Hermann Burte, ein gewollt Vergessener ?
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Dieses
Foto befindet sich auf dem Umschlag des Gedichtbandes "Das Heil im Geiste"
und wurde 1946 von Friedrich Reinert aufgenommen |
Hermann Burte wurde am 15. Februar 1879
in Maulburg im Wiesental als Hermann Strübe geboren. Er besuchte die Volksschule
in Maulburg, dann die Realschule in Schopfheim und beendete 1897 seine Schulzeit
mit dem Abitur in Freiburg. Er wollte Kunstmaler werden und studierte in Karlsruhe,
der damaligen Landeshaupt- und Residenzstadt Badens. Während eines Aufenthaltes
in Paris gewann er dort ein deutsches Preisausschreiben mit einem volkstümlichen
Roman. Dieser Erfolg ermutigte ihn, fortan als Dichter zu wirken. Sein erster
Roman "Wiltfeber", veröffentlicht 1912, begründete seinen
Bekanntheitsgrad, gefördert durch einen damals einflussreichen Dichter deutscher
Zunge, Richard Dehmel. Hermann Burte war geprägt
von den Arbeiten Nietzsches. "Wiltfeber" erinnert in den dort geäußerten
Anschauungen aber auch in der Form an "Zaratustra" . Als
"Madlee" 1923 zum ersten Mal erschien, wurden diese in alemannischer
Sprache geschriebenen Gedichte in eine Reihe gestellt mit der Prosa Johann Peter
Hebels und Jeremias Gotthelfs. Hermann Burte erhielt
viele der Ehrungen, die in Deutschland möglich waren. Er wurde der erste
Hebelpreisträger (1936), erhielt (1927) den deutschen Schillerpreis und von
Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg die Ehrendoktorwürde
(1924). Wegen seines Engagements für den deutschen
Faschismus wurden und werden die Erinnerungen an ihn und seine Dichtungen reduziert.
Weitere Informationen über den Dichter bei:
wipedia (siehe
auch unten!) |
Als
ich mich Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf Prüfungen
für die Fächer Deutsch, Geschichte und Kunstgeschichte im Zusammenhang
mit einem Lehrerstudium vorbereitete, kam Hermann Burte als deutscher Dichter
nicht vor. Weder in den meiner Vorbereitung dienenden Schriften (Paul Fechter:
Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 1 und 2. Gütersloh 1960; Otto Mann:
Deutsche Literaturgeschichte. Gütersloh 1964) wurde er erwähnt, noch
wurde in Prüfungsgesprächen nach ihm gefragt oder gar in den Vorlesungen
zur deutschen Literatur über ihn gesprochen. In
dem Gedichtband "Deutsche Dichtung der Neuzeit" (von Ernst Bender zusammengestellt,
in Karlsruhe 1958 gedruckt), er wurde an den Gymnasien Baden - Württembergs
verwendet, befinden sich einige Gedichte auch von Hermann Burte. Doch im Deutschunterricht,
erinnern sich Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 1959 am Hans-Thoma-Gymnasium
in Lörrach, wurde Burte nicht erwähnt. "Burte galt damals als suspekt,
weil er die Nazis unterstützt habe", begründete eine der ehemaligen
Schülerinnen, dass Hermann Burtes Dichtung übergangen wurde. Weder im
Schulbetrieb von Haupt- und Realschule, ich unterrichtete bis 1973 im Landkreis
Lörrach, noch in den Gymnasien, die meine Kinder zwischen 1982 und 1995 im
Landkreis Waldshut besuchten, tauchte sein Name auf. Und wenn ich heute junge
Menschen, die gerade erst das Abitur überstanden haben, nach Hermann Burte
frage, ist nur ein Achselzucken die Reaktion. Bei einem jungen Mann, den
ich vor einigen Wochen kennen lernte, erstaunte mich diese Unwissenheit besonders:
War er doch in einer Familie herangewachsen, die nicht nur die alemannische Sprache
pflegt, sondern die überdies von einer christlich-konservativen Grundhaltung
geprägt ist. Und die Mutter des jungen Mannes ist selbst Lehrerin unter anderem
für Deutsch an einem Gymnasium in Freiburg. Meine
Erfahrungen muss ich als Belege dafür nehmen, dass Hermann Burte, zumindest
im Bewusstsein von Schule und Unterricht oder in der Literaturgeschichte, keine
Rolle mehr spielt. Lediglich in Heimatzeitschriften finden sich gelegentlich einige
erinnernde Ausführungen zu seiner Person und seinem Werk. Das ist wenig,
zu wenig für einen Sprachschöpfer, der vor allem das Alemannische in
so beeindruckender Weise, wie zum Beispiel in seinem Gedichtband "Madlee",
bewahrte und beförderte.
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Gewiss, bei einigen Menschen, die links und rechts der Wiese leben, und hier besonders
in seinem Geburtsort Maulburg, wird die Erinnerung an ihn gepflegt. Es gibt die
"Hermann-Burte-Gesellschaft" und seit 2002 wird von ihr gemeinsam mit
der Gemeindeverwaltung in seinem Wohnhaus der Nachlass des 1960 verstorbenen Dichters
und Malers gesichtet und so aufgearbeitet, dass er interessierten Forschern zugänglich
gemacht werden kann. Und ich weiß, dass es Familien in der Markgrafschaft
gab, die das Andenken an ihn pflegten, wenn sie zum Beispiel eine Tochter auf
den Namen "Madlee" taufen ließen. In Kontakten mit ihnen gewann
ich den Eindruck, dass sie in Burte einen Heimatdichter verehren; hier verstanden
im Sinne einer regionalen Größe, die über das Alemannisch wiesentäler
Zunge zur eigenen Identifikation beitrug, zu einer Identifikation allerdings,
die in einem elitären Verständnis die Abgrenzung zu Menschen und Landschaften
"schriftdeutscher" Zunge ermöglicht.
Insofern
erscheint mir das Verschwinden Burtes aus dem literarisch-künstlerischen
Bewusstsein ein zweiseitiger Prozess: Wo Hochdeutsch gepflegt und gelehrt wird,
reduziert man Burte auf einen Mundartdichter und vergisst ihn schließlich
ganz. Und die bekennenden Alemannen im Lörracher Raum wollen Burte für
sich. Sie sorgten - wenn ich Zeitungsberichte aus dem Februar 1979 richtig verstanden
habe, mit der Betonung von elitär-konservativen und deutschtümelnden
Werten, für die Abwertung aller, die nicht ihres Sinnes sind. Und eine derartige
Haltung fördert bei Generationen, die sich daran gewöhnt haben, jedes
Detail unseres geistigen Erbes kritisch zu sichten und auf der Grundlage des Menschenbildes
unserer Verfassung (vgl dazu meine Aufsätze
über Werte und Normen in Gesellschaft und Erziehung) zu betrachten
und von dorther zu bewerten, eher Ablehnung und Widerstand als die Bereitschaft
zu wohlwollender Prüfung. |
Vielleicht
aber begegnen sich die Burte-Verehrer mit ihrer hier angesprochenen Haltung mit
den Intentionen des Dichters selbst. So ganz von der Hand zu weisen ist diese
geistige Beziehung nicht. Ich habe in den vergangenen Tagen "Wiltfeber"
gelesen. Der Roman ist 1912 erschienen. Hermann Burte war Anfang dreißig,
als er das Buch schrieb, also kein Heißsporn mehr und, nach Auslandsaufenthalten
in England und Frankreich, nicht ohne Welt- und Lebenserfahrung.
Er
lässt seinen Helden, Martin Wiltfeber, nach neun Jahren Aufenthalt in der
Fremde, in seine Heimat am Rheinknie zurückkehren, durchlebt mit ihm vierundzwanzig
Stunden einer dramatischen seelischen Bilanz, die sich in Auseinandersetzungen
mit jenen Menschen artikuliert, die daheim geblieben waren. Es sind Typen, die
uns allen, im Grunde zeitlos, begegnen beziehungsweise zu denen wir gehören.
Wir lernen sie kennen, die Repräsentanten der Schichten und Klassen, die
die "Bevölkerung" ausmachen, die Hungrigen, die Satten, die Ohnmächtigen
und die an Einfluss Mächtigen. Wiltfeber spricht auch mit jenen, die von
dieser Masse getrennt leben, sei es, dass sie durch eigene Schuld zu Außenseitern
wurden oder sich, von ihrer Berufung und ihrer Lebensauffassung her, absonderten.
Zu diesen gehört übrigens auch ein Jüngling mit Namen "Hermann
Burte". Doch
Wiltfeber hat noch Entscheidungen der besonderen Art zu treffen: Die Wahl zwischen
zwei Frauen. Da wartet auf ihn die schwarzhaarige Alemannin Madlee Rinklin, an
deren Seite ihm ein Leben in Wohlstand und bäuerlich-bürgerlicher Sicherheit
winkt, und es folgt / verfolgt ihn die blonde Ursula von Brittloppen, die ihn
für einen Auserwählten hält, der berufen ist, eine gewaltige, heldische
Tat im Namen des "Reinen Krist" zu verbringen. Beiden begegnen wir wieder
in seinem Gedichtband "Madlee". Und in diesen Zwölf Stunden
von Mittag zu Mitternacht am Johannistag hält Wiltfeber Gericht über
seine Existenz und in Interaktion mit allen, denen er in diesen Stunden begegnet
und die in zwölf "Hauptstücken" miterlebt werden kann. Und
der historisch bewanderte Leser unserer Tage findet in allen von Wiltfeber gehaltenen
Reden staunend Gedanken, Begriffe und Symbole des deutsch-germanischen Nationalismus
wieder, die ihm aus den zwölf Jahren (welcher Zufall mit dieser symbolträchtigen
Zahl!) des deutschen Faschismus vertraut sind, die zum Schrecken der Welt wurden
und mit denen sich das deutsche Volk in Elend und Schande stürtzte.
Gerade im Vergleich mit den Gedanken des Dichters, der Wiltfeber in den Vorstellungen
Ursulas zum Helden, zum Edlen durch Rasse, durch geistige und körperliche
Überlegenheit zum geborenen Führer, auserwählt sieht für eine
große Tat ("Nimm diese Stadt heim ans Reich!"), drängen sich
Parallelen auf mit der Vorstellung von den Deutschen als auserwähltem Volk,
berufen zur Führung der Welt, gläubig dem "Reinen Krist" und
einem Führer anhängend und nicht dem "leidenden Christ". Doch
als Hermann Burte diese Vorstellungen niederschrieb, waren Hitler und seine Mitdenker
selbst noch Kinder und die Eroberungskriege des zwanzigsten Jahrhunderts noch
fern. Andererseits
aber halten nach genauerer Prüfung die Visionen Burtes, die er Wiltfeber
in den Mund legt, dem Vorwurf nicht stand, dass er ein Vordenker des deutschen
Faschismus gewesen sei. Wenn er auch in Uwe Puschners Arbeit "Die völkische
Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich" (Darmstadt 2001,
S. 144) im Kapitel "Rasse" mit "Wiltfeber" als einer
der Literaten rassistischen und antilieberalen Gedankenguts genannt wird, war
seine entsprechende Wirkung innerhalb der deutsch-völkischen Bewegung, folgt
man den Ausführungen Puschners, umstritten. Burtes Dichtung war zu jener
Zeit von der starken Verbindung mit seiner Heimat und dem alemannischen Volkstum
bestimmt, so, wie er es wahrnahm und interpretierte. Vor allem in seiner Lyrik
("Madlee oder "Heil im Geiste") lässt sich das Gemeinte gut
nachvollziehen. Ich
hatte nach der Lektüre von "Wiltfeber" den Eindruck, dass er vorausgesehen
hatte, was kommen müsste, wenn alle die und alles das zur Herrschaft kämen,
die und was Wiltfeber an seinem Gerichtstag in der Heimat antraf. Er charakterisierte
treffend: "Ich
suchte den Gott der Leute in der Heimat, da war es der Stammesgott, das vergottete
Rassenselbst einer Wüstensippe; ich suchte die Macht, da war sie geteilt
unter alle, so dass keiner sie hatte und nichts getan werden konnte; ich suchte
den Geist, da faulte er in Amt und Gehalt; ich suchte das Reich, da war es eine
Herde Enten, welche den Aar lahm schwatzten
; ich sah nach ihrer Lebensfürsorge,
da war es ein gegenseitiges Verhindern
" Denn
wehe einem Volk, wenn deren geistig verrohtes und primitives Spießbürgertum
der "Nichtlesenden" zur Herrschaft kommt und einen der ihren oder eine
Gruppe aus ihrer Mitte auf den Schild hebt! Klaus Mann (Der Wendepunkt.
Ein Lebensbericht. Darmstadt 1989) hat ebenso wie seine Schwester Erika
und viele ihrer Schicksalgefährten klar erkannt und immer wieder in die Welt
hinausgerufen: hier ist der Pöbel am Werk und lässt sich von einem ihrer
primitivsten Agitatoren in einen Vernichtungskrieg gegen alles führen, was
einem Humanistem heilig ist. Selbst wenn sich unter diesen Pöbel Vertreter
des Geldadels oder Geburtsadels mischten: Primitiv, überheblich und arrogant,
wie Diederich Heßling in Heinrich Manns "Der Untertan" waren sie
allesamt, verblendet in ihrem fundamentalistischem Wahn. Und ihr Schicksal bewies:
Jeder Fundamentalismus endet im eigenen Untergang! So lässt sich noch
heute warnend, nach den bitteren Erfahrungen mit den Diktaturen auf deutschem
Boden, mit Fug und Recht sagen. Meine
Assoziationen zeigen, dass sich Textaussagen auch ganz anders deuten bzw. "umdeuten"
lassen, anders als es die Zeitgenossen wahrgenommen haben und anders, als jene,
die Wiltfeber, vom Fanatismus infiziert, zum Beispiel so interpretierten:
"Wiltfeber
ist "ein Kampfbuch vom Oberrhein, das den ewigen Deutschen suchte, eben den
Deutschen, der in seinem Wesen bedroht war" (Oftering,
Werner, E.: Burte. Maler und Dichter aus alemannischem Land. In: Mein Heimatland
19/1938, S. 380 - 383). |
Für mich liegt die Tragik im Leben des Hermann Burte darin, dass er nicht
erkannte, dass der "Aar", als den er Hitler und seine Paladine zwanzig
Jahre später wahrnahm und verherrlichte, nichts weiter waren, als auffallende,
mit allen Tricks moderner Werbestrategien gepuschte Vertreter all jener, über
die er Martin Wiltfeber weiter sagen ließ:
"ich
suchte meine Rassebrüder: da waren es Mischlinge siebenten Grades, bei denen
jedes Blut das andere entartete
" Bis
in Details hinein, hatten sich, wie man in den Texten des Buches gut nachvollziehen
kann, die Nazis der Sprache Burtes bedient. Sie waren exakt jener "Pöbel"
beziehungsweise seine Exponenten, an denen Wiltfeber schier verzweifelte.
Vielleicht fühlte er, der Dichter, sich geschmeichelt, dass er, zwanzig Jahre
nach Erscheinen seines Buches, von diesen "Helden" hofiert wurde. Vielleicht
auch opferte er Ehre und Gewissen dem Lug und Trug, weil ihn die Massenhysterie,
der die meisten Deutschen erlagen und die Wiltfeber noch ein Greuel war, mitriss.
Und
wenn Burte, was ich zur Stunde noch nicht weiß, auch nach 1945 rückblickend
die historischen Realitäten nicht erkannt hätte, denen er aufgesessen
war, dann wäre ihm besser das Schicksal seines Wiltfeber zu gönnen gewesen.
Denn Wiltfebers und Ursulas Tod war gleichsam Vollendung in Liebe und Lust und
allemal ein besseres Schicksal, als es der, wie mir scheint, gewollt vergessene
Dichter Hermann Burte erlitt. Und
mit dieser Szene auf dem Buchsfelsen um Mitternacht hoch über dem Rhein,
die mit den am Anfang erinnerten Begegnungen Martin Wiltfebers mit seiner Gotte
Sälme korrespondiert, offenbart nach meinem Verständnis Hermann Burte
das, was wesentlich ist im menschlichen Leben: die
"Zeugung" im Sinne von "etwas schaffen", "etwas
Hervorbringen", "schöpferisch sein". Das
ist einmal alles schöpferische Tun, wie es im Werk jedes Dichters Gestalt
gewinnt, ergreifend dargestellt, in der Szene mit dem Hanswurst. Aber auch sie
mündet im zwischenmenschlichen Zeugungsakt, der körperlichen Vereinigung
zweier Liebender. Und wenn Burte Sälme am Anfang zu Wiltfeber sagen lässt:
"Nun weißt du alles und hast das schönste getan, was es
gibt auf der Welt", dann ist das als ein Bekenntnis zu werten für
eine Existenzweise, die den Einsatz des ganzen Lebens lohnt. Und genau diese erdgebundene
Erkenntnis unterstreicht Hermann Burte mit dem Schluss seiner Geschichte über
Martin Wiltfeber. Für mich relativierte er damit alle anderen vorgetragenen
Idealismen und rückt sie in die Bereiche der Beliebigkeit. Was
zählt im Leben, so seine Botschaft, ist allein der schöpferische Akt. (vgl.
dazu auch u. a.: Hoffmann, Rüdiger: Der politische und der andere Burte.
In: Markgräflerland 1/1988, S. 145 - 155 Stübe, Friedrich: Erinnerungen
an den Vater. In: Markgräflerland 1/1986, S. 160-162)
Görwihl,
im Oktober 2005 | Wir
müssen alle unterscheiden lernen! |
Mich
regt das Schicksal Hermann Burtes in seiner Rolle als Dichter dazu an, einmal
über uns und den Umgang mit unseren Kunstschaffenden nachzudenken. Hermann
Burte füllte in seinem Leben mehrere Rollen gleichzeitig oder nacheinander
aus, so, wie wir das alle und schon zu allen Zeiten tun. Uns steht für eine
entsprechende Analyse heute sogar eine Theorie zur Verfügung: die Rollentheorie,
wie sie zum Beispiel Ralf Dahrendorf in seiner Schrift "Homo sociologicus"
(Opladen 1958 und 1964) so treffend und überzeugend beschrieb. Jede/r
von uns - und wir haben dieses Verständnis selbstverständlich längst
in unsere Alltagssprache übernommen - "spielt" mehrere Rollen.
Daheim in der Familie füllen wir die Rollen als Eltern, als Partner, als
Töchter und Söhne, als Hausfrau oder Hausmann. Außer Haus sind
wir unter anderem an Arbeitsplätzen, in Vereinen, Parteien, als Verkehrsteilnehmer
oder am Stammtisch in verschiedenen Rollen tätig. Und weil wir unter Rollen
die Gesamtheit von Verhaltenserwartungen verstehen, die an uns in dieser Rolle
an uns herangetragen werden aber auch die mit dieser Rolle verbundenen Einstellungen,
Verhalten und Motive, die wir von uns aus damit verbinden, wird rasch deutlich,
dass wir uns in den unterschiedlichen Gruppen oder Gremien auch unterschiedlich
verhalten. Und diese Unterschiede leben wir nicht nur in der Gegenwart, also gleichsam
vertikal, sondern auch auf der Zeitachse unseres Lebens. Denn es ist ja klar,
dass wir als Schüler oder Lehrling andere Rollen wahrnahmen ("spielten"),
als in Perioden unseres Erwachsenendaseins. Auch
Hermann Burte müssen wir uns vorstellen, als einen Menschen, der, genau so
wie jeder von uns, in unterschiedlichen Rollen lebte und diese Rollen im Laufe
seines Lebens veränderte und zum Beispiel seiner körperlichen, seelischen
und geistigen Verfassung anpasste. Und bei ihm wie bei uns wirkten auf das jeweilige
"Rollenverhalten" die Einflüsse der sozialen, politischen, ökonomischen
oder kulturellen Umwelten ein. Wir benutzen heute gern hierfür den Begriff
von den "ökologischen" Bedingungen (vgl. dazu die
Ausführungen über die Theorie von der "Ökologie der menschlichen
Entwicklung" unter www.rumpfs-paed.de
). Einmal
lassen sich Leben und Werk einer Persönlichkeit als eine Ganzheit betrachten,
zum anderen aber auch, und auch das tun wir tagtäglich, wenn wir uns um das
Verstehen eines anderen Menschen bemühen, lernen wir ihn erst dann kennen,
wenn wir ihn in möglichst vielen seiner Rollen und in den Wechselbeziehungen
zu seinen Umwelten betrachten. Wenn Hermann Burte sich in seiner Rolle als
politisch engagierter Staatsbürger verirrte und versagte - wobei alle die,
die das bewerten, ihre Maßstäbe und deren Gültigkeit für
seine Zeit offen zu legen hätten - tat er das auch als Dichter und
in allen seiner Werke? Es
fallen mir viele Belege dafür ein, dass wir Bürgerinnen und Bürger
in Deutschland, vor allem, wenn wir Berufsrollen ausüben, in denen wir wertend
befinden dürfen / sollen / wollen / müssen, allzu leichtfertig "das
Kind mit dem Bade ausschütten". Da teilen wir die Menschen nach ihren
Werthaltungen in "Linke", "Rechte", "Konservative",
"Liberale" und wie diese Selbstdefinitionen und Zuschreibungen alle
heißen. Und wenn die eine Richtung gerade en vogue ist, werden die Vertreter
der jeweils anderen Richtung (-en) diskriminiert. Gewiss, ich bin mir bewusst,
dass ich jetzt sehr vereinfache. Wenn ich aber daran denke, dass Dichter wie Kurt
Bartels (Kuba), Johannes R. Becher, Franz Fühmann oder Anna Seghers unserer
Jugend in der BRD genau so vorenthalten wurden wie Heinrich Böll, Wolfgang
Borchert, Siegried Lenz oder Christa Wolf in der DDR gemieden wurden, dann scheint
mir offensichtlich, dass das Vermeidungsverhalten der kulturmächtigen Rollenträger
in den jeweiligen Gesellschaften nichts mit den dichterischen, schöpferischen
Leistungen der Betreffenden zu tun hat. Wer das jeweilige kulturelle Erbe
oder Teile von ihm zeitweilig oder ganz in einer "unteren Schublade"
verschwinden lassen will, der schneidet zugleich ein Stück, nicht selten
ein sehr bedeutsames Stück, aus unserer Kulturgeschichte heraus. Und das
halte ich für beschämend! Wir Deutsche können es uns sehr wohl
leisten, zum Beispiel das Werk Hermann Burtes freimütig nach jenen "Zeugungen"
durchzusehen, auf die wir, als Zeugnisse unseres kulturellen Erbes gern verweisen
wollen. Und
was für Hermann Burte gelten sollte, das will ich auf alle Persönlichkeiten
bezogen wissen, die uns in ihren Rollen als Maler, Musiker, Sänger, Dichter
oder Schauspieler etwas gegeben haben oder geben. Niemand von uns muss zugleich
mit deren Rollen als politisch Handelnde oder mit ihren anderen privaten Rollen,
die sie ausfüllen, übereinstimmen. Doch sollten wir uns alle offen zu
jenen ihrer Leistungen bekennen dürfen, die uns wertvoll erscheinen.
Hermann Burte hing zweifellos dem Führerstaat an. Sowohl diese Rolle oder
auch entsprechendes Gedankengut in seinen Schriften verdient unser Kopfschütteln.
Doch wer ihm und vielen anderen unserer Kulturschaffenden aus Geschichte und Gegenwart
gerecht werden will, muss auch verstehen und differenzieren können und wollen. Dr.
Joachim Rumpf 79733 Görwihl, 20. Oktober 2005 Eine
Anmerkung noch: Natürlich ist die "Rollentheorie" nur ein
Erklärungsmodell, um Antworten auf Fragen nach den Beweggründen für
das Tun und Lassen eines Menschen zu suchen. Man kann empirisch vorgehen
und die Selbstzeugnisse vorlegen und die Schilderungen von Menschen verarbeiten,
die ihn persönlich kannten, man kann die Lebensäußerungen von
Menschen psychoanalytisch zu erklären versuchen aber auch entwicklungspsychologisch,
ökologisch oder gar politisch-ideengeschichtlich, um nur einige Beispiele
zu nennen. Mir erschien der gewählte rollentheoretische Ansatz recht
hilfreich. |
Am
8. August 2007 habe ich die Ausstellung "Hermann Burte und der Nationalsozialismus"
im Hebelsaal des Lörracher Burghofes besucht. Ich war sehr beeindruckt sowohl
von der Stimmigkeit von Thema und Exponaten einerseit sowie der Präsentation
der Ausstellungsstücke. Auch den öffentlichen Auseinandersetzungen um
Hermann Burtes Rolle vor und nach dem Kriege und der Art und Weise, wie in unserer
Generation damit umgegangen wird, ist ein Ausstellungsteil gewidmet. Die
für diese Ausstellung ausgewählten Bilder und die unterschiedlichen
schriftlich vorliegenden Dokumente lassen keinen Zweifel daran, dass Burte tatsächlich
dem faschistischen Wahn verhaftet war und, das bewegte mich besonders, ihm auch
noch nach dem Untergang des Großdeutschen Reiches anhing. Er war nicht in
der Lage das Unrecht zu erkennen, an dem er aktiv mitgewirkt hatte, vermochte
sich nicht zu distanzieren oder gar den Verrat zu verurteilen, die das NS-Regime
und alle, die es gefördert hatten, an den Lebensinteressen des eigenen Volkes
verübt hatten. Im
Gegenteil: Burte sah sich als Opfer! Ein einziges Dokument spricht für alle,
wenn ich an das Gedicht "Im Exil" denke, das in der Ausstellung zu lesen
ist. Daraus die folgenden Zeilen: "Ich
lebte nie in Rom und unbewusst Blieb mir, wie weh es tut, die Stadt zu meiden
... Die Besten meines Volkes sind verbannt In Lagern liegend und in Kerkern
siechend. Die Allgemeinen schamlos abgewandt Dem Vaterlande, unterwerfend
kriechend Ihr Herz dem Fremden, und mir ist gesetzt Vom Schicksal, zu
bewahren Eid und Erbe, Zu bleiben, was ich bin, damit zuletzt Im Volk
ein ungebrochener Deutscher sterbe." Hermann
Burte starb dann ja auch elf Jahre später. Doch immer noch "ungebrochen"
oder, wie wir, die Zeitzeugen und Nachgeborenen heute bewertend sagen: als ein
Unbelehrbarer. Der
Hintergrund dieser Verse war die Verurteilung als "minderbelasteter"
Nazi mit einer kurzzeitigen Gefängnisstrafe, der Beschlagnahme seines Hauses
in Lörrach durch die französische Besatzungsmacht und einem Teil seiner
großen Bibliothek zu Gunsten einer öffentlichen Bibliothek, das Verbot,
sich in Lörrach aufzuhalten und sich politisch zu betätigen. Sein "Verbannungsort"
war Efringen-Kirchenam Rhein - nur wenige Kilometer von Lörrach entfernt
- im wunderschönen markgräfler Weinland gelegen. Doch
wen wundert diese uneinsichtige Haltung? Befand er sich bis zu seinem Tode nicht
in zahlreicher Gesellschaft? Sehr vielen Deutschen, einschließlich mir selbst,
fiel es in den ersten Nachkriegsjahren schwer, die Realität der völligen
Niederlage zu akzeptieren und deren Ursachen zu erkennen. Ich habe an
anderer Stelle über das rechtskonservative bis rechtsradikale Gedankengut
berichtet, das in Staat und Gesellschaft noch mehrere Jahrzehnte frisch blieb
(und wohl, wenn auch stark geschrumpft, noch immer oder immer wieder mal herumspukt).
Das erklärt Burtes Verhalten. Doch war dieses Verhalten, nach meinem
heutigen Verständnis, ebenso verwerflich wie das aller anderen, die genau
so dachten und sich, - aus Lagern und Kerkern entlassen oder, je nach Besatzungszone,
persönlicher Verbindungen oder Brauchbarkeit für die Besatzungstruppen,
gar nicht erst hineingekommen, - von ihrer eigenen Vergangenheit nicht distanzierten.
Und hätte er die Chance gehabt, bis zum Ende des Jahrhunderts zu leben: er
hätte, wie viele seiner Zeitgenossen auch, über sich selbst den Kopf
geschüttelt. Görwihl, d. 15.08.07 |