Jakob
Ebner war katholischer Geistlicher, wie wir auf der Seite mit den Informationen
aus seinem Leben erfahren haben. Ein Pfarrer ist immer Partei, da er aus seiner
Rolle nicht einfach heraustreten kann. Auch Ebner kann und will das gar nicht
und bekennt sich gleichsam zu seiner Zunft, wenn er im Vorwort zu seinem ersten
Bändchen über die "Geschichte der Salpeterer des achtzehnten Jahrhunderts"
ein käftig-bekennendes Wort über den Salpeterer-Gegner Josef Tröndle
sagt. Ebner fühlte sich offenbar verpflichtet, im Zusammenhang mit einem
kurzen Verweis auf bisher zu dieser Thematik erschiene Literatur, den ehemaligen
Unteralpfener Müller und Einungsmeister Josef Tröndlin gegen eine Anmerkung
Haseliers zu verteidigen, der darin von "Denunziation" gesprochen hatte.
Da dies in den Schriften Ebners eine der wenigen Hinweise auf die Forschungsarbeit
Haseliers ist, wird damit zugleich offenbar, dass Ebner eigenen Intentionen folgt
und keineswegs bereit ist oder für nötig erachtet,, sich mit den historischen
Arbeiten anderer Forscher auseinander zu setzen. Damit relativiert er selbst den
wissenschaftlichen Wert seiner Darstellung in der er die mit großem Fleiß
zusammengetragenen Quellen verarbeitete. Und noch eine "lässliche Sünde"
soll gleich eingangs erwähnt werden: der Stil, mit dem Ebner schreibt, ist
nicht leicht lesbar und die Schilderungen von Ereignissen und handelnden Personen
häufig verwirrend und, aus meiner Sicht, unvollständig.
Hierfür
ein Beispiel. Ich bemühte mich, etwas über den Rechtsanwalt Dr. Berger
aus Laufenburg zu erfahren, der vor allem im Zusammenhang mit den Ereignissen
vom Mai 1745 eine herausragende Rolle spielte. Und weil Jakob Ebner in der Überschrift
des ersten Kapitels im zweiten Teil seiner Salpeterergeschichte den Anwalt nennt,
suchte ich dort nach. Ebner schreibt, dass Dr. Berger zum ersten Male in einem
Brief des St. Blasier Abtes vom 20. Februar 1743 an die Kaiserin Maria Theresia
genannt wurde. Dr. Berger wird darin als "Verleumder" bezeichnet, der
die Untertanen zum Ungehorsam aufhetze und ein gehässiges Verhalten gegen
das Gotteshaus zeige (bei Ebner II, S. 7). Auch die Fundstelle dieses Briefes
im Generallandesarchiv in Karlsruhe wird genannt.
Leider schrieb Ebner gar
nichts darüber, wie denn der "Hofgerichtsadvokat", der in Freiburg
amtierte, in die Salpetererunruhen hineingeriet. Dabei lagen Ebner die gleichen
Quellen vor, wie sie etwa zu gleicher Zeit Emil Müller-Ettikon benutzte und
in denen vom Prozess der Witwe Christen Hubers gegen das Kloster St. Blasien die
Rede ist, die zu ihrem Rechtsbeistand eben den Dr. Berger gewählt hatte.
Von der Anwaltschaft für einen Salpeterer bis zur Verbindung zu den Salpeterern
war dann nur noch ein kleiner Schritt.
"Ende
1743 arbeitete Dr. Berger eine längere Klageschrift aus über die Beschwerden
der Salpeterer", schreibt Ebner (II, S.12). Es wird auch kurz etwas aus dem
Inhalt genannt. Leider fehlt hier der Hinweis auf die Fundstelle. Die "Gegendemonstration"
der Ruhigen dagegen, wird sehr ausführlich wiedergegeben und auch durch die
Angabe der Fundstelle belegt. Dr. Berger wird darin zur Last gelegt, dass "Abneigung,
Hass und Groll nicht verschwinden, sondern die Zwietracht weiter wuchert"
(S.14).
Sehr ausführlich hatte diese Situation bereits Günther Haselier
beschrieben. Jakob Ebner geht darauf nicht ein, wie er, wie oben bereits angemerkt,
überhaupt sich nicht mit Erkenntnissen aus bereits vorliegenden Arbeiten
über die Salpetererunruhen auseinandersetzt. Er bezog sich auf Haselier auch
nur dann, wenn es ihm darum ging, Vertreter der Familie Tröndlin in Schutz
zu nehmen bzw. zu würdigen.
Auf
den folgenden Seiten (II. Teil S. 15 ff) informiert Ebner über die Situation
am Rheinknie während des österreichischen Erbfolgekrieges und der Besetzung
durch Franzosen und Bayern. Wir erfahren, dass im September 1744 der Eggbauer
an der Spitze des Hauensteiner Landfahnens stand, der vom Freiburger Festungskommandanten
angefordert worden war (S. 26). Zwei Seiten weiter trägt Ebner die Ergebnisse
der Einungsmeisterwahlen vom Frühjahr 1744 vor - springt also einige Monate
zurück und beendet das Kapitel mit einem Brieftext des Eggbauern aus Wien
v. 3. Mai 1744 (S. 29).
Auf der Seite 54 finden wir eine Schilderung , die
mit dem Worten beginnt: "Am 4. Juli erließ Johannes Thoma ab Egg von
seinem Bauernsitz aus am Eggberg ein scharfes Schreiben an den Rheinzoller zu
Rheinfelden..."
Der Eggbauer aber war, zusammen mit Berger und von Lüttichau,
am 6. Juni 1745 in Laufenburg in Haft genommen worden.
Möglicher
Weise stammt dieses Schreiben aus dem Jahre 1744. Doch befindet sich die zitierte
Textstelle inmitten von Schilderungen aus der Zeit der Salpetererherrschaft im
Mai 1745.
Diese Zeitsprünge sind es, die das Verstehen so erschweren
und den Leser dazu verführen können, das Büchlein resigniert aus
der Hand zu legen, weil er nicht mehr "durchsteigt".
Jakob Ebner hat in seinen Salpeterer Schriften eine Fülle an Archivalien
veröffentlicht
Es
ist geradezu erstaunlich, mit welchem Fleiß sich Jakob Ebner darum bemühte,
das ihm zugängliche archivalische Material vor seinen Lesern auszubreiten.
Es ist ja bereits im Zusammenhang der Schilderung seiner Person auf die Grenzacher
Chronik gewiesen worden, die als ein Beispiel für die Zusammenstellung von
Archivmaterial stehen kann. Jede Leserin mit forschendem Interesse wird für
die Mühen des Lesens reichlich entschädigt und erhält wichtige
Hinweise darauf, in welchen Akten eines Archivs was zu finden ist. Jakob
Ebners Verdienst sehe ich in erster Linie darin, dass er sich der Mühe unterzog,
akribisch die vielen Texte für uns lesbar abzuschreiben und in seinen Büchern
abzudrucken. Wieviel Arbeit und Geduld dazu gehört, habe ich in der Einführung
zu diesem Kapitel angedeutet. Er muss viele Jahre hindurch in seiner freien Zeit
in Archiven verbracht und geschrieben haben.
Besonders interessant sind die Tagebuchaufzeichnungen von Pater Marquart Hergott,
die Ebner im Kloster St. Paul hatte einsehen können. Diese Aufzeichnungen
enthalten einige bemerkenswerte Hinweise auf jene Personen und Institutionen,
die die Salpeterer und ihre Anliegen in Wien unterstützten. Gewiss hatte
Hergott als engagierter Vertreter des Klosters St. Blasien und seiner interessen
eine pointiert gegnerische Haltung zu diesen "Erzrebellen und Rädelsführern"
( Teil I S. 72). nichts für sie übrig. Um so eifriger war er bemüht,
alles aufzuzeichnen, was er über deren Aktivitäten erfuhr und erbrachte
seinerseits und aus seiner Perspektive einige historische Verknüpfungen,
die uns einen Eindruck darüber zu geben vermögen, was damals über
die Hauensteiner gedacht und gesprochen wurde. Zu denken ist da zum Beispiel an
die Äußerung Hergotts, dass es besonders das Geschlecht der Hottinger
war, "das eine Abneigung und ein Groll gegen St. Blasien mit auf die Welt
und im Geblüt immer wieder fortpfanzen" würde ( Teil I, S. 72).
Außerdem
hatte Jakob Ebner, der mit der weitverzweigten Tröndlin-Familie, aus der
auch der Unteralpfener Müller und Einungsmeister der Birndorfer Einung gehörte
verwandt war, Zugang zu den in dieser Familie aufbewahrten Dokumenten. Zur Zeit
der Salpetererunruhen zählten unter anderem der Dogerner Hirschenwirt, der
Görwihler Adlerwirt und der Murger Pfarrherr zur näheren Verwandtschaft
der beiden Tröndlin (Josef aus Unteralpfen und Joseph aus Rotzel) die ja
ebenfalls Vettern waren. Insofern
erschließt sich uns in den Salpeterer-Schriften eine Fülle an Quellenhinweisen,
denen freilich -vor allem, was Vollständigkeit und Interpretation angeht
- nachgegangen werden muss. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass Ebner Zitate
getreu wiedergibt und auch Fundstellen, wenn er sie benennt, korrekt bezeichnet.
Sowohl Auswahl und Interpretation aber bedürfen nachgehender Forschung. Wenn
man zum Beispiel die Darstellungen Haseliers über die Tröndlins und
anderer "Ruhiger" und die Bemerkungen Ebners hierzu miteinander vergleicht,
dann bleibt auch gar nichts anderes übrig, als selbst nachzuschauen und sich
ein Bild zu machen. |
Hier
die Gliederung der Ebnerschen Schrift über die Salpeterer des achtzehnten
Jahrhunderts: I.
Teil I. Einleitung II.
Hans Friedle Albietz und der erste Salpeterer - Aufstand S. 17 III.
Pater Marquart Hergott in Wien und der zweite Salpeterer-Aufstand S. 68 IV.
Die Ablösung S. 98 II.
Teil I. Dr.
Johann Kaspar Berger und der dritte Salpeterer - Aufstand S. 7 II.
Der vierte Salpeterer - Aufstand S. 30 III.
Kaiserliche Kommissare. Es rumort weiter S. 103 IV.
Das letzte Aufflackern der Unruhen und die Überführung in das Banat
S. 127 |
Zum
Schluss noch einige kritische Anmerkunegn:
Ich
habe hier das zweite Kapitel aus dem zweiten Teil seiner Schriften über die
Salpeterer des achtzehnten Jahrhunderts aufgeschlagen. Auf den siebenundsechzig
engbedruckten Seiten werden eine Fülle an Protokollinhalten nacherzählt,
nur selten wörtlich wiedergegeben. Es handelt sich durchweg um Verhöreprotokolle
und andere Aussagen vor Kommissionen und anderen Behörden, in denen die Salpeterer
oder die von ihnen Geschädgten und Vertreter der Ruhigen zu Worte kommen.
Der aufmerksame Leser kann viel erfahren. Wenn man sich zum Beispiel über
das Leben und Schicksal von Dr. Berger, seiner Verwandten und Freunde interessiert,
werden deren Aussagen weiterhelfen. Freilich müssen die erst gefunden werden,
denn auf eine Systematik verzichtete Ebner. In diesem Kapitel, in dem eigentlich
nichts anderes erwartet wird, als eine Darstellung eben des vierten Salpetereraufstandes,
reichen die nacherzählten Protokollinhalte bis in das Jahr 1747, also in
eine Zeit hinein, als die heißen Phasen der Unruhen längst abgeschlossen
waren. Gewiss, die Auskünfte der Delinquenten beziehen sich auf die Ereignisse
der Jahre 1744 und 1745. Was aber wann und wie geschah und wer warum beteiligt
war, das muss man sich aus den Protokollen erst erlesen. Und das ist nun einmal
mühsam. Und noch einmal sei es angemerkt: dem kritisch Lesenden bleibt nichts
anderes übrig, als sich in den angebenen Archiven selbst davon zu überzeugen,
dass Ebner alles richtig und vor allem vollständig wiedergegeben hat.
Und
noch ein interessantes Detail: Gewiss wurde der Hofgerichtsadvokat Johann
Caspar Berger in vielen Dokumenten, vor allem in Verhörprotokollen "Dr."
genannt. Er selbst hat sich nie so tituliert und die Behörden auch nicht.
Es fand sich im Dissertationsverzeichnis der Universität Freiburg (an der
er studiert und seine Prüfungen abgelegt hatte) kein Eintrag über Berger.
Diese Nachprüfung wäre auch Ebner - und allen anderen Historikern, die
von "Dr." Berger berichteten, möglich gewesen.
Zusammenfassend
kann gesagt werden
die Bücher von Jakob Ebner zeugen von einem immensen
Fleiß eines
- in Bezug auf die historisch-wissenschaftlichen Methoden
- Unkundigen,
aber hoch engagierten und - was die Position der Ruhigen betrifft
-
recht einfühlsamen Schriftstellers.
Es fehlen historisch bedeutsame
und für das Verstehen von Zeit und Motiven unverzichtbare Informationen.
Der Stil und eine mangelhafte Systematik erschweren es, sich zurecht zu finden.
An einer ganzen Reihe von
Formulierungen ist eine eindeutige Parteinahme für die "Ruhigen"
abzuleiten. So, wie Emil
Müller-Ettikon eine Schrift zu Gunsten der Salpeterer und ihrer Anliegen
verfasste, so stellte sich Jakob Ebner auf die Seite der Familie Tröndlin
aus Unteralpfen und ihrer weitverzweigten Verwandten im Hauenstein des achtzehnten
Jahrhunderts.