Ich möchte mit diesen Texten, die ich unter der Kapitelüberschrift "Am
Dreiländereck" einstelle, an meinem Beispiel über die Integration
eines dieser Menschen aus dem Osten berichten und damit die Frage beantworten,
wie es einem "Zugereisten" unter den südbadischen Alemannen erging.
Meine
Erinnerungen umfassen eine Zeitspanne von genau zehn Jahren: Im Mai 1958 traf
ich in Grenzach ein. Im Juni 1968 nahm ich meine Tätigkeit als Lehrer an
der Grund- und Hauptschule in Herten auf. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich in
Lörrach und Grenzach gearbeitet und gewohnt. In meine Rückerinnerungen
fließen zugleich einige Informationen über Arbeits- und Lebensbedingungen
jener Jahre in Lörrach und den angrenzenden Landschaften ein.
Im
Grunde stehen die Arbeitsplätze im Zentrum der Erinnerungen. Die Arbeit bestimmte
den Lebensrythmus und trug zu mehr oder weniger großen Zufriedenheit bei.
Sie bestimmte maßgeblich die "Selbstdefinition", das soziale Ansehen
und nicht zuletzt das Ausmaß der Teilhabe am beginnenden allgemeinen Wohlstand.
Außerdem war deren Zeitanteil nicht gering. War doch damals die 48-Stundenwoche
ebenso selbstverständlich, wie die zahllosen Überstunden, die von den
Frauen und Männern in den Unternehmen erwartet wurden.
Wenn aber die
Arbeit, das heißt also "Lohn und Brot" einen so hohen Stellenwert
hatten, dann waren andere Bedürfnisse und Wünsche nicht weniger bedeutsam.
Zu ihnen gehörten der Traum von einer zufriedenstellenden Unterkunft; vielleicht
sogar, einer eigenen Wohnung!
Mit
dieser Bemerkung wird zugleich auf ein weiteres Element dieser Rückschau
gedeutet:
es fließen Informationen über die Lebensbedingungen
in jenem Jahrzehnt mit ein, so, wie ich sie erlebte. Einige Jahre war ich in Grenzach
daheim, wo ich Arbeit und Unterkunft gefunden hatte. Und von dort war Lörrach
über Riehen oder den Rührberg mit dem Fahrrad leicht zu erreichen. Und
es blieb bis in die Gegenwart hinein Lörrach eine ständige Bezugsgröße.
Die Bedeutung, die dieser Ort für mich behielt, ist nicht von der Wohndauer
her begründbar, sondern von den - im Grunde nicht weiter definierbaren -
emotionalen Assoziationen. Sie sind es, die mich, noch heute wenigstens einmal
im Monat, dort hin führen.
Ähnlich geht es mir mit Basel. Seit Oktober
1958, als ich meinen Grenzausweis erhielt und jederzeit die Grenze nach Basel
passieren durfte, war ich in all den Jahren so häufig dort, dass ich, wenn
ich heute über die mittlere Rheinbrücke gehe, ein Gefühl von Heimat
habe. Darum auch wird dieser Stadt einmal ein Abschnitt gewidmet.
Persönliche
Erinnerungen sind, vor allem, wenn die Zeit, auf die sie sich beziehen, fünfzig
Jahre zurück liegt, ein Stück Heimatgeschichte und eine Milieustudie,
die für Soziologen von Interesse sein wird. Gerade in unserer Zeit, in der
viel über die Integration von Zugewanderten gesprochen und geschrieben wird,
ist es gut, sich daran zu erinnern, dass unsere südbadische Heimat, genau
wie alle anderen Regionen in der Bundesrepublik, schon immer starke Wanderbewegungen
erlebte. Wie eine Sendung in der Reihe "Wissen" des SWF 2 (Aus der Reihe:
Orte und Wege der Integration (1)
von Hans-Volkmar Findeisen am 18.11.2006)
zeigte, sind es sogar die informellen, privaten Strategien der Betroffenen (und
nicht die staatlich geregelten und geförderten), die das allmähliche
Hineinwachsen in unsere Gesellschaft in einem geradezu erstaunlichen Ausmaß
ermöglichen. Ich sehe mich mit meinem Schicksal ebenfalls in der Gruppe jener,
die allein und ohne fremde bzw. behördliche Unterstützung einen erfolgreichen
Weg fanden, sich in einer ihnen zunächst fremden Umwelt zu behaupten. Erleichtert
war dieser Weg allerdings, vor allem, was die Geschwindigkeit der Integrationserfolge
betraf, weil ich die gleiche Sprache sprach und aus der gleichen nationalen Kultur
kam.
Ihnen,
liebe Besucherin, lieber Besucher, wird die Gelegenheit angeboten, sich gleich
mir zurückzuerinnern oder aber einige Informationen herauszufiltern.
Ich wünsche Ihnen eine gute Unterhaltung!
Bitte
melden Sie sich bei mir, wenn Sie Fragen haben!