Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald

Forschungsarbeiten

 


Einführung in die Arbeit von

Tobias Kies

 

Verweigerte Moderne?
Zur Geschichte der "Salpeterer" im 19. Jahrhundert.

Einführung in das im April 2004 in der UVK-Verlagsgesellschaft Konstanz erschienene Buch von Tobias Kies

 

 

Vorbemerkungen


Meine nachfolgende Einführung in die Arbeit von
Tobias Kies schließt sich an jene über die Dissertation von David. M. Luebke "His majesty's Rebels" (Ithaka NY 1997) an, die ich auf der Homepage www.salpeterer.net/Forschung/ veröffentlichte. Nun hat Tobias Kies die an Details reichen Forschungen Luebkes mit einer ebenso umfangreichen und sorgsamen, in mehreren arbeitsreichen Jahren verfassten Dissertation über die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts ergänzt.

Nicht alle Besucher dieser Seiten werden über so viele Geschichtskenntnisse verfügen, um sich in die Jahrzehnte hineinversetzen zu können, in denen die Salpeterer im Hotzenwald lebten. Darum möchte ich mit einigen Stichworten die geschichtlichen Prozesse und Ereignisse andeuten, die gleichsam die Bühne bildeten, auf der sich die Aktivitäten der Hauensteiner im neunzehnten Jahrhundert abspielten.

 

Zuvor noch einige persönliche und wertende Bemerkungen zur Arbeit von Tobias Kies:

Was von angehenden Historikern, die sich einer Forschungsaufgabe stellen, um damit einen Doktorgrad zu erlangen, heute erwartet wird, erscheint dem Außenstehenden kaum leistbar. Nehmen wir zum Beispiel den Textumfang von 462 Seiten (ohne die Verzeichnisse im Anhang) des großformatigen Buches von Tobias Kies und vergleichen ihn mit den 122 Schulheftseiten einer philosophischen Dissertation aus dem Jahre 1968 an einer süddeutschen Universität, dann werden - allein an dieser quantitativen Dimension - die veränderten Anforderungen an Arbeiten im Bereich der Geisteswissenschaften deutlich.
Nehme ich eher qualitative Kriterien in den Blick und schaue auf den Anmerkungsapparat, dann deutet die Fülle an Verweisen auf Quellen und die vielen ergänzenden Informationen in den Anmerkungen an, mit welchem Fleiß und welcher geradezu naturwissenschaftlichen Exaktheit
Tobias Kies forschte. Es ist aber genau diese Genauigkeit, die sich in den meisten bisher vorliegenden Darstellungen über die Salpeterer vermissen ließ - auch bei den wenigen Forschungsarbeiten - und die darum jenen vielseitigen Deutungen im Dienste von Interessengruppen oder Parteien Vorschub leisteten über die Tobias Kies in seinem siebten Teil ("VII Salpeterer - Metamorphosen eines Mythos") Auskunft gibt. Dieses Kapitel ist zugleich ein Beispiel dafür, dass sich Tobias Kies im Grunde an eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Salpetererunruhen heranwagte, wenn auch die Hauptakzente auf den Ereignissen und ihrer Bedingungen im neunzehnten Jahrhundert liegen.
Mit seinen Forschungen beantwortet er gleichsam die Aufforderung von Dr. Karl-Peter Krauss, dem Leiter des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg, dass ".. angehende Historiker … eine gründliche Durchsicht vorhandener Archivalien (über die Salpeterer J. R.) vornehmen und Darstellungen verfassen (sollten), die eine neue Bewertung dieser Prozesse und Personen erlauben" (Aus: Deportation und Rückkehr des Hauensteiner Aufständischen Jakob Fridolin Albiez. In: Vom deutschen Südwesten in das Banat und nach Siebenbürgen. Stuttgart. Haus der Heimat 2002, S. 206). Ich bin der Auffassung, dass wir dank der neuesten Forschungsarbeiten über die Salpetererbewegungen, und beziehe den Aufsatz von Karl-Peter Krauss über Jakob Albiez den Sohn des Salpeterer-
Hans und die Arbeit von Martin M. Luebke hier mit ein, zur Zeit über sehr zuverlässige und wertfreie Informationen verfügen. In absehbarer Zeit wird die Periode bis zur Auflösung der Einungsverfassung eine wertvolle Ergänzung durch eine rechtshistorische Dissertation erhalten, die zurzeit von Martin Kistler aus Dogern an der Universität Basel geschrieben wird.

Bemerkenswert ist die Anschaulichkeit, mit der Kies über weite Strecken auch einem weniger theoretisch interessierten Leser ermöglicht, mit Interesse dieses Buch zu lesen. Kies bevorzugt es zum Beispiel mit Hilfe einer Vielzahl von Ereignissen, wie sie in Quellen auffindbar sind, Erscheinungen dieser katholisch-konservativen Widerstandsbewegung und ihre Ursachen darzulegen. Diese Darstellungsform ermöglicht ein hohes Maß an Anschaulichkeit und Lebendigkeit und versöhnt den Leser mit den unverzichtbaren Fachtermini, die nun einmal in einer wissenschaftlichen Arbeit unverzichtbar sind.

 

 

 

Ein Blick in das achtzehnte Jahrundert

Wie angekündigt, soll an einige historische Daten aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts erinnert werden, die zunächst das Denken, bald aber die politischen Ereignisse bestimmten. Ich nehme hierfür ein Schulbuch zur Hand (Geschichtliche Weltkunde. Bd. 2, Frankfurt a. M. 2/1975 Hrsg.: Wolfgang Hug).

Das 7. Kapitel in diesem Schulbuch ist überschrieben mit "Die Aufklärung: Aufbruch des modernen Denkens". Es finden sich darin Abschnittüberschriften wie "Erkenntnis anstelle des Glaubens", "Der Siegszug der Naturwissenschaften", "Rationalismus (ratio: der Verstand)= als die Kraft mit der man die Rätsel der Welt durchdringen, Bekanntes erklären und Unbekanntes entdecken kann", "das Denken befreit sich vom Glauben" und, als Folgen für Staat und Gesellschaftsverfassung: "Die Herrscher sollen so regieren, dass sie das Glück und die Wohlfahrt förderten, die Würde des Menschen achteten und die Freiheit des Denkens gestatteten". Die Französische Revolution folgte und mit ihrem Erfolg begannen die großen gesellschaftlichen Veränderungen zunächst in Frankreich. Die Überschrift des 10. Kapitels in diesem Schulbuch heißt: "Napoleon und Europa 1799 - 1815" (S. 134 ff).
Mit den Siegen der Revolutionsheere in Frankreich begonnen, vollendete Napoleon mit seiner militärischen Überlegenheit die Umgestaltung Mitteleuropas und besiegelte 1806 das Ende des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation". Dessen Kaiser, Franz II. in Wien, nannte sich nun Franz I. von Österreich. Der vorderösterreichische Breisgau und mit ihm die Grafschaft Hauenstein waren von Napoleon bereits 1804 dem "französischen Satelliten" (Hug, Wolfgang in: Geschichte Badens. Stuttgart 1992, S. 196) Baden übergeben worden. Baden, seit 1806 ein Großherzogtum, hatte durch seinen Gebietszuwachs zugleich eine um das fünffache gestiegene Bevölkerungszahl zu verkraften. Was sich aber viel gravierender bemerkbar machte, waren die neuen Landesteile mit einer anderen kulturellen Tradition und anderen Verfassungen. Zunächst ließ sich der Übergang des Breisgaus an Baden für den Großherzog recht erfreulich an.
Wolfgang Hug erzählt: "Der Bericht des badischen Landeskommissärs in Freiburg, Freiherr von Drais, von den Ansprachen und Gesängen (anlässlich der Huldigung des neuen Großherzogs durch Ritterschaft, Städte und Landorte in Freiburg im Sommer 1806) klang so überschwänglich, dass seine Durchlaucht bis zu Freudentränen gerührt wiederholt äußerte: O meine lieben Breisgauer" (Hug 1992, S. 199).
Diese Freude war insofern verfrüht, als sich bald herausstellte, dass nicht alle Breisgauer mit der neuen Herrschaft einverstanden waren. Und hierzu gehörten in besonderem Maße Einwohner der ehemaligen Grafschaft Hauenstein. Denn in dem neuen badischen Staat, von dem nun zwei Drittel der Menschen katholisch waren, war den Hauensteinern die "religiös-geistige Bezugsmitte verloren" gegangen (Hug, S. 207). Dieser Verlust musste umso schwerer wiegen, als die bereits unter Maria Theresia und ihrem Sohn Josephs II. begonnen Kirchenreformen insofern zu greifen begannen, als die entsprechend ausgebildeten reformfreudigen Priester nach und nach Pfarreien im Hauensteinischen übernahmen.

Mit diesem Hinweis möchte ich meine Einführung beenden und die Aufmerksamkeit wieder der Dissertation von Tobias Kies zuwenden. In meiner Einführung folge ich nicht dem von ihm gewählten Aufbau, sondern beschreite eigene Wege.


Auftakt und theoretische Zugänge

Am 24. Juli 1804, es war der Abend vor dem St. Jakobstag, wollten Frauen und Männer aus Birndorf und den anderen Dörfern und Weilern des Kirchspiels in der Kirche den Rosenkranz beten. Der Pfarrer Johann Baptist Vogelweid verwehrte den Gläubigen Kirche und Geläut. Daraufhin zog die Schar in das nahe gelegene Beinhaus, um dort den Rosenkranz zu beten.
Anlass zu diesem ersten aktenkundig gewordenen Zwischenfall gab eine 1803 landesherrlich genehmigte bischöfliche Verordnung, nach der einige kirchliche Feiertage abgeschafft wurden. Gegen diese Neuerungen, die sie als massiven Eingriff in ihre überlieferten Gewohnheiten der Religionsausübung, als eine von Außen kommende Bedrohung ihrer Lebenswelt betrachteten, wendete sich der Protest einiger Gläubiger.
Dieser Eingriff in die Lebenswelten aber war und ist als von den Obrigkeiten gesteuerter Prozess, nicht auf die Veränderungen in der Zeit des Übergangs Vorderösterreichs an Baden zu beschränken, sondern ein, die moderne Zeit kennzeichnendes Phänomen.
Hochbedeutsam und, wie ich meine, sehr verdienstvoll ist es daher, dass
Tobias Kies in seiner Einleitung einen neuen, in den bisher vorliegenden Arbeiten über die Salpetererunruhen so nirgendwo versuchten theoretischen Bezug anbietet, wenn er die Widerstände der Einungsgenossen in einen größeren Zusammenhang stellt und auf jene Prozesse verweist, die sich - grob zusammengefasst - als der Wandel der Beziehungen zwischen dem Dorf und dem Staat bezeichnen ließe. Unter den Überschriften "Die Lebenswelt der Subjekte und die Moderne - theoretische Angebote" (Kies, S. 14) "Landgemeinden und Obrigkeit" (Kies, S. 20), eröffnet sich dem Leser eine Perspektive, die zwar aus dem Geschichtsunterricht vertraut ist, in diesen Zusammenhängen aber ein neues, besseres Verständnis der Salpetererunruhen ermöglicht.
Man muss sich aber bei alledem bewusst sein, dass dieses Verständnis aus historischer Distanz erwuchs und die heute so erkennbaren oder deutbaren Zusammenhänge von den Protagonisten zu ihren Lebzeiten nicht in vergleichbarer Klarheit gesehen werden konnten.

Unter Berufung auf die Arbeiten von Max Weber und in dieser Hinsicht in dessen Nachfolge stehend, die von Jürgen Habermas und anderen, sind die Entwicklungen von der traditionalen ländlichen Gesellschaft hin zur modernen Industriegesellschaft und ihrer staatlichen Verfassungen nicht als eine Folge von "unten" also den Welten, in denen die meisten Menschen zum Beispiel in Deutschland lebten, initiierter Anregungen gewesen, sondern von "oben", also von den an den Veränderungen interessierten und an ihnen partizipierenden Kräften ausgegangen. Die ideologische Basis, die eine derartige "Modernisierung" (ausführlich dazu bei Kies, S. 16 f) erst ermöglichte, schuf die Protestantische Ethik mit dem Ideal der "innerweltlichen Askese des Berufsmenschen", wie sie von Max Weber beschrieben wurde. Auf einen einfachen Nenner gebracht und in unsere Zeit übertragen, lässt sich diese Ethik in dem Gebot zusammenfassen: wer ein guter Christ sein will, muss Leistung zeigen. Durch Arbeit erworbener Wohlstand ist ein Zeichen göttlicher Gnade. Noch heute finden wir diese Auffassung von Gottesdienst durch Arbeit und Gebet in pietistischen Gemeinden zum Beispiel in den USA. Die neue Einstellung zu Arbeit und daraus fließenden Gewinnen vollzog sich während der Aufklärung in einem langen Prozess hin zu einer "einseitigen Orientierung des Handelns an Rationalitätskriterien", wie sie die moderne Zeit kennzeichnet. In der Praxis vollzog sich dies in einer über Generationen währenden Kette von "inneren Kolonialisierungen". Darunter wird der Zwang verstanden, mit dem sich Menschen bzw. soziale Gruppen arrangieren, wenn sie die von außen an ihre Lebenswelten herangetragenen Orientierungen übernehmen müssen. Wenn sich auch Jürgen Habermas Modell von der Kolonialisierung der Lebenswelt auf unsere Zeit bezieht, so hält es Tobias Kies für "anregend, den Ansatz auf die Erforschung vergangener Transformationsprozesse zu übertragen" (Kies, S. 17). Besonders die von ihm untersuchte Periode, in der eine fremde Macht (das Großherzogtum Baden) die Grafschaft Hauenstein von Habsburg-Österreich übernahm und anschließend "modernisierte", scheint ihm besonders geeignet, den Topos von der Kolonialisierung zu übernehmen.
Folgt man gedanklich diesem Erklärungsmodell, ließ es sich auch auf andere mehr oder weniger konfliktreich verlaufende Veränderungsprozesse übertragen. Wir selbst sind Betroffene beziehungsweise Zeugen derartiger "innerer Kolonisierungen". Besonders überzeugend stellten derartige Prozesse die beiden Psychoanalytiker
Hans Joachim Maaz und Michael Lukas Moeller dar, die in ihren Schriften die Befindlichkeiten ehemaliger DDR-Bürger nach dem Mauerfall beschrieben (vgl. z. B.: M. L. Moeller und H.-J. Maaz: Die Einheit beginnt zu zweit. Berlin 1992, bes. S. 50 und H.-J- Maaz: Das gestürzte Volk. München 1993; bes. S. 89 ff)
Beim Aufbau einer rationaleren staatlichen Verwaltung mit zentralistischen Strukturen büßten auch die Einungen als Selbstverwaltungskörperschaft ihre Funktionen ein und wurden 1809 endgültig zerschlagen. Der letzte Redmann der Grafschaft Hauenstein, Johann Jehle, beklagte, dass statt der "acht brafen Einungsmeistern … 48 … herrschaftliche Vögte und nebst denselben 110 Gerichtsmänner bestimbt, folglich sein stat acht Einungen 48 Vogteyen errichtet worden" (bei Kies, S. 330). In der badischen Gemeindeordnung trat zum ersten Mal in einem deutschen Land, neben die traditionellen Mächte von Staat und Kirche das Volk selbst und zwar in der Gestalt von Bürgervertretungen in den Gemeinde und den Bürgermeistern, (an Stelle der Vögte). Für die Hauensteiner aber war das kein Ersatz für die Einungen, innerhalb derer sie schon seit Jahrhunderten Mitwirkungsrechte besessen hatten. Gesetze, die in den meisten Landesteilen tatsächlich insofern als Fortschritte erlebt wurden, als dort alte autoritäre Machtstrukturen in Richtung zu mehr Volksbeteiligung verändert wurden, konnten die Hauensteiner nicht begeistern. In den Jahren 1831/32 verweigerten viele die Teilnahme an den ersten Gemeindewahlen und drohten so, das ganze Reformwerk ad absurdum zu führen. Im Zentrum der Untersuchung von
Tobias Kies steht - wie es dieses Beispiel zeigt - vor allem die symbolische Dimension des gewaltfreien und nichtkollektiven Protests der Salpeterer." (Kies, S. 14). Bei allen salpeterischen Aktionen geht es um einen reaktiven sozialen Widerstand dessen Hauptanliegen in der Verteidigung bestimmter etablierter Rechte und Lebensweisen durch die Hauensteiner "gegenüber der Bedrohung durch äußere Eindringlinge" besteht. Und eben dies belegt Tobias Kies mit seiner Arbeit.


Die Bedrohungen überlieferter Religiosität als Motive des Widerstandes

Die Bedrohungen durch "die Moderne" (mit diesem Begriff lassen sich jene Veränderungsprogramme und -prozesse in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft überschreiben, die von einem alten, gleichsam "unmodernen" Zustand hinwegstreben J. R.) im letzten Drittel des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erfassten alle Bereiche des Alltagslebens. Ganz besonders deutlich wurden sie jedem Einzelnen - hier bezogen auf die Grafschaft Hauenstein, deren Bewohner von Alters her eine betont römisch-katholische Frömmigkeit praktizierten - als sich im Gefolge der europäischen Aufklärung, Kaiser Joseph II. unterstützt vom Konstanzer Bischofsverweser Ignaz von Wessenberg der Reformation des Kirchenwesens widmete. Bereits während der Unruhen im achtzehnten Jahrhundert offenbarten sich immer wieder die außerordentlich große Verbundenheit der Hauensteiner mit ihrer Kirche und ihre tiefe Religiosität. Diesen Glaubensvorstellungen und den damit verbundenen religiösen Ritualen widmet sich Tobias Kies besonders im vierten Teil seiner Arbeit, in der er "die Lebenswelt der Salpeterer" (Kies, S. 115 ff) beschreibt. Die Unterscheidung von Politik, Verfassung und katholischer Religion, wie wir das heute tun, kannten die Salpeterer nicht. Darum ist für das Verständnis ihrer Lebenswelt, die die Salpeterer bedroht sahen, wichtig, diese Zusammenhänge aufzudecken. Tobias Kies geht hierbei davon aus, dass ein wesentliches Element des salpeterischen Weltbildes die religiöse Deutung des "Privilegienmythos" war (vgl. zu Diesem und Folgendem: Kies, S. 159). Das Verhältnis zwischen dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und der Grafschaft Hauenstein wurde als ein Vertrag auf Gegenseitigkeit und Ausschließlichkeit verstanden: für den Erhalt ihrer Rechte hätten sich die Hauensteiner verpflichtet, diese Rechte zu bewahren. Der "Verrat" der ruhigen Einungsmeister im achtzehnten Jahrhundert, der als "Sündenfall" interpretiert wurde, galt ihnen als Ursache dafür, dass diese unmittelbare Verbindung zwischen Kaiserhaus und den Einungen gegen den Willen des Kaisers gelöst wurde. Schon 1730 wurde geglaubt, dass man diese Rechte nur wiedererlangen könne, wenn man persönlich leide und durch Leiden ein christliches Erlösungswerk vollbringe. Gerade dieser von den Salpeterern immer wieder vorgetragene Glaubenssatz von dem Martyrium, das sie in der Nachfolge Christi erleiden müssten, unterstreicht den fundamentalistischen Charakter dieser Bewegung (Kies, S. 171). Der zeitweilige Verlust der Freiheit oder der Verlust ihres Vermögens als Folgen ihrer widerständigen Handlungen bestärkten sie in ihrer Überzeugung, ein christliches Martyrium zu erleiden (Kies, S. 173). Sie vertraten und verbreiteten die Überzeugung, dass ihre Gegner mit dem Gericht Gottes bestraft werden würden. Dies, so führt Kies aus, war aber nicht als Drohung gemeint, sondern sollte die Rechtfertigungsbemühungen stützen und den eigenen Mut stärken. Diese Argumentation, dass ihre Gegner vor Gottes Richterstuhl geladen, und sie des Paradieses nicht teilhaftig werden würden und sogar, dass "der österreichische Kaiser und Seine Päpstliche Heiligkeit Gregor XVI kommen und alle übrigen, die es nicht mit uns halten, zu Grunde richten (wird)" (aus einem Brief des Bürgermeisters Meyer aus Rotzel v. 19.4.1833; Kies, S. 179) behielten sie bei. Die Berufung auf den österreichischen Kaiser und den Papst wurzelte nicht zuletzt in der von Anfang an und immer wiederholten Forderung der Salpeterer nach einer von diesen einzusetzenden Untersuchungskommission, die ihre Anliegen prüfen solle mit dem Ziel, alle Modernisierungen so zu verändern, dass sie mit den Vorstellungen ihrer Lebenswelt wieder übereinstimmen (Kies, S. 181). Sie fühlten sich übergangen, denn wieder einmal war, wie es schon zur Argumentation der Salpeterer im achtzehnten Jahrhundert gehörte, das Volk nicht gefragt worden, ob es die Veränderungen wollte, als durch Napoleon der vorderösterreichische Breisgau und mit ihm die Grafschaft Hauenstein an Baden fiel. Sehr anschaulich belegt Tobias Kies eine dieser Veränderungen am Beispiel der - nach der Überzeugung eines Teils des Kirchenvolks und einiger Geistlicher - vom Teufel besessenen Agatha Tröndlin aus Murg. Die im Zusammenhang mit diesem Fall entstandene öffentliche Debatte um die alte (und inzwischen verbotene) Praxis der "Teufelsaustreibung", die selbst hohe Regierungsstellen beschäftigte, offenbart die Kluft, die zwischen dem an den traditionellen Glaubensvorstellungen und Riten festhaltenden Hauensteinern und einigen ihrer Priester und den Bemühungen des "bedeutendsten katholischen Kirchenreformers" Heinrich Freiherr von Wessenberg um ein rationaleres Verständnis von Kirche und Religionsausübung (Kies, S. 79 ff) bestand.
Ein Ventil öffnete sich allen mit den Veränderungen unzufriedenen Hauensteinern in der Praxis der Wallfahrten, in denen sich religiöse und politische Vorstellungen verbanden. Es waren aber gerade die Ziele und Zwecke dieser Wallfahrten, an denen ein sehr bedeutsamer Unterschied erkennbar wird: den Salpeterern im achtzehnten Jahrhundert war ein Hauptanliegen der Kampf gegen die als Unrecht empfundene Leibeigenschaft, denen im neunzehnten Jahrhundert ging es um die Bewahrung ihrer religiösen Überzeugungen und den überlieferten Glaubenspraktiken (Kies, S. 166), die vor allem und mit besonderer verbaler Härte von den Geistlichen aus Wessenbergs Reformkatholizismus (hierzu bes. Kies, S. 88 ff) im Wald bekämpft wurden. Unter der Überschrift "Der Birndorfer Aufruhr" illustriert
Tobias Kies am Beispiel des eingangs bereits erwähnten Rosenkranzgebets den Konflikt. Schon seit längerer Zeit hatte sich der Unmut der Gläubigen gegen Wessenbergs Reformen gerichtet, zu denen u. a. die Abschaffung einiger religiöser Feiertage und die Einführung der Predigt in deutscher Sprache gehörten. 1804 traten zum ersten Mal Hauensteiner Kirchenbesucher offen gegen den unerwünschten Pfarrer aus Wessenbergs Schule auf. Entgegen den Anordnungen der Kirchenoberen ließen sich die Birndorfer ihr Rosenkranzgebet und das dazu gehörende Einläuten des folgenden Feier- und Sonntages nicht verbieten, sondern läuteten die weiterhin die Glocken und beteten den Rosenkranz.
Gegen die Reformen innerhalb der katholischen Kirche und gegen alle Bestrebungen, die katholische Kirche in die Obhut des Staates zu bekommen, agierten mit großem Aufwand die Geistlichen der nach Rom hin orientierten katholischen Kirche. Unterstützt wurden sie hierbei von den Mönchen in Schweizer Klöstern, allen voran von denen im Kloster Einsiedeln, der traditionellen Wallfahrtsstätte der Salpeterer. Während der Höhepunkte der Unruhen, zu Beginn der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, wallfahrten die Salpeterer und ihre Sympathisanten in großer Zahl in die Schweiz (Kies, S. 164). In entsprechenden Schriften und persönlichen Begegnungen wurde den Salpeterern sogar nahe gelegt, Huldigungen bzw. den Verfassungseid gegenüber dem badischen Staat und seiner Vertretungen zu verweigern, wenn sie katholisch bleiben wollten (Kies, S. 354). Gefördert und bestärkt durch den Papst und die römische Kurie, vermittelten Predigten, persönliche Ansprachen und Schriften die Botschaft von der Gefahr, dass die katholische Kirche in Baden evangelisch werden würde (Kies, S. 167-168). So, wie sie ihre hauensteinischen Privilegien im achtzehnten Jahrhundert von ihren Gegnern an St. Blasien verkauft wähnten, so fühlten sich im neunzehnten Jahrhundert die Salpeter von den wessenbergischen Priestern an das evangelische Herrscherhaus verkauft und verraten. Ein päpstliches Rundschreiben "gegen die Verschwörung der Gottlosen" verschärfte im Jahre 1833 die Haltung der Salpeterer und mündete in eine Abkehr von den Priestern in den eigenen Gemeinden. Bei einem Landesherrlichen Pfarrer, können wir die Beichte nicht ablegen. Es muss ein wahrer römischer Priester sein (Kies, S. 168). Johann Schmid aus Hochsal erklärte gegenüber dem Oberamtmann in Waldshut im April 1834: "Man ist halt im Zweifel, wir wollen die Lehre nicht wo man uns aufdringen will… unsere Geistlichen haben ihr Oberhaupt in Karlsruhe und wir haben solches in Rom" ((Kies, S. 166). Und Fridolin
Baumgartner, ein sprach- und schreibgewandter Wortführer der Salpeterer aus Görwihl, begründet den Widerstand gegen Schul- und Kirchenbesuch: "weil wir andere Bücher in der Schule haben als vorher und weil man in der Kirche nicht mehr die nemlichen Zeremonien hat wie sonst" (Kies, S. 167)

 


Über die Unruhen des achtzehnten Jahrhunderts

Im zweiten Kapitel des zweiten Teils, der der Geschichte und Verfassung der Grafschaft Hauenstein gewidmet ist, referiert Kies auch die Unruhen des achtzehnten Jahrhunderts etwas ausführlicher unter der Überschrift: "Traditionen bäuerlichen Widerstands und die Spaltung der Hauensteiner".

Hierzu einige Anmerkungen:

Zwar wird ausdrücklich auf die zitierte Sekundärliteratur verwiesen, die jeder, der sich hier genauer informieren möchte, nachschlagen könne. Doch bestätigt gerade diese Literatur nicht, dass es zu kriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Obrigkeiten (zum Beispiel den militärischen Begleitkommandos der Kommissionen) einerseits und den salpeterisch gesonnenen Hauensteinern andererseits gekommen ist. Ich denke hier besonders an die Arbeit von Günther Haselier und an die Quellen, auf die er zurückgreift (Haselier, S. 71 und Anm. 179 und 180 auf S. 170). Die Bezeichnung der entsprechenden Zwischenfälle durch Tobias Kies als "Gefechte" ruft diesen Eindruck, der schon so bei Luebke zu finden ist, aber hervor. Einen bewaffneten Aufstand der Salpeterer oder gar einen mit Waffen geführten Kampf gegen die Obrigkeiten hat es im achtzehnten Jahrhundert so wenig gegeben wie in den Unruhen des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings gab es im achtzehnten Jahrhundert noch die militärische Organisation des Landfahnens und dadurch, wie wir es heute noch aus der Schweiz her kennen, Waffen in den Händen der Einungsgenossen. Und wenn an diese Einungsgenossen der Aufruf ihrer Einungsmeister erging, sich zu versammeln, wie zum Beispiel im März 1739 auf dem Etzwihler Feld, dann nahmen die wenigen, die welche hatten, ihre Gewehre mit. Eine Absicht, sie auch zu benutzen, war damit keineswegs verbunden.

Andere Ungenauigkeiten finden sich zum Beispiel in der Darstellung und Interpretation der Ereignisse im Jahre 1745. Ohne selbst nachzuprüfen, beruft sich Kies hier auf Ausführungen von Günther Haselier, in dessen Arbeit sich die Schilderungen und Bewertungen von Kies zwar etwas abgeschwächt wiederfinden. Aber schon Haselier ist einmal den Nachweis für die Berechtigung von harten Formulierungen schuldig geblieben und hatte hier und da Attribute aus Protokollen übernommen, die einen Leser zu Fehldeutungen in Bezug auf die Motivationen beteiligter Vertreter der "Salpetererpartei" verleiten können.
Bei Kies ist zum Beispiel von "einigen Monaten" die Rede, während derer sich die Salpeterer "in einem pro-österreichischen Aufstand gegen die französiche Besatzungsmacht (erhoben) der sich aber bald zu einer blutigen Abrechnung mit den zur Kooperation mit den Besatzern gezwungenen gemäßigten Einungsmeistern ausweitete..." (S. 148). Auch Haselier verwendet Begriffe wie "blutige" oder "gröbste Ausschreitungen" und spricht von der"Schreckensherrschaft" des Eggbauern. Die realivierdenden Faktoren, wie die Umstände, dass die Salpetererführer zugleich als gewählte Einungsmeister (Wahltermine 1744 und 1745) zur Führung legitimiert waren und nur einer von ihnen, eben der dem Trunk ergebene Eggbauer, und auch dieser nur rund vier Wochen dieses Amt inne hatte und seine Vorstellungen ausleben konnte, werden zwar von Haselier korrekt wiedergegeben, fehlen aber bei Kies. Und was die "blutigen" Übergriffe betrifft, so hat der heutige Leser Bilder aus dem Bauernkrieg und anderer Bürgerkriege bis zum Irakkrieg vor Augen. Doch von solchen Assoziationen müssen wir uns hüten! Aktenkundig wurde aus den Tagen der Salpetererherrschaft und den Monaten bis zum "Sturm auf Waldshut" im November 1745 lediglich eine Verletzung am Arm, die ein ruhiger Dreiundzwangigjähriger bei einer Schlägerei in Waldshut durch einen Salpetereranhänger davontrug (Haselier, Anmerkung Nr. 632).
Dagegen aber waren die Herbsttage die gewalttätigsten. Und zwar gewalttätig von beiden Seiten:
Im September 1745 versuchten die Salpeterer aus Waldshut die beiden Wortführer der Ruhigen, die Tröndlins, zu holen, um von ihnen Rechenschaft über ihre Verwaltungsarbeit zu verlangen und zugleich die Herausgabe der in Waldshut von diesen in Verwahrung genommenen Insignien der Grafschaft (Einungslade, Petschaft, Zeichen des Landwaibels) zu fordern und später dann außerdem ihre in Waldshut einsitzenden Freunde zu befreien. Bei den Versuchen, Waldshut zu stürmen, kamen einige Salpetereranhänger ums Leben oder wurden verwundet. Auch einer der Ruhigen,
Hans Michel Ebner, starb im November 1975 an den Folgen von Misshandlungen durch die Salpeterer, so wie schon 1739 ein Salpeterer vor dem Wirtshaus in Birndorf erschlagen wurde.
Nimmt man nun aber die Schrift von Emil Müller-Ettikon zur Hand (Die Salpeterer. hier z. B. S. 314 - 323), der die gleichen Ereignisse mit Hilfe von Verhörprotokollen und Briefen der Salpeterer aufarbeitete (u. a.: GLA 113:256 oder 113:2557), entsteht der Eindruck, als wurzelten die Aktionen gegen die Salpeterer in böswilligen Verläumdungen, Fehlinterpretationen ihrer Verhaltensweisen und Agitationen, die allesamt von den St. Blasianischen Mönchen und zum Teil auch von den Widersachern der Salpeterer in die Welt gesetzt wurden. Leider verzichtet Müller-Ettikon bei mehreren wichtigen Details auf die Angabe von Quellen. Es ist also für einen Leser nicht leicht, sich an Hand der unterschiedlichen Arbeiten ein objektives Urteil erlauben zu können. Da muss noch einige Forschungsarbeit geleistet werden, um die Faktenlage aufzuklären.

 

 

Nun deutet dieser Zwischenruf lediglich auf den, im Zusammenhang mit den Anliegen der Dissertation von Tobias Kies zu sehenden, untergeordneten Rückblick, mit dem er die lange Tradition der Konflikte zwischen den Mönchen des Klosters St. Blasien und den Hauensteinischen Einungen illustriert.

Der Antwort auf die Frage, wie weit sich die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts selbst in der Tradition mit jenen der achtzehnten Jahrhunderts befanden, geht Tobias Kies immer wieder nach, wie es am Beispiel der Religiosität bereits deutlich geworden ist. Er kommt zu folgenden Erkenntnissen:
Eine direkte personale, zum Beispiel durch Verwandtschaftsbeziehungen bestehende bewusste Nachfolgerschaft ließ sich nicht feststellen. Lediglich ein Joseph Zimmermann aus Gaiß berief sich darauf, dass einer seiner Vorfahren zu den ins Banat ausgewiesenen Salpeterern gehört habe. Ob er sich selbst dazugehörig fühlte, ist nicht erwähnt. (Kies, S. 385).
In der Hauensteinischen Bevölkerung sowie bei der Geistlichkeit waren die Ereignisse der Salpetererunruhen aus dem achtzehnten Jahrhundert noch sehr lebendig. Vor allem die Tatsache, dass es damals Todesurteile und andere harte Strafen, wie die der Verbannung gegeben hatte, war nicht vergessen. Besonders im Zusammenhang mit der Sorge, dass die Französische Julirevolution von 1830 revolutionäre Kräfte in Baden ermutigen und die Hauensteiner losmarschieren könnten, wurde immer wieder beispielhaft auf die Tradition gewaltsamer Aufstände in dieser Region gewiesen.


Höhepunkte und Beteiligte

Die Widerstände im Hauensteinischen setzten sich nach den Zwischenfällen um das Rosenkranzbeten in Birndorf fort. Drei Faktoren lassen uns, die wir heute Lebenden an sehr viele dramatischere Begebenheiten in großer zeitlicher Dichte und mit vielen Beteiligten gewöhnt sind, aufmerken: Die Salpeterunruhen im neunzehnten Jahrhundert hatten zwischen der ersten Erwähnung 1804 und ihren Abflauen ab 1835 nur wenige Höhepunkte: Da gab es die Abgaben- und die Wehrdienstverweigerungen 1806 und 1813, der Schul- und Kirchenstreik sowie die Huldigungsverweigerungen, die um 1830 begannen. Es waren weiter jeweils relativ wenig Hauensteiner daran beteiligt und die Praxis der Verweigerungen hatte einen ausschließlich passiven, demonstrativen Charakter.

Gegen Steuererhebungen und damit gegen die staatliche Ordnung richteten sich die Widerstände, als 1809 sich Einwohner aus den Dörfern des Estelbergs um Birndorf und Buch weigerten, Steuererklärungen abzugeben. Außerdem war auf Druck der Franzosen in Baden die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden und als, vor allem wegen der hohen Verluste der Französischen Armeen in Russland - und Baden kämpfte auf Seiten Frankreichs - noch mehr Männer rekrutiert werden sollten, weigerten sich unter anderem auch im Hauensteinischen die jungen Leute und ihre Familien, in den Krieg zu ziehen. Tobias Kies berichtet, wieder an Beispielen gut belegt und illustriert sowie spannend erzählt, von den Ereignissen um die Rekrutierungsverweigerungen in Waldshut vom Februar 1813 Kies, S. 66 ff). Und wieder waren es überwiegend Bewohner aus jenen Dörfern, die bereits 1809 die Abgabe von Steuererklärungen verweigert hatten.
Im Verlaufe der sich über ein Jahr hinziehenden Desertionen einerseits und Drohungen Bestrafungen und - wieder einmal kurzzeitigen militärischer Einquartierungen bei den Salpeterern andererseits - eskalierte der bestehende Grundkonflikt erneut, als der badische Staat indirekte Steuern einführte. Wieder war es ein Bewohner aus dem Birndorfer Raum, aus der Gemeinde Kuchelbach, Egyd (auch: Aegidius) Riedmatter, der sich im August 1814 weigerte, für den selbst gebrannten Schnaps Abgaben zu zahlen.
Die von diesen Widersetzlichkeiten ausgelösten Tumulte in Birndorf zogen sich bis zum Februar 1815 hin und mündeten erneut in eine kurze militärische Exkursion von Waldshut aus nach Birndorf.
Diese Zwischenfälle waren insofern folgenreich, als in ihrem Zusammenhang die Salpeterer als widerständige Personengruppe von den Behörden erst konstituiert wurde.
Tobias Kies hält fest, dass die Aufsässigen in den Akten immer wieder als "Salpeterer tituliert" wurden (S. 77). Die Anhänger des Egyd Riedmatter wurden in den Dörfern auch Aegidler und nicht Salpeterer genannt. Offenbar war bei den Verfassern von Untersuchungs- und Lageberichten die Erinnerung an die Salpetererunruhen des achtzehnten Jahrhunderts wenigstens insoweit präsent, dass sie alle Widersetzlichkeiten im Hauensteinischen für typisch salpeterisch hielten und darum begrifflich gleich setzten. Mehrere Jahre später erklärte Riedmatter selbst, dass ihm der Geist des Salpeterer-Hans erschienen sei und ihn zu seinem Nachfolger bestimmt habe (Kies, S. 78 und Anm. 105).
Im Zusammenhang mit der Untersuchung der "Lebenswelt der Salpeterer" im vierten Teil der Arbeit (Kies, S. 115 ff) gibt
Tobias Kies zunächst Auskunft über die beteiligten Personen wie z. B. ihre Namen, ihr Alter oder ihren Beruf. Er sammelte hierfür die Daten aller in den Archivalien als "Salpeterer" benannten Personen. Diese, seit Beginn des vorigen Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft eingeführte und unter anderem vom Freiburger Historiker Gerd Tellenbach für die personengeschichtliche Erforschung des Mittelalters ausgebaute "Prosopographie", ist ein sehr arbeitsaufwändiges Verfahren. Tobias Kies schildert denn auch die Probleme, die es für ihn zu überwinden gab. Das Ergebnis der Bemühungen freilich kann sich sehen lassen. Bisher lagen noch keine so detaillierten Informationen über die 280 Männer und 58 Frauen vor, die zu den Salpeterern im neunzehnten Jahrhundert gezählt werden können. Es agierten aber nicht alle gleichzeitig und schon gar nicht am gleichen Ort. In der größten Gemeinde, in Görwihl, gab es 1834 unter den 1.243 Einwohnern insgesamt nur 18 Salpeterer. Diese Zahl verdeutlicht zugleich, dass der Anteil der Salpeterer an der Gesamtbevölkerung sehr gering war. Die meisten Salpeterer kamen aus Hänner (51), Rotzel (45), Hochsal (26), Birndorf (25) und Jungholz (22), also aus den südlich gelegenen Dörfern und Weilern ganz im Gegensatz zu den Salpeterern einhundert Jahre zuvor, die in allen Orten des Waldes anzutreffen waren. Zur Zeit ihrer Hauptaktivitäten während der 1830iger Jahre zählte Tobias Kies etwa 200 Familien zu den Salpeterern und nur 30 besonders aktive Vertreter.
Auch in Bezug auf den sozialen Status gab es Unterschiede im Vergleich zu den Salpeterern des achtzehnten Jahrhunderts. Obwohl die erreichbaren Auskünfte recht dürftig waren, geht
Tobias Kies davon aus, dass mehr als drei Viertel der Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts in ständiger Armut lebten und dies auch dem Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung entsprechen dürfte, wenn er vom "repräsentativen Querschnitt" spricht (Kies, S. 124 und 127). Im achtzehnten Jahrhundert dagegen gehörten die Salpeterer und ihre Familien, wie Luebke es nachgewiesen hat, überwiegend nicht zu den Armen in der Grafschaft Hauenstein.
Die Prüfung der Altersverteilung der Salpeterer ergab, dass die um 1790 Geborenen am stärksten vertreten waren. Das sind die, die Anfang 1813 vom badischen Staat zum Kriegsdienst ausgehoben wurden und sich der Rekrutierung widersetzten und, im weiteren Verlauf und zahlenmäßig deutlich geringer, deren Kinder. Unter den nach 1830 geborenen Bewohnern des Waldes rechneten sich nur noch wenige zu den Salpeterern.
Tobias Kies stellt bilanzierend fest: "Salpeterer im 19. Jahrhundert stehen maßgeblich für den Ungehorsam (nur J. R.) einer Generation".
Obwohl sich nur ein Bruchteil der Einwohnerschaft aus den ehemaligen Einungen des Hotzenwaldes und begrenzt auf wenige Ortschaften aktiv an den Aktionen des passiven Widerstandes beteiligten, beschäftigten sie die staatlichen und die Kirchenbehörden sehr intensiv. Verständlich wird diese Diskrepanz zwischen den Widersetzlichkeiten, deren relative Geringfügigkeit allein an der Bestrafungspraxis abgelesen werden kann und der Aufgeregtheit von Geistlichen und Amtspersonen vor Ort dann, wenn man an bestimmte zeitgenössische Rahmenbedingungen denkt. Die Höhepunkte der Unruhen lagen, wie bereits angemerkt, am Anfang der dreißiger Jahre und zeigten sich in den Weigerungen, Kinder in die von unkatholischem Geist bestimmten Schulen zu schicken, dem Großherzog und seinen örtlichen Repräsentanten zu Huldigen ((Kies, S. 198 ff, S. 205)


Die Salpeterer und die Obrigkeiten

Wie bereits erwähnt, brach im Juli 1830 in Frankreich eine Revolution aus, die die liberalen und demokratische oppositionellen Gruppen in Baden belebten. Diese Entwicklungen beunruhigten die badische Regierung, die sogar vorübergehend die Freiburger Universität schloss und die damals bekanntesten Professoren Welcker und Rotteck beurlaubte. Tobias Kies sieht in der Beunruhigung der regierenden konservativen Kräfte die Ursache, warum höheren Orts plötzlich "von geheimen Zusammenkünften" der Salpeterer die Rede ist (Kies, S. 269) und man den Berichten der Pfarrer Glauben schenkt. Da hieß es zum Beispiel, dass sich Anton Sybold "der Teilnahme und Verbreitung der revolutionären Grundsätze der so genannten Salpeterer schuldig gemacht habe" (Kies, S. 270). Der Amtmann Raphael von Weinzierl in Säckingen meldete seinen Vorgesetzten, dass im Hauensteiner der Unabhängigkeitsdrang so stark ausgeprägt sei, dass von ihm eine demokratische Bedrohung ausgehe (daselbst).
An diesen Beispielen wird erhellt, dass eine Fülle an Vorurteilen die Einstellungen der Ortsgeistlichen und Verwaltungsbeamten in Bezug auf die Hauensteiner im Allgemeinen und der Salpeterer im Besonderen bestanden und alle Widerständigkeit vor dem Hintergrund dieser Vorurteile interpretiert wurden.
Tobias Kies hat diese, verglichen mit heutigen Wertmaßstäben geradezu skandalöse Diskriminierung der Hotzenwälder, in mehreren Passagen (vor allem im Teil V: "Die Salpeterer im Blickfeld der Obrigkeiten", S. 247 ff) nachgewiesen. Besonders die Schriften des damals sehr populären Historikers und Gurtweiler Pfarrers Lukas Meyer, der auch die erste Salpeterergeschichte verfasste, können als Beleg für die Bilder herangezogen werden, die er über die "Wälder" (so nannte man die Bewohner auf den südlichen Schwarzwaldhöhen damals) verbreitete. Die überlieferten Formen der Religionsausübung wurden von ihm als "Pöbelglaube", "Dumpfheit" oder "roher Aberglaube stigmatisiert" und weiter zitiert Tobias Kies: "… Bieder und verschlagen, hochherzig und derb, roh und gemütlich, hochfahrend und rachsüchtig, sparsam und wohlhabend, fromm und abergläubisch, gewinnt der Hauensteiner einen besonderen Anstrich des Volksgeistes… zu rauen Arbeiten rüstig, verachtet er alle Kultur durch Schulen und Bücher" (Kies, S. 247). Und wenn Tobias Kies darauf verweist, dass dieses Bild Jahre überdauerte, so möchte ich hinzufügen: das Vorurteil trifft man gelegentlich auch noch heute an (vgl. dazu auch unten, S. 15).
Auch Johann Babtist Hirt, ein Vertreter von Wessenbergs Reformen und Pfarrer in Birndorf charakterisiert die Hauensteiner 1819 ähnlich und vergleicht sie obendrein mit den Schweizern. Hirth spricht sogar von einer "erblichen Ausstattung kräftiger roher Thiernatur", die zu permanentem Widerstand und zur "Entledigung von den Schranken zwingender Gewalt" führe (Kies, S. 249). Diese Beispiele ergänzt
Tobias Kies, wenn er den Nachweis erbringt, dass man die Salpeterer
pathologisierte (z. B. "wahnwitzige Idioten" 1804 Pfarrer Vogelweid 1804 in Birndorf)
barbarisierte (z. B. "leidenschaftliche Thiere" 1835 Pfarrer Eschbach von Hochsal)
kriminalisierte (z. B. "Verbrechen der abscheulichsten Art, um das Verbrechen des Aufruhrs" 1815 Oberamtmann Föhrenbach Waldshut). (alles bei Kies, S. 252 bis 266)
Die Absurdität dieser Diskriminierungen lässt sich am Beispiel der Kriminalisierung gut demonstrieren. Während der Salpetererunruhen des neunzehnten Jahrhunderts gab es keine, mit jenen aus dem achtzehnten Jahrhundert vergleichbaren Bestrafungen. Selbst intensivste Bemühungen der Behörden vor Ort - die katholischen Geistlichen hatten ohnehin keine Sanktionsmöglichkeiten und versuchten darum, die staatlichen Stellen zum Eingreifen zu bewegen - führten zu keinen Gerichtsverhandlungen. Alle Widersetzlichkeiten wurden als Ordnungswidrigkeiten behandelt und mit Bußbescheiden geahndet. Das war zwar für die Betroffenen schlimm genug, vergrößerte deren Armut und ließ die Sozialkassen in den betroffenen Gemeinden anschwellen (die Bußgelder kamen den Armenfonds zu Gute). Nur wer nicht zahlen konnte oder wollte, wurde gepfändet oder hier und da für einen Tag in Gewahrsam genommen. Gefängnisstrafen oder gar eine Deportation, wie von Lukas Meyer angeregt, wurden nicht ausgesprochen. Während der Höhepunkte 1815 und 1833 wurden allerdings einige Wortführen in kurzzeitigen Arrest (vergleichbar vielleicht mit unserer Untersuchungshaft) genommen. Zu einer Verhandlung oder gar Aburteilung aber kam es in keinem Falle. Während wie bei den Salpererunruhen im achtzehnten Jahrhundert anlässlich der Rekrutierungsverweigerungen noch 1813 und 1815 noch für einige Tage Militär in die Salpetererorte geschickt, um über die Quartierkosten Druck auszuüben, begnügte sich der Staat 1832 damit, 24 Gendarmen in die Häuser der Arrestanten einzuweisen, ohne allerdings damit etwas zu erreichen (Kies 279).
Sobald die entsprechenden Gesuche die ministerielle Ebene erreichte und damit Persönlichkeiten mit mehr Übersicht und Weitblick, wurde ein schärferes Vorgehen für unzweckmäßig gehalten. Auch in den Jahren eines von Metternich geförderten und geforderten betonten Konservativismus im Deutschen Bund, ließen sich die maßgeblichen badischen Regierungsmitglieder nicht als ein reaktionäres Instrument absolutistischer Fürstenherrschaft gebrauchen, schreibt
Wolfgang Hug in seiner "Geschichte Badens" und fährt fort: "Rechtsstaatliches Denken galt Ministern und der ganzen Bürokratie selbstverständlich. Mit dem Innenminister Winter und seinem Ministerialdirektor Nebenius … saßen gemäßigt liberal denkende Männer an führender Stelle… " (Hug, S. 241). Obwohl sogar ein Gesetz gegen die Salpeterer auf den Weg gebracht und von den Verfassungsorganen diskutiert und vom Großherzog schließlich auch unterzeichnet wurde, kam es nicht zu entsprechenden Ausführungen. Es waren gerade die Richter des Hofgerichts und Nebenius, die sich gegen die Verabschiedung eines "Salpeterer-Gesetzes" aussprachen und später auch dafür sorgten, dass es nicht zur Anwendung kam. In der Behandlung des Gesetzentwurfs in den beiden Kammern des Badischen Landtags kam es sogar zu aufschlussreichen, die politischen Zeitströmungen widerspiegelnden Debatten:
Ein Abgeordneter der Ersten Kammer, Freiherr Heinrich von Andlaw, später ein herausragender Vertreter des politischen Katholizismus in Baden, und einer seiner Freunde vertraten die Auffassung, dass die Ursachen des Widerstandes "dieser kräftigen Bergbewohner in der Achtung vor den Gewohnheiten der Vorfahren" zu suchen sei und darin, dass man sie als Opfer "des ungebändigten Reformeifers einiger Geistlicher und Schullehrer" zu betrachten habe.
Auch in der Zweiten Kammer des Badischen Landtags wurden Bedenken gegen ein Gesetz gegen die "sich verbreitenden schwärmerischen Secten" laut. Hier argumentierte der Liberale Professor Carl Welcker, dass das Aussprechen von Meinungen und Lehren aus Irrthum oder irrendem Gewissen an sich noch kein Vergehen sei". Außerdem stünde ein derartiges Gesetz im Widerspruch zum "heiligen Grundsatz der Meinungs- und Gewissensfreiheit" (Kies, S. 282 und 283). Das Gesetz wurde zurückgenommen. Im Arrest befindliche Salpeterer waren schon zuvor wieder auf freiem Fuß.

Die Gründe, die ihnen in der ersten Hälfte der Dreißiger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts noch zu einer breiten Anhängerschaft unter ihren Mitbürgern verholfen hatten, waren nach und nach beseitigt worden. Die beanstandeten Schulbücher verschwanden ebenso wie die reformeifrigen Pfarrer, die in der Hierarchie der Kirche aufstiegen. Die Auswirkungen des Reformkatholizismus wurden abgemildert und vor allem die Eigenständigkeit der katholischen Kirche und ihre Bindung an den Papst gesichert. Die Vorstellungen der Reformer von einer badischen oder gar deutschen, von Rom unabhängigen Nationalkirche, mussten aufgegeben werden. Tobias Kies stellt hierzu fest, dass der "Ultramontanismus", die Orientierung der Gläubigen an den Papst und die alten kirchlichen Rituale in der Lebenswelt der Hauensteiner ungebrochen war und später, nach 1840, Unterstützung durch die bürgerlich katholische "Erneuerungsbewegung" fand. Die Phase der innerkirchlichen Proteste der Salpeterer und mit ihnen zeitweilig der meisten Gläubigen in den dreißiger Jahre sieht Tobias Kies als "stets gegenwärtiger Prozess einer Disziplinierung des Reformklerus durch die Hauensteiner" (Kies, S. 459)
In dem Ausmaß, in dem dieser Druck Erfolge zeitigte, ging die Zahl der Salpeterer zurück.
Tobias Kies wies sogar nach, dass die Reste der Salpeterer in ihren Gemeinden immer mehr isoliert wurden. Man kann sicher davon ausgehen, dass dies ein beiderseitiger Prozess war. Die wenigen besonders hartnäckigen Salpetererfamilien schotteten sich gegen die anderen ab, da sie auch weiterhin nicht am kirchlichen und Gemeindeleben teilnahmen. Das widerständige Verhalten differenzierte sich auch aus, wenn Salpeterer ihre Kinder in die Schule gehen ließen, aber an Gottesdiensten nicht teilnahmen. Für die Obrigkeiten waren sie nur selten noch ein Thema.


Die Kommunikation von Gerüchten

In seinem sechsten Kapitel "Politik und Öffentlichkeit in der ländlichen Gesellschaft" (S. 323 ff) verbreitert Tobias Kies das Spektrum von Erklärungen, wenn er dem Widerspruch von den von ihm nachgewiesenen relativen Harmlosigkeit salpeterischer Widerstände, die zu keiner Zeit den neuen badischen Staat bedrohten und dem öffentlichen und behördlichen Wirbel, die sie auslösten, nachspürt. Die Salpetererunruhen im neunzehnten Jahrhundert waren, bezieht man sie auf die politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Veränderungen in Baden in der Tat marginal. Weder wurden durch sie die Ereignisse um 1848 beeinflusst, noch bremsten sie die Entwicklung des Schulwesens. Sogar in den Auseinandersetzungen zwischen den reformerischen Kräften innerhalb des katholischen Klerus und den Vertretern einer ultramontanen, auf Unabhängigkeit von staatlichen Einflüssen drängenden Richtung, die sich schließlich durchsetzte, dienten die Kirchen- und Schulstreiks lediglich als verweisende Fußnote.
Dennoch beschäftigten die Aktivitäten dieser konservativen, am Alten festhaltenden Minderheit, die Behörden und die politischen Gremien für eine kurze Zeit in erstaunlichem Ausmaß. In den Jahren von 1831 bis 1833 zum Beispiel entstanden allein beim Oberamtmann Schilling in Waldshut (man kann dieses Amt mit jenem des Waldvogts vergleichen) so viele Akten über die Salpeterer, dass
Tobias Kies zu der Überzeugung kommt, dass Schilling und seine wenigen Beamten kaum noch Zeit für andere Arbeiten gefunden haben müssen (Kies, S. 332). Dass sogar Verfassungsorgane und der Großherzog selbst sich mit ihnen befassten, das muss doch Gründe gehabt haben. Tobias Kies vertritt zunächst die These, dass es die Nachrichten über die französische Julirevolution waren, die "im deutschen Südwesten ein politisches Klima schufen, in dem die Konflikte im Hauenstein tatsächlich ‚verhandelbar' waren" (Kies, S. 323). Er kommt zu dem Schluss, dass "die während der 1830er Jahre kursierenden Gerüchte …, in denen sich die "Ängste vor revolutionären politischen und religiösen Veränderungen" manifestierten (Kies, S. 326) verantwortlich für die ganzen Aufregungen gemacht werden müssen. Dass die Hauensteiner schon lange einen "festen Platz in dieser Topographie der Angst" einnahmen, belegt Tobias Kies mit den Hinweisen auf Gerüchte vom Aufstand der Hauensteiner, die seit 1789 immer wieder kursierten (Kies, S. 327).
Auf beiden Seiten, denen der salpeterisch gesonnenen Hauensteiner auf der einen und der Geistlichkeit und weltlichen Obrigkeit auf der anderen Seite sorgten vor allem seit 1830 Gerüchte dafür, Bedrohungszenarien zu erfinden und Ängste zu schüren. Gerade den wessenbergianerischen Pfarrern war besonders daran gelegen, die Salpeterer so zu verunglimpfen, dass sie als Bedrohung auch des Staates erschienen. Es wurden an die Amtmänner Botschaften gerichtet mit Warnungen vor salpeterischen Umtrieben, die auf "Hörensagen" beruhten und keinerlei ernstzunehmende Substanz besaßen. Auf diese Weise konnte ein persönlich empfundener Abscheu legitimiert werden und eigene Ängste fanden ein Ventil.
Dass in die Darstellung historischer Abläufe von
Tobias Kies psychologische Erkenntnisse zur Erklärung herangezogen werden, überzeugt jeden, der an der Aufklärung von Hintergründen bestimmter Verhaltensweisen der Protagonisten interessiert ist.
Auf Seiten der Salpeterer waren das nicht zuletzt das Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung, die Einzelne dazu verführten, Gerüchte weiterzugeben und erfindungsreich auszubauen. Wir beobachteten diese Verhaltensweise bereits einhundert Jahre früher, als Salpeterer Gesten der Kenntnisnahme zum Beispiel von Seiten des Kaisers oder maßgeblicher Beamten als Zustimmung und Unterstützung deuteten und in der Agitation daheim kräftig aufbauschten. Den Verkündern kaiserlicher Botschaften brachten sie einen vorübergehenden Prestigegewinn ein.
Auf Seiten der die Hauensteiner verunglimpfenden Geistlichen, wurden Gerüchte ebenfalls instrumentalisiert. Sie übertrieben zum Beispiel gewaltig in ihren Berichten an die Kirchenleitungen, wenn sie von den Gefahren an Leib und Leben sprachen, denen sie ausgesetzt seien. Doch diese Bedrohunkszenarien beruhten allein auf das, was ihnen Gemeindeglieder über Gespräche berichteten, die in Wirtshäusern geführt worden wären.
Tobias Kies geht davon aus, dass die Übertreibungen der Kleriker auch in eigensüchtigen Motiven zu suchen seien. Sie erstrebten berufliches Weiterkommen und rechneten damit, dass ihr Eintreten für die Reformen der Kirche bei ihren Oberen um so mehr gewürdigt werden, je dramatischer sie die Widerstände schilderten, die ihnen hierbei entgegenstünden (Kies, S. 108 ff). Offenbar ging diese Rechnung auch auf, da sie später in der Hierarchie der Kirche aufstiegen. Einer von ihnen wurde sogar Bischof. Eine Reaktion der besonderen Art war der Versuch des Weihbischofs von Vicari, anlässlich einer zu diesem Zweck anberaumten Firmungsreise, zur "Beruhigung der Irregeleiteten" (Kies, S. 295). Für Tobias Kies lässt sich an der Kommunikation zwischen Salpeterern und dem Bischof recht gut belegen, dass sie die vielfältigen Informationsmöglichkeiten durch Zeitungen (Der Katholische), Broschüren (Der große Abfall) oder Flugschriften, die ihrerseits Gerüchte kolportierten, genutzt hatten, um sich auf dem Laufenden zu halten und hieraus Argumente für ihre Positionen bezogen. Eine Woche lang bemühte sich Vicari vergeblich um die "Bekehrung der Salpeterer" (Kies, S. 335).

An diesen Beispielen über die nachhaltigen Auswirkungen von Gerüchten, die heute noch in Briefen, Berichten oder Protokollen nachgelesen werden können, weist Tobias Kies nach, dass allein dadurch die Salpeterer im neunzehnten Jahrhundert und dort vor allem in den dreißiger Jahren zu einem Machtfaktor besonderer Art wurden. "Das Machtpotenzial der Salpeter erwuchs der permanenten Kommunikation über ihr Verhalten auf allen politischen Ebenen. Erst die Gerüchte um den Aufstand der Salpeterer … hoben die Anliegen der Salpeterer ins Zentrum des öffentlichen Interesses und zwangen Kirche wie Staat zu reagieren" (Kies, S. 391). Tobias Kies belegt einmal am Beispiel von Ursachen der Dynamisierung salpeterischer Widerstände dass Gerüchte sehr wirksame kommunikative Kräfte sind (vgl. bes. den Abschnitt "Rationalisierung von Ungewissheit", S. 363 ff). Zum anderen erklärt er ihre Auswirkungen vor dem Hintergrund der Definition von "Macht" von Hannah Arendt: "Macht ist, was den öffentlichen Bereich, den potentiellen Erscheinungsraum zwischen Handelnden und Sprechenden, überhaupt ins Dasein ruft und am Dasein erhält" (bei Kies, S. 391).
Tobias Kies legt in überzeugender Weise dar, dass soziale und sozialpsychologische Faktoren, hierunter mit eigener Gewichtung spezifischer Kommunikationsinhalte, wie die Gerüchte, unser Leben beeinflussen. Ich möchte die entsprechenden von Tobias Kies auf die historischen Ereignisse und ihrer Bedingungen bezogenen Aussagen, da sie auch in unserer Zeit politische, kulturelle und ökonomische Entscheidungen, populäre Meinungen und Verhaltensweisen beeinflussen können, verallgemeinert wissen. (vgl. dazu u. a. die noch immer aktuelle Analyse von Elisabeth Noelle-Neumann: Öffentlichkeit als Bedrohung, Freiburg, 1977, bes. S. 204 ff). Auch Tobias Kies verweist auf die ständige Aktualität der Auswirkungen von Gerüchten und der Erforschung einer von ihnen beeinflussten Öffentlichkeit (z. B. Anm. 33, S. 338; 41, S. 340; 202, S. 390).

 

Zum Schluss

Unter der Überschrift "VIII. Resümee" fasst Tobias Kies einige Ergebnisse seiner Arbeit zusammen. Ich folge dieser Zusammenfassung überwiegend mit seinen Formulierungen (die betreffenden Seitenangaben in Klammern), verdichte sie jedoch auf die folgenden Aussagen:

Die Einung als bäuerliche Selbstverwaltungskörperschaft entfaltete ihre größte Wirkungskraft als ein abstraktes Ideal: als Hort vermeintlich ältester Freiheitsrechte. Das Weltbild der Salpeterer beruhte im Kern auf dem Glauben an eine seit jeher privilegierte Grafschaft Hauenstein, deren Bewohner frei und direkt dem österreichischen Kaiser untertan seien (S.451, 454).

Die katholische Landbevölkerung und ein Teil ihrer Priester lehnte die kirchliche Modernisierung im Zusammenhang mit den Reformen Wessenbergs ab. Ebenso wie Christen in anderen Teilen Deutschlands wollten auch die Hauensteiner an ihren auf Sinnlichkeit ausgerichteten tradierten Glaubenspraktiken festhalten.
Die Proteste stellten weder für die Geistlichen noch für die aufmüpfigen Gläubigen - entgegen dem zeitgenössischen Gerede - eine Gefahr dar (S. 453).

Die Widersetzlichkeiten der Hauensteiner begannen erst im Zuge von außerordentlichen Rekrutierungen nach dem Fiasko der Grande Armee Napoleons. Die Angst vor militärischen Niederlagen verband sich mit der Hoffnung auf eine Rückkehr unter den Schutz des österreichischen Kaisers. Die eher spielerischen Protestaktionen auf religiösem Feld wandelten sich während der Zwangsrekrutierungen des Jahres 1813 in Ernst. Hier mussten die männlichen Hauensteiner sich entweder zum badischen Staat bekennen oder gegen ihn. Der Widerstand gegen die politischen und kirchlichen Veränderungen spiegelt in erster Linie Legitimationskrisen der Autoritäten wider. (S.452, 454).

Die Widersetzlichkeiten waren durch ein Ineinander von politischen und religiösen Praktiken gekennzeichnet. Aus salpeterischer Sicht widersprach das Vordringen des badischen Staates in Schul- und Gemeindeangelegenheiten dem Willen Gottes und gefährdete den Bestand der heiligen katholischen Kirche (S.454, 455).
Die gegen die Salpeterer eingeleiteten Maßnahmen variierten. Nach der Französischen Julirevolution 1830 war das politische Klima in Baden derart aufgeheizt, dass man vor Ort bestrebt war, die Salpeterer als revolutionär zu brandmarken und als Hochverräter zu überführen. Erst nachdem sich einige der am Konflikt beteiligten Beamten mit der lokalen politischen Kultur vertraut gemacht hatten, wich die Politik der Ausgrenzung dem Arrangement (S. 456).

Die Salpeterer bildeten keine klar zu definierende Organisation. Die Salpeterer des 19. Jahrhunderts waren ein lockerer Bekanntenkreis von Männern, die um 1790 geboren wurden und durch ähnliche Erfahrungen geprägt ähnliche Überzeugungen teilten. Eine Gruppenidentität ließ sich mit Hilfe der vorhandenen Quellen nicht nachweisen. (S. 454, 456)

Zwischen dem Weltbild und der sozialen Praxis der Salpeterer auf der einen Seite und deren Stigmatisierung durch die Obrigkeiten bestand ein Wechselverhältnis. In jedem Fall ist die Gruppe das Produkt eines kommunikativen Handelns. Konstitutiv war für die Salpeterer demnach Eigensinn, einerlei ob zugeschrieben oder selbst gewählt. Umgekehrt stigmatisierten die Salpeterer ihre Gegner. So gesehen lässt sich das gesamte 19. Jahrhundert als Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über tagespolitische Ereignisse interpretieren. (S. 456)


Der Eigensinn der Salpeterer steht nicht für ein verzweifeltes Festhalten am Alten. Normabweichungen müssen als Verhandlungsstrategien der Bevölkerung im Prozess der "inneren Kolonialisierung" gedeutet werden. Protest ist immer auch: Dialog. Der im Hauenstein mit "Hotzentrotz" umschriebene Eigensinn ist also Stigma und Strategie zur Bewältigung der Herausforderungen der Moderne zugleich (S. 461).

Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
07.06.2004

 

 

 

Von: Tobias Kies [tobias.kies@uni-bielefeld.de]
Gesendet: Montag, 21. Juni 2004 17:14
An: Dr. Joachim Rumpf
Betreff: [Fwd: Die Einführung]

 

Sehr geehrter Herr Dr. Rumpf,

....Herzlichen Dank für die ausführliche Einführung in meine Arbeit. Es ist kaum zu vermitteln, wie gut ein wohlwollender Kommentar tut, wenn man gewohnt ist, jahrelang ohne echtes feedback an einem Thema zu forschen ... Besonders hat mich gefreut, dass Sie mit dem Forschungsansatz - und der damit verbundenen Frage nach den Auswirkungen systemischer Veränderungen auf die Mentalität - etwas anfangen konnten. Tatsächlich glaube ich, dass die Psychologie hier eine wichtige Hilfswissenschaft für Geschichtswissenschaftler sein kann. Nun stellt sich aber die Frage: Wie kann man psychologische Erkenntnisse über Akteure vergangener Epochen sammeln, die man ja schließlich nicht mehr "auf die Couch" legen kann? Mir kam dabei der Umstand zugute, dass wirklich erstaunlich viele Gerüchte über die Salpeterer oder in deren Umkreis überliefert sind, sich sich wunderbar analysieren lassen. Die Überlieferungslage liegt - gerade für die 1830er Jahre - sicherlich in einer für ganz Europa zu konstatierenden Furcht der Obrigkeiten vor gewalttätigen Umstürzen und der damit verbundenen Ausweitung der Verwaltungstätigkeit begründet.
Gerüchte bilden situative mentale Muster in Übergangsprozessen ab; sie sind gewissermaßen Momentaufnahmen psychischer Entwicklungen. Wenn man nun, wie Sie dies im Einklang mit sozialwissenschaftlichen Forschungserträgen auch tun, davon ausgeht, dass gewisse psychische Antriebskräfte ahistorische Konstanten sind, dann lässt sich wirklich eine Menge über zeit-, raum- und interessenspezifische Kommunikationsstrukturen aussagen. Dies schien mir um so mehr für eine weitgehend auf Oralität verwiesene ländliche Gesellschaft untersuchenswert. Hier liegen aus meiner Sicht wirkliche Forschungslücken: Informationen über "bürgerliche Befindlichkeiten" im 19. Jahrhundert haben wir inzwischen reichlich, aber den "unterbürgerlichen Schichten" kam im Laufe des Jahrhunderts auch in der Wahrnehmung der Zeitgenossen eine immer größere Bedeutung zu. Insofern glaube ich tatsächlich, dass die Erkenntnisse der Arbeit über die Regionalgeschichte hinaus gehen und Ansätze einer "Verstaatlichungsgeschichte von unten" aufzeigen können. Dabei wäre ich natürlich sehr neugierig zu erfahren, ob man für andere Regionen auf ähnliche Ergebnisse käme. (Und - by the way - man könnte in Zukunft sicherlich leichter herausarbeiten, dass das gegenwärtig von vielen Verteidigungspolitikern gezeichnete Bild vom "nation building" sei es im Irak, sei es in afrikanischen Ländern oder sonstwo auf erstaunlich unterkomplexen Vorannahmen beruht.) Damit steht man natürlich vor einer Frage, deren Beantwortung mir seit Jahren nicht leicht fällt: Stehen die Salpeterer für das Spezifische der Region oder für das Allgemeine? Hier wird man sicherlich mit einem vorsichtigen "sowohl als auch" antworten müssen; dies wird wohl aus der Arbeit hervorgehen.
Für Ihre Einladung sei Ihnen herzlich gedankt. Falls es mich wieder mal in die Region verschlägt, werde ich mich rechtzeitig bei Ihnen melden - ich würde mich freuen, wenn wir dann die eben aufgeworfene Frage miteinander diskutieren würden.
Mit den besten Grüßen, Ihr

Tobias Kies

 

 

Im Mai 2005 hat Harald Stockert das Buch von Tobias Kies rezensiert. Stockert schreibt zusammenfassend der Arbeit "Vorbildcharakter" in Bezug auf die Integration ländlicher Bevölkerungsgruppen zu und sieht das Verdienst von Tobias Kies darin, "die Hauensteiner Widerstandsbewegung gegen die staatliche Modernisierungspolitik aus der volkstümlichen Mottenkister herausgeholt und in einen größeren Landesgeschichtlichen Zusammenhang eingebettet zu haben".

Harald Stockert: Rezension von: Tobias Kies: Verweigerte Moderne..
in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 v. 15.05.05;
URL: http:www.sehepunkte.historicum.net/2005/05/7374.html (12.08.05).

Zwei Anmerkungen zu dieser Rezension:

1.
Vergleicht man sie mit der meinen, dann wird deutlich, dass die Sicht auf die gleichen Quellen - wie hier die Texte von Tobias Kies - in einer Rezension unterschiedliche Akzentsetzungen erlauben. Für mich war es zum Beispiel das sechste Kapitel über die faktischen Folgen von Gerüchten, ihre Bedeutung in sozial-kommunikativen Zusammenhängen und dass und wie sie instrumetalisiert wurden, das meine Aufmerksamkeit besonders auf sich zog.

2.
Gewiss haben Behörden und Öffentlichkeit ihrerseits mit der Zuschreibung "Salpeterer" die widerständigen Personen im neunzehnten Jahrhundert zu diskriminieren versucht. Das ist ihnen auch in einem Ausmaß gelungen, dass bis in die jüngste Geschichte hinein für die einheimischen Hotzenwälder dieser Begriff negativ besetzt war. "Salpeterer" war zu einem Synonym für Widerstand in Richtung Dickköpfigkeit, Starrsinn und Querulantentum gweorden. Eigentlich wollte "man" nichts darüber mehr hören. Erst in den vergangenen dreißig Jahren begann sich das Bild allmählich zu ändern. Zur Zeit wird sogar ein Wandel in Richtung von Identifikationsprozessen hin angenommen (vgl. dazu die Bemerkungen von Herrn Munzert auf der Seite "Christa Kapfer" und die Seiten über Gerhard Jung, Markus Manfred Jung, Roland Kroell, Lehner und Hubert Matt-Willmatt)
Es war aber Aegidius Riedmatter, der sich ausdrücklich in die Tradition der Salpetererbewegung des achtzehnten Jahrhunderts stellte, wenn er vor Gericht aussagte, dass ihm der Geist des Salpetererhans erschienen sei und seinen Widerstand unterstütze. Die Widerständigen Personen sahen sich im Kampf gegen die badischen Neuerungen als Salpeterer. Heute spricht Hans Gassmann zum Beispiel von den "religiösen Salpeterern" im Unterschied zu den "poltischen" Salpeterern des achtzehnten Jahrhunderts.
Nehmen wir noch hinzu, dass am Anfang der Widerstände gegen das Haus Baden mit der Berufung auf die alten Hauensteinischen Rechte und Freiheiten begründet und Verweigerungshaltungen damit legitimiert wurden, liegt es Nahe, dass die Erinnerung an die Salpetererunruhen des achtzehnten Jahrhunderts nicht erloschen waren und zu dieser Zeit, also um 1815, die "Aegidler" sich in deren Nachfolge sahen.

 

 

Wolfgang Hug hat die Arbeit von Tobias Kies und meine Einführung ebenfalls gelesen und schrieb mir dazu am 22. 06. 2004:

"So und nun noch ein Wort zu der umfangreichen, wirklich aus den Quellen gearbeiteten Arbeit von Tobias Kies (von der ich über die Archivare Schmider und Straub schon vor einiger Zeit informiert worden war). Sie wird den Salpeteren des 19. Jahrhunderts vollauf gerecht, allerdings weniger ihren Gegnern. So hatte z. B. Hermann von Vicari (damals noch als Weihbischof) durchaus lautere Motive bei seiner (gescheiterten) Versöhnungsaktion. Was ich im übrigen etwas problematisch finde, ist die Tatsache, dass hier an einer winzigen Minderheit so weitreichende Analysen von "Volkskultur" und "Volksfrömmigkeit" bzw. deren Verhältnis zur Modernisierung vorgenommen werden. Schon die Begriffe "Volkskultur" und "Volksfrömmigkeit" sollte man sehr, sehr vorsichtig verwenden. Hatten die Wessenberg-nahen Geistlichen eine andere "Kultur" bzw. "Frömmigkeit" als die des "Volkes"?

Du hast mit Deiner "Einführung" das Buch den Lesern sehr gut erschlossen, und ich bewundere die analytische Kraft, mit der Du so komplexe Zusammenhänge aufzuarbeiten verstehst."

 

 

Den Begleitbrief an Thomas Kies, mit dem ich Ihm am 19. Juni 2004 meine Einführung in seine Arbeit übermittelte, habe ich mir kürzlich noch einmal angesehen. Ich meine, dass die darin geäußerten Positionen, besonders die, die auf die gegenwärtigen Tendenzen in der Weltpolitik Bezug nehmen, nach wie vor aktuell und wert sind, ebenfalls veröffentlicht zu werden.

 

 

 

" ... Die Originalität Ihrer Arbeit, und darauf verwiesen Sie bereits in Ihrer Mail vom April, drückt sich in ihren Fragestellungen aus, wie zum Beispiel die nach den Reaktionen von Menschen auf Kolonisierungsbemühungen. Ich kannte zwar den Begriff der „Kolonisierung“, hatte ihn aber bisher nicht als theoretischen Zugang zu historischen Prozessen im Inneren einer Gesellschaft begriffen.

Obwohl das so nahe liegt! Mir fiel auch gleich wieder ein, das Moeller und Maaz in Bezug auf den Machtwechsel nach dem Mauerfall ebenfalls von „Kolonisierung“ der ehemaligen DDR-Bürger gesprochen hatten. Und im Grunde ist das, was wir gegenwärtig am Beispiel Irak erleben, insofern vergleichbar, als einer anderen Kultur mit ganz anderen „Lebenswelten“ politische, wirtschaftliche und vielleicht sogar kulturelle Orientierungen westlicher Industrienationen übergestülpt werden.

Mich hat ebenso beeindruckt, was sie im Zusammenhang mit der Macht von Öffentlichkeit, vor allem der von definitionsmächtigen sozialen Gruppen, erarbeitet haben. Wir können nach Ihrer Arbeit, lieber Herr Kies, hinter diese Erkenntnisse nicht mehr zurück: Das „Hörensagen“ oder die Gerüchte, mal mehr mal weniger je nach Interessenlagen in diese oder jene Richtung verstärkt aber auch abhängig vom Bildungs- und Informationsstand der Interaktionsteilnehmer, hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Entscheidungen aller Art und in jeder Ebene unserer Gesellschaft. Vielleicht wird die historische Forschung belegen, dass die Mauer fiel, weil Entscheidungsträger Gerüchten aufsaßen. Oder denken wir wieder an den Anlass des Irakkrieges. Heute ist offensichtlich, dass vom Irak keine Bedrohung – schon gar nicht für die USA – ausging. Handelte die Bush-Administration verantwortungsvoll, weil sie in gutem Glauben vom Wahrheitsgehalt von Gerüchten überzeugt waren, oder belog sie ihr eigens Volk und die Welt bewusst aus machtpolitischen oder wirtschaftlichen Gründen? Vielleicht war beides im Spiel. Doch das Phänomen ist das gleiche, wie Sie es herausarbeiteten.

Darin sehe ich das Verdienst Ihrer Arbeit: dass wir, die an der Geschichte im allgemeinen und den Ereignissen in unserer Landschaft im besonderen interessiert sind, bei unseren Arbeiten Ihre gut belegten Aussagen von nun an mit einbeziehen können. Nicht zuletzt haben Sie mit Ihrer Analyse des bisher vorliegenden Schrifttums über die Mythologisierung der Salpetererunruhen angeregt, dass sehr kritisch nachgefragt werden muss, von welchen Interessen sich Autoren leiten lassen. Das wird zwar nicht Instrumentalisierungsversuche von Darstellungen der Salpetererunruhen verhindern. Wohl aber können Ihre Ausführungen unser kritisches Bewusstsein stärken helfen.

Ich werde meine eigenen Positionen vor dem Hintergrund ihrer Arbeitsergebnisse überprüfen. Auch ich habe ja insofern die Salpetererunruhen instrumentalisiert, da ich (schon immer) Widerstand von Unten ganz allgemein als eine erstrebenswerte Tugend  betrachte und meine persönlichen Überzeugungen mit der Geschichte der Salpeterer untermauerte. Dies ist zwar in meinem Buch nicht gar so deutlich zum Ausdruck gekommen. Diese Verknüpfung aber ist auf meiner Homepage unverkennbar. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sammele ich Schriften über den Widerstand, hier besonders den deutschen antifaschistischen Widerstand und die Emigration. Zurzeit verfasse ich eine Darstellung der Aktivitäten unserer Friedensgruppe in Görwihl in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Ich habe also auch praktisch in widerständigen Bewegungen mitgewirkt (vgl. auch die Seite: Mein 17. Juni 1953).
Auf das Thema „Salpeterer“ aber bin ich während eines Studiums bereits 1972 von Wolfgang Hug gebracht worden.

In der „Einführung“ in Ihre Arbeit brachte ich zum Ausdruck, dass Ihr Ansatz, für die Erklärung historischer Ereignisse psychologische bzw. sozialpsychologische Erkenntnisse heranzuziehen, überzeugt (S. 13 der Einführung). Diese Feststellung möchte ich ausdrücklich noch einmal unterstreichen. Als ich nachprüfte, ob meine positive Reaktion nur eine Folge meiner Unwissenheit ist, und ob sich die Geschichtswissenschaftler nicht längst schon der Ergebnisse psychologischer Forschung bedienen, fand ich heraus, dass bis zu den Zeiten meiner Ausbildung hierüber nichts zu finden war. Im Funkkolleg „Geschichte“, das vor fünfundzwanzig Jahren vielen von uns (ich war damals Lehrer an öffentlichen Schulen) den neuesten Stand historischen Wissens und Vorgehens vermittelte, findet sich nicht der kleinste Hinweis auf psychologische Erkenntnisse. Auch nicht, wenn es um „das Individuum und die Gruppe“ geht (Begleitbrief II, Kapitel 4). Im Gegensatz hierzu bediente sich die Psychologie, ich denke hier unter anderem an die Schriften Eduard Sprangers (z. B. Lebensformen. Tübingen 1914), schon lange historischer Ereignisse und Persönlichkeiten, um seelische Prozesse oder zwischenmenschliche Verhaltensweisen zu erklären. Nun kann sich in dieser Beziehung seither längst eine Änderung vollzogen haben und zum Beispiel im Zusammenhang mit systemischen Ansätzen, wie ich es von der Erziehungswissenschaft her kenne, die Berücksichtigung soziologischen, ökologischen oder psychologischen Wissens in der Geschichtswissenschaft selbstverständlich geworden sein. Eben genau so, wie Sie in Ihrer Arbeit vorgingen. Ich meine, dass der Wert dieser Vorgehensweise, wie die Nutzung motivationspsychologischer Erkenntnisse, nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Wenn wir zum Beispiel davon ausgehen dürfen, dass dem Verhalten von Menschen „schon immer“ die gleichen psychischen Antriebskräfte zu Grunde gelegt werden können, wie sie heute nachweisbar sind, dann finden wir – gerade wenn uns Quellen darüber fehlen – Erkenntnisse, die wir zumindest als „sehr wahrscheinlich zutreffend“ betrachten können. Die Verbreitung von Gerüchten, ihre wahrscheinlichen oder offensichtlichen Ziele und Zwecke und die Auswirkungen für den Einzelnen, für die „Öffentlichkeit“ und den Geschehensablauf, über die Sie in Ihrer Arbeit Auskunft geben, erscheinen mir als ein überzeugendes Beispiel für den Ansatz, in die historische Forschung Erkenntnisse aus anderen Wissenschaften zu integrieren..."

 

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