gruppierungen gab es statt dessen im Herbst 1745 im Zusammenhang mit der Bedrohung Waldshuts durch die Salpeterer mehr Tote und Verletzte als bei anderen Zusammenstößen. Das war tatsächlich die blutigste (und zugleich letzte) Phase der Salpetererunruhen, auf die, wie oben dargestellt, Luebke am Anfang seiner Schrift eingeht.

Zum Schluss meiner Darstellung möchte ich den Historiker Tobias Kies von der Universität Bielefeld zu Worte kommen lassen. Ihm verdanken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Görwihler Heimatmuseums den Hinweis auf die Arbeit von David M. Luebke. Tobias Kies verfasst zurzeit selbst eine Dissertation über die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts. Er schrieb mir am 16. August 2001 zu Luebkes Arbeit:

"Sein Verdienst besteht meines Erachtens darin, dass er die Ereignisse in der Grafschaft Hauenstein zu den historischen Prozessen des 18. Jahrhunderts deutlich in Bezug setzt. So kommen Phänomene wie der "Kommunalismus" ins Blickfeld, die ja vor allem für die Schweiz gut erforscht sind. Luebke demonstriert eindrücklich, dass gerade der Blick weg von den Salpeterern viel zum Verständnis der Vorgänge beiträgt - erst die Analyse struktureller Gemeinsamkeiten der hauensteiner Konflikte mit jenen in anderen Regionen hat mir richtig verdeutlicht, worum es den Hauensteinern eigentlich ging...
Wollte man dessen Arbeit in gängige Muster einordnen, könnte man von einer kulturgeschichtlich inspirierten Sozialgeschichte des Konflikts im Hauenstein sprechen... Luebke (hat) eine moderne historische Arbeit geschrieben ..."

Dr. Joachim Rumpf
Görwihl, d. 01.08.2002

 

 

 

 



David Luebke hat sich über diese Veröffentlichung auf der Salpeterer-Homepage gefreut. Er sendete mir die folgende Botschaft und beantwortete unter anderem zugleich meine Fragen nach seinen Motiven, sich dieser Thematik zu widmen. Ich stelle diese Mail-Nachricht hier ein:

 

 


Von: David M. Luebke [dluebke@darkwing.uoregon.edu]

Gesendet: Montag, 9. Juni 2003 21:03

An: j.rumpf@gmx.de

Betreff: Re: Salpeterer

Dear Joachim Rumpf,

I hope that you will forgive me for writing to you in English, which I do in the interest of time and, frankly, out of embarrassment over my ability to write well in German. Your summary of my book is excellent and I'm delighted that you found it useful! In addition to the book, I have published a number of articles on "Salpeterer," including a recent essay that was translated into German. Here is the citation:

"Erfahrungen von Leibeigenschaft: Konturen eines Diskurses im Südschwarzwald, 1660-1740," in Jan Klußmann (Hrsg.), Leibeigenschaft: Bäuerliche Unfreiheit in der Frühen Neuzeit (Potsdamer Studien zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft) (Cologne: Böhlau, 2002), 175-197.
Perhaps you'll find it useful, too. You asked how I got interested in the Salpeterer. Part of the answer is purely "wissenschaftlich": I had developed an interest in peasant rebellions long before I chose to write on the Salpeterer. Then in 1985 or so I read a scholarly review article by Klaus Gerteis on the historical pattern of peasant rebellions after 1525, which had been published a few years earlier in the Zeitschrift für historische Forschung. Gerteis noted how certain aspects of the "Salpeterer-Unruhen" illustrated certain broader developments, so I decided to investigate the matter further. What I had not anticipated was the depth of factional division in Hauenstein, and that as you know became the focus of my research.

But I also have a deeper, personal interest in Germany. Obviously, my ancestry is German. I also lived in Stuttgart as a fourteen-year-old boy and then again in Bonn before I started university studies. And of course my research took me to Karlsruhe for a year as well. So my connection to Germany is strong.

Regarding your discussion of my book, I have only one correction to offer: the dissertation was written at Yale University. The publisher of my book is Cornell University Press (Cornell is located in Ithaca, New York).

Mit freundlichen Gruessen,
David M. Luebke


 

 

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