Bis
zum Sommer 1959 arbeitete ich bei KBC. Ich war dort zunächst als Hintermann
an einer Rouleauxdruckmaschine beschäftigt worden und hatte dafür zu
sorgen, dass das unter dem zu bedruckenden Stoff mitlaufende schwarze Tuch einwandfrei
abrollte, die verbrauchten Bahnen in einem Rollwagen gefaltet und gesammelt wurden
und am Ende einer vielmetrigen Untertuchbahn ein frisches Untertuch im laufenden
Betrieb und darum rechtzeitig mit dem ablaufenden Ende des vorangegangenen Tuchs
verbunden (zusammengenäht) wurde. War der Rollwagen mit bereits durchgelaufenem
Untertuch angefüllt, musste die Endlosrolle getrennt werden und der angefüllte
Rollwagen wurde in die Wäscherei geschoben. An der Rouleauxdruckmaschine
befand sich aber nur drei Schritte näher an der Maschine ein weiterer Hilfsarbeiter:
der Vordermann. Dieser hatte einmal die hinteren Farbschalen, aus denen die sich
drehenden Stahldruckwalzen Farbe holten, zu beobachten und, wenn nötig, laufend
aus den hölzernen Farbkübeln Farbe nachzuschöpfen. Darüber
hinaus hatte der Vordermann das zwischen ihm und mir stehende Gefährt mit
der großen Rolle unbedruckten Stoffs zu betreuen. Er musste dafür sorgen,
dass im Bedarfsfalle ebenso nahtlos wie das zwischen dem zu bedruckenden Stoff
und der riesigen rotierenden Trommel der Druckmaschine laufende Untertuch, der
Druckstoff über die entsprechenden Rollen eingeführt wurden. Hierfür
mussten bei entsprechender Auftragslage mehrere Rollen des gleichen Druckstoffs
in der Nähe der Druckmaschine bereits stehen.
Die Hauptarbeit musste
natürlich der Drucker leisten. Er stand auf der Vorderseite der Maschine,
dort, wo der fertig bedruckte Stoff über die große Trommel mehr oder
weniger rasch von unten nach oben an seinem ständig prüfenden Auge vorbeiglitt.
Außerdem hatte der Drucker während des Druckvorgangs die auf der Vorderseite
der Druckmaschine befindlichen Farbschalen zu bedienen und war für den richtigen
Sitz aller Druckwalzen und der Rakel verantwortlich. Die stählernen Druckwalzen
drehten sich im Farbbad und waren mit Schraubvorrichtungen und "mit Gefühl"
an den Druckstoff gepresst. Dem jeweils eingefrästem (eingeätztem) Muster
folgend, gaben sie mal mehr mal weniger Farbe an den Stoff ab. Die rasiermesserscharfen
"Rakel" reinigten die Druckwalzen von überflüssiger Farbe
und sorgten so dafür, dass nur die in den oft nur haarfeinen Vertiefungen
in der Walzenoberfläche verbliebene Farbe aufgedruckt wurde. Bis sechzehn
derartiger Druckwalzen konnten an unserer Maschine den Stoff bedrucken.
Für
alle drei Beteiligten, den Drucker, der gleichsam der Chef war, für den Vordermann
und den Hintermann gab es relativ ruhige Schichten, wenn große Mengen eines
Stoffes mit gleichem Muster - wenn auch mit unterschiedlichen Farben - bedruckt
wurden. Dann brauchte man nämlich die Maschine nur nach drei oder vier Schichten
neu einzurichten. Neu einrichten, das hieß, gemeinsam die alten Druckwalzen
ausbauen und reinigen, die neuen Walzen einbauen und die Farbmischungen aus der
Farbküche zu holen, Die Rakel schärfen (eine Aufgabe des Druckers) und
einzulegen und den Probedruck zu starten. "Mustern" nannte man das Probedrucken.
War ein Stück Stoff mit den neuen Walzen und Farben bedruckt, ging der Drucker
rasch damit ins Meisterbüro und zum Ingenieur und den anderen Fachkräften.
Dort wurde das Muster geprüft. Der Drucker kam dann mit Anweisungen für
neue Farbmischungen zurück und Vordermann und Drucker zogen die betreffenden
Farbtöpfe hinter zur Farbküche, gaben den Zettel mit den neuen Mischungsanweisungen
ab und warteten auf die neue Mischung. In der Zwischenzeit wurden vom Hintermann
die betreffenden Walzen und Farbschalen gereinigt. Dann begann das Mustern von
neuem. Es gab sogar Schichten, da wurde nur gemustert und überhaupt nicht
richtig gedruckt.
Natürlich
gab es auch eine Hierarchie in der Abteilung. Die Herren waren die Drucker.
Der Drucker in meiner Schicht war ein junger Mann in meinem Alter, sehr freundlich
und gesprächig und aus dem Ruhrgebiet nach Lörrach gekommen. Er hatte
für seine Familie eine Betriebswohnung in einem der Neubaublöcke bekommen,
die KBC direkt neben der Fabrik und an der Wiese errichtet hatte und war sehr
zufrieden.
An der Maschine folgten in der Hierarchie der Vordermann und dann
der Hintermann. Diese angelernten Hilfskräfte wechselten oft. Als "mein"
Vordermann eines Tages nicht mehr kam, wurde ich befördert. Und über
uns allen standen die Schichtmeister und der Obermeister der Druckerei. Doch mit
diesen Meistern hatte ein Hilfsarbeiter nur Kontakt bei der Einstellung und bei
der Entlassung. Häufig sahen wir den Direktor des Werks, Herrn Stössel,
durch die Druckerei gehen. Der damals bereits fünfundsechzigjährige
Hans Stössel, der den Betrieb, in dem er seit 1922 leitende Positionen inne
hatte, nach dem Kriege erfolgreich führte, war meist in Eile und stets von
verantwortlichen Mitarbeitern oder von Gästen umgeben. Der Vergleich mit
einer Chefarztvisite ist sicher nicht ganz falsch. Wenn er an unserer Druckmaschine
stehen blieb, vielleicht weil ein neuer Farbstoff erprobt wurde, dann lösten
wir Hilfsarbeiter hinter der Maschine uns gleichsam in Nichts auf.
War aber
mal keine Arbeit für unsere Druckmaschine da, auch solche Schichten gab es,
dann machte auch der Meister einen Bogen um uns. Was aber taten wir? Der Drucker
ging schon mal ein Schwätzchen halten zu seinem Kollegen an einer anderen
Maschine oder entschwand gänzlich für eine Stunde. Wir beiden Hilfsarbeiter
aber waren beziehungsweise wurden intensiv beschäftigt. Wir mussten die Maschine
putzen. Da merkte ich erst richtig, wie groß eine Druckmaschine ist und
was man alles an ihr putzen kann. Selbst wenn sie absolut sauber schien: mit etwas
Stahlwolle ließen sich alle Metallteile immer wieder polieren. Keiner von
uns beklagte sich, auch wenn es sinnlos schien, wenn eine saubere Maschine immer
noch sauberer werden sollte. Wir waren froh, etwas zu tun zu haben. Denn schlimmer
als putzen war, überhaupt nichts zu tun. Das erlebte unser Drucker genau
so. Denn wenn er irgendwann wieder an der Maschine auftauchte und es war immer
noch kein Druckauftrag da, dann nahm auch er Putzwolle und Lumpen in die Hand
und putzte mit.
Wenn wir in der sozialen Rangordnung und von den betrieblichen
Erfordernissen her auch keineswegs "Nichts" waren, so erlebte ich dennoch
die "Nichts-Würdigkeit" meiner Existenz als ungelernter Arbeiter
sehr lebhaft. Darum war ich umso überraschter als der Obermeister eines Tages
an mich herantrat und mich fragte, ob ich Bruchrechnen könne. In der Hoffnung
ein wenig "aufsteigen" zu können und damit etwas mehr zu verdienen,
antwortete ich positiv.
Zum nächsten Schichtbeginn sah ich mich zum
"Farbmacher" befördert.
Nun
begann der Stress erst richtig. In der Farbküche wurden die Druckfarben nach
den Angaben der von den Druckern eingereichten Zetteln gemischt. Meine Werkzeuge
waren ein Haken, mit dem man die hölzernen Farbtröge auf dem ständig
glitschigen Plattenboden gut ziehen konnte und kleine und kleinste Schälchen
(Hohlmaße) mit Hilfe derer die jeweilige Farbmenge in die gelblich-schleimige
Grundmasse (Verdünnung) eingegeben und unter Verwendung elektrisch betriebener
Rührstäbe gründlich vermischt wurden. Das alles aber musste sehr
schnell geschehen, denn, wie schon erwähnt, warteten die Drucker oder Vordermänner
bereits und wollten mit ihren Farben weiterarbeiten. Es ging in der Farbküche
nicht weniger laut aber bedeutend hektischer zu als in der benachbarten Druckerei
mit der man durch Türöffnungen, verhängt mit dicken aber nachgiebigen
Plastikplanen, verbunden war. Bruchrechnen mussten die Farbmacher bis zu einem
gewissen Grade schon können, da sie die vorgegebenen Maßangaben über
das Mischungsverhältnis, jeweils bezogen auf eine Grundmenge, auf die erwünschte
Literzahl, der einen der unterschiedlich großen Bottiche fasste, rasch umrechnen
mussten. Und da diese Literzahl, vor allem, bei Musterungen sehr gering sein konnte,
kamen nur Bruchteile der vorgegebenen Mischungsverhältnisse in Frage.
Mein "blauer Anton", den ich mir für die Arbeit bei KBC gekauft
hatte, wurde, trotz der vom Betrieb gestellten Gummischürze, rasch steif
und bockelig von der herumspritzenden Verdünnung und Farbe. Das Foto, das
in einer Arbeitspause von mir gemacht wurde, zeigt mich mit Gummistiefeln, der
in der Farbküche unverzichtbaren Fußbekleidung. Immerhin bekam ich
mit 1,72 DM einen etwas höheren Stundenlohn. Die Einkünfte konnten außerdem
verbessert werden, wenn man bereit war, am Samstag zusätzlich zu kommen und
die Abort- und Duschanlagen zu reinigen. Diese Gelegenheit ließ ich mir
nicht entgehen und "verkürzte" auf diese Weise die Freizeiten.