Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald
Dichtungen
Markus Manfred Jung

Auf dieser Seite wird berichtet über Manfred Jung, seine Dichtung "Salpetrerhans" und die Aufführungen dieses Sücks vor dem Klausenhof in Herrischried in den Jahren 2004 und 2005


Über die Mundartdichtung „Der Salpetrerhans“

von Markus Manfred Jung

Aufgeführt von den Laienspielern des Vereins

Freilichtbühne Klausenhof im Juli 2004





 

Der Vorhang fällt und alle sind zufrieden“ ist ein Zeitungsbericht (SK 30.07.04) überschrieben, in dem unter anderem darauf aufmerksam gemacht wird, dass wegen des großen Andrangs, eine Sondervorstellung am Schluss der Spielzeit stattfinden wird. Und in der Tat: Der Salpetrerhans von Markus Manfred Jung, ein Mundartstück aus der Geschichte des Hotzenwaldes, war überfällig und kam zu guter Stunde. Spätestens seit dem Buch über die Salpetererunruhen im Hotzenwald, das zum ersten Mal 1993 erschien und den wenig später stattgefundenen Feiern und Spielen aus Anlass des Jahrtages „1000 Jahre Österreich und 625 Jahre Einungen Hauenstein“ 1996 bei denen die stolze Tradition der bäuerlichen Selbstverwaltung der „Einungen“ in aller Munde kam, rückten die „Salpeterer“ wieder stärker ins Bewusstsein. Und besser als alle Bücher und Vorträge über die Salpeterer, vermag ein Schauspiel zu fesseln und uns ein Bild vergangener Zeiten und Menschen mit den ihnen bedeutsamen Themen vor Augen zu stellen.

1996 vermittelte dies ein Dokumentarspiel „Waldshut und die Salpeterer“ von Willy Riegger aus Waldshut. Es scheint so, als seien seither in unserer Landschaft in der Bevölkerung das Interesse an historischen Themen gewachsen und viele Mitbürgerinnen und Mitbürger gern bereit, den historischen Ereignissen ihrer Regionalgeschichte interessiert, aufgeschlossen und vorurteilsfrei zu begegnen. Und diese Tugenden braucht es auch, bei einem Volkschauspiel, das auf die unglückseligen Zwistigkeiten verweist, die die Bewohnerinnen und Bewohner des Waldes vor nun bald dreihundert Jahren spaltete. In dem Spiel, das Markus Manfred Jung verfasste, klingen diese Probleme nur in den Kinderszenen an und wenn sie den Zwischentexten und zum Schluss vorgelesen werden. Auch die historischen Personen und gut erforschten Abläufe der Unruhen im achtzehnten Jahrhundert sind den Eingebungen und Absichten des Dichters untergeordnet. Insofern haben wir es mit einer Dichtung und keinem Dokumentarspiel zu tun.

Doch die zentralen Anlässe und Anliegen, von denen die Unruhen ausgingen, werden jeder Besucherin und jedem Besucher unmissverständlich und einprägsam vorgetragen. Jene Passagen, in denen Salpeterer, der Waldvogt oder gar der Josef Tröndlin als Widersacher der Salpeterer, das Wort ergriffen, erinnerten mich sogar an das agitatorisch-aufklärerische Sprechtheater von Bert Brecht.

Aber auch andere Assoziationen stellten sich ein. So bei der eingearbeiteten Romanze zwischen der Tochter des Waldvogts und einem Sohn des Salpeterers. Ich war froh darüber, dass diese rein literarisch und dramaturgisch und nicht historisch zu legitimierende Episode, nicht so endete wie in vergleichbaren Dichtungen. Denken wir nur an Scheffels Versepos „Der Trompeter von Säckingen“ oder an die Novelle „Hadlaub“ von Gottfried Keller. Beides sind Dichtungen über sagenhafte Begebenheiten aus unserer Landschaft. Die rationale Lösung, die Markus Manfred Jung für diese, sich zu Beginn des Stücks anbahnende Beziehung durch beiderseitigen Verzicht fand, erscheint mir dem Hauptthema angemessener als eine Hochzeit am Ende. Mit Hilfe der Person Gertruds, der Tochter des Waldvogts, erarbeite sich Markus Manfred Jung vor allem aber die Chance, zu sehr viel einfühlsameren und verständnisvolleren Bewertungen der Menschen auf dem Wald zu kommen, als sie von ihrem Vater vorgetragen wurden. Insofern war der Auftritt beider, sie betreten als erste die Bühne hoch zu Ross bei einem Inspektionsritt in die Dörfer des Waldes, geeignet, den Zuschauern jene Vorurteile nahe zu bringen, wie sie damals in den Städten am Rhein und bei den Mönchen in St. Blasien vorherrschten. Und, so muss hinzugefügt werden, wie sie heute noch gelegentlich im Fremd- und Selbstbild unserer Hotzenwälder, die in früheren Jahrhunderten kurz „die Wälder“ genannt wurden, anzutreffen sind.

 

Ein Handlungsablauf und damit Bewegung kommt in das Spiel, durch die Bettelszene am Anfang, die der Waldvogt mit Gewalt beendete. Dies war später der Anlass, den Waldvogt zu überfallen, vom Pferd zu reißen und auf ihn einzuschlagen. Gertrud fällt dabei ebenfalls vom Pferd und in die Arme eines Salpeterersohnes, der sich mit seinen Freunden einmischte und den Waldvogt und dessen Tochter rettete. So wurde der Kontakt zwischen der adligen Beamtentochter und dem Bauernsohn hergestellt. Aus dieser Begegnung wird eine Herzensangelegenheit. Sie bringt eine eher heitere als traurige Emotionalität in das Stück und sorgt für Unterhaltung und Entspannung.

Andere bemerkenswerten Zwischenfälle blieben zunächst aus. Insofern entsprach der von Jung gewählte Stoff und Zeitabschnitt durchaus der historischen Realität: Als der Salpeterer-Hans seine Standpunkte über die Gefährdung alter Rechte und Freiheiten durch die Mönche des mächtigen Klosters St. Blasien zunächst wenigen Freunden und dann am Kaiserhof in Wien vortrug, begannen die Unruhen im Hauensteinischen als Diskussionen in den Wirtshäusern und nicht als ein mit kriegerischen Mitteln ausgetragener Konflikt zwischen Kloster und Hauensteiner Bauern. Das Schauspiel beginnt in genau dieser Phase, in der einige Anhänger und die Söhne des Salpeterers auftreten und – in Erwartung der Rückkunft des Salpeterer-Hans, miteinander reden. Dass sich auch die Frauen nicht heraushielten, wird durch die Frau des Salpeterer-Hans symbolisiert. Es waren im achtzehnten Jahrhundert die Frauen der Salpeterer, die das Eintreten ihrer Männer für die Bewahrung alter Rechte und Freiheiten nach besten Kräften förderten.

 Schon in der zweiten Szene folgt der Auftritt des Salpeterer-Hans selbst, der just aus Wien zurückkommt. Doch die kaiserliche Botschaft, in der vermeintlich alte Rechte und Freiheiten bestätigt werden, entpuppt sich, als Josef Tröndlin der amtierende Redmann, der ebenfalls anwesend ist, das Siegel erbricht und den Brief vorliest, als Gebot zu Gehorsam und Ruhe. Die Ratlosigkeit und der Zorn sind groß beim Salpeterer-Hans und den anwesenden Bauern. In den Beratungen über das, was nun zu tun ist, zeichnet Markus Manfred Jung die sich anbahnende Spaltung der Hauensteiner Bauern in Anhänger des Salpeterer-Hans (den Unruhigen“) und ihren Gegnern (den „Ruhigen“ oder „Halunken“), zu deren Sprecher Joseph Tröndlin werden wird.

Auch die überlieferten „Salpeterer-Lieder“ werden in einer Vertonung von Roland Kroell vorgetragen, die, mehr als die Reden, die zeitgenössische Atmosphäre nachempfinden lassen. Mir wurde gerade hierbei und bei der Darstellung des bäuerlichen Alltags in der Familie, am Beispiel der gemeinsamen Mahlzeit nach der Rückkehr des Salpeterer-Hans, deutlich, wie wenig wir heute wissen, wie der Alltag der bäuerlichen Bevölkerung, die Bräuche, der Umgang miteinander vor dreihundert Jahren wirklich aussahen. Das Bänkellied aber, das uns der Spielmann vorträgt, das wird sich genau so angehört haben.

In der vierten Szene marschiert ein Steuereintreiber mit Gendarmen auf, die den Salpeterer-Hans nach Freiburg bringen wollen. Ihnen widersetzt er sich und geht freiwillig. Dieses Verhalten, der Einladung der Regierungsstellen in Freiburg zu folgen und sich dort im „Amtshaus“ einzufinden – und zwar ohne die Begleiterscheinungen einer Verhaftung – stimmt mit der historischen Realität überein. Über ein Jahr, bis in den Herbst 1727, bleibt der Salpeterer in Haft, lange Zeit und für die damalige Zeit recht komfortabel im Wirtshaus zum Bären einquartiert, bis er dort erkrankt und stirbt.

 

Während dieser Zeit erhält das Kloster St. Blasien einen neuen Abt. Und erst als sich die Waldleute weigerten, dem neuen Abt Franziskus zu huldigen, weil in der Huldigungsformel die Worte „leibeigen“ und „Eigenleute“ vorkamen, mündeten die Diskussionen in passiven Widerstand. Dieser Widerstand brach zusammen, als Soldaten in die Wälderorte kamen und sie kurzzeitig besetzten. Doch diese Weiterungen werden nur angedeutet. Markus Manfred Jung bedient sich von Anfang an einer interessanten Variante. Er eröffnet, verbindet und beschließt die szenischen Darstellungen mit Lesungen aus einem Buch. Dieser Rahmen ermöglicht es ihm, den Zuschauern notwendige, für das Verständnis des Geschehens unverzichtbare Informationen über die Zeit und ihre Probleme zu übermitteln.

 

Vor dem letzten Akt heißt es dann ausdrücklich, dass sich das Folgende, wenn der Salpeterer-Hans daheim in seinem Dorf beigesetzt worden wäre, so abgespielt haben könnte. Markus Manfred Jung verlässt also die geschichtlichen Ereignisse ganz und setzt an diese Stelle seine dichterische Freiheit. Die Intention des Stückes, dem Salpeterer-Hans ein würdiges Denkmal zu setzen und für seine Anliegen und Anhänger im Hauensteinischen, dem heutigen Hotzenwald, um Verständnis zu werben, wird aber dadurch erst möglich. Mit diesem Schlussakt erreicht es Markus Manfred Jung, Botschaften zu vermitteln und gleichsam moralische Akzente zu setzen, die in dieser Dichte sonst nicht erreicht worden wären und die ja auch mit den historischen Abläufen in der Zeit von 1727 bis 1745, dem Ende der Salpeterer-Unruhen, nur andeutungs- bzw. teilweise übereinstimmten. Ich meine besonders die Aspekte des Ausgleichs und der Versöhnung. Nicht Ausgleich und Versöhnung in Richtung des Klosters St. Blasien: wohl aber mit der Obrigkeit, vertreten durch den Waldvogt und der Beziehungen zwischen den streitenden Gruppierungen der Bauern, im Stück vertreten durch die Familie des Salperer-Hans und ihrer Freunde auf der einen und dem Josef Tröndle auf der anderen Seite. Es lassen sich tatsächlich Nachweise dafür erbringen, dass mit Hilfe von Informationen und Gesprächen nach 1745 eine Befriedung auf dem Wald erreicht wurde. Doch die Bauern, die im Stück eine Rolle spielten und später zu Anführern der Salpeterer wurden, waren daran nicht mehr beteiligt, da sie hingerichtet worden waren oder sich in Haft oder Verbannung befanden. Insofern auch war es von Markus Manfred Jung ganz geschickt, dass er sich bei der Auswahl seines Stoffes auf den Salpeterer-Hans beschränkte. Diese Wälderpersönlichkeit stand ganz am Anfang aller Unruhen, deren Entwicklung er nicht mehr erlebte und nicht zu verantworten hatte. Es war zugleich die Phase, in der es ihm und seinen Freunden tatsächlich ausschließlich um die Verteidigung alter Rechte und Freiheiten gegenüber den Begehrlichkeiten des Klosters ging. Und dieses Grundanliegen wird im Schlusssatz noch einmal vorgelesen und bleibt den Besucherinnen und Besuchern im Gedächtnis.

 

Ich bin voll gespannter Erwartung darauf, wieweit das Schauspiel über den Salpeterer-Hans dazu beiträgt, die heutigen Bewohner des Hotzenwaldes, vor allem alle jene, die seit vielen Generationen hier ansässig sind, mit den Salpeterern in ihrer Geschichte zu versöhnen. Der Mut, oder, wie wir heute sagen, die Zivilcourage, mit der die Vorfahren der Hotzenwälder für das eintraten, was sie für verteidigungswert hielten und dafür Freiheit und Leben riskierten, verdient unseren Respekt. Diese Botschaft hat das Stück vom „Salpeterer-Hans“ von Markus Manfred Jung unüberhörbar vermittelt. Ein Rezensent meinte, dass sich Jung mit diesem Schauspiel in die Tradition der außerparlamentarischen Bewegungen in den siebziger Jahren stellt (BZ 17.07.04) und weist darauf hin, dass „die diesjährigen Klausenhofspiele aus dem Fundus dieser kritischen Regionalismusbewegung schöpfen“. Auch Tobias Kies ordnet Rezeptionen der letzten dreißig Jahre in diese Zusammenhänge ein, wenn er die Schriften von Thomas Lehner, von Roland Kroell und von Emil Müller-Ettikon in die basisdemokratische Tradition der sozialen Protestbewegungen in der BRD in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellt („Verweigerte Moderne?“ Konstanz 2004). Salpeterer sind bei diesen Autoren ein Beispiel für eine demokratische Freiheitsbewegung.

 Markus Manfred Jung bestätigt mit seiner Dichtung sehr eindrucksvoll, dass es schwierig bis unmöglich ist, außerhalb des historischen Wissenschaftsbetriebes, über die Salpeterer zu schreiben, ohne Partei zu ergreifen. Doch in einer wesentlichen Tendenz unterscheidet er sich von allen anderen: Markus Manfred Jung sucht und findet Wege des Ausgleichs. Widerständiges Verhalten macht nur Sinn, wenn sein Ziel ist, Differenzen zu verhandeln, sich zu verständigen und gemeinsam neue Wege zu gehen. Vielleicht beruht der Erfolg des Stücks auch auf dieser Botschaft.

Selbstverständlich sind entscheidende Quellen eines Erfolgs die Regie und die Schauspieler. Die Darstellerinnen und Darsteller haben sich unendlich viel Mühe gegeben. Einige von ihnen wirkten bereits bei früheren Klausenhofspielen mit. So bei „Verena Enderlin“ von Markus Manfred Jung, das vor drei Jahren aufgeführt wurde. Es muss, vor allem für die beteiligten Kinder, ein hartes Stück Arbeit gewesen sein, die Texte zu lernen, die Positionen und Gesten, die ihnen vom Regisseur Günther Weber angegeben wurden, einzuhalten und auf diese Weise zu einem harmonischen und flüssigen Ablauf beizutragen. Die Funktion der Kinder war ohnehin sehr wichtig, da sie im Spiel jene, für die Streitigkeiten zwischen den Anhängern und Gegnern des Salpeterer-Hans typischen Positionen darstellten. Die einen gingen auf die anderen los und zankten, verspotteten oder beschimpften sich. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten zwischen den Kindern. „Die Kinder spielten in ihrem Streit den der Großen (bis in die Wortwahl hinein) nach…“ erläutert Markus Manfred Jung diese Szene in einem Brief vom 1. Septmber 2004. Eine sehr gelungener Lösung für das, was zwischen den Erwachsenen während der Unruhen tatsächlich geschah, aber in diesem Stück nicht darstellbar war.

Als besonders eindrucksvoll erlebte ich, wie sehr sich die Darstellerinnen und Darsteller mit ihren Rollen identifizierten. Diese Hingabe und das Engagement jeder/jedes Einzelnen mag Unebenheiten mildern. So war es zum Beispiel unüberhörbar, wie es der Darstellerin der Gertrud schwer fiel, ihr Schriftdeutsch durchzuhalten und nicht die Muttersprache sprechen zu können. Vielleicht aber war gerade darum, weil sie jeden Satz gleichsam „übersetzen“ musste, die Sprechweise so deutlich artikuliert. Für die Pflege der alemannischen Sprache – hier mit hotzenwälderischem Dialekt – sind derartige Schauspiele unverzichtbar und verhelfen ihr zu der Anerkennung, die sie verdient.

Markus Manfred Jung ist Mundartdichter und setzt, wie mit seinen Gedichten so auch mit diesem Schauspiel, die Tradition alemannischer Dichtung fort. Dem Veranstalter, der Verein der Klausenhoffestspiele mit Christine Kehl und Hubert Matt an der Spitze, sowie dem Regisseur Günther Weber ist zu wünschen, dass sie auch künftig eine glückliche Hand in der Auswahl ihrer Themen haben. Die Besucherinnen und Besucher aber werden noch lange von der überzeugenden Darstellungsweise aller Akteure zehren, sich gern an sie zurückerinnern und auf ein Wiedersehen mit ihnen freuen. In einer von Silvia Brandel verfassten Rückschau auf die diesjährige Spielsaison der Klausenhoffestspiele (Südkurier v. 4. August 2004, S. 19) wird dieser Eindruck bestätigt, wenn sie berichtet, dass Zuschauer das Stück lobten und erklärten "der Salpetererhans sei Geschichte zum Anfassen", die "Schauspieler seien einfach genial". Sie resümiert, dass "in der Tat die schauspielerischen Leistungen von Aufführung zu Aufführung besser (wurden)...." Es sei ein Traum", so meinte Markus Manfred Jung selbst, "wie überzeugend jeder einzelne Spieler seine Rolle mit Leben gefüllt habe".

 

 

 

Dr. Joachim Rumpf
Görwihl im September 2004

 

noochrichte

tag für tag
seh mer
s glich
aug um aug

goht verlore zletscht

si mer alli
blind

 

gwisselos

was
wenn d erinnrig stirbt
was

de rauch
weiß nümm um s füür
un s füür nüt vo
de äsche

was
wenn d erinnrig stirbt
was

 

 

Einige Angaben zur Person:

Geboren ist Markus Manfred Jung 1954 in Zell im Wiesental und aufgewachsen in Lörrach, wo er am Hebel-Gymnasium das Abitur machte. Anschließend studierte er Germanistik, Skandinavistik, Philosophie und Sport in Freiburg. Er unterrichtet noch heute am Theodor-Heuss-Gymnasium in Schopfheim. Wohnen tut er mit seiner Familie in Wehr.
Seit mehr als dreißig Jahren bringt er, der alemannische Dichter, mit einer sprachlich höchst verdichteten Wortfolge, jeden Leser zum Nachdenken. Mir erschließen sich seine Aussagen erst, wenn ich sie nachspreche und wirken, sich "aus-wirken" lasse. Leicht ist sie nicht, die Lyrik - aber schön und im wahrsten Wortsinne aufschlussreich. Sie bringt das Alemannische auch jenen nahe, die nicht in diesem Sprachraum zu hause sind. Bereits in jungen Jahren erfuhr er Anerkennung mit "Chötzerig". Der Vater selbst hielt die Schlussansprache und würdigte die jungen Dichter, als seinem Sohn am 15. Mai 1976 der erste Preis für Prosastücke in einem Mundartwettbewerb zuerkannt wurde.
Allein der Titel - im Hochdeutschen würde man sagen "zum Kotzen" - ist Programm. Markus Manfred Jung meldete sich dann auch in den folgenden Jahrzehnten als kritischer Beobachter und Akteur zu Worte melden. "Heimat ist dort, wo man sich enmischt" .

Mit seinen Gedichtbänden und Theaterstücken wurde Markus Manfred Jung schon bald bekannt; auch über die Grenzen des Markgräfler Landes hinaus. Leicht hatte er es sicher nicht, bemerkt und anerkannt zu werden. Gehörte doch seit vielen Jahren sein Vater, der Schriftsteller Gerhard Jung, zu den bedeutenden Exponenten deutscher Mundartdichtung.
Uli Führe schreibt über ihn: "Es hat ihn mal ein Moderator gefragt, ob es nicht eine schwere Bürde sei, ein Theaterstück für Herrischried zu schreiben, wo doch sein Vater viele Jahre für das Ensemble geschrieben hat. M.M. Jung sagte nur: Es macht mir nichts aus, dass es mein Vater war, der die Stücke geschrieben hat. Nur, dass er sie so gut geschrieben hat, das macht es für mich so schwer:"

Es ist ohne Zweifel außergewöhnlich, dass ein Sohn seinem Vater in so kongenialer Weise nachfolgt. Doch in die gleichen Fußtapfen tritt er nicht. Markus Manfred Jung, und hier findet man einen der ins Auge fallenden Unterschiede, reimt nicht. Um seinen eigenen Weg zu verdeutlichen, hat er auch einem Gedicht für den Vater, den er hoch schätzt, den Titel gegeben:
"Bächli-Bliemli-Poesie".
Andreas Manschott schreibt im gleichen gedanklichen Zusammenhang: "Er liefert keine vorgefertigte Sprache, die schön klingt und nichts sagt. Das verlangt einen Leser der selber denkt und nicht mit dem Kopf nickt und sagt: so ist es..."

Markus Manfred Jung steht auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Die Freunde alemannischer Dichtung werden noch viel von ihm lesen können. Uli Führe meint: "Jung ist die Speerspitze im Umgang mit alemannischer Sprache in dieser Informationsgesellschaft. Noch nie wurde soviel gedruckt... Gerade die Masse macht das Einzelne so wertvoll."


Wer mehr über Markus Manfred Jung erfahren möchte, kann sich auf dessen Homepage ausführlich unterrichten
oder sollte den ebenso engagierten wie informativen Aufsatz von Uli Führe über M. M. Jung in der Zeitschrift "Badische Heimat" vom Dezember 2000, S. 657 - 665 hineinschauen.

Im Heft 1/1993 dieser Zeitschrift (S. 113) wurde bereits eine Würdigung der Arbeiten Jungs von Andreas Mannschott aus Lahr veröffentlicht.

Und wer sich für zeitgenössische alemannische Dichtung und ihre Repräsentanten interessiert, der sei auf die Aufsätze in der Zeitschrift "Badische Heimat" Nr. 4/2000, S. 650 ff) hingewiesen, in der Adolf Schmid biographische Skizzen veröffentlichte: "Ein vorzüglicher, brüderlicher Dreiklang: Uli Führe, Johannes Kaiser, Markus Manfred Jung"

 

 

Salp

 

Am Sonntag, d. 3. Juli 2005 wurde am Abend der Salpetrerhans vor dem Klausenhof zum letzten Mal aufgeführt. Meine Frau, Freunde von uns und ich saßen unter den Zuschauern.

Nun gehören Literatur-, Kunst- oder gar Theaterkritiken nicht zu meinem Metier. Ich erlaube mir dennoch, gleichsam mit aller Naivität und an die Ausführungen vom vergangenen Jahr anknüpfend, von unseren Eindrücken zu berichten.

Allgemein ist zu bekräftigen, dass alle, die Kinder, die hotzenwälder Frauen und Männer, die Ältesten wie die Jüngsten mit bemerkenswerte Hingabe gespielt haben. Uns beeindruckte diesmal besonders der Darsteller des "Salpetrerhans". Er spielte ihn so, wie ein einheimischer Familienvater noch heute erlebt werden kann:
in der Rolle als Vater und Ehemann recht autoritär, als Mitglied einer Gruppe, damals den in pointierter Weise der Tradition verpflichteten Salpeterern - heute vielleicht als Mitglied eines der vielen Vereine in unseren Dörfern - solidarisch, kollegial und so engagiert, dass die Familie mit ihren Bedürfnissen hinten an stehen muss und außerdem ein rechter Polterer, eher grob als zart. Seine Rolle und die anderer, hier am Beispiel des "Gaudihans" oder des Hans-Fridli Gerpach, entpricht durchaus den immer noch aktuellen Vortsellungen wie ein rechtes Mannsbild zu sein und wie es mit den "Wiibervölkern" (den Frauen) umzugehen hat.

Gerhard Jung ist zu danken, hier in enger Anlehnung an die historisch nachweisbaren Verhalten, den Frauen den ihnen gebührenden Platz in der bäuerlichen Kultur des Hotzenwaldes eingeräumt zu haben. Ob das der Auftritt der Bäuerin zu Beginn des Stückes war, die mit dem Waldvogt sprach und in drastischer Weise aus ihrem Herzen keine Mördergrube machte, oder die zurückhaltende Souveränität der Frau des Salpetererhans und beider Tochter, die jene Salpetererfrauen vertrat, die damals das Eintreten ihrer Männer gegen klösterliche Ansprüche maßgeblich förderten, stets wurde mit einer optimalen Besetzung die Nähe zum Leben gefunden: so wie es war und wie es, in übertragbaren Situationen heute noch ist.

In herausragender Weise haben also die Darsteller diese, von Jung und dem Regisseur Günther Weber zweifellos so intendierten Charaktere und Verhaltensweisen umgesetzt. Übringens ebenso überzeugend waren die Darstellerinnen und Darsteller der leiseren, behutsameren Töne. Da fielen der Blasius Hottinger, vor dreihundert Jahren hatte er wegen seiner Musikalität den Spitznamen "Spielmann" - ebenso auf, wie der Einungsmeister Joseph Tröndle. Sie spielten so überzeugend beziehungsweise waren so stark in ihre Rollen geschlüpft, dass wir den Eindruck hatten, dass sie damals exakt so gewesen sein müssen. Das heißt also, dass sie so glaubwürdig waren, dass der Eindruck entstand, dass sie sich noch heute in vergleichbaren Situationen in ähnlicher Weise verhielten. Vielleicht spielten sie sich tatsächlich selbst? Dann hat Günther Weber es verstanden, die jeweils geeigneten Persönlichkeiten für genau diese Rolle auszuwählen.
Der Waldvogt freilich, der neben dem Schmied Konrad Binkert aus Dogern, die Rolle des "Bösewichts" füllen musste, hat dies zwar brav und mit Fleiß auch getan. Hier, so mein Eindruck, aber stimmten Rolle und Persönlichkeit nicht überein. In Wirklichkeit, auch in der historischen nicht, ist Waldvogt von Beck so aggressiv; ebenso wenig wie sein Darsteller. Da passen die einsichtigen Vermittlungsversuche des Waldvogts - übrigens auch sehr überzeugend vorgetragen - besser zu ihm.

Günther Weber bestätigte in einem Zwischengespräch , und zeigte sich davon selbst beeindruckt, dass sich hier eine erstaunlich talentierte Gruppe gefunden habe. Denn das, was wir beispielhaft an den erwähnten Personen und ihren Rollen erlebten, gilt, wie bereits im vergangenen Jahr beobachtet, auch für die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dass sich besonders gut Kinder dazu eignen, bei entsprechender Anleitung, ebenso überzeugend wie kompetent die ihnen zugedachten Rollen zu übernehmen und zu spielen, hatte hörbar alle Zuschauerinnen und Zuschauer erfreut.

Noch einmal sei an den versöhnlichen, weil recht optimistischen Schluss erinnert, der leider mit der Historie nicht übereinstimmt. Hier setzten das vom Dichter erfundene liebende Paar der Tochter des Waldvogts und dem Sohn des Salpetrerhans gemeinsam mit dem Einungsmeister Tröndlin einen hoffnungsvollen Akzent. Die drei Darsteller zeigen sich in Gestik und Sprache so souverän, dass wir ihnen abnahmen, dass es ihnen sehr ernst war mit ihrem Wunsch nach Ausgleich, Versöhnung und Frieden. Diese zeitlos gültige Botschaft nahmen wir alle gern mit nach Hause.


Dr. Joachim Rumpf
04.Juni 2005

 

Zur Erinnerung und zum Schluss noch eine Aufnahme aus dem Programmheft und ein Bericht von Karin Steinebrunner (Bad. Ztg.):

 

 

 

salp1

 

Hans
 Zurück zu der Einführung Dichtungen