Wie wir
von den Ereignissen um die Salpetererunruhen vor allem aus dem neunzehnten Jahrhundert
wissen, lebten damals auf dem Görwihler Berg und in den anderen ehemaligen
Hauensteinischen Gemeinden viele Frauen und Männer, die, wie man so landläufig
sagt "gut katholisch" waren. Wenn auch die Reformationszeit in unserer
Region sehr stürmisch verlief, so war es den Obrigkeiten in diesen zu Habsburg
gehörenden Einungen und den Waldstädten gelungen, die katholische Konfession
zu erhalten und im Verlaufe der weiteren Generationen zu festigen. Die Salpeterer
des neunzehnten Jahrhunderts, von denen der letzte erst 1936 starb, waren ja keine
Rebellen gegen politische Ordnungen sondern besonders radikale und konsequente
Anhänger einer eng mit dem Papsttum und alten religiösem Brauchtum verbundenen
Katholizismus. Blieben sie auch Außenseiter und vollzogen Veränderungen
innerhalb der katholischen Kirche nicht mit, so dürfen sie als Zeichen dafür
gelten, dass katholische Religiosität wesentlich das kulturelle und geistige
Leben im Bereich der ehemaligen Gemeinden Vorderösterreichs in unserer Landschaft
bestimmte. Dabei
lebten evangelische Einwohner Badens gleichsam Tür an Tür mit ihren
katholischen Nachbarn. Denn die Menschen in den Gemeinden, die zur alten badischen
Markgrafschaft gehörten, waren evangelisch. Am Hochrhein liegen zum Beispiel
die Dörfer Grenzach (nördlich der Bundesstraße ehemals badisch,
südlich gehörte es zu Vorderösterreich) und Wyhlen (vorderösterreichisch)
ebenso dicht beieinander, wie Stetten (vorderösterreichisch) und Lörrach
(badisch). Heute gehören sie jeweils zu einer Gemeinde. Eine "Durchmischung"
der katholischen und evangelischen Bevölkerung fand allerdings lange Zeit
hindurch kaum statt. Das hat sich in unserer Zeit so stark verändert, dass
die Vorstellungen einer wertenden Trennung nach Konfessionen in unserer Landschaft
absurd erscheint. Und doch liegen die Anfänge eines nachhaltigen Bewusstseinswandels
in beiden Bevölkerungsteilen noch gar nicht so lange zurück. Noch
vor fünfzig Jahren, so wissen es Zeitzeugen zu berichten, war zum Beispiel
der Widerstand von Seiten der katholischen Kirche und des Bürgermeisters
in Waldshut gegen die Errichtung einer evangelisch-freikirchlichen Kirche sehr
groß. "Nur über meine Leiche werden Sie in Waldshut einer
Hubmaier-Kirche (so der Name der neuen Kirche) bauen" hatte der Bürgermeister
gewettert. Dem katholischen Ehepaar, das der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde
das Grundstück für das Gotteshaus verkaufen wollte, wurde mit Exkommunizierung
gedroht. Diese Widerstände gegen die anderen christlichen Kirchen waren umgekehrt
in den von Alters her evangelischen Gemeinden nicht geringer. Es waren vor allem
die Folgen von Krieg und Nachkriegszeiten in der zweiten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts, die die von wirtschaftlichen Entwicklungen schon früher angestoßenen
Veränderungen nachhaltig beschleunigten.
Wer
mit evangelischen Gemeindegliedern auf dem Görwihler Berg über das kirchliche
Leben nach 1945 spricht, gewinnt allerdings den Eindruck, als seien erst mit den
Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Gebieten jenseits von Oder und
Neisse Evangelische nach Görwihl gekommen. Dieser Eindruck trügt. Evangelische
Bürger gibt es im Hotzenwald schon seit mehr als hundert Jahren. 1825
lebten im Amtsbezirk Waldshut, zu welchem damals auch Görwihl gehörte,
419 Personen evangelischer Konfession; 50 Jahre später waren es bereits 1407
von insgesamt 48 626 Einwohnern, also 2.9 Prozent. Zu dieser Zeit, im Jahre 1875,
weist die Bevölkerungsstatistik für unsere Gemeinden folgende Zahlen
aus: Görwihl hatte 12, Niederwihl 14, Oberwihl 1, Rüsswihl und Tiefenstein
12, Herrischried 3 und Hornberg 2 evangelische Einwohner. Um die Jahrhundertwende
wurden in Görwihl und Rüsswihl 34 evangelische Bürger gezählt.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Evangelischen in unseren Hotzenwaldgemeinden
deutlich zu: 1925 bekannten sich im heutigen Görwihler Teil der Kirchengemeinde
60 und im Bereich des Herrischrieder Teils - hier gab es den deutlichsten Zuwachs
- sogar 71 Einwohner zur evangelischen Konfession. Von diesen lebten die meisten
(27) in Hogschür, in Herrischried selbst waren es 11 (Quelle: Badisches Statistisches
Landesamt 1928). Mit diesen Angaben sind einige Orte genannt worden, die zu
dem Raum gehören, den unsere evangelische Kirchengemeinde Görwihl -
Herrischried heute umfasst.
Wenn wir
uns heute die schmucken und blühenden Dörfer des Hotzenwaldes anschauen,
können wir uns kaum vorstellen, wie groß die materielle Not in jenen
Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts war, in denen die ersten Evangelischen
hier heraufgekommen sind. In jeder Darstellung der Geschichte des Hotzenwaldes
(vgl. u.a.: Endriß 1941; Metz 1959 und 1980; Eisenbeis 1975; Hug/Hoggenmüller
1987; Hug 2001) finden wir eine Fülle von Informationen über die Ursachen
und Auswirkungen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Schon seit der Mitte
des 18. Jahrhunderts wurde die Heimarbeit, zunächst als Baumwollspinnerei,
in unseren Gebieten zur bedeutsamsten Einnahmequelle für die Hotzenwälder,
dassdie durch Erbteilung immer kleiner werdenden landwirtschaftlichen Anwesen
die immer größer werdende Zahl der Menschen nicht mehr ernähren
konnte. Stets dann, wenn im 18., 19. und 20. Jahrhundert die Folgen politischer
und wirtschaftlicher Krisen die Heimarbeit erschwerten oder gar ganz zum Erliegen
brachten, wurde die Not bei den Familien auf dem Walde unerträglich. In einem
Bericht aus dem Jahre 1850 heißt es: "Die große Not in diesen
Waldgegenden eines bäuerlichen Proletariats ohne allen Grundbesitz und ohne
die Möglichkeit, in dieser Abgelegenheit durch Handarbeit etwas zu verdienen,
hatte die Staatsregierung veranlasst, eine Auswanderung der Bedrängtesten
nach Amerika auf Staatskosten zu organisieren. Es war damals auf dem Wald eine
große Bewegung; in Herrischried wurde in verschiedenen Ateliers geschneidert
und geschustert, um die Betreffenden zur Fahrt übers große Wasser gehörig
auszustaffieren." (Endriß 1941, S.27) Eine Zahl mag das illustrieren:
in Görwihl schrumpfte die Einwohnerzahl von 1852 bis 1855, also in nur drei
Jahren, von 1198 auf 1051 um 147 Personen. Bis zur letzten Volkszählung vor
dem zweiten Weltkrieg, im Jahre 1939, waren in Görwihl nur noch 777 Einwohner
gemeldet (a.a.O., S.47). Der Rückgang war aber in all den Jahren nicht wieder
in einer so dramatischen Höhe zu beobachten gewesen, wie 1855.
Welche
Motive waren es, die Evangelische in ein wirtschaftlich so armes, zwar landschaftlich
sehr reizvolles, aber klimatisch rauhes Land führten? Antwort auf diese Frage
gibt uns ein Blick auf die industrielle Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert.
Der Zusammenhang zwischen der Errichtung erster, als industriell zu bezeichnender
Fertigungsstätten im Hotzenwald und dem Auftauchen erster evangelischer Bürger
in den Bevölkerungsstatistiken ist unverkennbar (vgl. dazu auch: Badisches
Statistisches Landesamt 1928, S. 50 ff). Unternehmer, ganz gleich ob sie evangelisch
oder katholisch waren, schauten weniger auf die Konfessionszugehörigkeit
ihrer Mitarbeiter, als auf deren Befähigung für den Arbeitsplatz. Metz
berichtet, dass allein in Görwihl zwischen 1840 und 1860 drei Firmen bestanden.
Eine dieser Firmen, die Zeugle-Hausweberei C.A. Hipp, führte die mechanische
Buntweberei ein und entwickelte sich nach ihrer Übersiedlung nach Brennet
im Jahre 1881 zu dem noch heute bestehenden großen Betrieb. Seit
1836 errichteten die Fabrikanten Peter und Otto Bally aus Schönenwerd bei
Aarau im Aargau (CH) Seidenbandwebereien am Hochrhein und im Hotzenwald. Später
kam die Firma Sarasin aus Basel hinzu, so dass in der Blütezeit dieses Fabrikationszweiges,
in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ca. zweitausend Heimarbeiter
mit der Seidenbandweberei ihr Brot verdienten (Döbele 1932). Schweizer Unternehmer
aus dem Kanton Glarus und aus Zürich, Uandré Streiff, die Brüder
Trümpi und Hans Vögeli, erwarben 1873 in Tiefenstein die Baumwollspinnerei
der Brüder Schmidt aus Waldshut. Lukas Schmidt hatte diese Fabrikationsstätte
erst 1865 in den Gebäuden des ehemaligen Hüttenwerks in Tiefenstein
eingerichtet (Ebner 1952, S.34). Es kamen also auch Schweizer Unternehmer
aus reformierten Kantonen in die Dörfer des Hotzenwaldes, wie z.B. Hans Vögeli,
der aus Zürich stammte und dessen Haus zur ersten Begegnungsstätte der
evangelischen Bürger im Raum Tiefenstein-Görwihl werden sollte.
Die
Anfänge seelsorgerischer Arbeit für die evangelischen Bürger, die
in der Region um Tiefenstein lebten, waren nicht leicht. Für die im Hochrheintal
und in den angrenzenden Hotzenwaldgemeinden verstreut lebenden Evangelischen wurde
1859 in Säckingen die erste Pastorationsstation in unserer Gegend errichtet,
die bereits fünf Jahre später in eine Pfarrei umgewandelt wurde. Waldshut
- seit 1860 bestand hier eine Filialgenossenschaft von Säckingen - erhielt
1870 mit Pfarrer Ludwig den ersten Pastorationsgeistlichen. 1872 wurde dann Waldshut
ebenfalls Pfarrei. Von dort aus wurden von den Pastorationsgeistlichen im weiten
Umkreis Gottesdienststationen eingerichtet. Bevor die Arbeit in Tiefenstein begann,
gab es bereits solche Stationen unter anderem in Bonndorf und St. Blasien. An
Sonn- und Feiertagen musste der Pfarrer zu allen Jahreszeiten die weiten und damals
recht beschwerlichen Wege in die abgelegenen Wälderorte auf sich nehmen.
1874 erklärte der Pastorationsgeistliche, Pfarrer Ludwig, dem Evangelischen
Oberkirchenrat in Karlsruhe gegenüber seien Absicht, auch in Tiefenstein
eine Gottesdienststation einzurichten. Tiefenstein war nicht nur der Sitz größerer
Betriebe, sondern es lag auch für den Bezirk, in dem Evangelische wohnten,
einigermaßen zentral. Wir erfahren aus den Kirchenbüchern, dass evangelische
Bürger aus Albbruck, aus Unteralpfen, aus Schachen, Niederwihl, Rüsswihl,
Oberwihl und Görwihl zur Diasporagemeinde Tiefenstein gehörten. Diese
Bezeichnung, die schon 1875 im Schriftverkehr zwischen der Diasporagemeinde Waldshut
und dem evangelischen Oberkirchenrat Verwendung findet, ist freilich irreführend,
dass sie eine Selbständigkeit annehmen läßt, die nicht vorhanden
war. Die evangelischen Bürger, die in diesem Bereich lebten, gehörten
zur Diasporagemeinde Waldshut und entsandten auch ab 1876 ihre Vertreter in den
Kirchenvorstand dieser Gemeinde.
Der erste
evangelische Gottesdienst auf dem Boden unserer heutigen politischen Gemeinde
Görwihl, begann am Sonntag, dem 28. Februar 1875, um 14.00 Uhr. Im Lehrzimmer
des Fabrikanten Vögeli versammelten sich ungefähr 40 Personen, die hauptsächlich
aus Tiefenstein und Görwihl kamen. Pfarrer Ludwig berichtet in einem Brief
über dieses Ereignis:
"Man
denke sich ein mäßig großes Zimmer, in dessen einer Ecke ein
Piano steht, das, von der Erzieherin der Kinder des Hausherrn gespielt, die Orgel
ersetzt, an der einen Wand ein schwarz umhülltes Nähtischchen, das sich
redlich Mühe gibt, zugleich Altar und Kanzel darzustellen, daneben ein bequemer
Lehnsessel für den Geistlichen, während der übrige Raum von etlichen
Reihen von Stühlen, deren weltlicher Charakter sich nicht verkennen läßt,
ausgefüllt ist: so hat man so ziemlich ein Bild unseres Gottesdienstlokals
und sr. Inneren Einrichtung. Indes genügt es vollständig für unsere
Zwecke. Die Erbauung, wie wir Protestanten sie suchen und verstehen, hängt
ja auch nicht von dem Ort ab, an dem sie stattfindet, sofern derselbe überhaupt
ein anständiger und würdiger ist. (Joh. 4, Vers 21-24)."
Der Versuch des Geistlichen, das Tiefensteiner Schullokal für die Gottesdienste
zu erhalten, war zu der Zeit noch am konfessionellen Unwillen der zuständigen
Gemeindebehörde gescheitert. Als 1877 Hans Vögeli Tiefenstein verließ,
stellte Herr Streiff der Gemeinde einen Raum in einem Fabrikgebäude zur Verfügung,
das später als Werksheim diente. Als 1906 der Pfarrer nach einem Raum für
den Religionsunterricht Ausschau hielt, durfte er das Gottesdienstlokal vierzehntägig
mitbenutzen. Wir lesen in einem Brief der Betriebsleitung der Firma Trümpi
Wildt und Streiff an den Pfarrer:
"Ich
habe das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, dass, wie vorauszusehen, das Gottesdienstlokal
Mittwoch nachmittags alle 14 Tage für den Religionsunterricht zur Verfügung
steht. Betrifft die Bilder Luther und Melanchthon, muss wohl auf deren Plazierung
im Lokal auch aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit der gut römisch-katholischen
Bevölkerung (d.h. der katholischen Arbeiter, welche das lokal allwöchentlichen
...mitbenutzen) verzichtet werden..."
Pfarrer
Ludwig hat in jenen Anfangsjahren erlebt, dass sich die Evangelischen sehr wacker
an den neu eingerichteten Gottesdiensten beteiligten und sich über die Möglichkeit,
wieder am kirchlichen Leben teilnehmen zu können, sehr freuen würden.
Auch für die Kinder sorgten die Pfarrer von Anfang an, indem sie den Religionsunterricht
jeweils an die Gottesdienste anschlossen. Über die Zusammensetzung der evangelischen
Bürger erfahren wir, dass es Fabrikanten und deren Angestellte und Arbeiter
gewesen waren, auch untere Staatsbeamte und Geschäftsleute, sowie Frauen
aus gemischten Ehen, alle der Nationalität nach zur Hälfte Schweizer
Bürger. Genauere Auskünfte erteilen uns die Kirchenbücher.
So wurde von 1894 bis 1914 ein Familienbuch geführt; die ältesten
Eintragungen finden wir dort unter dem Datum des 22. Mai 1894: 1. Herr Rudolf
Wildi, Fabrikant in Görwihl aus der Schweiz (mit drei Angehörigen);
2. Albert Isler, Aufseher in Tiefenstein, aus dem Kanton Zürich ( mit fünf
Familienangehörigen); 3. Johann Heinrich Trachsler, Aufseher in Görwihl,
aus dem Kanton Zürich (mit acht Familienangehörigen); 4. Gustav
Lacher, Arbeiter in Albbruck, aus Stockmatt (mit fünf Familienangehörigen);
5. Paul Wagner, Aufseher in Albbruck, aus Schönau, Württemberg (mit
drei Familienangehörigen); 6. Friedrich Wilhelm Penn, Beruf fehlt, aus
Arnswalde, Preussen (mit elf Familienangehörigen); 7. Johann Andreas
Imhof, Beruf fehlt, aus Basel (mit sieben Familienangehörigen); 8. Albert
Friedrich Meyer, Kanzleigehilfe beim Notariat Görwihl, aus Kandern (mit Frau);
9. Otto Streiff, Fabrikant in Tiefenstein, aus Zürich (mit vier Familienangehörigen).
Diese
letzte Eintragung ist vom 18. September 1911; bereits der Vater, André
Streiff, war Mitglied der Gemeinde. Die Kirchenbücher, in denen die Taufen,
Trauungen und Sterbefälle eingetragen wurden, beginnen mit dem Jahr 1896.
Auch aus ihnen erfahren wir, wo die Evangelischen wohnten und welche Berufe sie
ausübten. In Tiefenstein wurde das erste Kind am 28. Januar 1900 getauft.
Es war Elisabeth, die Tochter des Apothekers Friedrich Wilhelm Halbauer (katholisch)
und seiner evangelischen Frau Berta. Am 5. Mai 1901 wurde auch das zweite Kind
des Görwihler Apothekers evangelisch getauft. Aus dem Taufbuch erfahren wir
weiter, dass 1902 ein Albert Emmrich Gendarm in Görwihl gewesen ist und dass
1907 auch der Gendarm Ludwig Metzger hier zu hause war. Am 4. Februar 1906 wurde
Christian, der Sohn des Görwihler Friseurs Christian Kauffeld und seiner
Frau Martha, geb. Sütterlin, getauft. Auch die Kinder des Fabrikanten Streiff
wurden in Tiefenstein getauft. Trauungen
fanden allerdings in Tiefenstein nicht statt, dasses hier noch keine Kirche gab
und keine Glocken geläutet werden konnten. Als am 14. Juni 1900 der Kanzleigehilfe
beim Notariat Görwihl, Herr Albert Friedrich Maier, Maria Barbara Bolanz
aus Obereggenen heiratete, fand die Trauung in Kandern statt. Der Fabrikant Otto
Streiff heiratete Maria Margarita Meza in Waldshut. Dies blieben, bis nach dem
erste Weltkrieg, die einzigen evangelischen Eheschließungen in der Gemeinde.
Der erste Eintrag im Sterberegister der Diasporagemeinde ist vom 26. August 1903.
dasswurde Herr Louis Grossjean, von Beruf Drechsler, Ehemann der Görwihlerin
Luise, geb. Ruch, in Görwihl beerdigt. Vor dem ersten Weltkrieg wurden in
Görwihl noch bestattet: 1906 Christina Ernst, geb. Heidt, Ehefrau des Friedrich
Ernst in Görwihl, die im Alter von 75 Jahren gestorben war; und im Jahre
1909 eine Tochter des Gendarmen Adolf Stein. Auf dem Friedhof in Niederwihl
wurde der erste Evangelische im Juni 1924 bestatte; es war der Kaufmann Heinrich
Itschner aus Tiefenstein. Auch
in den erhaltenen Spendenlisten und Sitzungsprotokollen sind evangelische Bürger
mit ihren Berufen verzeichnet. Wir erfahren, dass der Strassenmeister Keller aus
Görwihl zur Genossenschaft gehörte (1907), die Steueraufseher Schroder
(1913) und Korn (1920), der Arzt Dr. Lichtenberger (1908) und der Apotheker Kölsch,
der 1940 in Görwihl verstarb.
Der Blick auf
die Eintragungen in die Kirchenbücher und Listen verrät uns nicht, wo
die evangelischen Einwohner geblieben sind. Auffallend ist, dass ihre Zusammensetzung
sehr stark wechselte: kaum eine evangelische Familie, die im vergangenen Jahrhundert
den Hotzenwald zum Aufenthalt wählte, wurde hier dauerhaft ansässig.
Der Arbeitsplatz mit seinen Verdienstmöglichkeiten führte die Evangelischen
in diese Landschaft und auch wider von hier fort. Das konnte sehr plötzlich
geschehen, wie einem Aktenvermerk vom Januar 1909 zu entnehmen ist. Danach wurden
am 13.12.1908 die Herren Furrer und Appoldt in den Kirchenvorstand der Genossenschaft
gewählt "und sind beide vier Wochen später weggezogen."
Aber auch die Pfarrer wechselten häufig: in der Zeit von 1877 bis 1893 taten
von Waldshut aus nacheinander sieben Pastorationsgeistliche Dienst. Erst mit Stadtpfarrer
Weiss änderte sich dies. Er hatte in Tiefenstein, als dieser Bezirk 1909
dem neu geschaffenen Vikariat Säckingen zugeordnet wurde, zwölf Jahre
gewirkt. Bereits ein Jahr später wurde der Pastorationsbezirk Laufenburg
errichtet, zu dem Tiefenstein bis zur Selbständigkeit der Diasporagemeinde
Görwihl-Tiefenstein gehörte. Eine relative Stabilität in der
Zusammensetzung veranlasste die Gemeinde im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts,
den ersten Schritt in Richtung auf die Selbständigkeit hin zu tun. Federführend
war damals Herr Pfarrer Rapp, der Pastorationsgeistlicher in Waldshut und damit
auch für Tiefenstein-Albbruck zuständig war. Der erste Schritt der Lösung
von Waldshut bestand in der Errichtung eines eigenen Haushaltes, der über
die Gründung einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft verwirklicht
werden konnte. Auf Antrag des Kirchenvorstandes der Diasporagemeinde Waldshut,
insbesondere seiner Mitglieder aus Tiefenstein, gelang das auch. Der evangelische
Oberkirchenrat teilte am 26. August 1896 den Antragstellern mit, dass für
eine "evangelischen Kirchenfonds Tiefenstein" die staatliche Genehmigung
erteilt und nun deswegen angeordnet wurde, dass "derselbe von nun an nach
den kirchlichen Vorschriften errichtet werden muss." Am 6. September 1896
fand die erste protokollierte Sitzung des Kirchenvorstands Tiefenstein, der den
"evangelischen Kirchenfonds" zu verwalten hatte, statt. In dieser Sitzung
wurde neben Herrn Peter Traxler und Herrn Isler der Herr Buchhalter Inritzki aus
Tiefenstein als Rechner in den Kirchenvorstand gewählt. Der evangelische
Kirchenfonds Tiefenstein hatte die Aufgabe, dass aus ihm in erster Reihe die rein
kirchlichen Bedürfnisse der Diasporagemeinde bestritten werden sollten. Der
Fonds trug sich "teils durch freiwillige Beiträge und Sammlungen der
Mitglieder der Diasporagemeinde, teils durch Schenkungen kirchlicher Vereine des
Inlands...". Wie schon in den Jahren zuvor in die Kasse der Pfarrei Waldshut,
flossen nun die Geldspenden in den Kirchenfonds der evangelischen Genossenschaft
Tiefenstein. Hauptfinanzier der kirchlichen Arbeit war das Gustav-Adolf-Werk,
aber auch Kaufleute und Fabrikanten spendeten regelmäßig und, für
die damalige Zeit, namhafte Geldbeträge. So verpflichtete sich zum Beispiel
die Direktion der Papierfabrik Albbruck, die ihren Sitz in Basel hatte, am 27.10.1886,
der Diasporagenossenschaft jährlich dreissig Mark zu spenden. Bis zur Errichtung
der Gottesdienststation in Albbruck im Jahre 1905, erscheint dieser Betrag in
den Einnahmespalten der Fondsabrechnungen. Auch die evangelischen Frauenvereine
in Freiburg und Mannheim unterstützten die Arbeit durch Spenden. Über
die Verwendung der Gelder wurde sorgfältig Buch geführt, und die Fondsabrechnungen
erlauben ebenso einen Einblick in die Arbeit der Diasporagemeinde, wie die dem
Gustav-Adolf-Werk alljährlich zu erstattenden Berichte. Greifen wir einen
dieser Berichte aus dem Stoß chronologisch geordneten Materials heraus:
Es ist der "Jahresbericht 1890/91 an den bad. Hptv. Der G.A.Stiftung über
Tiefenstein" vom 4.11.1891. Wir erfahren unter anderem, dass sich die Gemeinde
zahlenmäßig gegenüber dem Vorjahr nicht verändert hat, dass
es 5 rein evang. Ehen gibt und sechs gemischte Ehen, von denen zwei noch kinderlos
sind, die anderen vier kath. Kindererziehung haben. Das Heilige Abendmahl soll
erst am Buss- und Bettag zum ersten Mal gefeiert werden; "es kommen die meisten
Gemeindemitglieder zur Abendmahlsfeier nach Waldshut". 3 Kinder aus Albbruck,
1 aus Tiefenstein, 3 aus Görwihl erhalten nach den Gottesdiensten alle 4
Wochen und dazwischen je 2-3 mal an Wochentagen Unterricht. "Ein Kind aus
Albbruck und eins aus Görwihl sollen nächste Ostern konfirmiert werden
und mindestens 2mal wöchentlich den Unterricht in Waldshut besuchen. Um ihnen
die Benützung der Bahn zu ermöglichen, wäre eine klein Unterstützung
sehr nötig; es würde für jeden der beiden Knaben ein Beitrag von
etwa 5,- M genügen; wir erlauben uns, eine diesbezügliche Bitte zu stellen...".
Über die finanzielle Situation heißt es, dass das Guthaben des Kirchenfonds
547,- M beträgt und die Genossenschaft keine Schulden habe. Die Inventarliste
der Diasporagenossenschaft von 1896 mit den für die Gottesdienste verwendbaren
Gegenständen blieb bis zum 31. März 1921 bis auf wenige geringfügige
Ergänzungen unverändert. Wir finden in dieser Inventarliste alle für
die Taufe und für Abendmahlsfeiern notwendigen Geräte - 12 Gesangbücher
sind aufgeführt, die Kleidung für den Geistlichen (der Talar wird mit
20,20 M bewertet) und als teuersten Gegenstand ein Harmonium (Wert: 300,- M).
Auchüber
die Bezüge der Geistlichen geben die alten Schriften Auskunft. Als am 18.
September 1896 der Kirchenvorstand zusammentrat, hielt der Geistliche in der Protokollnotiz
fest: "Die
Gehaltsverhältnisse des Geistlichen werden definitiv festgesetzt, dass derselbe
pro Jahr für 12 Gottesdienste 50,- Mark und für zweimaligen monatlichen
Unterricht in Albbruck 30,- Mark, zahlbar mit vierteljährlich 20,- Mark,
außerdem Ersatz seiner Reiseauslagen, einschließlich des Trinkgeldes
an den Kutscher, bis zum jeweiligen Höchstbetrag von 50 Pfennig erhalten
soll. Die Anschaffung eines Protokoll- und Familienbuches wird genehmigt. Mit
dem Organisten, Herrn Lehrer Mall, wird ein Vertrag abgeschlossen, wonach derselbe
für einen Gottesdienst 1 Mark erhalten soll..."
Jeder Pfennig, der erübrigt werden konnte, wurde gespart. Diese Tugend hatte
den Zweck, möglichst bald so viel Kapital anlegen zu können, dass die
Zinsen daraus die Zuwendungen von Seiten des Gustav-Adolf-Werkes reduzieren oder
gar überflüssig machen sollten (vgl. u.a.: Bericht vom 20.10.1899).
Diese ganzen Ersparnisse aber wurden bei Ausbruch des ersten Weltkrieges als Kriegsanleihe
gezeichnet, und die Gemeinde erhielt das Geld nie wieder zurück. Die patriotische
Geste von 1914 hatte zur Folge, dass sich die Genossenschaft und später die
Diasporagemeinde finanziell nicht wieder erholte und stets nur mit Mühe eine
ausgeglichene Bilanz erreichte. Abgesehen von der finanziellen Situation der
Genossenschaft und dem nun schon üblichen Wechsel ihrer Mitglieder durch
ständigen Wegzug und Zuzug, hatte sich während der Kriegsjahre kaum
etwas verändert. Der Fabrikant Streiff war seit 1901 unverändert Vorstandsmitglied
der Genossenschaft und blieb auch bis 1937 in diesem Amt. Über 30 Jahre diente
er der Genossenschaft - und später der Diasporagemeinde Tiefenstein; vorübergehend
hatte er sogar das Amt des Rechners (bzw. Fondsverwalters) inne, bis Herr Emil
Höhn 1914 dieses Amt übernahm. Der wenig formale Status der evangelischen
Diasporagenossenschaft genügte den Gemeindegliedern offenbar nicht mehr.
Im Jahre 1920 stellten der Fabrikant Streiff und der Werkmeister und spätere
Betriebsleiter Höhn gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern Emil Jetter, Küfer
aus Görwihl, und Wilhelm Maier, Kaufmann aus Görwihl, beim Oberkirchenrat
den Antrag, den Status einer Diasporagemeinde Tiefenstein zu erhalten. Diesem
Wunsch wurde entsprochen, und am 22. Januar 1921 wurde vom evangelischen Oberkirchenrat
diese Diasporagemeinde errichtet. In ihrer Satzung steht unter anderem, dass "die
Mitglieder der vereinigten evangelisch-protestantischen Landeskirche Badens...zu
der Diasporagemeinde Tiefenstein zusammengeschlossen" sind, "welche
auf den Gemarkungen der bürgerlichen Gemeinden Tiefenstein, Buch, Engelschwand,
Görwihl, Hartschwand, Hochsal, Niederwihl, Oberalpfen, Oberwihl, Rotzingen,
Rüsswihl, Segeten, Strittmatt und Unteralpfen wohnen." Die Orte Engelschwand,
Segeten und Strittmatt sind später gestrichen worden. Kirchenvorstand waren
nach dieser Satzung der Gemeindepfarrer von Klein-Laufenburg als Vorsitzender
und vier Älteste. Der erste Vorsitzende war Pfarrer Kolb, der Tiefenstein
seit 1912 betreute und kriegsbedingt von 1914 - 1918 vertreten wurde. An seine
Stelle trat 1932 Pfarrer Müller in Laufenburg, der die Diasporagemeinde Tiefenstein
und später Tiefenstein/Görwihl betreute, bis er 1963 in den Ruhestand
ging. Bezogen auf die Kirchenvorstandsmitglieder und auf die Pfarrer Kolb und
Müller sowie Pfarrdiakon Schumann in Herrischried, wurden die Evangelischen
unseres Bezirks im Hotzenwald recht kontinuierlich repräsentiert und seelsorgerisch
betreut (vgl. dazu Tabelle I im Anhang). Was berichteten die Pfarrer in Laufenburg
über die Arbeit in der kleinen Gemeinde? In dem Bericht für den Gustav-Adolf-Verein
für das 1916/17 schreibt Pfarrer Stern, der während des Krieges 1914
- 1918 Tiefenstein betreute, die Gemeinde "beständig im Abnehmen infolge
weniger evangelischer Personen am Orte." 45 evangelische Bürger gibt
er an, davon 15 in Tiefenstein und 30 in Görwihl. Tatsächlich waren
es ein Jahr später nur noch 12 Personen in Tiefenstein und 20 in Görwihl.
Viel mehr waren es auch vor dem ersten Weltkrieg nicht. Die höchste Gesamt-Seelenzahl
des Bezirks wurde 1909 mit 49 angegeben. Pfarrer Stern beklagte, dass die Gottesdienste
immer zu schwach besucht wurden, und er wollte gern diese Gottesdienste eingehen
lassen und stattdessen Görwihl, wo am meisten evangelische Kinder sind, lieber
einen gepflegten Jugendunterricht abhalten. In Görwihl waren es zu jener
Zeit 15 schulpflichtige, evangelische Kinder und in Tiefenstein drei. Der Religionsunterricht
wurde nach dem üblichen Gottesdienst abgehalten, der auch während des
ersten Weltkrieges einmal monatlich im Fabrikbüro stattfand.
Die
Arbeit in der Gemeinde war schwer geworden, da seit Beginn des Krieges die Unterstützung
des Gustav-Adolf-Vereins ebenso ausgeblieben, wie die bis dahin relativ reichlich
geflossenen Spenden der verschiedenen Frauenvereine. Sehr energisch fordert zum
Beispiel 1916 der Geistliche diese ausstehenden Beträge an, von denen er
schließlich sein Gehalt bezieht und seine Unkosten decken muss. An Spenden
waren für dieses Jahr insgesamt 50,- Mark, an Einnahmen aus Kirchenopfern
für das Jahr 5,- Mark verbucht worden. Erst nach 1918 ging es für relativ
kurze Zeit mit der Gemeinde aufwärts. Gemeint ist damit sowohl die Zahl der
Gemeindemitglieder, als auch das Spendenaufkommen. Immerhin konnten doch bis 1928
wieder 350,- Mark gespart werden, die dann allerdings für ein neues Harmonium
ausgegeben werden mussten. In einem Brief heißt es darüber: "Das
war der ganze Bestand des Kirchenfonds, in vielen Jahren mühsam zusammengespart...".
In einem Bericht an den evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, die Abhaltung
evangelischer Gottesdienste in Tiefenstein betreffend, beklagte Pfarrer Kolb,
wie schon seine Vertretung im Jahre 1917, den mangelhaften Gottesdienstbesuch.
Lediglich an Festtagen kämen durchschnittlich 20 Gemeindeglieder; "an
gewöhnlichen Sonntagen dagegen wurden manchmal nur zwei bis fünf Erwachsene
und zwei bis vier Kinder gezählt..."Auch Gründe für diese
Situation werden angegeben: "Die großen Schwierigkeiten eines geregelten
Gottesdienstbesuchs sind jedoch nicht zu verkennen: die meisten Glaubensgenossen
wohnen weit entfernt, so dass der Weg bei jeder Witterung anstrengend ist. In
gemischten Ehen mit katholischer Kindererziehung läßt das kirchliche
Interesse erfahrungsgemäß meist nach...". An anderer Stelle heißt
es:"...dann ist auch der zur Verfügung stehende Raum wenig gottesdienstlich
- ein zum Speisesaal umgewandelter Tanzsaal einer alten Wirtschaft." Herr
Kolb verbindet diese Beispiele mit dem starken Wandel in der Zusammensetzung der
evangelischen Bevölkerung in dieser Diasporagemeinde, die den allgemeinen
Rückgang des gottesdienstlichen Lebens zur Folge hätten. Sowohl die
Gottesdienstbesucher, wie auch der Pfarrer, baten den evangelischen Oberkirchenrat
darum 1929, "bis auf weiteres die Zahl der jährlichen Gottesdienste
von 12 auf 4 herabzusetzen, die dann an folgenden Tagen zu halten wären:
Weihnachten, Karfreitag, Pfingstfest und Buß- und Bettag." Dieser Bitte
wurde entsprochen und bis 1945 so verfahren. Das zentrale Problem an welchem
die Bemühungen scheitern mussten, zu einer Gemeinde zusammenzuwachsen, ist
vermutlich weniger in den Entfernungen zum Gottesdienstraum und dessen Ausgestaltung
selbst zu suchen, als eher im ständigen Wechsel der Gemeindemitglieder. Von
den 34 in der Wählerliste von 1932 aufgeführten wahlberechtigten Mitgliedern
der evangelischen Diasporagemeinde Tiefenstein, waren nur fünf schon 1920,
und von diesen wiederum vier (zwei Ehepaare) bereits vor dem ersten Weltkrieg
hier ansässig. Dieser ständige Wechsel kann wiederum im Zusammenhang
mit der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region in den zwanziger und dreißiger
Jahren gesehen werden. So geriet während des ersten Weltkriegs die 1873 errichtete
Schappe-Spinnerei Trümpi, Wild und Streiff in erhebliche Schwierigkeiten
und schloss im Jahre 1926 endgültig ihre Pforten. dassdieser Hauptarbeitgeber
im Hotzenwald gewesen war (1899 war er mit 220 Arbeitskräften der größte
Fabrikbetrieb in unserer Region), traf der Verlust dieser Arbeitsplätze die
Bewohner des Notstandsgebietes Hotzenwald besonders schwer. Bereits im Jahre 1927
übernahm ein Konsortium aus der Schweiz die Fabrikanlagen und liess die Maschinen
wiederum anlaufen. 1933 aber waren die 300 Arbeitsplätze, an denen zumeist
Frauen beschäftigt waren, wieder bedroht. Die Spinnerei und Zwirnerei RAMIE
AG in Emmendingen rettete die schwierige Lage und pachtete das Unternehmen. Diese
Spinnerei verwendete in den dreißiger Jahren mehr und mehr synthetische
Fasern und konnte sich so bis 1957 halten. Ein anderer Betrieb in Tiefenstein,
die Baumwollweberei Rauber und Söhne, ebenfalls von schweizerischen Unternehmern
in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts begründet, hielt sich in Tiefenstein
bis 1964 mit wechselndem Geschäftserfolg. Schwankungen der Beschäftigungszahlen,
vor allem in Auswirkungen der allgemeinen Krisen jener Jahre, wirkten sich auf
die Bevölkerung aus. Wenn schon die Abwanderungsbewegung unter den Einheimischen
in den zwanziger Jahren zunahm, wie viel rascher zogen die wieder von dannen,
die Görwihl einzig des Arbeitsplatzes wegen zum Wohnsitz gewählt hatten.
Wie groß die Not in diesen Jahren war, führt uns ein Brief vor Augen,
in dem ein Gemeindeglied schreibt:
"...
aus Not gezwungen, muss ich eine dringende Bitte an Herrn Pfarrer richten. Indem
ich schon dreiviertel Jahre arbeitslos bin und nicht schaffen kann, ebenfalls
meine Frau, sie ist ausgesteuert und soll von der Gemeinde wöchentlich 7
Mark erhalten, der zweitälteste Sohn ist ebenfalls ausgesteuert und wollen
ihm gar nichts geben, der dritte Sohn ist schon seit Weihnachten krank und jetzt
ist nur noch unsere B., die in die Fabrik geht, arbeiten aber nur 4 Tage in der
Woche, 8 Stund im Tag und jede Woche einen halben Tag Schule, das ist also der
Verdienst an einem kleinen Ort, aber doch muss man noch recht froh sein, und sind
7 Köpfe jeden Tag, die essen wollen, so möchte ich Herrn Pfarrer bitten,
mir doch auch etwas zukommen zu lassen... Und dann, lieber Pfarrer, sollte ich
für meinen kleinen Bub ein Paar Schuhe haben, ich kann ihn von nächster
Woche ab nicht mehr in die Schule schicken, möchte also Herrn Pfarrer höflich
bitten, meiner Not zu helfen, wie`s irgend möglich ist und grüße
Sie recht herzlich. Ihr..."
Ein
weiteres Beispiel soll veranschaulichen, wie groß der Wandel in der Zusammensetzung
der Gemeindeglieder war: von den 34 wahlberechtigten Gemeindegliedern aus dem
Jahre 1932 ist im Wählerverzeichnis von 1947 nur noch ein einziger Name zu
finden! 1940, also während des zweiten Weltkrieges, schreibt aber Pfarrer
Müller: "Auf dem Papier sind es zur Zeit 69 Gemeindeglieder. Um Tiefenstein
herum wohnen und zum Gottesdienst kommen höchstens 15 bis 20 Personen, darunter
etwa die Hälfte Jugendliche..." Der Kirchenvorstand bestand während
des Krieges neben dem satzungsgemäßen Vorsitzenden nur aus einem einzigen
Mitglied, dem Fondsrechner, Herrn Höhn. Der Pfarrer hält es in einem
Schreiben an den evangelischen Oberkirchenrat von Januar 1940 für ausgeschlossen,
dass eine abstimmungsfähige Gemeindeversammlung zusammenkäme. Hinzu
kam, dass die religiöse Unterweisung der Jugendlichen in jenen Jahren von
Staats wegen nicht erleichtert wurde. Direktion Fehrenbach von der Firma RAMIE
hatte gleich nach Übernahme seiner Geschäfte in Tiefenstein der evangelischen
Diasporagemeinde den angestammten Raum in der Fabrik für die jährlichen
vier Gottesdienste an Feiertagen zur Verfügung gestellt. Der Religionsunterricht
aber musste ja öfter erteilt werden und fand einmal wöchentlich am Nachmittag
in der Schule statt. Dort, wo die Schule nur einen Klassenraum besaß, musste
die Kirche weichen: das war 1937 in Herrischried so und auch in Tiefenstein, dassdie
Räume für das Jungvolk gebraucht wurden. In Tiefenstein erklärte
sich der Bürgermeister bereit, den Religionsunterricht im Gemeindebüro
abhalten zu lassen. Der
zweite Weltkrieg hatte die ohnehin nur noch mühsam zu bewahrende Kontinuität
kirchlicher Arbeit im Bezirk Görwihl unterbrochen. dassnach 32 Jahren ehrenamtlichen
Wirkens für die Gemeinde im letzten Kriegsjahr auch deren Fondsrechner, Herr
Höhn, verstarb, blieb außer Herrn Pfarrer Müller niemand übrig,
der in der Lage gewesen wäre, den Stab aufzunehmen. Zwei Jahre gingen ins
Land, bis sich in Görwihl ein neues Gemeindeleben regte, das kräftig
genug war, den Weg zur Selbständigkeit zu beschreiten. Auch
im Herrischrieder Raum waren Evangelische schon um die Jahrhundertwende ansässig
geworden. Eine Pastoration - also die religiöse Betreuung dieser verstreut
lebenden, vereinzelten evangelischen Familien - begann hier, folgt man den überlieferten
schriftlichen Zeugnissen, erst in unserem Jahrhundert und zwar von Todtmoos aus.
1901 war Pfarrer Ackermann in Gersbach an die Kirchenbehörden mit der Bitte
herangetreten, in Todtmoos, im damals neu errichteten Sanatorium Wehrawald, an
Weihnachten einen Gottesdienst halten zu dürfen. Offenbar zweifelten die
Verantwortlichen an einem entsprechenden Bedarf für Todtmoos, denn erst als
Pfarrer Ackermann am 06.12.1901 dreizehn Unterschriften von Evangelischen vorlegen
konnte, wurde die Durchführung dieses ersten Gottesdienstes in Todtmoos bewilligt.
Im Zusammenhang mit der Einrichtung des großen Sanatoriums und der wachsenden
Beliebtheit von Todtmoos als Fremdenverkehrsort, nahm dort die Zahl der evangelischen
Einwohner zu. Schon ab 1902 fanden vierzehntägig Gottesdienste statt, meistens
im Lesesaal des Sanatoriums. Die wenigen evangelischen Familien, die oben
in Herrischried, Wehrhalden oder Segeten zu Hause waren, mussten schon nach Todtmoos
gehen, wenn sei an Gottesdiensten teilnehmen wollten. In den Pfarramtsakten ist
über diesen Bezirk erwähnt, dass dort 1909 sechs Familien mit vierzehn
schulpflichtigen Kindern lebten. Zu diesen frühen Evangelischen im Bezirk
Herrischried gehörte die Familie des Müllers Jakob Schmalzried (Hetzelmühle)
und die des Obermonteurs und späteren Betriebsleiters der Waldelektra, Karl
Flüher. Waldelektra war der Name der 1903 in Görwihl von vorausschauenden
Unternehmern unter Federführung des Herrischrieder Bürgermeisters gegründeten
Kraftabsatz-Genossenschaft. Ziel dieser Genossenschaft war es, mit Hilfe der Elektrizität
dem Hotzenwald seine Industrie und damit seine Existenz zu erhalten. Auf diese
Initiative hin kam in die Hotzenwälder Webstuben nicht nur relativ früh
Elektrizität, es kamen unter anderem auch einige evangelische Facharbeiter
auf den Wald, die die kleine Zahl der Gemeindeglieder vergrößerten.
Doch erst nach dem ersten Weltkrieg wirkten sich diese Veränderungen aus.
(50 Jahre...Waldelektra. Herrischried 1955, S.3)
Als
am 22. Oktober 1920 das Diasporapfarramt Todtmoos errichtet wurde, wurde Herrischried
mit den Orten Hogschür, Niedergebisbach, Wehrhalden, Engelschwand, Segeten
und Strittmatt (1928 kamen noch Grossherrischwand und Rütte hinzu) Predigerstation.
Der erste Geistliche für Todtmoos und Herrischried war Pfarrer Altenstein,
der erst 1937 von Pfarrer von Schenk abgelöst wurde. Pfarrer Altenstein kam
an jedem vierten Sonntag nach Herrischried, wo er im Schulhaus den Gottesdienst
hielt. Die katholische Gemeinde, über deren freundliches Entgegenkommen er
berichtete, stellte das Harmonium des Kirchenchores zur Verfügung. Im Sommer
konnte er mit dem Auto nach Herrischried kommen, im Winter benutzte er die Skier.
Die seelsorgerische Arbeit beschränkte sich nicht nur auf Gottesdienst und
Religionsunterricht für die - Anfang der zwanziger Jahre - sechzig Evangelischen,
davon fünfzehn schulpflichtige Kinder; gelegentlich, wenn sein Beistand gebraucht
wurde, musste er seine Pastorationsfilialen auch außerplanmäßig
besuchen. Dies war der Fall, als am 20. Februar die wenige Monate alte Elisabeth,
Tochter des Ehepaars Räder aus Hogschür, und wenige Tage später
die Großmutter des Kindes zu Grabe getragen werden mussten. Die kleine Elisabeth
und ihr Zwillingsbruder Rudolf, waren am 25.12.1920 die ersten Täuflinge
im Herrischrieder Raum gewesen. Konfirmationen wurden in der Kirche in Gersbach
und später, nachdem der dortige Gemeindesaal fertig gestellt war, in Todtmoos
gefeiert. Die erste Trauung in Herrischried wurde in einer Wohnung vollzogen,
als 1928 der Elektriker Heuriehen eine Tochter der Eheleute Flüher heiratete
Nach 1945 stellte auch die Familie Schmalzried aus der Hetzlenmühle in ihrem
Haus Raum für Gottesdienste zur Verfügung. Karl Flüher war
bis zu seinem Tode im Jahre 1933 der Vertreter der Herrischrieder im Todtmooser
Kirchenvorstand. Dann war, bis gegen Kriegsende, niemand mehr aus diesem Bezirk
Mitglied des Ältestenkreises. Über das Leben in den zwanziger Jahren
und den Zustand seiner Gemeinde in Herrischried erzählt Pfarrer Altenstein
in einem undatierten Bericht:
"Die
für landfremde Siedler und Gewerbetreibende doppelt schweren wirtschaftlichen
Bedingungen auf dem Hotzenwald vertreiben die meisten schon nach kurzer Zeit wieder,
und ausschließlich aus Zugezogenen besteht die kleine Schar der Glaubensgenossen.
Ein paar wenige Familien werden dort verbleiben... Die Bereitwilligkeit zur
Unterstützung und Hilfe von Seiten der ansässigen Familien ist erfreulich
und groß und läßt hoffen, dass die kleine Gemeinde mit Gottes
Hilfe ein schöner Sammelpunkt evangelischen Glaubens inmitten einer streng
katholischen Umgebung werden mag..."
Doch
es vergingen noch fast zwei Jahrzehnte, bis sich in Herrischried dieser Sammelpunkt
herausbilden konnte. Die schriftlichen Unterlagen erlauben den Schluss, dass die
Entwicklung zu einer lebendigen Kirchengemeinde nach 1933 unterbrochen wurde.
Ein Beispiel mag das illustrieren: konnte man 1933 die vier Kirchenältesten
von Todtmoos eindeutig den Honoratioren des Ortes zurechnen, war sechs Jahre später
entweder keiner von ihnen mehr da, oder keiner mehr bereit, für das Ältestenamt
zu kandidieren. 1942 erschienen als Kirchenvorstandsmitglieder Adolf Sutter aus
Wehrhalden und der Knecht Albert Schmidt aus dem Raum Herrischried in den Sitzungsprotokollen
der einmal jährlich stattfindenden Kirchenvorstandssitzungen. Beide Ältesten
sind in den Verzeichnissen nach 1945 nicht mehr enthalten. Wir müssen
also auch für Herrischried, wie für Tiefenstein-Görwihl von einem
Abbruch der kontinuierlichen Entwicklung sprechen, zu dem für den Bereich
Todtmoos-Herrischried noch hinzukommt, dass Pfarrer von Schenk erst 1946 wieder
in das Pfarrhaus zurückkehrte. Er war seit 1942 von Pfarrer Wassenmüller
vertreten worden. Schlussbemerkung.
Es ist bisher nicht überliefert, dass die evangelischen Bürgerinnen
und Bürger, die vor allem mit der sich ausdehnenden Industrie allmählich
in unsere Gemeinden zuzogen, von der katholischen Bevölkerungsmehrheit diskriminiert
wurden. Es hat sogar Konfessionell gemischte Eheschließungen gegeben. Die
Konfessionalität aber spielte im Zusammenleben der Menschen noch lange eine
bedeutsame Rolle. Erst in den vergangenen Jahrzehnten verliert mit der allgemein
zunehmenden Lockerung der Verbindungen zwischen dem Einzelnen und der Kirche,
wenn er überhaupt noch Mitglied einer Kirchengemeinde ist, die Frage nach
der Konfession ihre Bedeutung. Wenn auch die Religiosität nicht verloren
geht, so scheint die "Kirchfrömmigkeit" zu schwinden. Menschen,
die eine sehr starke Anbindung an religiöse Gemeinschaften brauchen und ohne
deren Führung durch ihr Leben nicht auskommen, schließen sich Sekten
oder sektiererischen Gruppierungen an, wie es die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts
waren. Vielleicht wird ein Chronist nach einem weiteren Menschenalter feststellen,
dass unsere Zeit, in der die Konfessionalität für die Gläubigen
an Bedeutung verlor, der Vereinigung der beiden großen christlichen Konfessionen
den Weg bereitete. Es
handelt sich bei diesem Text um den überarbeiteten Auszug aus der Chronik
der evangelischen Gemeinde Görwihl-Herrischried, die von mir aus Anlass ihres
zwanzigjährigen Bestehens im Jahr 1986 verfasst und die von der Gemeinde,
vertreten durch Pfarrerein Hanne Holch und ihrem Kirchengemeinderat veröffentlicht
und vertrieben wurde. |