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Heimatkundliches


Erinnerungen an Lörrach

 

"Lörrach ist für mich mehr als eine Stadt. Lörrach ist eine Grenzerfahrung. Ein Gemütszustand. Unweit des Burghofs ist Deutschland offiziell zu Ende. Inoffiziell schon lange vorher. Lörrach ist quasi exterritorial. So wie New York - Gott sei Dank - nicht Amerika ist, genauso wenig ist Lörrach Deutschland. Lörrach ist schwer zu beschreiben, aber es inspiriert!..." (Matthias Deutschmann über Lörrach im Burghof Magazin vom September 2004, S. 9)

 

Meine Frau und ich saßen kürzlich an einem milden Maiabend (2006) draußen vor dem "Wilden Mann". Obwohl wir seit mehreren Jahren immer wieder mal über den Marktplatz schlenderten, hatten wir nur selten das Glück, an milden Tagen dort freie Plätze zu finden. Inzwischen ist der alte Markt rundum von Stühlen und Tischen umstellt und mehrere Gaststätten und Cafes laden zum Verweilen ein. Ein Bummel durchs Städtchen ist in den vergangenen Jahren immer attraktiver geworden. Gewiss vermissen wir nach wie vor den Hirschen sehr, der uns einst, wenn auch nicht als der städtische Mittelpunkt, so doch als hervorragendes, das Stadtbild prägendes Bauwerk lebhaft vor Augen steht, wann immer wir auf das monumentale Kaufhausgebäude blicken, das sich heute an seiner Stelle befindet. Ein Besuch im Restaurant des Hotels Hirschen oder gar eine Fasnachtsveranstaltung dort und im Hirschensaal gehört zu den freundlichen Erinnerungen an die Gastronomie dieser Stadt. Nur ein "Abo-Essen" bekam man vor fünfundvierzig Jahren bei Herrn Binoth, dem Hirschenwirt, nicht. Dazu musste man schon in die Eintracht, in den Kranz, die Lerche oder in das Bahnhofsrestaurant gehen.
Und ein Mittag-Essens-Abonnemement leistete ich mir, wenn ich während der Wochen mit Nachtschicht die Kantine bei KBC oder später die Mittagsküche von Raymond nicht aufsuchen konnte. Dort verdiente ich in den beiden ersten Jahren meines Aufenthalts in der Grenzregion meinen Lebensunterhalt.

 

Im Lörrach der ausgehenden fünfziger Jahre war es nicht einfach, eine Unterkunft zu bekommen. Noch für das Jahr 1960 wurden 1.200 Wohnungssuchende in Lörrach registriert und Egon Hugenschmidt, der in diesem Jahr zum Oberbürgermeister gewählt wurde, berichtet rückschauend: "… meine Sprechstunden waren 1960 großenteils mit Wohnungssuchenden ausgefüllt" (Lörrach. Landschaft, Geschichte, Kultur. Lörrach 1982, S. 482). Mir erging es nicht besser als allen anderen, die in jenen Jahren in die Stadt strömten. Im möblierten Zimmer eines Vaterwandten im Haus "Drei König" - also dort, wo heute die Fa. Kilian ihr Geschäft hat durfte ich, wie in der Einleitung bereits erwähnt, eigentlich überhaupt nicht schlafen. Es galt für mich, rasch in Lohn und Brot zu kommen.

Sobald ich, der ich gerade aus der ehemaligen DDR kommend, in Lörrach eigetroffen war, einen Pass in der Hand hielt, führte mich mein erster Weg an die Pforte von KBC. Dort hatten schon viele andere Neuankömmlinge vorübergehend Arbeit gefunden. Dort fragte man mich gar nicht nach dem Woher und Warum oder gar nach einem Zeugnis: ich wurde als Schichtarbeiter in der Rouleaux-Druck -Abteilung eingestellt und konnte am folgenden Montag zur Frühschicht antreten. So einfach war es im Mai 1958, Arbeit zu bekommen.
Wenn ich heute in dem, aus Anlass der dreihundertjährigen Stadtgeschichte, 1982 erschienen Buch über Lörrach blättere, an die Ausstellung im Museum am Burghof anlässlich des 250 jährigen Jubiläums von KBC denke oder die Erinnerungen von Hans Unterseh "KBC und das Wirtschaftswunder" (In: Tscheulin, Dieter und Ruby, Sieglinde: Lörrach. Wir sind wieder wer! Geschichten und Anekdoten aus den Jahren 1950 - 1959. Kassel 2005, S. 8 - 11) lese, dann finde ich darin die Erklärung:

Nicht nur eine prosperierende Industrie auf deutscher Seite sondern auch der Bedarf an Fachkräften auf Schweizer Seite, wo schon damals gut verdient werden konnte, zog viele Menschen und ihre Familien in die Grenzecke. KBC warb, wie Hans Unterseh, der ehemalige Direktor des Unternehmens, schreibt, seit 1958 sogar verstärkt in Italien und beschäftigte bereits 40 Italiener. Nehmen wir noch hinzu, dass aus der DDR, genau so wie ich, nahezu täglich neue Bürgerinnen und Bürger hier her kamen, von 30.546 Einwohnern waren 1960 7.453 Heimatvertriebene und DDR-Flüchtlinge, dann wird verständlich, warum die Wohnungsfrage ein Problem blieb.

Nach einer Art Notunterkunft im Haus "Dreikönig" musste ich zunächst in Gasthäusern Quartier nehmen. Meine erste Adresse war der Kranz und dort ein Zimmer hoch oben unter dem Dach. Ein recht kostspieliger Notbehelf. Bei KBC empfahlen mir Kollegen, es in Stetten zu versuchen. Dort in der "Sonne", ein Gasthaus, das es heute nicht mehr gibt, bekäme man ein Bett für weniger Geld. Ich ging hin und erhielt tatsächlich eine Schlafgelegenheit in einem Zweibettzimmer. Giulio hieß mein Zimmergenosse, und war einer jener ersten italienischen Gastarbeiter, die KBC beschäftigte. Ein freundlicher und sehr gesprächiger Mann, der etwa in meinem Alter war. Unsere Sachen, beziehungsweise korrekter: unser gesamtes Hab und Gut bewahrten wir jeweils im Koffer auf, der unter dem eisernen Bettgestell stand. Natürlich gab es weder eine Waschgelegenheit im Zimmer noch eine Toilette. Die Toilettenanlagen befanden sich unten im Hof in der Nähe der Gaststube. Abends saßen wir Arbeiter dort gelegentlich, wenn wir Frühschicht hatten, um einen Wurstsalat zu essen und Bier zu trinken. Bei Spät- oder Nachtschicht war an einen Kneipenaufenthalt nicht zu denken. Schon aus finanziellen Gründen hielten sich Gaststättenbesuche in Grenzen.

 

Mein Anfangslohn bei KBC betrug in der Stunde 1,69 DM ohne Schichtzuschläge. Während der ersten zwölf Monate verdiente ich zwischen 300 und 400 DM. Dafür arbeitete ich in drei Schichten und machte, wenn es ging, Überstunden.
Gegessen habe ich, wie meine Kolleginnen und Kollegen, wenn immer möglich, in der Kantine. So hatte ich wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag. An Sonn- und Feiertagen, blieben mir die Lörracher Gaststätten.
Das meiste Geld ging für die Miete drauf. Freitags war Zahltag. Da ging der Meister, begleitet von einer jungen Frau aus dem Lohnbüro, von Maschine zu Maschine und händigte uns allen den in einer kleinen Papiertüte enthaltenen Lohn mit dem Abrechnungsstreifen aus. Am Samstagmorgen erschien der Wirt von der Sonne in Stetten in unseren Zimmern und kassierte die Wochenmiete. Wenn noch ein Gast schlief, dann rüttelte er am Bett und streckte die Hand aus. Nur wer bezahlte, durfte wieder eine Woche bleiben. Ich arbeitete während der ersten Monate also hauptsächlich für die Unterkunft und die Verpflegung.

Ich wollte mir doch aber auch schöne "West-Kleidung" kaufen. Wie oft ging ich in der Basler Straße an Kilians Schaufenstern vorbei und suchte mir in Gedanken einen Anzug aus. Als 1958 der erste Sommerschlussverkauf begann, den ich hier im Westen erlebte, fasste ich mir ein Herz und betrat das Geschäft. Ein Verkäufer fragte nach meinen Wünschen und empfahl mir eine Kombination: eine braune Hose und ein grünes Pepita-Sakko. Das gefiel mir gut und passte mir auch. Nur Geld hatte ich nicht, um es zu bezahlen.
Zu sagen brauchte ich das gar nicht. Der Verkäufer sah mir das offenbar an der Nasenspitze an. Er unterhielt sich mit mir, fragte, woher ich denn käme und wo ich wohne. Es stellte sich heraus, dass er selbst aus der "Zone", aus Weißenfels, gekommen war. Dann holte er den Herrn Kilian senior dazu, beriet mit ihm und beide eröffneten mir, dass sie mir die Kombination gleich mit Hemd und Krawatte gegen eine geringe Anzahlung mitgeben würden. Und ohne Aufpreis konnte ich die ohnehin im Preis herabgesetzte Ware mitnehmen. Der Firma "Herren - Kilian" blieb ich noch viele Jahre hindurch treu und kaufte über eine lange Zeit meine Kleidung ausschließlich dort. Und sowohl zum Vater als auch zu den Söhnen entwickelte sich mit den Jahren ein freundliches Verhältnis.

Die Fa. Kilian blieb nicht die einzige positive Erfahrung mit der Lörracher Geschäftwelt. Da ist zum Beispiel an die Volksbank zu denken. Anfang der sechziger Jahre waren noch keine Ersparnisse vorhanden, um einen Anzug aus edlerem Tuch zu kaufen. Auch einen Kühlschrank wollte ich kaufen, weil er mir unentbehrlich schien. So an tausend D-Mark hätten mir gereicht. Ich ging zur Volksbank und bat um ein Darlehen. Sicherheiten konnten ich keine anbieten. Bei einer anderen Lörracher Bank war ich deshalb schon abgewiesen worden. Viel Hoffnung durfte ich mir uns also nicht machen. Die Herren bei der Volksbank im Haus am Hebel-Park hatten aber sowohl ein gutes Herz als auch eine gute Nase: Sie gaben mir das Geld. Die einzige Bedingung ließ sich leicht erfüllen: ich musste Genossenschafter werden und einen Geschäftsanteil erwerben, den ich mit zehn DM (!) anzahlte.
Noch heute besitze ich Geschäftsanteile an der Volksbank Lörrach e. G., denn wie der Fa. Kilian, blieb ich auch der Volksbank Lörrach treu. Bis heute unterhalte ich dort ein Konto und scheute auch den Weg nach Lörrach nicht, als ich in Grenzach und später in Herten wohnte . Bekanntlich wurden später Filialen auch in Grenzach (1962) und in Herten (1969) eröffnet und die Rumpfschen Konten waren jeweils mit die ersten dort. In beiden Filialen entwickelten sich gute Beziehungen zwischen den Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern und mir - ein Umstand, der für Geldgeschäfte sehr nützlich ist. Offenheit, Ehrlichkeit und Vertrauen, das habe ich im Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Volksbank erfahren, sind hilfreiche Begleiter und Berater - wenn es ums Geld geht. Insofern blieb die Erstbegegnung ein Schlüsselerlebnis und - für beide Teile - von Vorteil. Das meine ich mit der "guten Nase": Als hätten die Bänker uns angesehen, dass ich unablässig an der Verbesserung meiner beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung arbeiten würde.
















Die Vorschussbank bezog ihren Neubau an der Turmstraße im Jahre 1875. Ähnlich wie die Sparkasse, wurde sie als Sparverein mit eingetragenen Mitgliedern geführt. Im Jahre nach der Gründung 1867 hatte sie 93, nach dem Umzug in der Neubau bald 500 Mitglieder. Der Bau diente der späteren Volksbank fast 100 Jahre…“

Aus: Lutz, Waldemar: Bilder aus Alt-Lörrach.

Die Vorschussbank bezog ihren Neubau an der Turmstraße im Jahre 1875. Ähnlich wie die Sparkasse, wurde sie als Sparverein mit eingetragenen Mitgliedern geführt. Im Jahre nach der Gründung 1867 hatte sie 93, nach dem Umzug in der Neubau bald 500 Mitglieder. Der Bau diente der späteren Volksbank fast 100 Jahre…“

Aus: Lutz, Waldemar: Bilder aus Alt-Lörrach. Verlag Waldemar Lutz Lörrach 1976, S. 55

Verlag Waldemar Lutz Lörrach 1976, S. 55

Volksbank




Doch in die Zukunft konnte niemand von uns schauen und junge Leute, wenn sie in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre stehen, machen sich wenig Zukunftssorgen.

 

Doch noch einmal zurück: In den ersten Jahren also lebte ich in Lörrach. Freilich schlief ich schon lange nicht mehr in Stetten in der Sonne. Bei KBC hing im September 1958 an der Pforte ein Zettel aus, auf dem ein Zimmer in der Baumgartner Straße angeboten wurde. Ich ging hin und bekam das Zimmer. Nun wohnte ich im Dachgeschoss eines jener Lörracher Häuser, wie sie für diese Stadt typisch sind: zwei Volletagen und Räume im Dach, die ihr Licht durch die schmalen Dachgauben erhalten. Innen sind die Wände dort oben nicht isoliert und aus Holz gewesen. Ein Ofen stand im Zimmer und eine Waschschüssel war da. Im Sommer war es zeitweilig unerträglich heiß darin und im Winter fror bei dauerhaftem Frost das Wasser im Krug. Das Klo war unten im Hof unter dem hölzernen Balkon des ersten Stocks. In das Haus und zum Treppenaufgang kommt man, wenn man durch die Toreinfahrt geht gleich rechts.

 

haginhaus zimmer

 

Bis zum Sommer 1959 arbeitete ich bei KBC. Ich war dort zunächst als Hintermann an einer Rouleauxdruckmaschine beschäftigt worden und hatte dafür zu sorgen, dass das unter dem zu bedruckenden Stoff mitlaufende schwarze Tuch einwandfrei abrollte, die verbrauchten Bahnen in einem Rollwagen gefaltet und gesammelt wurden und am Ende einer vielmetrigen Untertuchbahn ein frisches Untertuch im laufenden Betrieb und darum rechtzeitig mit dem ablaufenden Ende des vorangegangenen Tuchs verbunden (zusammengenäht) wurde. War der Rollwagen mit bereits durchgelaufenem Untertuch angefüllt, musste die Endlosrolle getrennt werden und der angefüllte Rollwagen wurde in die Wäscherei geschoben. An der Rouleauxdruckmaschine befand sich aber nur drei Schritte näher an der Maschine ein weiterer Hilfsarbeiter: der Vordermann. Dieser hatte einmal die hinteren Farbschalen, aus denen die sich drehenden Stahldruckwalzen Farbe holten, zu beobachten und, wenn nötig, laufend aus den hölzernen Farbkübeln Farbe nachzuschöpfen. Darüber hinaus hatte der Vordermann das zwischen ihm und mir stehende Gefährt mit der großen Rolle unbedruckten Stoffs zu betreuen. Er musste dafür sorgen, dass im Bedarfsfalle ebenso nahtlos wie das zwischen dem zu bedruckenden Stoff und der riesigen rotierenden Trommel der Druckmaschine laufende Untertuch, der Druckstoff über die entsprechenden Rollen eingeführt wurden. Hierfür mussten bei entsprechender Auftragslage mehrere Rollen des gleichen Druckstoffs in der Nähe der Druckmaschine bereits stehen.
Die Hauptarbeit musste natürlich der Drucker leisten. Er stand auf der Vorderseite der Maschine, dort, wo der fertig bedruckte Stoff über die große Trommel mehr oder weniger rasch von unten nach oben an seinem ständig prüfenden Auge vorbeiglitt. Außerdem hatte der Drucker während des Druckvorgangs die auf der Vorderseite der Druckmaschine befindlichen Farbschalen zu bedienen und war für den richtigen Sitz aller Druckwalzen und der Rakel verantwortlich. Die stählernen Druckwalzen drehten sich im Farbbad und waren mit Schraubvorrichtungen und "mit Gefühl" an den Druckstoff gepresst. Dem jeweils eingefrästem (eingeätztem) Muster folgend, gaben sie mal mehr mal weniger Farbe an den Stoff ab. Die rasiermesserscharfen "Rakel" reinigten die Druckwalzen von überflüssiger Farbe und sorgten so dafür, dass nur die in den oft nur haarfeinen Vertiefungen in der Walzenoberfläche verbliebene Farbe aufgedruckt wurde. Bis sechzehn derartiger Druckwalzen konnten an unserer Maschine den Stoff bedrucken.
Für alle drei Beteiligten, den Drucker, der gleichsam der Chef war, für den Vordermann und den Hintermann gab es relativ ruhige Schichten, wenn große Mengen eines Stoffes mit gleichem Muster - wenn auch mit unterschiedlichen Farben - bedruckt wurden. Dann brauchte man nämlich die Maschine nur nach drei oder vier Schichten neu einzurichten. Neu einrichten, das hieß, gemeinsam die alten Druckwalzen ausbauen und reinigen, die neuen Walzen einbauen und die Farbmischungen aus der Farbküche zu holen, Die Rakel schärfen (eine Aufgabe des Druckers) und einzulegen und den Probedruck zu starten. "Mustern" nannte man das Probedrucken. War ein Stück Stoff mit den neuen Walzen und Farben bedruckt, ging der Drucker rasch damit ins Meisterbüro und zum Ingenieur und den anderen Fachkräften. Dort wurde das Muster geprüft. Der Drucker kam dann mit Anweisungen für neue Farbmischungen zurück und Vordermann und Drucker zogen die betreffenden Farbtöpfe hinter zur Farbküche, gaben den Zettel mit den neuen Mischungsanweisungen ab und warteten auf die neue Mischung. In der Zwischenzeit wurden vom Hintermann die betreffenden Walzen und Farbschalen gereinigt. Dann begann das Mustern von neuem. Es gab sogar Schichten, da wurde nur gemustert und überhaupt nicht richtig gedruckt.

Natürlich gab es auch eine Hierarchie in der Abteilung. Die Herren waren die Drucker. Der Drucker in meiner Schicht war ein junger Mann in meinem Alter, sehr freundlich und gesprächig und aus dem Ruhrgebiet nach Lörrach gekommen. Er hatte für seine Familie eine Betriebswohnung in einem der Neubaublöcke bekommen, die KBC direkt neben der Fabrik und an der Wiese errichtet hatte und war sehr zufrieden.
An der Maschine folgten in der Hierarchie der Vordermann und dann der Hintermann. Diese angelernten Hilfskräfte wechselten oft. Als "mein" Vordermann eines Tages nicht mehr kam, wurde ich befördert. Und über uns allen standen die Schichtmeister und der Obermeister der Druckerei. Doch mit diesen Meistern hatte ein Hilfsarbeiter nur Kontakt bei der Einstellung und bei der Entlassung. Häufig sahen wir den Direktor des Werks, Herrn Stössel, durch die Druckerei gehen. Der damals bereits fünfundsechzigjährige Hans Stössel, der den Betrieb, in dem er seit 1922 leitende Positionen inne hatte, nach dem Kriege erfolgreich führte, war meist in Eile und stets von verantwortlichen Mitarbeitern oder von Gästen umgeben. Der Vergleich mit einer Chefarztvisite ist sicher nicht ganz falsch. Wenn er an unserer Druckmaschine stehen blieb, vielleicht weil ein neuer Farbstoff erprobt wurde, dann lösten wir Hilfsarbeiter hinter der Maschine uns gleichsam in Nichts auf.
War aber mal keine Arbeit für unsere Druckmaschine da, auch solche Schichten gab es, dann machte auch der Meister einen Bogen um uns. Was aber taten wir? Der Drucker ging schon mal ein Schwätzchen halten zu seinem Kollegen an einer anderen Maschine oder entschwand gänzlich für eine Stunde. Wir beiden Hilfsarbeiter aber waren beziehungsweise wurden intensiv beschäftigt. Wir mussten die Maschine putzen. Da merkte ich erst richtig, wie groß eine Druckmaschine ist und was man alles an ihr putzen kann. Selbst wenn sie absolut sauber schien: mit etwas Stahlwolle ließen sich alle Metallteile immer wieder polieren. Keiner von uns beklagte sich, auch wenn es sinnlos schien, wenn eine saubere Maschine immer noch sauberer werden sollte. Wir waren froh, etwas zu tun zu haben. Denn schlimmer als putzen war, überhaupt nichts zu tun. Das erlebte unser Drucker genau so. Denn wenn er irgendwann wieder an der Maschine auftauchte und es war immer noch kein Druckauftrag da, dann nahm auch er Putzwolle und Lumpen in die Hand und putzte mit.
Wenn wir in der sozialen Rangordnung und von den betrieblichen Erfordernissen her auch keineswegs "Nichts" waren, so erlebte ich dennoch die "Nichts-Würdigkeit" meiner Existenz als ungelernter Arbeiter sehr lebhaft. Darum war ich umso überraschter als der Obermeister eines Tages an mich herantrat und mich fragte, ob ich Bruchrechnen könne. In der Hoffnung ein wenig "aufsteigen" zu können und damit etwas mehr zu verdienen, antwortete ich positiv.
Zum nächsten Schichtbeginn sah ich mich zum "Farbmacher" befördert.

Nun begann der Stress erst richtig. In der Farbküche wurden die Druckfarben nach den Angaben der von den Druckern eingereichten Zetteln gemischt. Meine Werkzeuge waren ein Haken, mit dem man die hölzernen Farbtröge auf dem ständig glitschigen Plattenboden gut ziehen konnte und kleine und kleinste Schälchen (Hohlmaße) mit Hilfe derer die jeweilige Farbmenge in die gelblich-schleimige Grundmasse (Verdünnung) eingegeben und unter Verwendung elektrisch betriebener Rührstäbe gründlich vermischt wurden. Das alles aber musste sehr schnell geschehen, denn, wie schon erwähnt, warteten die Drucker oder Vordermänner bereits und wollten mit ihren Farben weiterarbeiten. Es ging in der Farbküche nicht weniger laut aber bedeutend hektischer zu als in der benachbarten Druckerei mit der man durch Türöffnungen, verhängt mit dicken aber nachgiebigen Plastikplanen, verbunden war. Bruchrechnen mussten die Farbmacher bis zu einem gewissen Grade schon können, da sie die vorgegebenen Maßangaben über das Mischungsverhältnis, jeweils bezogen auf eine Grundmenge, auf die erwünschte Literzahl, der einen der unterschiedlich großen Bottiche fasste, rasch umrechnen mussten. Und da diese Literzahl, vor allem, bei Musterungen sehr gering sein konnte, kamen nur Bruchteile der vorgegebenen Mischungsverhältnisse in Frage.
Mein "blauer Anton", den ich mir für die Arbeit bei KBC gekauft hatte, wurde, trotz der vom Betrieb gestellten Gummischürze, rasch steif und bockelig von der herumspritzenden Verdünnung und Farbe. Das Foto, das in einer Arbeitspause von mir gemacht wurde, zeigt mich mit Gummistiefeln, der in der Farbküche unverzichtbaren Fußbekleidung. Immerhin bekam ich mit 1,72 DM einen etwas höheren Stundenlohn. Die Einkünfte konnten außerdem verbessert werden, wenn man bereit war, am Samstag zusätzlich zu kommen und die Abort- und Duschanlagen zu reinigen. Diese Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen und "verkürzte" auf diese Weise die Freizeiten.


Die drei folgenden Bilder sind Einblicke in die Arbeitsperiode bei KBC. Das erste Bild zeigt eine Stoffdruckerei und das dritte Bild eine Farbküche. Beide sind dem Buch "Bunter Traum auf gewebten Grund" von Erwin Bindewald und Karl Kasper (Braunschweig 1950) entnommen. Die Aquarelle wurden von Erwin Bindewald gemalt. Das Bild in der Mitte bin ich selbst als Farbmacher.
Rouleauxdruck
Rumpf58
farbkueche

 

Es ist mir heute kaum noch in Erinnerung, womit der überwiegende Teil der relativ geringen arbeitsfreien Zeit ausgefüllt war. An Schlechtwettertagen saß ich in meiner Dachkammer und las Bücher, die ich mir in der Stadtbücherei ausgeliehen hatte. Auch ein Kinobesuch in den Hirschen-Lichspielen, im Wallbrunn-Kino oder im Union war - vor allem in Sommertagen, wegen ermäßigter Eintrittspreise - eine Abwechslung. Und an schönen Tagen wanderte ich rings um Lörrach; und als die Badesaison begann, fand man mich an jedem Tag 1958 im Lörracher, 1959 im Riehener Schwimmbad, wo es kaum Schatten gab, weil die Bäume noch klein waren. Auch dort nicht ohne Lektüre und dann auch in Begleitung. Und wenn ich mir etwas Besonderes gönnen wollte, dann ging ich in Lörrach zu Pape oder zu Hengherr und - ab 1959 - immer häufiger nach Basel. Denn ein Cafebesuch, war (und blieb) mir Ausdruck von Wohlleben und Genuss.

In der DDR zeitweilig sehr intensiv politisch tätig, war mein Interesse, aktiv am politischen Leben hier teilzunehmen völlig erloschen. Ich erfüllte zwar meine Pflicht, wenn immer Wahlen waren, doch nahm ich keinen Anteil an Ereignissen, auf die ich keinen Einfluss hatte und die ich nicht zu ändern vermochte. Das waren zum Beispiel die Gemeindepolitik oder die politischen Ereignisse in Land und Bund. Ich wusste zwar um die Menschen, die in der Stadt Lörrach oder im Kreis Lörrach Rang und Namen hatten, denn in den Cafes lagen Zeitungen aus und später, in Grenzach und Herten, hatten wir sogar eine Tageszeitung abonniert. Persönlich aber kannte ich keinen von all diesen Personen des öffentlichen Lebens, über die in den Chroniken berichtet wird. Als ich in die BRD kam, hielt ich genau so wenig von der Politik des Westens wie von der des Ostens. Ich war aber der festen Überzeugung, dass ich "im Westen" nach meiner eigenen Facon selig werden durfte ohne mich einer Partei, einem Verband, einem Verein oder einer Gewerkschaft andienen zu müssen.
Dabei hatte ich nicht die geringsten Vorstellungen, wie meine Zukunft hier aussehen könnte. An Selbstvertrauen und Optimismus freilich fehlte es mir allerdings nicht.

Doch während der Zeit bei KBC in Lörrach ging es zunächst nur ums Überleben. Und wenn ich in freien Stunden im Rosenfelspark saß, der sich ja unmittelbar bei dem Haus befand, in dem ich wohnte, dann dachte ich darüber nach, was ich aus meinem Leben machen könnte. Wenn ich Spätschicht hatte und vormittags dort sitzen konnte, war der Park mit jungen Leuten bevölkert. Das waren die Mädchen und Jungen vom benachbarten Thoma-Gymnasium, die im Abiturjahr das Schulgelände verlassen und dort ihre Pausen verbringen durften.

 

Zwei Wochen Jahresurlaub standen mir zu. Ich nahm sie bei KBC im August 1959 und kündigte zugleich. Die Kündigungsfrist betrug ebenfalls zwei Wochen. Einen anderen festen Arbeitsplatz hatte ich noch nicht. Ich wollte es mal als Vertreter versuchen.

Anlässlich eines Mittagessens in der Bahnhofgaststätte hatte ich ein Vertrauen erweckendes Ehepaar aus Rheinfelden kennen gelernt, das mich zu einem Besuch in ihr Haus einlud. Gleich mir waren sie einige Jahre zuvor mittellos aus der DDR hierher gekommen. Beide hatten einen kaufmännischen Beruf erlernt und Arbeit bei einer Hamburger Firma gefunden. Sie hatten die Aufgabe übernommen, ein Vertriebssystem für deren Produkte aufzubauen. Erst waren sie selbst, später mit angeworbenen Vertretern und sehr erfolgreich von Wohnung zu Wohnung im südbadischen Raum gezogen und hatten ihren "Piccolo" vertrieben. Der "Piccolo", den es längst nicht mehr gibt, war ein kräftiger und lauter Elektromotor, der mit wenigen Handgriffen in einen Staubsauger, einen Mixer oder ein Sprühgerät verwandelt werden konnte. Eigentlich gar kein so übles Produkt. Und noch lange erwies sich in unserem Haushalt ab und zu dieses robuste Gerät mit seinem hierfür gut geeigneten Messer als ein nützlicher Mixer, wenn es darum ging, Nüsse und andere Nahrungsmittel zu zerkleinern.

Vierzehn Tage also zog ich in Lörrach von Wohnungstür zu Wohnungstür, um das Gerät an den Mann oder die Frau zu bringen. Mir waren die neuen Wohnblöcke für Vertriebene und Flüchtlinge an der Brombacher Straße zugewiesen worden, von denen damals vorübergehend bis zu drei Familien in einer Wohnung lebten. Gerade weil ich auch zu dieser Bevölkerungsgruppe gehörte, wurde angenommen, dass ich leichter zu ihnen Zugang fände.
Gelang es mir, in die "Wohnung" eingeladen zu werden, dann vergaß ich jedoch über den Austausch der jeweils eigentümlichen Erfahrungen als Vertriebene oder Flüchtlinge, mein Anliegen. Ich wurde nicht ein einziges Gerät los und konnte keinen "Schein machen". Ich verdankte sowohl der großmütigen Freundlichkeit der Leitung dieser Vertreterkolonne, die mich mittags bewirtete, als auch meinen geringen Ersparnissen, dass ich nicht in existentielle Not geriet. Immerhin hatte ich erfahren, wofür ich nicht geeignet bin.

druckknopf

 

Ich musste mir rasch eine andere Arbeit suchen und fand sie auch in der Teichstraße bei der Fa. Raymond - oder, wie sie in Lörrach hieß - bei der "Knopfi". Raymond war schon seit Generationen als Hersteller von Druckknöpfen bekannt. Ich erhielt aber meinen Arbeitsplatz nicht dort, wo Kleinteile aus Metall gefertigt wurden, sondern in der im Aufbau befindlichen Kunststoffabteilung.

Das nebenstehende Foto zeigt mich an einem solchen Kunststoff - Spritzgussautomaten.


In dem relativ kleinen Werkstattraum mit dem Blick zum Innenhof befanden sich vier Kunststoffspritzautomaten, eine Kunststoffspritzmaschine, die mit Muskelkraft bedient werden konnte und fünf Arbeitsplätze für Formenbauer. Die Formenbauer hatten an ihren Drehbänken, Bohrern, Fräs- und Schleifmaschinen jene Formen mit äußerster Präzision herzustellen, in deren Hohlräume das körnige Kunststoffgranulat, im Automaten unter großer Hitze spritzfähig gemacht, hineingepresst wurde.

Mit jedem Spritzvorgang wurde nicht nur eines dieser sehr kleinen Kunststoffteile, es waren damals Befestigungselemente, die vor allem für die Autoindustrie produziert wurden, von dem Automaten ausgeworfen, sondern, wie an einem regelmäßig geformten Zweig hängend, mehrere Teile.
Natürlich hatten die zwei bis drei Hilfsarbeiter auch zu helfen, die Formen aus- und einzubauen, darauf zu achten, dass der Druck, die Wege, die Zeiten, Temperaturen und Geschwindigkeiten im optimalen Bereich blieben. Der Einbau einer neuen Form und die Tarierung des Spritzvorgangs war stets ein besonderes Abenteuer. Wenn der Spritzvorgang einer neuen Form auf Anhieb gelang, dann war die Freude bei allen Mitarbeitern in dieser kleinen Abteilung groß; vor allem in der kleinen, ringsum verglasten Kabine, in der der Konstrukteur der Formen seinen Arbeitsplatz hatte und der gleichsam der technische Leiter der Abteilung war. Nach dessen Plänen und in enger Kooperation mit dem leitenden Ingenieur des Werks einerseits und mit den Formenbauern andererseits, entstanden diese wertvollen "Werkzeuge" aus Edelstahl für die Maschinen. Alle Mitarbeiter waren sich ihrer Verantwortung bewusst; aber auch stolz auf die Sonderrolle, die sie in diesem Betrieb einnahmen, in dem ja sonst ausschließlich Metall verarbeitet wurde.

Während die Fachleute, also die Formenbauer, Techniker und Ingenieure in "Normalschicht" von sieben bis siebzehn Uhr arbeiteten, liefen die Maschinen pausenlos bei Tag und Nacht, nur unterbrochen, wenn die einem Auftrag entsprechende Stückzahl erreicht worden war oder vom Stillstand während des Umbaus und der Einrichtung für einen neuen Auftrag. Dann mussten die Formen ausgewechselt werden. Das musste ich alleine tun.

Ich erinnere mich, dass ich es in einer Nacht nicht schaffte, nach einem Umbau, die Temperatur und Geschwindigkeit optimal einzustellen. Der Kunststoff trat beim ersten Spritzgang überhitzt und damit flüssig aus der Form aus. Ein rascher Druck auf den roten Knopf unterbrach den Spritzvorgang und rettete so wenigstens das Werkzeug. Eine genaue Prüfung der Ursachen aber konnte erst erfolgen, wenn die Formenbauer und der Ingenieur am Morgen kamen. Der Auftrag aber sollte erfüllt und die bestellte Stückzahl geliefert werden. Ich baute die Form aus, reinigte sie und baute sie in jene Handspritzgussmaschine ein, die eigentlich nicht mehr verwendet wurde. Dort gelang mir eine optimale Einstellung, erleichtert dadurch, da ich das Tempo der Spritzgussvorgänge, weil sie mit Muskelkraft betrieben wurde, selbst bestimmen konnte. Bis zum Schichtende hatte ich die bestellte Stückzahl erreicht und sogar noch Zeit gefunden, die Kleinteile, auf die es ankam, von ihren "Zweigen" zu trennen.
Als ich wenig später auch diese Firma verließ, war ich ein angelernter "Automateneinrichter" mit einem Stundenlohn von 1,80 DM. Obwohl die zwischenmenschliche Atmosphäre bei Raymond stimmte, die Hierarchie sehr flach war und es in den Pausen und am Arbeitsplatz viele gute Gespräche gab, verließ ich die Firma im April 1960. In der "Kunststoffabteilung" selbst war kurz zuvor die nächste berufliche Etappe ausgelöst worden.

Berufserfahrungen hatte ich sammeln können - aber noch immer keinen "erlernten" Beruf erlernt, denn auch an den Lehrberuf des "Verfahrensmechanikers für Kunststofftechnik" wie es ihn heute gibt, war in den fünfziger Jahren noch nicht zu denken. Und meine beruflichen Erfahrungen aus der DRR und die dort erworbenen Abschlüsse fanden damals hier noch keinerlei Anerkennung. Diese Situation empfand ich als außerordentlich unbefriedigend. Ich wollte unbedingt in eine Arbeitssituation hinein, die mir mehr abverlangte, als die sogenannten "Arbeitstugenden" wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung, Sauberkeit, Sorgfalt oder Fleiß und Einsatzbereitschaft. Ich besuchte Herrn Dr. Meder, der damals Personalleiter bei Geigy in Grenzach war oder schrieb, auf eine entsprechende Anzeige hin an Frau Prof. Noelle-Neumann nach Allensbach. Beide hatten mir nichts anzubieten. Mit beiden hatte ich dann aber in späteren Jahren, wenn auch aus anderen Anlässen, Kontakte.
Was konnte / sollte ich nur tun, um beruflich weiter zu kommen?

Ich besaß ein gewisses Zeichentalent. Zumindest hatte ich in Schule und Freizeit immer gern Bleistiftzeichnungen angefertigt und eine gute Note in "Kunst" vermochte die schlechte in "Turnen" auszugleichen.
Ein Formenbauer aus der Kunststoffabteilung - er und seine Familie waren aus Schlesien hierher verschlagen worden - hatte künstlerische Ambitionen, erfuhr im Gespräch mit mir von meiner Neigung und empfahl mir den Besuch der graphischen Gewerbeschule in Basel, die damals in dem großen roten Backsteingebäude beim Spalentor und neben der Universität beheimatet war. Dort meldete ich mich im Herbst 1959 an, bezahlte die Gebühren und besuchte fortan in den Wochen, in denen es möglich war, also vor der Nachtschicht und nach der Frühschicht, einen Anfängerkurs. Der Professor, der uns in das Zeichnen einführte, empfahl uns, alles zu zeichnen, was wir sehen. Also zeichneten wir Gebrauchsgegenstände des Alltags und ich tat das auch bei jeder Gelegenheit; sogar im Betrieb. In Arbeitspausen holte ich einen Bleistift und den Skizzenblock heraus und zeichnete meine Kollegen und die Arbeitsgeräte.

Im Februar 1960 begann in unserer Abteilung ein junger Formenbauer zu arbeiten, der in Degerfelden zu Hause war. Der sprach mich eines Tages an, um mir zu sagen, dass beim "Walzen-Wetzel" in Grenzach, wo er gerade seine Lehrzeit als Feinmechaniker beendet hatte, Zeichner gesucht werden. Ich sollte doch mal dahin gehen. Er sagte mir auch, dass die Zeichner dort Entwürfe für Tapeten auf kopierfähige Folien zu zeichnen hätten, deren Bilder, Farbauszug für Farbauszug, fotomechanisch auf Metallwalzen übertragen werden. Für jede Farbe eine andere Walze, so, wie ich es schon beim Rouleauxdruck in KBC kennengelernt hatte. Bei Wetzel werden nur die Druckwalzen für Tapetenfabriken wie die Salubra in Grenzach hergestellt. Gedruckt wird dort nicht.
Ich fasste mir ein Herz und besuchte die Firma Wetzel.

Dort fanden der etwa gleichaltrige Wolf und ich Gefallen aneinander. Er unterstützte meine Bewerbung und sein Vater, Walter Wetzel, stellte mich nach einigen Tagen "Probearbeit" ein.

Fünf Jahre arbeitete ich als Fotogravurzeichner bei Wetzels, legte während dieser Zeit Geld beiseite, weil ich irgendwann einmal studieren wollte. Im Mai 1965 begann ich in Freiburg ein Lehrerstudium.

 

Nun sind das alles Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten. Wir befinden uns inzwischen im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und Lörrach hat sich genau so weiterentwickelt, wie jeder von uns in Beruf und in seinem privaten Umfeld. Am 30. November 2011 kam mir das so recht zu Bewusstsein, als die Familie, zu der ich gehöre, eine unserer ältesten Familienglieder auf dem Lörracher Friedhof zu Grabe trugen. Viele Jahre zuvor war ich sehr häufig auf diesem Friedhof gewesen, um das Grab meines Vaters zu pflegen. Die Inschriften mancher Grabsteine wecken Erinnerungen an Freunde und Bekannt aus vergangenen Tagen in Lörrach, die ja bis 1973 unsere Kreisstadt war. Und auch in den nachfolgenden Jahren, als ich die Leitung eines Kinderheimes hier oben auf dem Hotzenwald übernommen hatte, führte mich häufig der Weg in das dortige Jugendamt, weil bei uns Kinder aus dieser Stadt und Region lebten. Heute - im Lebensabschnitt des "Ruhestandes" sind es aber überwiegend erfreuliche Anlässe, die uns Lörrach genießen lassen. Da gibt es den Lörracher Markt, auf dem dieLandwirte der Umgebung ihre Produkte anbieten. Oder gleich nebenan den Höhenrücken des "Tüllinger Berg", der das Wiesental, in dem Lörrach liegt, nach Westen hin vom Rheintal trennt.
Da gibt es aber vor allem den von uns so geschätzten "Burghof". Die Stadt hat auf einem Areal zwischen der evangelischen Stadtkirche und den Fabrikanlagen der KBC und beim Markt gelgen, den Burghof erbaut, der sich seither als kulturelles Zentrum den Besucherinnen und Besuchern präsentiert. Alljährlich finden im Burghof viele Konzerte, Theateraufführungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt, die  von Bürgerinnen und Bürgern aus Südbaden, iaus der Nordschweiz  und dem Elsass gern besucht werden. Auch wir scheuen die rd. fünfzig Kilo0meter Fahrt nicht, um regelmäßig die Angebote des Burghof wahrzunehmen.
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