Heimatkundliches über den Hotzenwald und seine Umgebung

 

Der Hotzenwald im Wandel

 

 

Vorbemerkung

Als der Freiburger Professor Wolfgang Hug vor fünf Jahren an einem Buch über den Hotzenwald mitarbeitete, bat er mich, ihm meine Eindrücke von Veränderungen zu schildern, wie ich sie als Bewohner Görwihls erlebte. Das tat ich dann auch. Diese meine ganz subjektiven und keineswegs systematisch erhobenen Beobachtungen bilden das Gerüst des folgenden Beitrags. Er trägt noch immer hier und da den ursprünglichen Briefcharakter und spricht einen Leser an. Außerdem wurde (und wird er) von Zeit zu Zeit ergänzt.
Wer von Ihnen, liebe Besucherin, lieber Besucher, etwas über den "Hotzenwald im Wandel" berichten möchte, ist herzlich einzuladen, mir über eigene Beobachtungen etwas mitzuteilen!

 

1.
Wohn- und Siedlungssituation

Der Wandel lässt sich einmal ablesen an den veränderten Wohnverhältnissen. Erhalten geblieben sind die dem Hotzenhaus eigentümliche Raumnutzung- und Aufteilung. Aufwendig, aber dennoch behutsam das Alte und Bewährte schonend, sind die alten Häuser renoviert, modernisiert und ausgebaut worden. Die Mittel hierfür kamen nicht selten aus Landverkäufen. Und wenn zum Beispiel in den Görwihler Ortsteil Burg hineinfährt, dann kann man sich rasch davon überzeugen, dass aus alten Bauerhäusern, stattliche Wohnsitze wurden. Doch ihre Bewohner haben häufig in ihren umgebauten Häusern mit modernen Küchengeräten und zum Teil neuem Mobiliar ihre Lebensweise in der Küche und um die „Kunscht“ herum beibehalten, genau so wie ihre Sprache. Und bei den Kindern und Enkeln sieht es nicht anders aus. Überhaupt trifft man, im Vergleich zu Familien in städtischen Regionen oder bei weniger bodenständigen Menschen, relativ häufig die Kinder und Kindeskinder im oder beim elterlichen bzw. großelterlichen Hof. Deren Häuser oder Wohnungen befinden sich dann auf dem Hofgrundstück, so dass die Bebauungsdichte wuchs. Allerdings gibt es auch unter der Hotzenwälder Jugend einige, die in die weite Welt zogen. Ich meine aber, dass eine entsprechende Studie belegen könnte, dass die Mehrzahl der aus einheimischen Familien stammenden jungen Leute im Hotzenwald beziehungsweise in seiner Nähe geblieben sind. Für die Familien in Görwihl, die ich kenne, trifft das sicher zu.

Ganz besonders zeigen sich Wandel und Wohlstand in den Ortsbildern. Sowohl Görwihl als auch Todtmoos, Herrischried, Rickenbach und Albbruck haben sich einen Ortskern geschaffen. Die Baumaßnahmen haben zwar das Bild der Gemeinde verändert, nicht aber verfremdet. Nicht ganz so erfreulich ist die Bebauungsdichte in unseren Neubaugebieten. Es wurden vor allem für Bauwillige aus den jeweiligen Gemeinden neue Baugebiete erschlossen. Die freizügiger gehandhabten Bauauflagen ermöglichten in diesen Siedlungen recht interessante und eigenwillige Bauten. Die Bodenknappheit und die Preise aber ließen die Grundstücke schrumpfen. Meine Nachfolgerin im Kinderheim, die aus Freiburg kommt, sagte nicht zu Unrecht: „Wenn man auf dem Lande so dicht aufeinander wohnt, dann kann man auch gleich in der Stadt bleiben“. Nun ja, es sind dafür oft nur wenige Schritte bis zum nächsten Feld, und die Lerchen kann man von jedem Platz im Dorf singen hören, kaum wohl noch in den Straßen unserer Städte im Rheintal.

 

 

 

 

2.
Wirtschaftliche und soziale Veränderungen

Und noch eine bemerkenswerte Beobachtung aus dem wirtschaftlich-sozialen Bereich: unsere Schulabgänger finden alle einen Ausbildungsplatz. Auch die Lernbehinderten ohne Hauptschulabschluss finden im Dorf Handwerksmeister, die sich ihrer annehmen. Ich denke, dass das in den anderen Gemeinden nicht anders ist als in Görwihl. Allein diese Praxis deutet auf soziales Verantwortungsgefühl. Eine religiöse Begründung für diese Verhalten ist für mich bei den betreffenden Gewerbetreibenden nicht erkennbar. Und in dieser Beziehung leben wir offenbar in einem Umbruch, wie weiter unten noch näher ausgeführt werden soll.

Haupterwerbslandwirte kann man allein in Görwihl an einer Hand abzählen. In Rotzingen weiß ich nur noch einen, der ausschließlich von der Landwirtschaft lebt. Doch auch die in dem Buch von Klaus Hoggenmüller und Wolfgang Hug so gründlich dargestellte industrielle Entwicklung ist im Hotzenwald rückwärts gegangen. Zuerst verschwand die Hausweberei. Unser Herr Webermeister Matt aus Segeten im Heimatmuseum kannte die Hauswebstühle noch aus dem eigenen Elternhaus. Inzwischen gibt es in unserem Gemeindeverband (Görwihl) keine Weberei mehr. Als wir 1973 hier heraufzogen, waren die Textilbetriebe noch die größten Arbeitgeber. Inzwischen sind es die „Pendler“, die in Dienstleistungsbetrieben und in der Produktion zumeist außerhalb der Gemeinde arbeiten. Am frühen Morgen, so ab fünf Uhr, hört man in allen Ortsteilen die Autos starten. Auch in unserer Straße, einem Neubaugebiet aus den Jahren 1975 bis 1980 geht es früh los. Es gibt hier insgesamt 46 Haushalte. Vier Lehrerfamilien gehören dazu, die in Görwihl arbeiten, dazu kommen der Poststellenleiter, drei Handwerksmeister und acht Rentner. Einige Ehefrauen gehen in die kleine Kunststofffabrik ROTHO, die am Ortsausgang Görwihls liegt. Alle anderen Berufstätigen – auch die Ehefrauen und Jugendlichen - arbeiten außerhalb Görwihls.

Der größte Betrieb von Görwihl ist eine Filiale der Fa. Freudenberg in Oberwihl. Weitere Arbeitsplätze in größerer Zahl bieten, neben Rathaus, Handwerk und Handel die beiden Heime, die „Sonnenhalde“ und das Kinderheim „Alpenblick“ in Rotzingen an. Doch die meisten Frauen und Männer fahren ins Rheintal und in die Schweiz. Einige sogar bis nach Basel, Baden und Zürich. Hauptarbeitgeber auf dem Wald sind die Papierfabrik in Albbruck, die Fa. Schmidt in St. Blasien. Sehr groß sind die Bemühungen ehemals kleiner Gemeinden mit landwirtschaftlicher Prägung, neue Gewerbe anzusiedeln. Rickenbach kann hier als Beispiel angeführt werden. Dort gelang es zum Beispiel, die ehemalige Weberi in Hottingen in einen „Gewerbepark“ umzuwandeln und im Hauptort oben an der Hennenmatt gibt es ein neues Gewerbegebiet mit mehreren Handwerksbetrieben. Am Beispiel Rickenbachs lässt sich besonders gut nachweisen, dass der Fremdenverkehr zunehmend auch in jenen Gemeinden eine Rolle spielt, die in dieser Beziehung auf keine lange Tradition zurückblicken können..

Es gibt aber auch eine Reihe kleinerer Dienstleistungsbetriebe, die es vor zwanzig Jahren noch nicht gab. Hier lohnt sich ein Blick ins Telefonverzeichnis von Görwihl. Abgesehen von den drei Arztpraxen (Allgemeinmediziner) und zwei Zahnarztpraxen gibt es inzwischen 10 physiotherpeutische, Massage- und Krankengymnastik-Praxen und den ambulanten Pflegedienst Hotzenwald. Vor zwanzig Jahren gab es zwei hauptberufliche Versicherungsagenten, heute firmieren 13 Versicherer und Anlagenberater. Die modernen Computerdienstleister gab es überhaupt nicht. Heute gibt es sieben Unternehmen, die im IT - Sektor tätig sind. Das gleiche gilt für Werbefirmen (Schriftgestaltung, Grafik, Fotodesign), von denen sieben im Görwihler Gemeindegebiet vertreten sind. Ich weiß natürlich nicht, wieviel Beschäftigte diese Unternehmen jeweils haben. Immerhin ist die Vielfalt gewachsen und dort, wo einst Landwirtschaft und Textilindustrie vorherrschten, hat die Moderne Einzug gehalten. Und wenn man auf die Namen und Adressen schaut, dann finden wir meistens die Kinder und Enkel der hier seit langem ansässigen Familien, die sich in ihren Elternhäusern oder Eigenheimen mit ihren kleinen Betrieben einrichteten.

 

 

3.
Kulturelle Aspekte

Gemeinsam ist unseren Kirchengemeinden, dass die katholischen Kirchen sonntags immer leerer und die Fronleichnahmsprozessionen immer kürzer werden. Die evangelischen Gemeinden krebsen schon länger herum. Für die Kultur im Hotzenwald hat die Lockerung der Bindung an die Kirchen sicher Folgen. Die drei Kindergärten von Rickenbach zum Beispiel, werden inzwischen von der Gemeinde und nicht mehr von der Kirche getragen.

Von den evangelischen Gemeinde weiß ich zum Beispiel, dass da über die Teilnahme von Gemeindegliedern an den kirchlichen Angeboten Buch geführt wird.
Zur evangelischen Kirche noch einige Bemerkungen: Im ganzen Wald (und darüberhinaus im Landkreis) erfuhren die Gemeinden einen Aufschwung während der achtziger Jahre. Diese – etwa ein Jahrzehnt währende aktive Phase – hing eng zusammen mit dem Engagement bestimmter Pfarrer für die Friedensbewegung. Ich darf an die herbstlichen „Friedensdekaden“ der evangelischen Kirche Deutschland erinnern, innerhalb derer und für die Öffentlichkeit äußerst wirksam, die evangelische Kirche sich den Anliegen der Friedensbewegung nicht verschloß und ihren Gemeinden freistellte, in welcher Weise sie sich an den entsprechenden Aktivitäten beteiligten. In Todtmoos war es Pfarrer von Ascheraden und in Görwihl Pfarrerin Holch, die die Friedensgruppen in Todtmoos und im Görwihler Gemeindebezirk leiteten. Gemeinsam mit den Gemeinderäten der jungen grünen Partei (die heute nicht mehr in unserem Gemeinderat vertreten ist) und einigen katholischen Christen brachte der „Friedenskreis Hotzenwald“ Unruhe in die (politischen und die Kirchen-) Gemeinden. Ökumene wurde groß geschrieben und von einigen – für die Beteiligten unvergesslichen Höhepunkten (Stichworte: Menschenkette, Evangelischer Kirchentag 1989 in Berlin) – wäre zu berichten. Vor zehn Jahren begann es, stiller zu werden. Pfarrer von Ascheraden zog fort, Frau Holch erkrankte und ging bald in den vorzeitigen Ruhestand und die anderen (es waren viele Lehrerinnen und Lehrer dabei) zogen sich in private Zirkel zurück. Parallel hierzu verloren die Kirchgemeinden ihre gesellschaftspolitisch engagierten und kritisch-dynamischen Glieder. Inzwischen dümpeln sie vor sich hin, einige haben Mühe, personell (es fehlen Bewerber auf Pfarrstellen und Interessenten für die Gemeinderäte) und materiell zu überleben.

Erfreulicheres lässt sich aus anderen kulturellen Bereichen berichten. Ich denke dabei zunächst an die in allen Gemeinden seit vielen Jahrzehnten bestehenden Musikvereine und Chöre. Allein in Görwihl gibt es den Männergesangverein „Frohsinn“, einen Kirchenchor und eine Singgemeinschaft unter der Leitung eines pensionierten Musiklehrers. Diese Chöre und Blasmusikgruppen haben eine lange Tradition und sind aus dem kulturellen Leben einer Hotzenwaldgemeinde nicht wegzudenken. In Görwihl gibt es seit mehr als zehn Jahren eine "Musikschule" an der viele Kinder verschiedene Instrumente spielen lernen. Die jährlichen Konzerte dieser Musikschule legen Zeugnis von dem erstaunlichen Können von Lehrenden und ihren Schülern ab und sind stets ein kultureller Höhepunkt im Leben der Gemeinde.
Auch die Angebote an konzertanter Musik nahmen zu. Da ist an die Konzerte im Dom von St. Blasien zu denken, an die Sylvesterkonzerte in den Kirchen von Herrischried und Hierholz mit Musikern, die, wie zum Beispiel Edward Tarr und Irmtraud Krüger weit über den Landkreis Waldshut hinaus bekannt sind. Natürlich gibt es außerdem zahlreiche kleine Musik-Bands, die für die junge Generation moderne Musik machen.

Von besonderem Interesse aber sind jene Künstler, die Musik und Sprache miteinander verbinden. Da machen zwei Männer seit einigen Jahren von sich reden: Einmal Anselm König aus Altenschwand, der Gedichte von Erich Kästner und Kurt Tucholski vertont, auf unserer Kleinkunstbühne im Cafe Verkehrt in Oberhof u. a. a. O. vorträgt und Beachtung und Anerkennung findet. Der andere ist Herbert Rüdigier aus Görwihl, dessen Auftritte in und außerhalb Görwihls für Zulauf sorgen. Er macht uns mit indianischer Musik und Kultur vertraut. Natürlich ist, gehen wir an den Rand des Hotzenwaldes, auch Roland Kroell, zu erwähnen. Er stammt zwar nicht aus dem Wald sondern aus Waldshut und lebt inzwischen in Laifenburg. Dennoch tritt er nicht nur häufig in den Wälderorten auf, sondern schreibt und komponiert auch über historische und aktuelle Themen dieser Region. Da ist zum Beispiel zu denken an Markus Manfred Jungs neues Stück über den Salpetrer-Hans, zu dem Roland Kroell die Lieder vertonte.

Ich erwähnte das „Cafe Verkehrt“ in Oberhof. Neben dem Gasthaus entstand vor fünfzehn Jahren eine Kleinkunstbühne, zunächst von einem Privatmann initiiert, später von einem Verein getragen. Dieser Verein „Die Hotzenwälder Kleinkunstbühne pro musis“, schaffte es, viele Künstler aus der näheren und weiteren Umgebung „mit Kultstatus“ (Hochrheinanzeiger v. 19.07.00) und viele Gäste anzulocken. Ist dieses Musiklokal vom Angebot her eher etwas für die jüngeren Generationen, so finden die „Klausenhof-Festspiele in Herrischried-Großherrischwand reichen Zulauf von jung und alt. Vor allem das Mundarttheater mit Stücken von Gerhard Jung u.a. hat hier im Sommer seinen Platz.

Märkte und Feste, die mehr sind als Ausstellungs-und Verkausgelegenheiten werden ebenfalls in Großherrischwand organisiert. Dort haben sich einige, besonders mit Natur und naturnaher Handwerkskunst verbundene Frauen und Männer niedergelassen. Da gibt es den „Berggarten“ eine biologisch-dynamisch arbeitende Gärtnerei neben Glasbäserei und Töpferei und, als Ausflugsort für Schulklassen sehr beliebt, das „Institut für Strömungswissenschaften“, in dem u.a. Eigenschaften von fließenden Gewässern untersucht werden. Alljährlich stellen sich diese Kleinbetriebe der Öffentlichkeit vor. Zum Beispiel anläßlich des Hofmarktfestes im Sommer auf dem Hof „Bienenhüsli“ von Blondie und Iris Wallaschek oder des Klausenhoffestes. Dorthin kommen aber auch Kunstgewerbetreibende aus dem ganzen südbadischen Raum.

Auch Görwihl kennt Kunstausstellungen. Bereits vor zehn Jahren begann ein ortsansässiger Optiker, Vernissagen einheimischer (Hobby-) Künstler zu veranstalten. In unregelmäßigen Abständen bietet sich Zeichnern, Malern und Fotografen Gelegenheit, ihre Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So wurden anläßlich der Ausstellung von Aquarellen mit Motiven aus dem Hotzenwald des Arztes i.R. und ehemaligem Vorsitzenden des Museumsvereins Dr. Feige, alle Objekte verkauft. Der Erlös kam dem Heimatmuseum zu Gute. 1999 hatte zum ersten Mal auch die Gemeindeverwaltung im Rathaus Görwihl eine Vernissage veranstaltet. Diese Stunden, mit Vorträgen und musikalischen Darbietungen, sind kulturelle Bonbons im Gemeindeleben. Die Ausstellungen unter dem Logo "aRtHaus" finden seither in jedem Jahre statt. Die jeweiligen Exponate schmücken jeweils für einige Zeit die Innenwände des Rathauses.

Die Museen auf dem Hotzenwald sind ein eigenes Büchlein wert, vor allem, wenn man ihre jeweilige Entstehungsgeschichte betrachtet. Das Heimatmuseum in Görwihl ist räumlich das größte und reichhaltig in seinen Themen, die Museen in Todtmoos und der Klausenhof entsprechen – schon rein äußerlich – dem, was sie sein wollen: ein Bauernhaus-Museum. Hierbei bildet der Klausenhof in unmittelbar berührender Weise jene Enge und Bedürftigkeit ab, die noch vor einhundert Jahren das Leben auf dem Wald bestimmte. Die Gemeinde Rickenbach ist dabei, ebenfalls ein Museum einzurichten. Nehmen wir die Museen zusammen und betrachten sie als einander ergänzend, so kann sich der Besucher des Waldes ein recht anschauliches Bild vom Leben und Treiben vergangener Generationen verschaffen. Die Brauchtumspflege wurde vor allem mit der Hotzenwälder Tracht belebt. Professor Oberholzer aus München hat mit dem Trachtensaal im Görwihler Museum die Vorlagen geliefert. Der Trachtenverein in Görwihl griff das auf. Heute erinnern die meisten (Hotzenwald-) Bauernkapellen an die alte Kleidung. Nur Bauern finden sich nur noch wenige unter den Musikern.

Es soll auch auf jene Frauen und Männer hingewiesen werden, die die Ruine Wieladingen wieder zum Leben erweckten. Heute ist sie eine Wanderung wert, und wenn der Verein im Sommer ein Musikfest auf der Ruine veranstaltet, dann findet man kaum Platz im Gemäuer.

Der Dachsberg ist zu einer recht interessanten Raumschaft geworden, da sich dort unter anderem Freunde „alternativer“ Lebensweisen und Einstellungen ansiedelten; keineswegs immer zur reinen Freude der Einheimischen. An erster Stelle ist hier an FIAT LUX zu denken. Diese Sekte hat zwar in Strittmatt ihren Hauptsitz gehabt, dehnte sich mit zunehmender Mitgliederzahl mehr und mehr in Ibach aus. Ein Repräsentant der Sekte sitzt inzwischen dort im Gemeinderat.

In Urberg ist der „Goldenhof“ ein Mittelpunkt der Anthroposophie. Von dorther wurde sogar eine Initiative für eine Waldorfschule im Hotzenwald gestartet. Diese Schule gibt es nun schon seit mehreren Jahren in Wolpadingen und Urberg und ist bis in die Oberstufe hinein ausgebaut. Inzwischen haben wir mehrere Waldorfkindergärten und Spielgruppen in Altenschwand, in Herrischried, in Albbruck und in Görwihl. Die „anthroposophischen Initiativen auf dem Hotzenwald und Umgebung“ geben seit 1994 mehrmals im Jahr ein Veranstaltungs- und Informationsblatt heraus. Von Anfang an waren es nicht weniger als zwanzig verschiedene anthropsophisch orientierte Einrichtungen, die darin mit Kursen, Vorträgen, Tanz- und Musikveranstaltungen vertreten sind. Nehmen wir als Beispiel die traditionsreiche „Sonnhalde“, eine Einrichtung für "geist- und seelenpflege bedürftige Menschen" in Görwihl heraus, die mit ihren Veranstaltungen (hier besonders die Weihnachts- und Fasnachtsspiele) seit Jahrzehnten viele Besucher nach Görwihl zieht, dann lässt sich in Bezug auf anthroposophische Initiativen auf dem Hotzenwald schon lange nicht mehr von einer Randerscheinung sprechen. Es gibt entsprechende Einrichtungen auch an anderen Orten im Landkreis Waldshut oder im benachbarten Kreis Lörrach. Denken wir nur an die große Waldorfschule in Schopfheim, die auch von den Kindern aus dem Wald besucht wird. Doch ist die Dichte und die Vielzahl der über das ganze Jahr verteilten Angebote ungewöhnlich groß. Bauernhöfe gehören ebenfalls in diesen Kreis, die den Bioladen in Görwihl und viele Privathaushalte direkt beliefern und auf den Wochenmärkten in Murg (Donnerstag) und Waldshut (Samstag) ihre Stände haben.

Es bietet sich hier unmittelbar an, auf die sich auch bei uns auf dem Wald mehr und mehr verbreitende Bio-Landwirtschaft hinzuweisen. Die Inhaber stattliche Bauerngüter haben sich zu einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft beziehungsweise Viehhaltung entschlossen, die darüber hinaus ihre Erzeugnisse ortsnah vermarkten. Der Wochenmarkt in Murg ist ein Beispiel hierfür oder die ganz abseits in Hartschwand gelegene "Vesperstube Eichrüttehof". Dieser von einem einheimischen Ehepaar betriebene Hof ist in den vergangenen Jahren gleichsam zu einem Zentrum nicht nur eines spezifischen Speiseangebots geworden sondern auch zu einer viel besuchten Herberge für Wanderer. Bemerkenswert erscheint mir, dass er - obwohl "alternativ" wirtschaftend - von den Einheimischen als Stammlokal angenommen wurde. Für mich steht dieser Familienbetrieb als ein erstaunliches Beispiel dafür, dass sich politischer Konservativismus, der bei der einheimischen Bevölkerung dominiert und der Mut, zukunftsweisende neue - eben "alternative" - Wege zu gehen, sehr gut verbunden haben. Es ist für mich eine Erklärung dafür, dass auf dem Wald unterschiedliche, gelegentlich weit auseinander liegende Lebensanschauungen und Existenzweisen, friedlich nebeneinander bestehen können.

Offenbar waren es dergleichen Überlegungen, die, neben der relativen Abgeschiedenheit der Täler und abgelegenen Höhen auch anderen Personen oder Personengruppen mit ihnen ganz eigentümlichen Orientierungen dazu bewogen, in diesen Landschaften ihre Domilzile aufzuschlagen. Ohne eine syste,atische Zuordnung versuchen oder gar eine Bewertung vornehmen zu wollen, seien einige hier erwähnt. Da gibt es einmal die christlichen Sekten, wie die von Hans Schaffranek in Rickenbach-Jungholz oder die von Urielle in Strittmatt. Die letztere, bekannt geworden unter dem Namen "Fiat Lux" erfreute sich so großen Zuspruchs, dass der Spaziergänger in Strittmatt mehreren der weiß gekleideten Angehörigen der Fiat-Lux begegnen kann, die sich in diesem Dorf niedergelassen und zum Teil stattliche Häuser errichtet oder erworben haben. Im gleichen Dorf hat die ebenfalls christliche Gemeinschaft der "Ichtys" eine Heimat gefunden. Eigentlich treten beide religiösen Gruppierungen im Gemeindeleben nicht in Erscheinung, sondern wirken gleichsam unauffällig und "lautlos" unter uns. Lediglich anlässlich ihrer Versammlungen bzw. Gottesdienste parken vor den jeweiligen Versammlungsorten viele Autos. Und zwar viel mehr, als vor den Kirchen am Sonntag während der Gottesdienste. Das trfft besonders für die "Christliche Gemeinschaft" in Segten, dem von Strittmatt nur wenige Schritte entfernten Ort zu. Die Besucher der Gottesdienste des Herrn Ehemann hatten 2005 ein leer stehendes Fabrikgebäude erworben und in Eigenarbeit im Innern und außen herum so hergerichtet, dass es zu einem ansehnlichen Anwesen der kleinen Wohngemeinde wurde. Am 28. Januar 2006 beging diese Gemeinschaft ohne Vorstand und Mitgliedsbeiträge ihr zehnjähiges Bestehen. Wenn ich aber den Aufsatz darüber in der Badischen Zeitung vom 28 Januar lese, dann möchte ich sagen, dass es einem sehr religiösen, an Bibelschulen in Deutschland und einem theologischen College in Dallas/USA ausgebildeten Prediger gelungen ist, eine relativ große Gemeinde um sich zu versammeln. Woher kommen die vielen Gottesdienstbesucher? Sie leben in unseren Gemeinden, sind katholisch, evangelisch, vielleicht auch ohne Konfession und suchen, wie einer von ihnen sagt "persönliche Betreuung und Beziehung. Das Sonntgaschristentum ist mir nicht genug. Ich brauche den Dialog. Wir haben hier den Mut, etwas anderes zu machen, ohne besserwisserische Haltung." Und wer von den formalistisch-rituellen Liturgien und den lerrformelhaften Phrasen der Predigten in den herkömmlichen Gottesdiensten genug hat, trotz allem aber gläubiger Christ ist und seinen Glauben leben will, sucht sich halt andere Möglichkeiten, seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Das Besondere, mir Auffallende ist lediglich, dass sich im Hotzenwald derartige alternative Angebote häufen. Und ich bin mir - angesichts der geringen Publizität derartiger Gruppen - nicht einmal sicher, ob nicht noch mehr von ihnen im vorderen Hotzenwald oder auf dem Dachsberg existieren. Die "Schaffranek-Sekte" zum Beispiel, wurde nur darum bekannt, weil 1993 und 1995 die Zeitungen Anlass hatten, über sie zu berichten.

Die Gründe, die "alternative" Gruppen, Institutionen oder Einzelpersonen dazu veranlassten, sich in dieser Landschaft im südlichen Schwarzwald anzusiedeln, sind vielfältig und wohl kaum auf einen Nenner zu bringen. Der Rickenbacher Bürgermeister meinte zu dieser Frage, die ihm ein Journalist stellte:

"Warum die ausgerechnet hierher gezogen sind, ist für uns auch nicht nachvollziehbar. Das Phänomen gibt es ja im ganzen Südschwarzwald. Wahrscheinlich kommen diese Menschen, weil wir sehr tolerant sind, ganz anders übrigens, als man uns üblicherweise nachsagt. Es hat hier, von den relidiösen Salpeterernachfahren angefangen, immer religiöse Gruppierungen gegeben. Bei uns gibt es Relifions- und Menungsfreiheit..." (Südkurier, 31. Dezember 1993, S. 25).

Vgl. dazu auch den Gastbeitrag von Dr. Schristian Ruch!

Auswirkungen aber auf die soziale Zusammensetzung der Wohnbevölkerung und damit zugleich auf die ökonomische Situation unserer Gemeinden hat das gleichwohl. Da ist noch einmal zu erinnern an das Schulbesuchsverhalten und die Errichtung privater Schulen und Kindergärten. Sehr wahrscheinlich lässt sich auch die Lesefreudigkeit der Hotzenwaldbewohner damit begründen. Zu dieser Bemerkung die folgende Beobachtung:
Der Verleger Wolfgang Schillinger in Freiburg, der zahlreiche recht anspruchsvolle Bücher über Land und Leute unserer Region in seinem Programm hat, verkauft an die Buchhandlungen im und am Hotzenwald (also St. Blasien, Waldshut, Laufenburg, Bad Säckingen und Wehr) deutlich mehr Bücher, als im mittleren Schwarzwald (also z. B. Titisee-Neustadt, lenzkirch, Bonndorf u. a. a. O.). Die Leute auf dem Wald - und natürlich auch alle anderen, die die Buchhandlungen in den genannten Orten besuchen, kaufen ganz offensichtliche mehr Bücher, als in anderen Regionen. Ob die "Wälder" und hier besonders diejenigen, die in den vergangenen Jahrzehnten hinzugezogen sind, dabei einen auffallend hohen Anteil haben, das wissen allein die Buchhändler.

Mit Todtmoos und St. Blasien kann der Hotzenwald heilklimatische Kurorte anbieten, in denen sich einst Zentren der Tuberkulosebehandlung befanden. Die Kranken- und Kurkliniken gibt es noch, doch liegen heute deren Aufgaben mehr in den Bereichen Herz- und Kreilauferkrankungen und Rehabilitation. In Todtmoos aber ist noch der Kreis um den Philosophen und Arzt Graf Dürkheim von Interesse. Dort ist im Ortsteil Rütte seit 1951 die "Existetialpsychologische Bildungs- und Begegnungsstätte" vom Ehepaar Dr. Maria Hippius-Gräfin Dürkheim und Professor Dr. Karlfried von Dürkheim gegründet worden und existiert noch heute, Jahre nach dem Tod des Gründers. Für die Bürgerinnen und Bürger im Hotzenwald wirkt dieses Zentrum eher im Verborgenen. Anders als die anthroposophischen Initiativen treten sie wenig in der Öffentlichkeit in Erscheinung.

Ich bin kein Sportler: darum erwähne ich diesen Bereich erst am Schluss. Die entwicklungsfördernden Möglichkeiten des Sports wissen Heimerzieher besonders zu schätzen. Inzwischen unterhalten die Kinderheime auf dem Hotzenwald in Rotzingen (Alpenblick), Rickenbach (Pro Juve) und Görwihl (Sonnhalde) jeweils eigene Reitanlagen, haben Pferdeställe errichtet und beschäftigen Pädagogen mit entsprechenden Zusatzqualifikationen. Besonders in den Filialgemeinden von Herrischried, Murg (Niederhof), Rickenbach (Hottingen), Görwihl und auf dem Dachsberg finden sich Reitställe mit Angeboten für Einheimische und Gäste.
Herrischried ist, ebenso wie Todtmoos, zu einem Zentrum für den Wintersport geworden. Schilifte und Loipen, eine Eislaufhalle, die im Sommer zum Rollschuhlaufen genutzt werden kann sind auch in Herrischried. Die Gemeinden im Hotzenwald setzen mehr und mehr auf den ganzjährigen Fremdenverkehr und tun viel für potentielle Gäste. Nicht zuletzas Verschwinden der Textilindustrie auf dem Wald, erst 2005 hat einer der letzten den Betrieb eingestellt, zwingt die Gemeinden, nach Alternativen Ausschau zu halten.

Fußballvereine und Fußballplätze gibt es in jedem Dorf und bieten, wie die Feuerwehr und das Rote Kreuz vielen jungen Leuten die Möglichkeit in Gruppen gesellig zu sein, Solidarität und kooperatives Verhalten zu üben. Ergänzt werden diese Angebote durch Wanderungen und Exkursionen, die Schwarzwaldverein, der BUND, die Kolpng-Familie und die Junge Union anbieten.

Relativ neu sind die Tennisplätze in den Dörfern (z.B. Görwihl) und der große Golfplatz in Rickenbach. Seit über zwanzig Jahren hingegen gibt es bereits die Halle mit der Kunsteisbahn in Herrischried, die, besonders im Winter, sehr gern besucht wird. Herrischried, Wehrhalden und Todtmoos sind mit ihren Skiliften unsere Wintersportzentren. Loipen hingegen gibt es auch auf dem Görwihler Berg und auf dem Dachsberg.

Nicht vergessen werden darf der Flugsportverein, der in Hütten einen Flugplatz unterhält. Es sind vor allem die Segelflieger, die dort geradezu ideale Bedingungen vorfinden. Einmal im Jahr versammeln sich viele Menschen um diesen Flugplatz, um die Flugkünste von Seglern und Motorsportflugzeugen zu bewundern.

 

 

 

Das Schulwesen

Sogar die Europäische Kommission hat gerade, im Februar 2006, auf Wunsch von einheimischen Bildungspolitikern Experten in die Bundesrepublik geschickt, um nach Bestätigungen dafür zu suchen, dass bei uns die Kinder "Bildungsferner Schichten" in ihren Lebenschancen dadurch benachteiligt sidn, dass sieüberdurchschnittlich weniger auf weiterführende Schulen gehen konnten/dürften, als Kinder anderer Bevölkerungsgruppen. Besonders Kinder aus Familien mit anderem kulturellen Hintergrund (z. B. Immigrantenfamilien) seine betroffen.

Ich kann hier nicht prüfen, ob und in welchem Ausmaß und an welchen Orten unter welchen Rahmenbedingungen das zutrifft. Im Hotzenwald jedoch, und in unseren Dörfen leben ebenfalls Arbeiter, Bauern oder Immigranten aus Russland oder Staaten mit islamischen Kulturen, kann von einer derartigen Benachteiligung keine Rede sein.!

Unter der Überschrift "Hauptschulen im Hotzenwald leiden unter Auszehrung" wurde am 18.02.2006 berichtet, dass zum Beispiel an der Grund- und Hauptschule in Rickenbach von 86 Mädchen und Jungen, die die Grundschule im Sommer 2005 verließen

46 Kinder auf die Realschule
32 in ein Gymnasium wechselten.
nur acht Kinder blieben auf der Hauptschule. Wenn diese acht einen Hauptschulabschluss erreichen, werden, nach bisher vorliegenden Erkenntnissen, 6 von ihnen anschließend eine ein- oder zweijährige Berufsfachschule besuchen.

 

 

4.
Angleichungsprozesse

 

Scheffel widmeten einen beachtlichen Teil seines Berichts den damals wie heute gleichermaßen strafbaren Verhaltensweisen der Waldbewohner. Diebstähel, Betrügereien und Körperverletzungen schienen an der Tagesordnung zu sein. Und nimmt man die Aufzeichnungen des Pfarrers von Herrischried, Isidor Kaiser aus den Jahren 1882 bis 1898 zur Hand (bearbeitet von Alexander Wagner, hersg. von Günther Adolf, Herrischried im April 2007) dann scheinen Körperverletzungen bis hin zu Todesfolge zwischen den Dorfgenossen keine Seltenheit gewesen zu sein.
In dieser Beziehung, soviel sei hier vorsorglich eingeflochten, haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Hotzenwaldes inzwischen grundlegend verändert. So wie sich, vor allem nach dem zweiten Weltkrieg, die Lebensverhältnisse der "Wälder" und der Bewohner in den Tälern anglichen, so schwand auch die von Scheffel erlebte "Rauflust"

 

 

5.
Ursachen des Wandels

Neben der wirtschaftlichen Entwicklung, zu denken ist hier an die Förderprogramme für den Hotzenwald in den fünfziger und sechziger Jahren und der allgemeinen wirtschaftlichen Prosperität in der Bundesrepublik und besonders Baden- Württembergs möchte ich auf zwei Faktoren aufmerksam machen: auf die „Bevölkerungsmischung“ und auf die Bildungsexpansion.

Die „Bevölkerungsmischung“

Ich habe diesen Terminus bewusst gewählt. Wenn Du heute einen jungen Menschen kennenlernst, der von Namen und Sprache ein „echter“ Hotz zu sein scheint, dann frage lieber erst nach den Eltern und Großeltern, bevor Du sagst: das ist mal ein waschechter Einheimischer. Selbst in Familien, in denen ich es nicht vermutete, stellte sich bei näherer Bekanntschaft heraus, dass Opa oder Oma aus Schlesien, Ostpreußen oder Sachsen kamen.

Drei Wanderbewegungen brachten Deutsche aus anderen Gauen auf den Hotzenwald:
das Kriegsende mit Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten;
die „Ostzonenflüchtlinge“ aus den fünfziger Jahren wie ich sie in der Chronik der evangelischen Kirchengemeinde Görwihl-Herrischried beschrieb und.
in geringerem Ausmaß die Ansiedlung von Deutschen aus Russland im vergangenen Jahrzehnt.

Nehmen wir noch die zunehmende „natürliche“ Fluktuation hinzu, z.B. ziehen Hotzenwälder aus persönlichen bzw. beruflichen Gründen nach Berlin und in andere Städte und Landschaften, – und umgekehrt ziehen Berliner und Andere ziehen aus gleichen Gründen in den Hotzenwald), dann wird verständlich, dass es nur wenige Familien gibt, die keine Wanderbewegungen erlebten und in der keine Vermischung durch Ehe und Geburten stattfand Kürzlich sprach ein junger Mann aus einer einheimischen Familie tatsächlich davon, dass der Hotzenwald „überfremdet“ sei und jetzt darauf hingewirkt werden müsse, dass der Zuzug von Fremden gebremst wird. Lernen wir diesen Mann näher kennen, und das ist ja hier nicht schwer, dann lässt er sich einordnen in den in der Tat immer kleiner werdenden Kreis konservativer Heimattümler. Vor zweihundertfünfzig Jahren wäre er sicher ein Repräsentant der „Ruhigen“ und Gegner der Salpeterer gewesenDiese Erscheinung aber dürfte überall in Deutschland gleich sein.

Insofern stellt auch der zweite Ursachenstrang keine Besonderheit des Hotzenwaldes als ländliches Gebiet dar. Denn als Georg Pichts Schlagwort von der „deutschen Bildungskatasrophe“ in der Kulturpolitik Wirkung zu zeigen begann, da erreichte sie auch den Hotzenwald. Hier darf die Erinnerung zunächst ganz persönlich sein: Als uns am Ende des Wintersemesters 1967/68 in der Pädagogischen Hochschule in Freiburg Herbert Deissler unsere Examenszeugnisse überreichte, hatte eine Görwihlerin als Beste abgeschnitten. Ihr Abitur hatte sie, die heute hier noch lebt, in einem Internat erworben. Und sie war das einzige Mädchen ihres Jahrgangs aus Görwihl, die diesen Schulabschluss erreichte. Auch in den Jahren davor und danach gab es keine mehr. Wer im Hotzenwald lebte, hatte allein aus verkehrtechnischen Gründen, keine Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen. Außerdem war eine höhere Bildung nur bei besonderen Begabungen akzeptiert und auch nur, wenn Lehrer und Pfarrer die Eltern überzeugen konnten und Begabtenstipendien in Aussicht standen. Die begabten Buben zogen nach Meersburg ins Internat.

Das änderte sich grundlegend. Wir haben heute sogar ein Gymnasium mitten im Hotzenwald, denn das Kolleg St. Blasien öffnete sich vor einigen Jahren für externe Mädchen und Jungen. Unsere Eltern können heute wählen zwischen den weiterführenden Schulen in Waldshut, Bad Säckingen und St. Blasien. Überall hin gibt es gute Schulbusverbindungen für die Kinder, die nicht davor zurückschrecken, jeweils eine Stunde im Schulbus morgens und mittags zu fahren. Und es wird reichlich Gebrauch von dieser Möglichkeit gemacht. Es ist stets wenigstens die Hälfte eines Schülerjahrgangs, die diese Chancen nutzt. Und von den Mädchen und Jungen, die es vorziehen, die Hauptschule in ihren Gemeinden bis zum Abschluss der neunten Klasse zu besuchen, finden wir wieder zwei Drittel auf den einjährigen oder zweijährigen Berufsfachschulen wieder. Das Bildungsstreben ist also sehr gewachsen. Und weil vielen von diesen jungen Menschen nach der Schul- und Berufsausbildung im Hotzenwald bleiben, sorgen sie ihrerseits dafür, dass die Entwicklung voran geht.

Dies ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass sich in allen Beziehungen so viel Wandel vollzog, dass es gut ist, wenn sich einige auf Althergebrachtes besinnen und immer wieder darauf hinweisen, dass die Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit verständlich ist, dass zur Identität der Bewohner des Hotzenwaldes seine Geschichte bzw. die seines Wandels gehört. Nicht zuletzt erwarben sich in den vergangenen Jahren jene Frauen und Männer Verdienste um den Hotzenwald, die über ihn schrieben. Wolfgang Hug gehört dazu mit seinem Buch "Im Hotzenwald. Ein Natur und Kulturführer" (2001) oder der Vorsitzende des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz Helge Körner, der gerade im Mai 2003 ein Buch über den "Hotzenwald - Natur und Kultur einer Landschaft im Südschwarzwald " vorlegte.

 

79733 Görwihl, d. 22. 07 2000;
überarbeitet 11/ 2004; 01/2006

 

 

 

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