Es kommt häufig
vor, dass Menschen, wenn sie zu denen gehören, die alt werden durften,
von sich sagen: "Ich könnte ein Buch über mein Leben
schreiben. Was ich alles erlebt habe
"
Doch die meisten von uns bleiben bei diesem Gedanken stehen. Nur relativ
wenige schreiben überhaupt gelegentlich auf, was sie erlebt haben.
Und nur im Ausnahmefalle wird aus der Möglichkeit ein Buch zu verfassen,
eine Realität.
So ist es auch bei unserem, von uns allen Hochverehrten Ehrenvorsitzenden
Dr. Feige. Er hat sich doch tatsächlich eines Tages einen Computer
angeschafft, sich kurz einweisen lassen und begonnen, seine Lebenserinnerungen
niederzuschreiben. Denn das, was er sich einmal vorgenommen hat, das
führt er auch durch.
Und wenn ich diese Aussage an den Anfang der Einführung in Dr.
Feiges Buch stelle, dann weiß jeder unter uns, dass das nicht
einfach so daher geredet ist. Wir lernten Dr. Feige, der noch bis vor
wenigen Jahren der Hausarzt vieler Bürgerinnen und Bürger
unserer Gemeinde war, als einen Mann kennen, der immer genau wusste
was er will und was seinen Patienten gut tut. Dieses Wissen schafft
Vertrauen und Vertrauen in sein medizinisches Wissen und Können
braucht ein Arzt, um mit Erfolg einwirken zu können.
Doch auch unsere Zusammenkunft heute ist ein lebhaftes Beispiel dafür,
wie konsequent er einmal gesteckte Ziele verfolgt. Gemeinsam mit seinem
Kollegen Dr. Günther Romacker, mit dem Rektor Paul Eisenbeis oder
unserem langjährigen Rechner Hans Götz wurde mit tatkräftiger
Förderung durch das Rathaus dieses Heimatmuseum realisiert. Und
wenn ich "Rathaus" sage, dann meine ich vor allem zwei, die
die Geschicke der Gemeinde über zwei Jahrzehnte lang führten
und dabei ein so gutes, aufeinander abgestimmtes Gespann bildeten, dass
unseren Gemeinderäten kaum Gelegenheit geboten wurde, dem Bürgermeister
Harald Scheuble und seinem Ratsschreiber Gundolf Hermann in die Parade
zu fahren. Woher ich das weiß? Nun aus den Lebenserinnerungen
unseres Doktors. Er gehörte immerhin etliche Jahre dem Gemeinderat
an. Und dieser Zeit und seinen Erfahrungen dort, gehören ebenso
einige Abschnitte seiner Erinnerungen, wie seinem Einsatz als Pfarrgemeinderatsvorsitzenden
und in anderen Gremien.
Und genau das wird für viele Menschen in unserer Gemeinde, in Waldshut
und an anderen Orten ein hinreichend starker Anlass sein, sich neugierig
auf das Buch zu stürzen: Was steht da über mich drin? Steht
da was über mich drin?
Nun, unser Dr.
Feige war sehr diskret. Da steht eigentlich über niemanden etwas
drin, was nicht ohnehin jeder weiß. Denn in der Hauptsache hat
Dr. Feige ein Buch über sich und sein Leben geschrieben und - nicht
zuletzt auch für sich selbst!
Wer sich hinsetzt,
um seine Erlebnisse und Erfahrungen zu Papier zu bringen, der muss zwangsläufig
über sich selbst nachdenken. Er legt sozusagen vor sich selbst
Rechenschaft ab. Da Dr. Feige diese Selbstreflektion veröffentlicht,
tut er das auch vor uns, also "öffentlich". Sobald der
Text gedruckt vorliegt, kann er kein Wort mehr zurücknehmen. Das
wusste er vorher. Also hatte er sorgfältig zu prüfen und abzuwägen,
was teile ich mit, was lasse ich lieber weg. Und was das "Weglassen"
betrifft, hat ihm bereits seine Familie Beschränkungen auferlegt
und dafür gesorgt, dass sie nur gleichsam am "Rande"
erwähnt wird. Seiner Rolle als Familienvater und Ehemann freilich
widmet er etliche sehr selbstkritische Anmerkungen und legt großen
Wert darauf, die Leistungen seiner Ehefrau Rotraud ins rechte Licht
zu stellen.
Das war es dann auch schon.
Ausführlich
hingegen sind die Schilderungen über das Heimatmuseum, seine Entwicklung
und über die Ausstellungen. Daran merkt der Leser so richtig, woran
Herz und Interesse in den vergangenen dreißig Jahren außerhalb
der Familie hingen. In diesen Zusammenhängen wird auf Botschaften
nicht verzichtet.
Damit deute ich auf ein weiteres Grundmotiv von Autobiographien: Das
ist der offen ausgesprochene oder auch nicht voll bewusste Wunsch, die
eigenen Erfahrungen mögen Anderen etwas mit auf den Weg geben.
Aus Dr. Feiges Buch greife ich seine Empfehlungen für eine ausgefüllte
und befriedigende letzte Lebensphase ab. Ich darf das so unverblümt
zum Ausdruck bringen, befinde ich mich doch in der gleichen Situation.
Ich meine uns, deren Leben gekennzeichnet ist von der Dankbarkeit für
jeden Tag, den wir noch erleben und den wir als Geschenk betrachten
dürfen. Ein Geschenk wird nicht als lästig und abwertend beiseite
getan sondern angemessen gewürdigt. Dr. Feige würdigt sein
Alter, in dem er ebenso kreativ wie produktiv ist und empfiehlt das
auch uns.
Es scheint mir, als haben sich mit dem Ende seiner ärztlichen Tätigkeit,
an der er sehr hing und die ihn voll erfüllte, die Schleusen geöffnet,
die ihm seine schöpferischen Möglichkeiten in ihrer Vielseitigkeit
bis dahin gar nicht bewusst werden ließen. Vermutlich auch darum,
wie noch zu zeigen ist, weil er weder Zeit noch Muße hatte.
Gewiss hat er bereits in früheren Jahren gern zur Feder gegriffen
und sich in Prosa und Poesie - vor allem bei entsprechenden Gelegenheiten
-, mitgeteilt. Doch nun kann er - kaum eingeschränkt - seine Zeit
nutzen und - zum Beispiel so viele Bilder malen, dass sie bald jede
Wohnung in unserer Gemeinde schmücken. Auch die Sonderausstellung
in diesem Jahr wird uns einen Einblick in sein malerisches Schaffen
geben.
In jeder Autobiographie
erfahren die Leserinnen und Leser etwas über das Werden des Schreibers
aber zugleich auch über die geschichtlichen Hintergründe der
jeweiligen Zeitabschnitte und die Faktoren, die einen Lebenslauf beeinflussen.
Dr. Bruno Feige
wurde 1922 in Lörrach geboren. Und wir erhalten einen Einblick
in die Welt von vorgestern, so, wie sie nur noch wenigen unter uns vertraut
ist.
Staunend lesen
wir, dass in den zwanziger Jahren der kleine Bruno mit den Kindern aus
der Nachbarschaft vor dem Bahnhof Waldshut auf der heutigen B 34 mit
Murmeln spielen konnte. Sogar ein Foto mit diesem Motiv ist erhalten,
wie überhaupt dieses Buch mit reichem Bildmaterial ausgestattet
ist.
Es sind zum Beispiel seine Eltern zu sehen. Herr Dr. Feige fühlt
sich sehr stark als Zwischenglied in einer Familie mit reicher Vergangenheit
und, was sich an seinen Kindern und Enkeln unschwer ablesen lässt,
mit Zukunft. Wir erfahren etwas von Haltungen und Verhaltensweisen bei
den in katholischer und badisch-preußischer Tradition herangewachsenen
Persönlichkeiten. Eine ungewöhnlich klingende Mischung, die
aber bei genauem Hinschauen, in vielen von uns nach wie vor lebendig
ist.
Es erhellt sich uns, was diesen Typus einerseits daran hinderte, den
Naziparolen zu folgen und andererseits nicht in den Widerstand zu gehen.
Diese Passagen haben mich besonders berührt. Erhellen sie doch,
wie tief in uns die Scheu davor verankert ist, wider die Obrigkeit aufzumucken.
Der Vater, Gymnasialprofessor
und Direktor des Gymnasiums in Waldshut, hatte sich, als bekennender
Katholik, dem Zentrum angeschlossen. Das Zentrum war als christlich-katholische
Partei 1870 gegründet worden. Ihre Mitglieder wurden nach 1933
verächtlich gemacht und, wenn sie nicht zu den Nazis umschwenkten,
aus ihren Ämtern gejagt. Überhaupt wurde, wer sich als Katholik
betätigte und zum Beispiel in katholischen Vereinen und Jugendgruppen
mitwirkte, unter Druck gesetzt. In Waldshut war es in dieser Beziehung
nicht anders, als in anderen Städten, wie Dominik Rimmele 2004
in einem Beitrag in der Zeitschrift unseres Geschichtsvereins Hochrhein
nachwies.
Insofern war es nichts Besonderes, dass auch das Zentrumsmitglied und
der Katholik Feige aus seinem Amt entlassen und als Gymnasiallehrer
nach Freiburg versetzt wurde. Es ist für uns kaum nachvollziehbar,
was es für einen Waldshuter und Beamten bedeuten musste, ohne jedes
persönliche Verschulden mit einer Versetzung bestraft zu werden.
Eine der Folgen dieser unfreiwilligen Umsiedlung war der spätere
Verlust aller Habe bei der Zerstörung der Stadt Freiburg, bei der
auch Familie Feige "ausgebombt" wurde. Doch wurde dieser schwere
Schlag von der ganzen Familie, deren Situation durch die seit Jahren
erkrankte und an den Rollstuhl gefesselte Mutter nicht leicht gewesen
war, mit relativer Gelassenheit und Geduld getragen. Der Sohn der Familie
war zufällig auf Kurzurlaub in Freiburg und konnte selbst mit Hand
anlegen, um der Familie aus den Trümmern herauszuhelfen und dann
nach Immeneich in ein ihnen zugewiesenes Notquartier zu bringen.
Warum unser Dr.
Feige nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sogar freiwillig zur Wehrmacht
ging und dann im Verlauf des Krieges - obwohl im Westen, Osten und Süden
an den Fronten - sehr viel Glück gehabt hatte, liest sich ungemein
spannend. Dass sich der Entschluss, Medizin zu studieren und sogar Erkrankungen,
zum Wohle eines Lebensschicksals auswirken können, das ist in dieser
von Dr. Feige als Soldat erlebten Dramatik, wohl nur in Kriegszeiten
der Fall.
Nach dem Krieg
und dem Abschluss von Medizinstudium und klinischer Praxiszeiten kam
er in den Hotzenwald. Vor zweiundfünfzig Jahren blieb Dr. Feige,
als er den Arzt Dr. Ohlenforst vertreten hatte, in Görwihl hängen.
Gut die Hälfte seiner Erinnerungen ist diesen Zeiten gewidmet.
Er ist rückblickend sicher, dass die Entscheidung, in Görwihl
zu bleiben und Landarzt zu werden, gut gewesen sei. Wie aber kommt ein
junger, damals dreiunddreißigjähriger Arzt bei der Bevölkerung
an? Wie wird er integriert? Zum Beispiel in seiner Berufsrolle als Arzt?
Zwei Textauszüge
aus der Anfangszeit, sollen die Frage beantworten helfen:
"Vor meinem ersten selbständigen Praxistag hatte ich schon
die erste Geburt in Görwihl gehabt. Es wurde mir nachher erzählt,
dass Dr. Ohlenforst zwar Hausarzt gewesen war, dass sie aber Dr. Romacker
gerufen hätten, weil man ja den "Neuen" nicht gekannt
hat. Dr. Romacker war aber leider auf Praxisfahrt und konnte nicht
kommen, und so mussten sie doch mit mir vorlieb nehmen. Die Hebamme,
die ich später als ganz besonders tüchtig und aufopferungsfreudig
kennen lernte, habe nach der Geburt gesagt: "Ich glaube, der
kann's auch".
So etwas spricht sich rasch herum!
Ein weiterer
Auszug:
"An meine erste Sprechstundenpatientin kann ich mich noch gut
erinnern, wie sie ihr vielfältiges Krankheitsbild im Sprechzimmer
ausbreitete. Jetzt war ich allein und musste mich zurechtfinden. Mit
ihrem psychosomatischen Syndrom hat sie mich und auch einige Fachärzte
lange Jahre beschäftigt. Wir sind aber miteinander klar gekommen
- und sie lebt, nach über 50 Jahren, heute noch
"
Das ist doch toll!
Diese Patientin muss inzwischen bald neunzig Jahre alt sein.
Nehmen wir diese Informationen als Beweis dafür, dass seine ärztliche
Tätigkeit gut eingeschlagen ist und von nachhaltigem Erfolg gekrönt
war. Niemand von seinen Patienten verspürte etwas von der anfänglichen
Unsicherheit und rasch hatte es sich damals herumgesprochen, dass man
bei Dr. Feige in guten Händen ist.
"So habe ich
gleich gespürt", schreibt er dazu, "dass meine neue Tätigkeit
mit großer Verantwortung verbunden und manchmal auch beunruhigend
sein wird, wenn ich jetzt in der Praxis selbst Entscheidungen treffen
muss, ohne jemand in der Hinterhand zu wissen
"
Doch Dr. Feige lebte hier nicht nur in seiner Berufsrolle als Arzt,
sondern auch als Privatperson. Woran erinnert sich heute, wenn er an
diese Rolle zurückdenkt?
"Als wir
1955 nach Görwihl gekommen waren, bin ich mit meiner Familie
schon nach dem ersten Jahr in der Bevölkerung gut angenommen
worden und wurde auch zum Beispiel 1956 schon eingeladen, im neuen
Kegelklub mitzumachen. Das ist auf dem Hotzenwald schon eine besondere
Anerkennung! Zuerst wurde der Club jahrelang von Fabrikdirektor Kalchofner
geführt, und als der im Ruhestand in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt
war, wurde ich zum Vorsitzenden gewählt. Ich habe das Amt zwanzig
Jahre lang geführt, bis unser Club aus Altersgründen zusammengeschmolzen
war und sich auflöste
"
Im Grunde müsste
dieser Teil der Einführung in die Lebenserinnerungen Dr. Feige
nicht mit "Seine Rolle als Privatperson" überschrieben
werden, sondern mit größerem Fug und Recht mit: "Seine
Rolle als öffentliche Person". Zwar betont Dr. Feige ausdrücklich,
dass er sich nie um ein öffentliches Amt bemüht habe, dennoch
- oder gerade deswegen - geriet er in ganz zentrale und sehr arbeitsintensive
Ehrenämter. Ausführlich erzählt er von seiner Tätigkeit
als Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, als parteiloses Mitglied für
die CDU im politischen Gemeinderat, als Mitglied des Vorstandes der
Kassenärztlichen Vereinigung Südbaden, Abrechnungsstelle Konstanz
und - last but not least - als Vorsitzender des Vereins Heimatmuseum
Hotzenwald.
Er fragt sich selbst
heute eher kopfschüttelnd, woher er die Zeit für all diese
zumeist parallel und neben den Belastungen als Allgemeinmediziner im
Hotzenwald laufenden Verpflichtungen genommen hat. Er fragt auch zu
Recht, auf wessen Kosten das gegangen ist! Wenn es auch bei Feiges,
wie in den meisten Familie feste Rituale gegeben haben mag, an denen
ausnahmslos alle Familienmitglieder teil nahmen, so klingt das Bedauern
durch, nicht mehr Zeit mit den Kindern verbracht und die Organisation
und Gestaltung des häuslichen Alltags ganz allein seiner Frau überlassen
zu haben. Deren Einsatz freilich würdigt Dr. Feige immer wieder.
Hat sie doch, um sich ungeteilt der Familie widmen zu können, ihren
eigenen Beruf als Pharmazeutin schon früh an den sprichwörtlichen
Nagel gehängt. Seit langem hat auch sie - hier ihrem Mann ähnlich
(oder war es umgekehrt? Das ist nicht so deutlich erkennbar.) - Herausforderungen
in kreativen Bereichen gefunden. Wir alle schätzen ihre zahlreichen
Scherenschnitte und Vignetten, wie sie unter anderem die Gedichtbändchen
von Dr. Feige schmücken.
Ich möchte
- bilanzierend - ihm zustimmen und sagen: er hatte viel Glück -
es aber keineswegs leicht gehabt. Insofern ist er ein typischer Zeitzeuge
jener Jahre, die uns in den großen europäischen Krieg führten
und jener Jahre, in denen wir die Nachkriegszeiten durchlitten. Nichts
blieb der Familie Feige erspart aus deren mit großer Geduld und
Selbstverständlichkeit getragenem Schicksal heraus der kleine Bruno
schon sehr früh wusste, dass er Arzt werden wird. Und das hat er
- trotz allem - auch erreicht.
Heimatgeschichtlich
interessante Informationen erhalten wir, wenn wir aufmerksam seinem
Wirken als Hotzenwalddoktor folgen. Für die in unserer Heimatregion
wirkenden Mediziner waren in den Jahrzehnten, als vom Klimawandel noch
niemand etwas spürte, die mit den beruflichen Pflichten verbundenen
Wege vor allem im Winterhalbjahr genau so schwer zu bewältigen
wir für alle anderen, die täglich weite Strecken zurücklegen
mussten. Ein interessanter Blick in seinen Berufsalltag wird uns ermöglicht,
wobei manche der geschilderten Episoden zum Schmunzeln Anlass geben.
Überhaupt
lässt sich festhalten, dass sich diese Lebensgeschichte durch den
reichen Humor auszeichnet, die wir alle an unserem Hotzenwalddoktor
schätzen. Wenn er, wie ich eingangs bemerkte, das Buch für
sich selbst geschrieben hat, so lässt sich immer wieder herauslesen,
dass es nicht um eine Selbststilisierung geht, um eine Erhöhung,
sondern um einen eher fragenden Blick auf das eigene Leben. Und dabei
teilte sich mir mit: "Na ja, mit Gelassenheit und verhaltenem Lächeln
kam ich meistens mit mir ganz gut zurecht."
Und noch eine Anmerkung
zu der von mir so interpretierten Botschaft dieses Buches:
Vor vier Wochen, am 20. Februar 2007, trug in der Zentrale der Sparkasse
Hochrhein in Waldshut der Waldshuter Historiker Dr. Christian Ruch im
Zusammenhang mit der Präsentation eines Buches des Dogerner Dr.
Martin Kistler über die Einungen im Hotzenwald einige Überlegungen
vor (1).
In dem interessanten wie unterhaltsamen Vortrag, sagte Christian Ruch
unter anderem
"Waldshuter
- so muss ich immer wieder erstaunt feststellen - kennen den Hotzenwald,
manchmal selbst von ihnen etwas herablassend als "Hotzechlöpf"
bezeichnet, oft erstaunlich schlecht. Sie wissen oft nicht, wo Hennenmatt
liegt, Finsterlingen oder Engelschwand. Aus Obergebisbach machen sie
Obergebissbach...
Vielleicht liegt diese Unkenntnis einer Gegend direkt vor der Haustür
daran, dass Waldshut - ebenso wenig wie Laufenburg und Säckingen
- nie zur Grafschaft Hauenstein und damit zum Hotzenwald gehörte?
Oder daran, dass die Salpeterer, jene Hotzenwälder Rebellen des
18. Jahrhunderts, Waldshut einmal belagerten? Vielleicht liegt es aber
einfach nur daran, dass der Hotzenwald größtenteils abseits
der wichtigen Durchgangsrouten liegt...?"
Wenn auch
Waldshut nicht zur Grafschaft Hauenstein gehört hätte, so
seien doch die gegenseitigen Verbindungen im Laufe ihrer langen Geschichte
sehr lebhaft und für die Betroffenen nicht ohne Dramatik gewesen.
Wenn nun Kistlers
Buch dazu beitragen könnte, so die Erwartung Christian Ruchs, den
Blick der Waldshuter aufmerksamer Richtung Hotzenwald zu lenken, so
trägt ohne Zweifel das Buch von Dr. Feige ebenfalls dazu bei, den
Waldshutern und den Einwohnern der Dörfer des Hotzenwaldes die,
wie ich meine, sehr wohl bekannten gegenseitigen engen Verflechtungen
noch einmal beispielhaft zu spiegeln. Allein im Titel kommt das zum
Ausdruck und deutet auch die Richtung an:
Von Waldshut aus hinein in (bzw. hinauf auf) den Hotzenwald. Das wird
in der Schrift Dr. Feiges recht anschaulich nacherlebbar.
Ich möchte
zum Schluss noch etwas darüber sagen, was mir nach der Lektüre
dieses Buches von Dr. Feige zum Nachdenken Anlass gibt :
Recht nüchtern
stellt hier ein Mensch viele der Rollen dar, die er in seinem Leben
gespielt hat, die ihm besonders im Gedächtnis blieben und die er
darum für mitteilenswert hält. Im Hier und Jetzt, wenn wir
diesem Menschen begegnen, sehen wir nun nicht mehr nur gleichsam die
aktuelle Fassade, sondern auch, wie er wurde, was er ist.
Und uns wird bewusst,
dass es jedem von uns in unserer Begegnung mit anderen Menschen gleich
geht:
Auch wir tragen in uns stets die vielen Rollen mit, die wir spielten
oder über die wir uns noch heute definieren, so wie - ich denke
hier an den Teil "In Ehrenämtern" - Dr. Feige in unterschiedlichen
Rollen wirkte und doch immer die eine Persönlichkeit war und ist.
Mehr noch:
Wenn wir den Lebensbericht aufmerksam lesen, dann spüren wir das
Bekenntnis, dass in ihm alle Weggefährten mit leben: die Großeltern,
Eltern, Geschwister, Lehrer, Freunde - kurz alle die, an die auch wir
uns erinnern, wenn wir danach fragen, wie wir wurden, wie, wer und was
wir sind.
Das zum Ausdruck gebracht und uns vor Augen gestellt zu haben, erfahre
ich als ein großes Geschenk und einen Gewinn für mich und
mein Nachdenken über mich und für die Begegnung mit meinen
Mitmenschen.
Vielleicht ist sogar das eine zentrale, übergreifende Botschaft
aller Autobiographien: "Schaut auf mein aufgezeichnetes Leben und
findet darin meine Einmaligkeit und die vielen Facetten, die diese Einmaligkeit
ausmacht! Und nun fasse Dir ein Herz und tue für Dich das Gleiche:
Ob Du aufschreibst oder nachdenkst: es wird ein Gewinn sein; für
Dich selbst und Deine Mitmenschen".
Dr. Joachim Rumpf
19.03.2007
(1) Herrn Dr. Christian Ruch aus Waldshut sei ganz herzlich
dafür gedankt, dass er mir das Manuskript seiner Laudatio, die
er am 22. Februar 2007 in der Sparkasse Hochrhein in Waldshut aus Anlass
der Präsentation von Martin Kistlers Buchveröffentlichung
vortrug, zur Verfügung stellte. Die Zitate sind diesem Text (S.
2) entnommen.