Über die Salpeterer im Hotzenwald
Historiker und Heimatforscher

 

Helmut Faller

 

 

Helmut Faller gehört nicht zu jenen Historikern, die eine Arbeit über die Salpererunruhen verfasst haben. Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten aber ergänzen in außerordentlich zweckmäßiger Weise unsere Kenntnisse über Akteure aus dieser aufregenden Periode unserer Heimatgeschichte. Zwei Voraussetzungen freilich müssen gegeben sein: Die betreffende Person muss aus dem Hotzenwald und dort aus einer jener Gemeinden kommen, die die Arbeiten Fallers erfasst. Denn Helmut Faller hat Familienforschung betrieben. Und wenn zum Beispiel jemand wissen möchte, wer die Eltern des Eggbauern waren, wen er heiratete und wie viel Kinder er hatte und ob und wer heute noch im Hotzenwald lebt, der vom Eggbauern abstammt, der schlägt in den entsprechenden Familienchroniken nach.
Geradezu erstaunlich ist die Leistung mit der Helmut Faller viele tausend Personen mit ihren Daten in Büchern erfasst hat. Im Oktober 1985 erschien das erste Buch über die Familien in Rickenbach, denen 1989 zwei weitere folgten und im Dezember 1996 das letzte, der zweite Band über die Familien von Herrischried. Der erste erschien 1987. In zwölf Jahren erarbeitete Faller die Familienchroniken aus fünfzehn Gemeinden. Es sind dies außer den soeben genannten, die über die Einwohner von

Obergebisbach April 1986 Dachsberg November 1992
Harpolingen November 1986 Laufenburg August 1993
Luttingen April 1988 Ibach Februar 1994
Görwihl, Bd. I u. II Oktober 1989 Todtmoos August 1994
Hochsal Februar 1991 Niederhof September 1995
Rickenbach, Bd. I und II 1997 und 2001
Schachen Februar 1991 Murg Oktober 1995
Hänner Dezember 1991
Laufenburg und Rhina (ergänzte Ausgabe) 2002

Bis in das Jahr 1590 konnte Helmut Faller zum Beispiel in Görwihl zurückgehen, weil sich dort das älteste Kirchenbuch in unserer Region befindet. 1592 wurde ein Kirchenbuch in Säckingen eingerichtet und bis in die Gegenwart fortgeführt. In diesen Kirchenbüchern, die vom Konzil in Trient 1560/62 für alle katholischen Kirchengemeinden angeordnet worden waren, mussten die Geburts- und Sterbedaten, sowie die Eheschließungen und vielfach auch der Berufsstand eingetragen werden. Auf diese Weise lassen sich nicht nur Geschlechterfolgen und Verwandtschaftsbeziehungen zurückverfolgen. Auch über wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in den jeweiligen, bis in das 20. Jahrhundert hinein noch selbständigen Gemeinden, erhält der interessierte Leser und Heimatforscher wertvolle Informationen.
In zahlreichen öffentlichen Vorträgen berichtete Helmut Faller über seine Forschungsarbeiten, die damit im Zusammenhang stehenden Probleme und aus ihnen fließenden Erkenntnisse. Wer sich zum Beispiel darüber wundert, dass in früherer Zeit so viel uneheliche Kinder geboren wurden, der bekommt an Hand der Familienbücher drastisch vor Augen gestellt, dass bei uns in Baden bis 1863 nur die heiraten durften, die über ein Minimum an eigenem Vermögen verfügten. Wer arm war, musste ledig bleiben. Und die ledigen Kinder wurden in den meisten Fällen von den Gemeinden unterhalten. Wie dramatisch das die Haushalte der Gemeinden belastete und was sonst noch für Folgen die Armut auf dem Hotzenwald hatte, darüber kann man in den Büchern auch lesen. Denn Auszüge aus den seit 1850 von den übergeordneten Behörden verfassten Gemeindebereisungen, die Faller den Chroniken im Anhang beifügte, zeichnen ein bedrückendes Bild der Verhältnisse auf dem Wald und, so ist hinzuzufügen: gleichsam beispielhaft von den Verhältnissen in den meisten deutschen Landschaften jener Epoche (vgl hierzu u. a.: Jürgen Kuczynski: Geschichte des Alltags des Deutschen Volkes. Band 3 1810 - 1870 und Band 41871 - 1918. Köln 1982).

Es fällt auf, dass häufig Männer zwei- bis dreimal verheiratet waren weil ihre Frauen recht früh starben und unmündige Kinder zurückließen. Aber auch die hohe Kindersterblichkeit lässt sich bei jenen Kindernamen vermuten, bei denen alle weiteren Angaben fehlen.
Gleichsam nebenbei erhielten die Kirchengemeinden eine unschätzbare Hilfe in Bezug auf die Ordnung ihrer archivarischen Bestände, die sich häufig in unübersichtlichen, ja chaotischen Zuständen befanden. So können sich heute Pfarrer und Kirchengemeinderäte in der "Heilig Geist" -Gemeinde Laufenburg in ihren Aktenbeständen orientieren, wenn sie in den Eintragungen und Schriftstücken, die bis in das Jahr 1600 zurückreichen, nachschlagen wollen (C. Fröse im Südkurier v. 29.04.2002). Die Quellen, die Faller benutzte, waren, darauf deutet das Beispiel aus der Pfarrei Laufenburg, nicht leicht aufzufinden und zu benutzen. Die "Bücher" waren ja häufig nicht gebunden, sondern als Aktenbündel zusammengeschnürt oder geheftet und nicht selten in Kisten oder Kartons unter vielen anderen in Speichern abgestellt. Es gehörten zu diesen Quellen neben den "Kirchen- der Standesbüchern", die bis 1870 von den Kirchen und dann von den Gemeinden geführt wurden, die "Familienbücher", die, 1780 eingeführt, den Titel "Seelenbeschreibungen" führten, da sie die Kommunikanten der Pfarreien enthielten. Für die Zeit ab 1958 konnte Faller auf die nun bundeseinheitlich geführten Einwohnerkarteien zurückgreifen. Ein Beitrag in der Zeitschrift "Regio-Familienforscher" (vgl. den "Literaturspiegel" in Nr. 1, Jg. 9, Basel 1996, S. 66f ) deutet auf eine Vielzahl anderen Quellen, die er benutzte, wie zum Beispiel Gemeindeakten, Akten aus dem Staatsarchiv Freiburg oder dem Generallandesarchiv in Karlsruhe.

Helmut Faller wurde am 29. Februar 1916 in Freiburg geboren.. In Zell im Wiesental und später in Lörrach am Hebel-Gymnasium ging er zur Schule. Seine Liebe gehörte der Musik. Schon mit fünfzehn Jahren verdiente er sich etwas Taschengeld, wenn er in einer der evangelischen Kirchen im Wiesental oder am Hochrhein Gottesdienste auf der Orgel begleitete, was er in der evangelischen Kirche in Bad Säckingen noch heute tut. In Basel begann er Philosophie und Psychologie zu studieren und legte auch ein Examen zum Musiklehrer ab. Es war die Einberufung zum Arbeits- und Wehrdienst, die diesen Studien und dem Traum vom Musiklehrerberuf beendete. Er wurde Landwirt und studierte später, der Zweite Weltkrieg stand vor der Tür, Landwirtschaft und erwarb in dieser wissenschaftlichen Disziplin ein Diplom und, 1945 den Doktorgrad. Obwohl er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Soldat geworden war, musste er in französische Gefangenschaft aus der er erst 1948 erst wieder entlassen wurde. "Ich hatte weder Arbeit noch Brot und so entschloss ich mich, als Waldarbeiter das Brot zu, Leben zu verdienen" erklärte er 2001 in einem Interview mit der Badischen Zeitung (01.03.2001). 1949 aber erhielt er eine Anstellung beim "Staatlichen Beratungsinstitut für Höhenlandwirtschaft" in Donaueschingen und wurde später (1969) Leiter des damaligen Landwirtschaftsamtes in Laufenburg, das 1971 nach Säckingen verlegt wurde. Dort ist Helmut Faller noch heute zu Hause. Seit 1956 ist er verheiratet. Seine Frau und er haben drei Kinder.

Das sind in groben Zügen einige Lebensdaten. Die den Heimatkundler interessierende Antwort auf die Frage, wie der Landwirtschaftsökonom auf die Geschichte kommt, ist noch nicht erwähnt: Sein Interesse an der Historie, es trägt alle Züge eines gepflegten und gekonnten Steckenpferds, nahm er bereits mit in den Ruhestand, der 1981 begann. Durch seine Arbeit kannte sich Helmut Faller gut in unserer Landschaft - vor allem in den Gemeinden des alten Landkreises Säckingen, auf die sich auch die Chroniken beschränken, aus. Der damalige Bürgermeister von Rickenbach, Fridolin Thoma, erbat zu jener Zeit von ihm eine Aufstellung der Gebäude bzw. Hofstätten von Bergalingen und die dazu gehörigen Familiengeschichten. Diesen Wunsch erfüllte Helmut Faller, der selbst daran interessiert war, welche Nachfahren des Hans Fridolin Gerspach, dem 1739 hingerichteten Salpetererführen heute noch dort leben (Vgl. dazu: Thoma, H. F.: Dr. Helmuth Faller, Bad Säckingen. In: Land zwischen Hochrhein und Südschwarzwald. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Waldshut, Jahrgang 1995. Hrsg.: Geschichtsverein Hochrhein e. V. Waldshut, S. 117 - 119) . So führten ihn die Bitte Fridolin Thomas, der in Hütten zu Hause ist, und seine eigene Neugier hin zur genealogischen Arbeit, die ihn seither nicht mehr los lies, wie er selbst bekannte (Südkurier am 01.02.2001). "Was macht ein Mann, wenn er in den Ruhestand gtreten ist? Er sucht sich eine neue Arbeit" So begründete gut gelaunt Helmut Faller 1990 sein neues Schaffen. Damals war das gemeinsam mit Thoma verfasste Werk: "Rickenbach in alten Ansichten" der Öffentlichkeit übergeben worden. Von einem Salpeterer war Helmut Faller ausgegangen. Und er blieb dabei: wo immer er auf einen der ehemaligen Salpeterer stieß, vermerkte er das genau und leistete auf diese Weise einen wertvollen Beitrag zu weiterer Forschung über die Salpeterer und ihrer Familien.

 

 

Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl im August 2004

 

 

 

Eine Würdigung Helmut Fallers in der Badischen Zeitung

vom 29. Februar 2008