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Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald

Forschungsarbeiten

 


Martin Andreas Kistler


Einung und Eidgenossenschaft
Die Verfassung der vorderösterreichischen Grafschaft Hauenstein im Vergleich sowohl mit der Entwicklung und den Verfassungen der Gründungsorte der Eidgenossenschaft
als auch den Bestrebungen genossenschagtlicher Selbstverwaltung in Vorderösterreich

Diese Arbeit ist 2006 erschienen im Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel

 

 


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Dr. Martin Andreas Kistler ist von Beruf Jurist. Er ist aufgewachsen in Dogern im Hochrheintal. Dogern ist ein Dorf, das westlich von Waldshut und am Südfuß des "Estelberges" liegt. Diese Gemeinde ist - eine Besonderheit im Landkreis Waldshut - politisch selbständig geblieben und weder nach Waldshut noch in das westlich ebenfalls unmittelbar benachbarte Albbruck eingemeindet worden. In dieser Gemeinde wurde Martin Andreas Kistler 1999 zum ersten Mal in den Gemeinderat gewählt. Seit 2004 ist er auch Bürgermeisterstellvertreter. Damit trat er persönlich im Grunde in die Tradition jener Selbstverwaltungsorgane in der ehemaligen Grafschaft Hauenstein, denen er nunmehr eine eigene wissenschaftliche Untersuchung gewidmet hat: den Einungen in diesem vorderösterreichischen Verwaltungsbezirk, die bis zum Übergang an Baden 1806 bestanden. Dogern war bereits damals, also im 18. Jahrundert und seit dem Mittelalter Hauptort einer der acht Einungen in der Grafschaft Hauenstein. Was das bedeutete und welche Funktionen diese Selbstverwaltungskörperschaften hatten, ist unter anderem in seiner Untersuchung dargestellt.

Martin Andreas Kistler gehört zu den wenigen Einheimischen (Hauensteinern), der sich wissenschaftlich mit der Geschichte, hier besonders mit der Verfassungsgeschichte, unserer Landschaft zwischen den Schwarzwaldflüssen Wehra im Westen und Schlücht/Schwarza in Osten befasste. Er ging in Waldshut zur Schule, legte dort am Hochrhein-Gymnasium das Abitur ab, studierte in Freiburg und Basel Rechtswissenschaften und arbeitete als Referendar im Landgerichtsbezirk Waldshut. Dort legte er auch das 2. juristische Staatsexamen ab.

Im Sommer 2006 trat er der Anwaltskanzlei Fehrenbach u. Gen. in Waldshut bei.

Die Arbeit, in die auf dieser Seite eingeführt wird, wurde im Dezember 2005 von der juristischen Fakultät der Universität Basel als Dissertation angenommen. Referent war Prof. Dr. Felix Hafner.

 

 

Zur Aufnahme Martin Kistlers mit dem Blumenstrauß finden wir auf der Seite der Theatergruppe Dogern den folgenden Text:

"Die Theatermitglieder gratulieren ihrem Mitspieler Martin!
Die meisten erleben es nie. Nur wenigen verdienten Menschen wird die Ehre zuteil, dass eine Straße nach ihnen benannt wird.
Bei manchen ist es "nur" ein Weg, aber auch das dokumentiert die öffentliche Wertschätzung. Gerade mal 29 Jahre alt ist Martin Kistler aus Dogern, der in seiner Heimatgemeinde unter Umgehung aller behördlicher Vorschriften zum Paten wurde. Seine Mitspielerinnen vom Theaterverein gratulierten mit der Aktion zur Promotion und tauften den bis dahin namenlosen privaten Zugang zur Wohnung in der Hauptstraße
"Dr.-Martin-Kistler- Weg".

Das Schild ist eine Hommage an einen großen Sohn der Gemeinde, der nicht nur Jura studiert hat, sondern sich in vielfältiger Weise ins öffentliche Leben einbringt. Er sitzt im Gemeinderat, arbeitet in der katholischen Gemeinde mit, bereichert die Fasnacht und steht in seiner Freizeit gern als Akteur auf der Bühne beim Theaterverein s'Dogermer Kom(m)ödle. Und jetzt schon ein eigener Weg - der wird Martin Kistler ganz sicher auf die Straße des Erfolgs führen."

Nun, diese von mir 2005 geäußerte Annahme hat sich bestätigt. Der parteilose Martin Kistler wurde am Mittwoch, d. 4. Juni 2014 von einer Mehrheit der Kreistagsmitglieder des Landkreises Waldshut zum neuen Landrat gewählt. Und wieder war er, mit einem Blumenstrauß in der Hand, in den Tageszeitungen abgebildet
(vgl. dazu auch:
http://www.badische-zeitung.de/fotos-landratswahl-in-waldshut).

 

 Es darf im Zusammenhang mit dieser besonderen Ehrung auf das Engagement Martin Kistlers als Schauspieler hingewiesen werden. Er wirkte bei dem Spiel des auf diesen Seiten besprochenen Spiels
"Der Schmied von Dogern" von Gerhard Jung mit.

 

Die Laudatio anlässlich der Präsentation der Dissertation Martin Kistlers als Buch am Dezember 2006 in den Räumen der Sparkase Hochrhein in Waldshut hielt der Historiker Dr. Christian Ruch. Sie ist mir dankenswerter Weise von Herrn Ruch zur Verfügung gestellt worden. Seine hochinteressanten Ausführungen, die in der vollbesetzten Festhalle der Sparkasse auf lebhaftesten Beifall stießen,
kann hier nachgelesen werden.

Dr. Joachim Rumpf
21.12.2005
09.06.2014

 

 

Vorbemerkungen

Die Aufnahme dieser Rechtshistorischen Arbeit in die Salpetererseiten begründet sich mit den Anliegen der Salpeterer des achtzehnten Jahrhunderts, die für ihre von alters her gekommenen Rechte und Freiheiten eintraten. Deren wesentlichen Bestandteile waren die Einungsverfassung mit den mit ihr verbundenen Privilegien.

Überlegungen, die auf den, mit historischen Quellen nicht fassbaren Ursprung von Regeln und Normen im Zusammenleben von Menschen eingehen, sollen der Einführung in die Arbeit von Martin Kistler vorangestellt werden.

Genau so wie jeder erwachsene Mensch auf seine Lebensgeschichte zurückblicken kann, hat jede der "Institutionen", die auf unser persönliches Leben einen mehr oder weniger großen Einfluss hat, ihre eigene Geschichte. Martin Kistler beschreibt in seiner Arbeit die Institution "Hauensteiner Einungsverfassung", geht ihrer Geschichte nach und vergleicht sie mit den Rechts- und Verfassungsinstitutionen sowohl der Schweizer Urkantone als auch der anderen Herrschaften in Vorderösterreich.

Es wird in dieser bemerkenswerten Arbeit immer wieder über die Ursprünge derartiger Institutionen Auskunft gegeben, wobei Kistler, den Gepflogenheiten wissenschaftlichen Arbeitens folgend, die Quellenlage prüft. Danach verlieren sich die Anfänge der hier zu betrachtenden Rechts- und Verfassungsinstitutionen im Nebel einer quellenmäßig nicht erfassbaren historischen Periode, die - bezogen auf die Landschaften der heutigen Schweiz und Südwestdeutschlands - zeitlich etwa an der Schwelle vom spätrömischen Imperium bis zur Herausbildung von germanischen Königtümern auf römischem Reichsboden angesiedelt werden können.
Verlässt man aber für diesmal die Historie und zieht anthropologischer, soziologischer und sozialpsychologischer Erkenntnisse hinzu, dann erhält man die Chance, den Wurzeln von "Institution" beziehungsweise "institutionalisierten" Handlungen dem Phänomen "Institution" näher zu kommen. Das werde ich mit den folgenden Sätzen unternehmen:

1. Der Mensch ist das einige Lebewesen, dessen Verhalten nicht ausschließlich von angeborenen Instinkten geleitet wird. Er ist frei gesetzt
2. Der Mensch kann als Einzelwesen nicht überleben. Allein in Gesellschaft mit anderen vermochte er sich zu behaupten.

3. Im Unterschied zu den Tieren, zum Beispiel zu anderen Primaten, ist beim Menschen das Zusammenleben mit anderen Menschen nicht "von der Natur" vorgegeben; er muss die Art und Weise des Umgangs miet seinsgleichen regeln. Im Wechselspiel zwischen den Bedürfnissen des Einzelnen und denen der anderen Angehörigen seiner Gruppe (Familie, Sippe) bildete sich als spezifisches Instrument sozialer Interaktion die Sprache heraus und mit ihr die Überlieferung. Damit wurde es möglich, Regeln des sozialen Verhaltens aber auch andere Elemente dessen, was wir unter dem Sammelbegriff "Kultur" fassen, zum Beispiel wie handwerkliche Techniken, Tierhaltung, religiöse Rituale u. v. a. m. zu überliefern.

4. Sowohl die Regelung zwischenmenschlicher Verhaltensweisen, wir sprechen heute von den Normen und Regeln in einer Gesellschaft, als auch alle anderen kulturellen Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte, waren und sind "institutionalisiert". Lassen wir Gehlen zu Worte kommen: Institutionen sind für ihn die Orientierungspunkte in der Weltoffenheit. Sie bieten die Grundlagen für menschliches Handeln insofern, als sich dieses Handeln an Dauer orientiert und über den aktuellen Vollzug hinaus wirkt: "Angesichts der Weltoffenheit und Instinktendbindung des Menschen ist es durch nichts zu gewährleisten, dass ein gemeinsames Handeln überhaupt zustande kommt oder dass es, einmal vorhanden, nicht morgen wieder zerfällt. Gerade in diese Lücke tritt ja die Institution"
(Urmensch und Spätkultur. Wiesbaden 1956, S. 178). Institutionen stellen die Grundlage für das Denken, das Urteilen, das Handeln; sie beeinflussen selbst die Gefühlsbereiche des Menschen. ...Sie regeln uns nicht nur in unserem Verhalten ein, sie greifen bis in unsere Wertgefühle und Willensentschlüsse durch ..." (ders.: Anthropologische Forschung. Reinbeck 1970, S. 72). In der allgemeinen Systemtheorie ist die Rede von sinnstiftenden Interaktionen als konstitutives Merkmal sozialer Systeme.
5. Einerseits ist davon auszugehen, und ich zweifle nicht an dieser Prämisse, dass wir Menschen schon immer Institutionen brauchten, wie uns die Anthropologie Arnold Gehlens vor Augen stellte. Anderseits gingen Menschen stets schöpferisch mit diesen "Zwängen" zu institutionalisiertem Handeln bzw. Verhalten um. So bietet zum Beispiel die Geschichte des Rechts und der Verfassungen von Gesellschaften einen überzeugenden Anschauungsunterricht darüber an, dass Menschen in der Lage sind, ihre Institutionen veränderten Bedürfnissen und Bedingungen anzupassen. Und wo und wann das nicht auf friedlichem Wege gleichsam evolutionär möglich war, da sprechen wir von Revolutionen.
Vgl. zu diesen Ausführungen u. a.: Bronfenbrenner, Urie: Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Stuttgart 1980; Jensen, Systemtheorie. Stuttgart 1983; Mead, George Gerbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt / M. 1980

Damit wäre ich zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen zurückgekommen. Die Verfassungsinstitutionen über die Martin Kistler Auskunft gibt, haben, wie alle anderen Institutionen in unserem Leben anthropologisch erklärbare Wurzeln. Sobald man dies bedenkt, ist es so selbstverständlich, dass es banal scheint, das auszusprechen. Und dennoch lege ich gerade im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgegenstand Kistlers Wert darauf, den Charakter von Institutionen hier festzuhalten. Gerade wenn von dem Kampf für die Bewahrung "alter Rechte und Freiheiten" (also überkommener Institutionen) die Rede ist, wie es bei den Salpeterern in Bezug auf die Einungsverfassungen im Hauensteinischen der Fall war, erscheint mir vorab wichtig, dass klar gestellt wird, was im Zusammenhang mit der hier vorgenommenen Einführung in die rechtshistorische Arbeit von Manfred Kistler als "Institution" verstanden wird.

 

 

Zu Martin Kistlers Arbeit


Einführung

Martin Kistler führt uns mit seiner Arbeit weit in die Geschichte zurück. Im Grunde begibt er sich mit uns an die Anfänge demokratischer Strukturen in Verfassungen, die unsere bäuerlichen Vorfahren entwickelten und tut das am Beispiel Vorderösterreichs und der Schweiz.
Kistlers Verdienst ist es, dass er die vorhandenen Quellen und die Literatur zu den Themen "Einungsverfassung", "Rechte und Freiheiten" zusammengetragen und sorgfältig durchgesehen hat. Aus diese Weise entstand eine gut belegte und für die historisch Interessierten informative Schrift, deren besonderer Wert nicht zuletzt darin zu sehen ist, dass sie auf relativ wenigen Seiten die Verfassungen der Landgemeinden in allen vorderösterreichischen Herrschaften Südwestdeutschlands darstellt und untereinander auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin befragt. Vor allem aber regen die ausführlichen Darstellungen der eidgenössischen Selbstverwaltungsorgane und ihrer Geschichte dazu an, sich über deren Herkommen und die Verwandtschaftsbeziehungen mit den "Einungen" in Vorderösterreich, weiter Gedanken zu machen. Insofern sind interessante Ausgangspositionen für künftige Forschungen in diese Richtung hin geschaffen worden. Denn nach wie vor bleiben die Anfänge von genossenschaftlichen Verbünden "freier" Bauern bzw. Siedler in unserer Landschaft noch im Bereich des sagenhaften, weil es an schriftlichen Quellen fehlt. Immerhin konnten die Verweise Kistlers auf vergleichbare, historisch besser erhellte Entwicklungen in der Frühzeit alemannischer Landnahme, wie zum Beispiel in dem Kapitel über Voralberg, etwas Licht in diese Zeit bringen
Einige Motive freilich, Antworten auf die Fragen nach dem "Warum" derartiger Zusammenschlüsse, sind mit dem Hinweis auf die anthropologischen Prämissen im Zusammenhang mit den Zwecken und Zielen aller Institutionen, die sich Menschen schufen, bereits in den Vorbemerkungen angedeutet. Andere, historisch belegbare, erschließen sich aus der Arbeit Kistlers mit der er u. a. die "vollständige, mythenfreie Darstellung der Einungsverfassung der Grafschaft Hauenstein" anstrebt und sie mit "den Entwicklungen und Verfassungen der Schweizer Urkantone" vergleicht (S. 150
die Seitenangaben beziehen sich auf die im Manuskript).

 

 

Absichten und Ziele der Untersuchung

Im Aufsatz über Karl Friedrich Wernet wurde bereits die Hoffnung geäußert, dass das reiche von ihm zusammengetragene und kaum gesichtete Material von Heimatforschern gehoben und verarbeitet werden würde. Nun ist es kein Angehöriger der Historikerzunft, der sich dieses Materials annahm, sondern ein Jurist:
Martin Kistler hat es unternommen, Wurzeln und Erscheinungsbild der Einungsverfassung der Grafschaft Hauenstein mit den Einungsverfassungen in der Schweiz und anderen Gebieten Vorderösterreichs zu vergleichen und für diese Arbeit den Nachlass von Karl Friedrich Wernet im Archiv des Landkreises Waldshut durchzuarbeiten.

Martin Kistler beschreibt die Rechts- und Verfassungssituation der ehemaligen Grafschaft Hauenstein und zwar in ihren Erscheinungsbildern im 18. Jahrhundert aber auch ihre Herausbildung und die historischen Veränderungen. Gerade im Zusammenhang mit der historischen Perspektive erhalten die Vergleiche mit den Selbstverwaltungskörpern der alten Schweiz (S. 7) und mit anderen vorderösterreichischen Gebieten ein ganz besonderes Gewicht in Bezug auf die Zielrichtung dieser Arbeit. Martin Kistler will den Nachweis führen, dass die "Hauensteinischen Freiheiten einzigartig" im vorderösterreichischen Landesteil der Habsburger Monarchie waren.
Er wird seinen Forschungsgegenstand abrunden, wenn er eine "Einordnung beziehungsweise Abgrenzung" der Hauensteinischen Verfassung, orientiert an den von Peter Blickle geschaffenen Kategorien "Kommunalismus", Republikanismus" und "Agrarverfassungsverträge" vornimmt.
Außerdem wird er Tobias Kies Feststellung relativieren:
Die Einung als bäuerliche Selbstverwaltungskörperschaft entfaltete ihre größte Kraft nicht als ein "abstraktes Ideal", wie es Tobias Kies behauptete, sondern besaß auch in der Praxis höchste Relevanz" (S. 8)
Soweit die in der Einleitung geäußerten Zielsetzungen.

 

 

 

Zum Aufbau der Arbeit

Die Schrift Martin Kistlers ist in zwölf Kapitel mit jeweils detaillierten Unterkapiteln) gegliedert. Neben der Einleitung (A) und dem Schluss (L) sind das die Kapitel (Nur die Kapitelüberschriften)l

 

B

Die Einordnung der Grafschaft Hauenstein in die vorderösterreichische Geschichte

C

Chronologischer Abriss der Geschichte der Grafschaft Hauenstein

D

Die Einungsverfassung der Grafschaft Hauenstein

E

Der Zwing und Bann St. Blasien

F

Vergleich mit den Strukturen der Nachbargebiete
darin: Talvogtei Todtnau - Schönau und die Landschaften der Herrschaft Rheinfelden

G

Strukturvergleich mit den Schweizer Urkantonen
darin: Uri, Schwyz, Unterwalden und Vergleich mit der Einungsverfassung

H

Weitere Entwicklungen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz
darin: Toggenburg und Graubünden

I

Vorderösterreichisch-schwäbischer Raum
darin: Vorarlberg, Die Freien auf der Leutkircher Heide, Die Eglofser Freien, Tiegen im Allgäu

J

Walsersiedlungen

K

Agrarverfassungsverträge, Kommunalismus, Republikanismus

Im umfangreichen Anhang befinden sich Schaubilder, Dokumente und das Literaturverzeichnis

 

Einige Forschungsergebnisse in Kistlers Arbeit

Die Analyse der hier vorgelegten Texte erlaubt dem Rezensenten die Feststellung, dass Martin Kistler im Verlauf seines Arbeitsprozesses, einige sehr interessante Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengeführt hat. Hierbei ging es keineswegs um neue, bisher so nicht erkannte historische Phänomene. Die Leistung Kistlers sehe ich viel mehr darin, dass verstreut vorhandene Untersuchungen aus historischen, verfassungsrechtlichen, soziologischen und kommunalistischen Forschungen zusammengeführt werden. Auf diese Weise sind Prozesse und Ereignisse, die sich auf die Selbstverwaltung und die Eigenständigkeit bäuerlicher Siedlungsgruppen, verdichtet und gut belegt worden.

 

 

 

1.
Motive für die Herausbildung und den Funktionswandel genossenschaftlicher Zusammenschlüsse waren ähnlich

So lässt sich unter Berufung auf Kistlers Arbeit sagen, dass Motive bäuerlicher Gruppen und Auswirkungen von Prozessen in den Exosystemen für die Herausbildung des Einungsstrebens in allen referierten Landschaften und zu den verschiedenen Zeiten ähnlich waren. Das Gemeinte möchte ich so zusammenfassen:

Wo und wann immer eine Herrschaft bereit und in der Lage war, die elementaren Lebensinteressen der in ihrem Bereich lebenden bäuerlichen Familien zu ermöglichen, zu fördern und zu sichern, beschränkten sich die Funktionen gemeinsamen Wirkens (dieser Familie, Familiengruppen, Sippenverbände, Talschaften u. a. m.) auf die Organisation gemeinschaftlicher Belange, wie die Regelung interner Angelegenheiten (Konfliktregelung, Nutzung und Verwaltung von Allmende, Jagd, Fischerei und Wald) sowie die Mitwirkung am Schutz und der Verteidigung des jeweiligen Siedlungsraums vor Gefährdungen von Außen.
Für diesen, von einer Herrschaft mit ihren bewaffneten Kräften zugesagten, Schutz und Schirm, leisteten die Bauern ihre Abgaben.

Wo und wann immer eine Herrschaft nicht mehr dazu in der Lage war, diese Bedürfnisse sichern zu helfen und Bauern durch Fehden und andere kriegerische Auseinandersetzungen der Schutzherren untereinander zu leiden hatten, verlor die Herrschaft im Erleben der Betroffenen ihren Sinn und Zweck. Auf der Suche nach Herrschaften, die die Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit eher zu befriedigen in der Lage schienen, strebten die Einungsgenossen danach, diese Funktionen selbst zu übernehmen und sich aus der Herrschaft zu lösen. Ein durchaus üblicher Weg war die Manumission, sich aus den bestehenden Verpflichtungen gegenüber dem Lehnsherren durch eine einmal zu zahlende Summe loszukaufen. In der Regel geschah das bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein auf friedlichem Wege durch die Manumission - also den Loskauf.

Eine historische Situation, die Prozesse der Lösung aus unbefriedigendem Schutz und Schirm auslösten, war in der bäuerlichen Geschichte des Mittelalters zum Beispiel das Interregnum, also die Jahre die dem Erlöschen des Hauses Hohenstaufen folgten. Sie wurden als Verlust der zentralen Schutz- und Ordnungsmacht erfahren. In der Königsfelder Chronik zum Beispiel finden wir die Klage:

"Do nu das Kayser ampt also lang zit stund unbesetzt, do stund in tütschen landen, groß übel uff, kryeg und morderyge, dass niemand sicher war, kofmann noch bumann" (Bauer)
(zitiert nach E. Müller-Ettikon: Ritter Steinmar, Waldshut, o. J, S. 12).

Derartige Nöte wurden verstärkt dadurch, dass nicht selten Herrschaften versuchten, die Inhalte ihrer Herrschaft auszudehnen - und das ging immer auch auf Kosten der Beherrschten. Überall dort, wo das geschah, musste um alte "Freiheiten und Rechte" auch gekämpft werden oder mindestens alles getan werden, was geeignet schien, den Schutz des Gemeinwesens und der darin lebenden Menschen und ihrer Habe zu sichern. Dieser Prozess führte zu neuen Organisations- und Verwaltungsformen. Ein Beispiel aus Kistlers Arbeit (S. 73) vermag das Gemeinte zu illustrieren, wenn er über die Ursprünge des Talrechts der Täler Todtnau und Schönau schreibt:
"Die Jahre um 1300 waren von Unruhen gekennzeichnet, die Rechte der Bevölkerung durch den Adel missachtet. Die Täler Todtnau und Schönau, die dem Kloster St. Blasien gehören, waren von diesem an Diethelm von Staufen als Lehen übertragen worden, der sie mit unrechtmäßigen Abgaben und Forderungen bedrängte. Dies führte dazu, dass sich die Talleute an ihren Grund- und Leibherrn, den Abt von St. Blasien wandten und um Festlegung ihrer von den Vorfahren überkommenen Rechte und Pflichten baten. Der Abt kam dem nach und 36 Männer aus beiden Tälern, die unter Eid die Rechte offenbarten, die von ihren Vorfahren hergekommen waren, die dann in der gesiegelten Talurkunde festgehalten wurden"
(Vgl. dazu auch: Böhler, Eduard: Geschichte von Schönau im Schwarzwald. Freiburg o. J.,S. 52)

Diese von mir aus der Arbeit von Martin Kistler so herausgefilterten allgemeinen Motivationsprozesse, die die Herausbildung von Einungsverfassungen begünstigten und ihren Funktionswandel herausforderten, und die, wie Kistler es am Beispiel der Schweiz detailliert nachwies, unter bestimmten Bedingungen zu einer eigenen Staatsbildung führten, vollzogen sich, sobald die untersuchten Regionen genauer betrachtet werden, unter sehr differenzierten Bedingungen. An den von Kistler ausgewählten Regionen wird deutlich, wie unterschiedlich Herrschaftsverhältnisse und Verfassungen jeweils waren.

 

 

 

2.
Ursprünge von Freiheiten

Die Ursprünge von Freiheitsrechten - und damit ist verallgemeinernd einmal die direkte Zugehörigkeit/Unterstellung von Genossenschaften unter die landesherrliche Gewalt gemeint und zum anderen eine Reihe für die Freien in der jeweiligen Raumschaft geltenden an Hof bzw. Grundbesitz gebundenen Rechte - sind nicht überall gleich:

Die zum Beispiel in den Walsersiedlungen geltenden Freiheiten hatten ihren Ursprung in den spätrömischen und Langobardischen Grenzerkolonien. (170)

Die Freiheiten in den Schweizer Talschaften waren auf die Privilegien zurückzuführen, die ihnen die Landesherren für bestimmte Leistungen gewährten: Betreuung und Sicherung von Alpenübergängen, von Passstraßen zum Beispiel. Diese von den Landesherren angeworbenen Siedler wurden "Königsfreie" genannt.

Im Hauensteinischen und anderen schwer zugänglichen Waldgebieten waren von der Landesherrschaft bestimmte Privilegien für die Urbarmachung verliehen worden. Derartige Rodungssiedler waren die "Freien" auch bei uns im Hauensteinischen. Dazu bemerkt Kistler zusammenfassend:


"Ursprung der Selbstverwaltung (und der mit ihr verbundenen Rechte und Freiheiten J.R.) waren die Rechte der tiefensteinischen Freibauern, die nach dem Aussterben der Freiherren von Tiefenstein die Einung als Zusammenschluss zur Verteidigung dieser Rechte vor allem gegen das Kloster St. Blasien ins Leben riefen. Dabei haben auch die geographischen und klimatischen Voraussetzungen einen nicht unwesentlichen Anteil" (S. 24)

 

 

 

3.
Inhalte von Freiheiten

Martin Kistler erreicht eine ebenso kurze wie einprägsame Darstellung der bis zu den Übergängen in die modernen Staaten gültigen Gerichtsinstitutionen. Es werden die Zuständigkeiten der Nieder- und der Hochgerichtsbarkeit vorgetragen und deren Herausbildung. Hierbei ist es von besonderem Interesse, dass die Hauensteinischen Einungen an den Niedergerichten des Waldvogtes mitwirkten, jedoch selbst weder die Niedergerichtsbarkeit oder gar die Hochgerichtsbarkeit erlangten wie vergleichsweise die Talorte in der Schweiz

In der Grafschaft Hauenstein befanden die von den Einungsgenossen gewählten Mitglieder des Gerichts, die alle aus ihren eigenen Reihen kamen und von der Grundherrschaft (dem Haus Habsburg also) hierfür ermächtigt wurden, über Rechtsstreitigkeiten aber auch Frevel, die nicht der Hochgerichtsbarkeit unterlagen, selbst. Bis 1507 taten sie das sogar unter Ausschluss der landesherrlichen Obrigkeit. Ab dann durfte, veranlasst durch die Reformen Maximilians, der Waldvogt mitwirken.

Ein für die Hauensteiner bedeutsames Recht war das der Freizügigkeit. Die Hauensteiner durften in der ganzen Grafschaft sesshaft werden, unabhängig davon, in welchem Niedergerichtsbezirk sie wohnten. Die Niedergerichtsbezirke in den mittelalterlichen ländlichen Gebieten muss man sich als gleichsam unterste Verwaltungseinheit vorstellen. Da konnte ein Dorf ein eigener Niedergerichtsbezirk sein, es konnten in einem Dorf Einwohner verschiedenen Inhabern der Niedergerichtsbarkeit zugeordnet sein: kurz, es ist schon recht verwirrend, wenn man heute versuchen will herauszufinden, welche Personen zu welchem Niedergerichtsbezirk gehörten. In der Grafschaft hatten das Haus Habsburg mit seinen Freibauern neben St. Blasien und dem Stift Säckingen die niedere Gerichtsbarkeit und ab 1641 auch die aus der Schweiz kommenden Herren von Zweyer für das Dorf Unteralpfen. .
Da die Bindung des Gerichtsuntertanen an seinen Niedergerichtsherrn in unserem südwestdeutschen Raum im Allgemeinen recht fest war, und die Bauern ohne Erlaubnis ein Wechsel bzw. Wegzug von einem Niedergerichtsbezirk in den anderen nicht möglich war, wurde das Recht auf Freizügigkeit sehr geschätzt. Zu verdanken war dieses Recht der Stärke der Hochgerichtsbarkeit, die bis 17ausschließlich im Besitz des Landesherrn lag und dem Einfluss der Selbstverwaltung, also der Einungsverfassung.

Die Jagdgerechtigkeit und die Allmende waren weitere Inhalte der besonderen Rechte der Hauensteiner. Die seit 1326 von den Habsburgern ihren Hauensteinern gewährte Recht vor allem Niederwild jagen zu und in bestimmten Flüssen fischen zu dürfen, wird damit begründet, dass die Grafschaft eine eigene Miliz, den Landfahnen, unterhielt, und die Einungsgenossen sich daher im Gebrauch von Waffen zu üben hätten.
Die Berechtigung, dass jedermann sein Vieh auf die Allmende, das sind die der Allgemeinheit gehörenden Ländereien (Äcker und Wald) ohne Gebühren zahlen zu müssen, gehörte ebenfalls zu den Rechten der Einungsgenossen.

Die Stellung der Grafschaft innerhalb der Landstände des vorderösterreichischen Breisgaus war außergewöhnlich für die damalige Zeit. Keine andere Landschaft zwischen Vorarlberg und Elsass entsandte eigene Vertreter in die landständischen Versammlungen, in denen Gesetze beschlossen, Steuern festgelegt und Lasten verteilt, die Verwaltung geregelt oder Truppen bewilligt wurden. Hauenstein war durch "Vogt und eynung" vertreten, so wie zum Beispiel die Städte ebenfalls durch Vogt und Rat.
Dass es zwischen dem Fürsten und den Landständen des Breisgaus kaum nennenswerte Konflikte gab, führt Kistler darauf zurück, dass der Kaiser weit weg in Wien lebte und es den Habsburgern darauf ankommen musste, die entfernten Herrschaftsgebiete so an das eigene Haus zu binden, dass Lösungstendenzen vermieden werden konnten. Die Ergebenheit der Breisgauer Landstände war darum tatsächlich darauf zurückzuführen, dass diese ihre landständische Freiheit behaupten konnten.

Im Bewusstsein der Einungsgenossen, die ja die Einungsmeister wählten, die wiederum in der landständischen Versammlung vertreten waren, war das keine Kleinigkeit und förderte deren Anhänglichkeit an das Haus Habsburg.
In diesen und den anderen genannten Rechten beziehungsweise Freiheiten liegt der Grund, warum die Hauensteiner zu keiner Zeit ein Interesse daran hatten, sich den Eidgenossen anzuschließen. Sie besaßen bereits, um was es den Schweizer Orten ging: eigene Gerichte, eine angemessene Regierungsbeteiligung und - das war besonders wichtig für sie - eine eigene militärische Organisation. Gerade die Bedeutung des "Landfahnens" mit einer Mannschaftsstärke von 2000 (die Stadt Waldshut stellte davon 160) war sehr groß. Die Hauensteiner und die Schweizer wurden zum Beispiel im 15. Jahrhundert als durchaus ebenbürtig betrachtet. Zweifellos hatten die militärischen Leistungen nichts mit der Herausbildung der Einungsverfassung zu tun. Die erwuchs, wie Kistler nachwies, aus dem Zusammenschluss der Freibauern. Deren Kampfbereitschaft aber trug maßgeblich dazu bei, dass die bestehenden Rechte von Habsburg respektiert, immer wieder bestätigt wurden. Dass während und nach den Salpetererunruhen die Salpeterer in Wien und vor allem innerhalb der Militärischen Hierarchie auf Sympathie und sogar Unterstützung stießen - es sei hier nur an die "Landesdefensivkommission" vom März 1745 erinnert, - das wird auf die historischen Erfahrungen mit den kampfstarken und tapferen Hauensteinern zurückgeführt
(Kistler, S. 63; Wernet: Die Hauensteiner zwischen den Burgunderkriegen und den Salperereraufständen; Deimling, Lothar: Die Organisation der landständischen Verfassung des Breisgaus nach dem 30jährigen Krieg. Leipzig 1927, S. 47).

 

 

 

4.
Vergleich von Herrschaftsstrukturen

Seiner zentralen Problemstellung, dem Vergleich der Herrschaftsstrukturen der vorderösterreichischen Grafschaft Hauenstein mit den Schweizer Urkantonen, ihrer Entwicklungen bis in die nächsten Jahrhunderte und mit Herrschaftsstrukturen in anderen vorderösterreichischen Landesteilen, sind nahezu zwei Drittel der Arbeit gewidmet.

Im Rahmen dieser Einführung soll auf einige in diesen Vergleichen herausgearbeitete Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufmerksam gemacht werden.

1. Als "frei" galt im Hochmittelalter jeder Personenverband, der in unmittelbarer Beziehung zum König stand. Wir kennen die "Freien" Städte, und andere Personen und Einrichtungen die in diesem Verständnis "frei" waren und sich selbst auch so bezeichneten.

2. Diese Personenverbände, durch Besiedlung und geographische Eigentümlichkeiten in quellenmäßig nicht mehr erfassbarer Zeit zusammengekommen und/ oder später vom Landesherren geschaffen (wie z. B. Städte), gaben sich selbst Verfassungsstrukturen. Diese Strukturen waren ähnlich - nicht aber gleich.

3. In Hauenstein verbanden sich die Freien zu Einungen, in Uri zu "Genossame", in Schwyz nannten sie ihre Organe die "Viertel" und in Nidwalden die "Ürten" usw.. Stets waren die Verfassungsorgane die Versammlung aller freien Männer (die "Landsgemeinde"). Dort wurden ihre Sprecher gewählt, auch die Richter und die verschiedenen "Ämter" besetzt. Dort auch mussten die Amtsinhaber jeweils über ihre Amtszeit Rechenschaft ablegen.

4. Ähnlich war auch, dass die Wahlämter, vor allem die der Sprecher (Amann oder Redmann), von bestimmten Familien gehäuft besetzt wurden. Es gab in allen untersuchten Gebieten eine bäuerliche Oberschicht beziehungsweise eine bäuerliche Elite, die, nicht selten über Generationen hinweg, die Ämter besetzte (Vgl. dazu auch: Luebke, David Martin: His majesty´s rebels: communities, factions and rural revolt in the black forest 1725 - 1745. Ithaka 1997). Bezogen auf die alte Schweiz wurde sogar der Begriff von den "Aristodemokraten" geprägt (S.144). Auch im Hauensteinischen lässt sich nachweisen, dass der Wechsel zwar stets korrekt stattfand, doch bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein, immer Angehörige aus gleichen, meist sehr wohlhabenden Familien, als Einungsmeister gewählt wurden.
Das Wahlproceder in den Landsgemeinden, den Talvogteien und in der Grafschaft war ähnlich. Es wird von den bei Kistler genannten Historikern und Juristen von einem "direkt-demokratischem" Verfahren gesprochen (S. 92)
Auch die Wahl- und andere Versammlungstermine fanden zu ähnlichen Zeiten und an vergleichbaren Orten statt. Sie lagen stets unmittelbar vor Beginn der Feldarbeiten und/oder nach dem Abschluss der Erntezeit und in der Regel unter freiem Himmel.
Die ähnlichen Verhältnisse sind unabhängig voneinander entstanden. Kistler geht davon aus, dass ähnliche landschaftliche Bedingungen, zu ähnlichen Verfassungssituationen führten (S. 142, S. 171).

5. Weder in der Schweiz noch im Hauensteinischen waren mit der Schaffung von "Bünden", staatspolitische Ziele verbunden. Es ging in allen Gemeinschaften ursprünglich um die Regelung aller die Einungsgenossen betreffenden Angelegenheiten und um die Abwehr herrschaftlicher Neuerungen.

6. Das Recht und die Ahndung von Rechtsbrechern sowie alle zivilrechtlichen Rechtsvorgänge wie Verkäufe, Schenkungen oder andere Verträge war in allen Gruppierungen ein konstitutives Element ders Genossenschaftswesens.

7. Vor allem die Bestrebungen adeliger Herrschaften, die im Besitz von Grafschaftsrechten waren, ihre Zuständigkeiten, Rechte und damit Einkünfte auszudehnen (Entstehen und Ausweitung von Feudalherrschaft), mussten zurückgewiesen werden. Versuchten sich doch damit diese Lehensinhaber zwischen dem obersten Landesherrn (Königtum) und den Genossenschaften zu schieben und die Kompetenzen und Einnahmen ihres Landesherrn zu übernehmen. Für diese Bestrebungen war das Kloster St. Blasien eine besonders erfolgreiche Territorialmacht.

Insofern ging es in den Genossenschaften mehr und mehr auch darum, derartige herrschaftliche Neuerungen abzuwehren und die alten Rechte und Freiheiten zu bewahren, wie oben am Beispiel der Talvorgtei Schönau und Todtnau angedeutet. Die Auseinandersetzung zwischen feudaler Herrschaft und genossenschaftlicher Verfassung charakterisierte die beiden Pole der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte (S. 145).

In der Schweiz führten derartige Prozesse der Bewahrung und Abwehr dazu, dass die "Waldstätte" nach Bündnispartnern Ausschau hielten. Sie fanden sie in den - ebenfalls durch feudale Begehrlichkeiten gefährdeten - freien Reichsstädten wie Luzern, Zürich und Bern. Erst dieser Verbund zwischen den Städten und den Talschaften führte hin zu einer eigenen Staatlichkeit.

 

5.
Die Einordnung der Einungsverfassung der Grafschaft Hauenstein als Kommunalismus mit einem Schuss Republikanismus

So möchte ich die Ausführungen Kistlers zur Frage, welcher Verfassungscharakter der Einungsverfassung der Grafschaft Hauenstein zukommt, zusammenfassen. Martin Kistler referiert in seinem letzten Kapitel die Theorien Peter Bickles über die Verfassungen ländlicher Gemeinden und wendet sie auf die der Einungen an. Bickles Kriterien erlauben demnach, die Einungsverfassung sowohl dem "Kommunalismus" als auch den Vorformen republikanischer Verfassungen zuzuordnen.

"Mit Peter Bickle können die genossenschaftlichen Entwicklungen in den Einungen aufgrund der Konvergenz der Aufgaben mit den Landständen und der tatsächlichen Rolle der Einungsmeister in die Nähe eines frühmodernen Republikanismus gerückt werden" (S. 151)


Einige Ergebnisse

In Thesenform bündelt Martin Kistler am Ende die Ergebnisse seiner Arbeit, von denen einige hier wiedergegeben werden, soweit sie nicht bereits Erwähnung fanden:

"… Einungsmann und Redmann waren die dominanten Funktionsträger der Grafschaft. Sie verfügten über die volle Autonomie in Steuersachen, prägten durch ihre Beteiligung das Gerichtswesen…als Mitglieder der Landstände in Freiburg und als Vertrauenspersonen von Bevölkerung und Waldvogt, nahmen sie eine herausragende Stellung in der Verfassung der Grafschaft ein…

Aus der Summe der militärischen und wirtschaftlichen Leistungen und der Beteiligung von Redmann und Einungsmeistern an den Sitzungen der breisgauischen Landstände ergibt sich die besondere Bedeutung der Grafschaft Hauenstein in den österreichischen Vorlanden…

Die Strukturen der Urkantone und der Grafschaft Hauenstein weisen ursprünglich einen gleichen Aufbau auf. Dort die Landsgemeinde als Versammlung aller ehr- und wehrbaren Talbewohner und der Landammann als Exekutivorgan, hier die Einungsversammlung aller verheirateten Männer und die Einungsmeister…

"Im vorderösterreichisch- schwäbischen Raum sind es die Einungen der Grafschaft Hauenstein, die zusammen mit den Gerichtsgemeinden Voralbergs über die herausragenden Selbstverwaltungsrechte verfügen. Mit der freien Wahl der Einungsmeister, nimmt die Grafschaft eine Sonderstellung unter den Gebieten Vorderösterreichs ein…" (S.151)

 

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
21.12.2005

 

 

Welche Akzente Martin Kistler selbst setzt, wenn er die Erträge seiner Arbeit öffentlich vorstellt, das berichtet Paul Eisenbeis in einem Aufsatz unter der Überschrift:

"Demokratische Bewegungen im Vergleich

Ein Vergleich der Hauensteiner Einungen mit der ursprünglichen Schweizer Eidgenossenschaft stand beim jüngsten Treffen des Waldshuter Geschichtsvereins auf dem Programm. Dazu konnte der Dogerner Markus Kistler gewonnen werden. Der sah das Resümee seiner Doktorarbeit zu diesem Thema weniger als Historiker, denn als Jurist. Rund 60 Zuhörer verfolgten gespannt die interessante Gegenüberstellung dieser im Mittelalter unabhängig voneinander beginnenden demokratischen Bewegungen.

Die im 14. Jahrhundert fassbaren Hauensteiner Einungen waren im Grunde bäuerliche Selbstverwaltungsgenossenschaften. Anfangs fußten sie sicher auf Zusammenschlüssen der privilegierten Tiefensteiner Freibauern. Diese besorgten große Teile der inneren Verwaltung selbst und treten in den acht Einungen schon früh als Selbstschutzorganisation gegen äußere Feinde auf (Landfahnen). Redmann und Einungsmeister, alljährlich neu gewählt, galten als Vertrauenspersonen des Bergvolkes. Neben Geistlichkeit und Adel saßen die Einungsmeister als einzige Bauern mit den städtischen Delegierten bei den Tagungen der Landstände in Freiburg.

Die größte Freiheit besaßen die Hauensteiner auf dem Finanzsektor. Die auf ihr Gebiet anfallenden Steuern legten sie eigenständig auf die Bewohner um und zogen die Gelder auch selbst ein - noch nach 1806. Reichsunmittelbar und mit der Hohen Gerichtsbarkeit ausgestattet wurde die Grafschaft Hauenstein aber nie, was die Salpeterer immer wieder behaupteten. Doch erreichte man mit dem Loskauf aus der Leibeigenschaft am 15. Januar 1738 ein wichtiges Ziel. So wurde Hauenstein danach das erste Territorium in Deutschland, in dem es keine Leibeigenen mehr gab.

Uri, Schwyz und Unterwalden waren ursprünglich abgelegene Orte, Talvogteien, Waldstätte, aber keine Urkantone an sich; den Namen erhielten sie später. Schon früh kauften sie in ihrem Gebiet Feudalrechte auf und wurden reichsunmittelbar. Auch sie wählten bei den Landsgemeinden für ein Jahr ihren Landamann als Vorsitzenden und Räte für die vielfachen Verwaltungsaufgaben, auch der Rechtsprechung. Wie im Hauensteinischen stets am 23. April, dem St. Georgstag, fand die Landsgemeinde in den genannten drei Bezirken der Innerschweiz am ersten Maisonntag "auf freiem Feld und unter offenem Himmel" statt. Wichtig war für Schwyz, Uri und Unterwalden 1291 der Zusammenschluss als "Ewiges Bündnis" gegen Raub und Schädigung von außen und für Frieden in den drei Orten.

Für Hauenstein war neben dem Zusammenschluss mit den angrenzenden Tälern Todtnau und Schönau der Gedanke nach Frieden im Innern und Abwehr der Ansprüche St. Blasiens wichtiger als außenpolitische Interessen. Interessant auch, dass gerade diese demokratischen Einigungsbewegungen und Bündnisse in Bergregionen, Schluchten oder abgelegenen Talschaften hüben wie drüben ihren Anfang nahmen, also unter gleichen schwierigen geografischen Verhältnissen und zu gleichen Zeiten.

Bei seinem gelungenen "Versuch, geschichtlichen Ballast abzuwerfen und Hintergründe und Strukturen herauszustellen" - so der Referent - ergab sein rechtshistorischer Vergleich der drei alten eidgenössischen Orte und der Hauensteiner Einungen überraschend viele Parallelen, aber auch eigene Strukturen und Weiterentwicklungen. Für die Grafschaft Hauenstein bedeutete das Schicksalsjahr 1806 aber auch ihr politisches Ende."

dieser Zeitungsartikel aus dem Jahre 2006 ist der Homepage von Markus Jehle entnommen

 

 

Dr. Martin Kistler wurde in einer kurzen Feierstunde am 17. September 2014
als Landrat des Landkreises Waldshut vereidigt
und mit ihm seine Stellvertreter Frau Silvia Döbele Frau Ira Sattler und Herr Dr. Rainer Kaskel.

 

 Martin

 

Beschreibung: Kistler Kaskel

 

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