Hermann Burte, der Antisemitismus und der Nationalsozialismus
Die sehenswerte Sonderausstellung im Lörracher "Museum am Burghof"
bestätigt im wesentlichen, was man schon vorher wusste: Burte war von Anfang
an völkisch-deutschnational eingestellt und hat sich später im "Dritten
Reich" vielfältig mit den Nationalsozialisten eingelassen, nicht zuletzt
durch seine 1936 beantragte NSDAP-Mitgliedschaft. Antisemitische Äußerungen
von ihm sind vielfach bezeugt, auch schon vor 1933. Leider waren solche Äußerungen
in jener Zeit nur allzu verbreitet und nicht auf bornierte Nationalsozialisten
beschränkt.
Allerdings:
Die Werke einiger seiner Lieblingsautoren, wie Friedrich List und Friedrich Nietzsche,
kann man schwerlich als "antisemitisch geprägt" bezeichnen (die
Kritik des Letzteren an der jüdisch-christlichen Religion, ob man sie nun
teilt oder nicht, verdient keine derartige Qualifizierung).
Auch der
"(reine) Krist" des "Wiltfeber" ist nicht zweifelsfrei als
bloßes Produkt "antisemitischer Theorie" zu entlarven; Burte selbst
bezieht sich in dem Roman auf die althochdeutsche Evangelienharmonie des Otfried
von Weißenburg ("der elsässische Dichter, als er vor elfhundert
Jahren in großartigem Althochdeutsch das Leben des Heilandes schrieb").
Die Abgrenzung zu Jahwe ist zwar sehr deutlich, aber er sieht "Krist [als]
jenen Galiläer jüdischen Gaubens [...], jenen Mann, welcher in sich
das Judentum überwand und äußerlich den Juden unterlag".
Das steht eher in der Tradition des christlichen Antijudaismus und erlaubt verschiedene
Interpretationen; Burte selbst hat ja 1953 mit seinem "Psalter um Krist"
eine Deutung gewählt, die das Alte Testament (wieder) einschließt.
Walther
Rathenau hat seinerzeit den "Wiltfeber" nicht als antisemitisch empfunden;
die Ausstellung zeigt ja seine freundschaftliche Widmung "Mit herzlichen
Wandergrüssen des Ewigen Juden Martin Wiltfeber dem Ewigen Deutschen".
Richtig ist, dass er später den Kontakt zu Burte wegen dessen sich später
steigernden antisemitischen Äußerungen wieder abbrach; aber das Zusammentreffen
der beiden so verschiedenen Menschen war wohl für Burte selbst sehr eindrücklich,
wie er in seinem Rückblick "Mit Rathenau am Oberrhein"(1925/1948)
beschreibt.
Mit
der "Madlee" und einigen anderen Gedichtbänden hat er sich bleibende
Verdienste um die alemannische Mundartdichtung erworben. Die Regio muss wohl damit
leben, dass sie mit Hermann Burte einen hochbegabten Mundartdichter und einen
respektablen Maler, aber zugleich einen völkischen Deutschnationalen und
antisemitisch eingestellten Antidemokraten aufweist, der genau aus diesem Grunde
kein Vorbild der Jugend sein kann.
Es
war offenkundig der Respekt vor Burtes dichterischer Begabung, der die Spruchkammer
1949 dazu bewog, ihn nur als "minder belastet" einzustufen; eine schärfere
Beurteilung lag durchaus im Bereich des Möglichen. Immerhin hat die Spruchkammer
seine Verstrickung in das Dritte Reich schon vor fast 60 Jahren deutlich dargelegt.
Dass er 1959 unter fast völliger Ausblendung seiner Verwicklungen in den
Nationalsozialismus (die eben keine bloßen "Ausrutscher" oder
"Eintagsfliegen" waren) zum 80. Geburtstag geehrt wurde, war in dieser
Form weder nötig noch hilfreich - letztlich auch für den Geehrten selber.
Ihm
aber jetzt nach fast 70 Jahren wieder die Ehrenbürgerschaft in Lörrach
abzuerkennen, halte ich für keine besonders kluge Idee. Die verdienstvolle
Sonderausstellung hat keine wesentlichen neuen Erkenntnisse über Hermann
Burte hervorgebracht, die eine solche Entscheidung rechtfertigen würden;
sie erschiene jetzt wohl eher als Akt einer allzu beflissenen posthumen "political
correctness". Dass Lörrach ihm 1939 die Ehrenbürgerwürde verlieh,
dafür hat die Wiesentäler Kreisstadt schon 1959 gebüßt, als
sich Theodor Heuss aus eben diesem Grunde weigerte, hier Ehrenbürger zu werden.
Johann
Peter Hebel, der unbestritten bedeutendste alemannische Mundartdichter, hat uns
gezeigt, dass man Liebe zur Heimat ohne jedes Herrenmenschentum pflegen und mit
Weltoffenheit und Liebe zu allen Menschen verbinden kann. Und man kann Burtes
Mundartdichtung schätzen, ohne seine politisch-völkischen Verblendungen
in irgend einer Weise zu beschönigen. Ich denke, das wäre wohl der beste
Umgang mit seinem zwiespältigen Erbe.
Hans
G. Nutzinger
Gutenbergstr. 8
34127 Kassel