Heimatkundliches über den Hotzenwald und seine Umgebung

Hermann Burte
blieb bei den Freunden seiner Dichtungen in Erinnerung

 

 

 

Zu jenen Freunden alemannischer Sprache und Dichtung, die Hermann Burtes Leben und Werk differenzierter sehen, als diejenigen Personen und/oder Gruppen, die Burte aus dem Ehrenbürgerbuch der Stadt Lörrach gestrichen wissen möchten, gehört auch der Professor Dr. Hans G. Nutzinger.

Seinen Beitrag, von dem ein Ausschnitt im Oberbadischen Volksblatt abgedruckt wurde, stellte er freundlicher Weise für diese Seite über Hermann Burte zur Verfügung:

 

 

 


Hermann Burte, der Antisemitismus und der Nationalsozialismus


Die sehenswerte Sonderausstellung im Lörracher "Museum am Burghof" bestätigt im wesentlichen, was man schon vorher wusste: Burte war von Anfang an völkisch-deutschnational eingestellt und hat sich später im "Dritten Reich" vielfältig mit den Nationalsozialisten eingelassen, nicht zuletzt durch seine 1936 beantragte NSDAP-Mitgliedschaft. Antisemitische Äußerungen von ihm sind vielfach bezeugt, auch schon vor 1933. Leider waren solche Äußerungen in jener Zeit nur allzu verbreitet und nicht auf bornierte Nationalsozialisten beschränkt.

Allerdings: Die Werke einiger seiner Lieblingsautoren, wie Friedrich List und Friedrich Nietzsche, kann man schwerlich als "antisemitisch geprägt" bezeichnen (die Kritik des Letzteren an der jüdisch-christlichen Religion, ob man sie nun teilt oder nicht, verdient keine derartige Qualifizierung).

Auch der "(reine) Krist" des "Wiltfeber" ist nicht zweifelsfrei als bloßes Produkt "antisemitischer Theorie" zu entlarven; Burte selbst bezieht sich in dem Roman auf die althochdeutsche Evangelienharmonie des Otfried von Weißenburg ("der elsässische Dichter, als er vor elfhundert Jahren in großartigem Althochdeutsch das Leben des Heilandes schrieb"). Die Abgrenzung zu Jahwe ist zwar sehr deutlich, aber er sieht "Krist [als] jenen Galiläer jüdischen Gaubens [...], jenen Mann, welcher in sich das Judentum überwand und äußerlich den Juden unterlag". Das steht eher in der Tradition des christlichen Antijudaismus und erlaubt verschiedene Interpretationen; Burte selbst hat ja 1953 mit seinem "Psalter um Krist" eine Deutung gewählt, die das Alte Testament (wieder) einschließt.

Walther Rathenau hat seinerzeit den "Wiltfeber" nicht als antisemitisch empfunden; die Ausstellung zeigt ja seine freundschaftliche Widmung "Mit herzlichen Wandergrüssen des Ewigen Juden Martin Wiltfeber dem Ewigen Deutschen". Richtig ist, dass er später den Kontakt zu Burte wegen dessen sich später steigernden antisemitischen Äußerungen wieder abbrach; aber das Zusammentreffen der beiden so verschiedenen Menschen war wohl für Burte selbst sehr eindrücklich, wie er in seinem Rückblick "Mit Rathenau am Oberrhein"(1925/1948) beschreibt.

Mit der "Madlee" und einigen anderen Gedichtbänden hat er sich bleibende Verdienste um die alemannische Mundartdichtung erworben. Die Regio muss wohl damit leben, dass sie mit Hermann Burte einen hochbegabten Mundartdichter und einen respektablen Maler, aber zugleich einen völkischen Deutschnationalen und antisemitisch eingestellten Antidemokraten aufweist, der genau aus diesem Grunde kein Vorbild der Jugend sein kann.

Es war offenkundig der Respekt vor Burtes dichterischer Begabung, der die Spruchkammer 1949 dazu bewog, ihn nur als "minder belastet" einzustufen; eine schärfere Beurteilung lag durchaus im Bereich des Möglichen. Immerhin hat die Spruchkammer seine Verstrickung in das Dritte Reich schon vor fast 60 Jahren deutlich dargelegt. Dass er 1959 unter fast völliger Ausblendung seiner Verwicklungen in den Nationalsozialismus (die eben keine bloßen "Ausrutscher" oder "Eintagsfliegen" waren) zum 80. Geburtstag geehrt wurde, war in dieser Form weder nötig noch hilfreich - letztlich auch für den Geehrten selber.

Ihm aber jetzt nach fast 70 Jahren wieder die Ehrenbürgerschaft in Lörrach abzuerkennen, halte ich für keine besonders kluge Idee. Die verdienstvolle Sonderausstellung hat keine wesentlichen neuen Erkenntnisse über Hermann Burte hervorgebracht, die eine solche Entscheidung rechtfertigen würden; sie erschiene jetzt wohl eher als Akt einer allzu beflissenen posthumen "political correctness". Dass Lörrach ihm 1939 die Ehrenbürgerwürde verlieh, dafür hat die Wiesentäler Kreisstadt schon 1959 gebüßt, als sich Theodor Heuss aus eben diesem Grunde weigerte, hier Ehrenbürger zu werden.

Johann Peter Hebel, der unbestritten bedeutendste alemannische Mundartdichter, hat uns gezeigt, dass man Liebe zur Heimat ohne jedes Herrenmenschentum pflegen und mit Weltoffenheit und Liebe zu allen Menschen verbinden kann. Und man kann Burtes Mundartdichtung schätzen, ohne seine politisch-völkischen Verblendungen in irgend einer Weise zu beschönigen. Ich denke, das wäre wohl der beste Umgang mit seinem zwiespältigen Erbe.

Hans G. Nutzinger
Gutenbergstr. 8
34127 Kassel


 

Hans Nutzinger schrieb am 19. April 2008

"Lieber Herr Rumpf,
zufällig habe ich gerade ein Schriftstück aus dem Jahre 1955 (in dem
meine jüngere Schwester Magdalene als jüngstes von 6 Kindern geboren und
getauft wurde) gefunden, das einen Gedichteaustausch zwischen meinem
Vater und Herman Burte enthält..."

Hier die beiden Gedichte:


An Hermann Burte zum Tauftag

Ins Pfaarhus z'Hauge het myseel
der Storch vom Chilchedach
ne Maidli brocht - er goht nit fehl,
und er verstoht sii Sach.
>
Zwor Menggi schnööre: Nei doch au!
Jetzt längt's bigott. Jawoll!
In sonere Zit! Die armi Frau!
'S halb Dotzed henn sie voll.
>
Löhnt mi unkheit. Tauft hemmer hüt
und ihm de Name gee.
Do freut sich gwiß der Burte mit:
Das Maidli heißt Madlee.

 

 

Burtes Antwort:
>
Nutzinger, Dichter! Dy Gidicht,
das het mi gfreut per se.
Es git im Burt holde Bricht:
Du daufsch dy Chind: Madlee.
>
So hani au ne Jumpfere dauft,
wo zwüsche Wald un Rhy
bis in die höchste Wulke lauft,
in miinere Phantasie.
>
Es soll by Liib und Lebe nit
dii Chind e Vorbild neh
an dere Gstalt, wo 's gar nit git,
der dichtete Madlee.
>
Es soll emol, will's Gott, in d'Eh
un nit in diefe Rhy
un soll als lebigi Madlee
in Ehre glücklich sii

 

Professor Nutzinger merkt dazu an:

Für die Wiesentäler der fünfziger Jahre war
Burte eben der Dichter des Gedichtbandes "Madlee", die ja als Person
auch im "Wiltfeber" aufscheint (und dort den Freitod im Rhein sucht).
Seine nicht ganz zufälligen völkischen Entgleisungen in der Nazi-Zeit
wurden damals als "Ausrutscher" verharmlost und verdrängt. Ein halbes
Jahrhundert wollen viele in Burte nur noch den verblendeten
Nationalsozialisten sehen - und das ist zweifellos nicht minder
einseitig.

Und ich möchte ergänzen:
Am Hochrhein und im Wiesental war für all jene Frauen und Männer, die ihre alemannische Sprache achteten und pflegten Hermann Burte der von allen verehrte Exponent eben dieser Muttersprache. Auch das Ehepaar Johanna und Walter Wetzel in Grenzach, die Wetzels gehören zu den ältesten Grenzacher Geschlechtern, ließ seine Tochter auf den Namen "Madlee" taufen.

Und noch einmal möchte ich darauf verweisen: wir müssen unterscheiden lernen und trennen: den Dichter und sein Werk vom politisch handelnden Glied in der Gesellschaft oder seinem Verhalten als "Privatperson"
Vgl. dazu auch die Seite über Hermann Burte!

 

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